Campo de Criptana




14. Juli 2010

Homöopathie

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 07:51

“Jenes Credo „Der Glaube kann Berge versetzen“, mahnt den Ungläubigen, zu wissen sei Bronze, aber Glauben Silber, doch der Aberglauben Gold.”

Tanja Krienen 2007

„Je mehr gesellschaftliche Institutionen, menschliche Beziehungen, ja die Zivilisation an sich in Auflösung begriffen sind, umso mehr verdrängen Surrogate, Placebos und Phantasien reale Erscheinungen“, schrieb ich im März 2007 und deshalb erhält „Der SPIEGEL“ für seinen aktuellen Bericht zum Homöopathie ein Sternchen. Aus diesem aktuellen Anlass, stelle ich meine Bemerkungen Placebo oder Selbst Anna Blume kriegt keinen grünen Vogel nicht“ vom Juni 2007 ein.

Die Allianzen des Betruges sind erstaunlich. Sie reichen vom Gesundheitsminister („Der Chinese“, wie eine Bekannte immer sagt), dem wohl tatsächlich asiatische Mittelchen besser vertraut sind als echte Medizin (die ich im Wesentlichen auch nicht empfehle, sondern: gesund und frei leben), über die Propagandistin der Esoterikpartei „Die Grünen“ Künast (kurz vor der 20% Marke, was überrascht, denn 90% des Volkes sind schon total stupid, zur Erinnerung Von Göring lernen, heißt schießen lernen“ - Weiteres zur Frau Künast u.a. der Steuer“gerechtigkeit“ einer Gemeinschaft mit „zwei lesbischen Frauen, einem Mann und einem Kind“), über CSU-Vertreter - bis hin zu den kranken Kassen, die ihr „New Image“ mit der Möglichkeit von „Wahltarifen“ schmücken wollen.

Im Februar 2010 schrieb ich hier im Blog den politischen Aphorismus „Vorauseilendes Dementi: Philipp Rösler praktiziert keine asiatische Heil“medizin“! Deshalb wird er auch jetzt seinen Kampf gegen kostentreibende Placebos und homöopathische Indikationen vehement vorantreiben. Oder? Doch! Nicht.“ Und schon im September 2005 fragte ich, auflistend die unvollendete Liste der großen Betruge: „Gespenst Nr. 6: Die Person, die nachweislich durch Hahnemannsche „Medizin“, resp. der gesamten Homöopathie, geheilt wurde.“

In einem Brief, den ich 1998 (!) an Jutta von Ditfurth schrieb, heißt es: „Müßig darauf hinzuweisen, daß schon in Zeiten sich verändernder Mondphasen, erdverbundene Frauen auch mit der besten Bachblütentherapie nichts mehr reißen können; dann nämlich, werden auch die tibetanischen Gebetsmühlen schweigen und auch nach Hahnemann und seiner Schüttellei wird kein Huhn mehr krähen.

ESOTERIK UND HOMÖOPATHIE

An dieser Stelle fällt mir ein, wie notwendig eine Auseinandersetzung gerade mit dem homöopathischen Quatsch gewesen wäre, denn das ist der Punkt an dem sie sehr gut zu packen sind, da sich insbesondere die Hahnemannsche Schütteltechnik die Aufgabe gestellt hat, sämtliche Naturgesetze auf den Kopf zu stellen. Als Probanden nehme man einen der Gläubigen, schüttle ihn und stellt ihn nach erfolgreicher Therapie wieder auf die Füße, vielleicht hilfts.

In den gesamten Kontext gehört notwendigerweise auch die stärkere inhaltliche Auseinandersetzung mit der Steinerschen Waldorfpädagogik. Ein nicht geringer Teil der Jugend wächst im dumpfen Geiste dieser extrem lebensfeindlichen Auffassungen heran, und werden, wenn zum Boden sich das Blut gesellt, wie (um 1930) im Weinert-Lied „Gesang der Latscher“ singen, ,,Pfui, Klassenkampf wie ordinär, wir kennen nicht Tarife, der Reichtum kommt von innen her, aus unsrer Seelentiefe… was kümmern uns die Andern, juchuh juchuh wir müssen wandern.“

Im Februar 2009 zog ich im Artikel „Irrationalität und Freiheit“ das Fazit: „Dass sich eine kämpferischere Aufklärung ohne Decadence in den letzten Jahren nicht durchsetzte, hat zur Folge, nun zwischen Pest und Cholera wählen zu können.“ Und: „In Wirklichkeit aber korrespondieren die religiösen Erneuerer direkt mit den Anhängern jener gutmenschlichen evangelischen Mischpoke und ihren Brüdern, den Esoterikern. Wenn z.B. Harry Potter als gemeinsame Basis angenommen wird, zeigt dies, welche Grundlagen wirken. Außen steht der Nichtverzückte. Eine Divergenz gibt es nur dort, wo ökonomische Interessen ins Spiel kommen. So ist die „Klimakatastrophe“ in geradezu vorbildhafter Weise ein Exempel für die herrschende Irrationalität und ein kaum verschleierter Religionsersatz.“ In der Tat: Nie war mehr evangelische Weichspülung und selbst auf der Rechten, z.B. in der „Jungen Freiheit“, werden Neoreligionen oder esoterische Einfalt gepredigt. Dies alles korrespondiert mit der herrschenden Meinung und also gibt es für den einzelnen Denker keinerlei Hoffnung.

Deshalb – wiederaufgelegt:

Wir haben ja hier auf dem CAMPO schon zwei Mal Mittelchen angeboten, die besser wirken als alle bekannten, zum einen Dr. Deislers Katzenkacke und zum anderen das beliebte bayrische Allheilmittel SÖDEX. Gehen wir noch einmal vom Allgemeinen ins Besondere.

Placebo oder Selbst Anna Blume kriegt keinen grünen Vogel nicht

Karl Kraus sprach von dem Beginn der Abklärung, als die Nazis die Macht ergriffen, ein Begriff, der nicht ganz treffend den Gegensatz zur Aufklärung beschreibt, der mit „Entklärung“ bzw. „Verschleierung“ wohl besser umschrieben wäre. Dass für postmoderne Empfinder Dialektik etwas aus der vorfaschistischen Stube der Grübler ist, macht die aktuelle Situation nicht leichter.

„Hauptsache, es hilft“ und „Man muss nur fest dran glauben“ lauten die beiden Sätze, an denen die Vernunft verstummt und stumm versumpft. Jenes Credo „Der Glaube kann Berge versetzen“, mahnt den Ungläubigen, zu wissen sei Bronze, aber Glauben Silber, doch der Aberglauben Gold, und dieser könne, allzumal, oder grad weil er „transzendent“ sei, alles, nur sich nicht nach den Spielregeln „unseres begrenzten irdischen Wissens“ - von dem ausgerechnet jene gar nicht vermuten dass es das überhaupt gibt – messen lassen.

Da die Krankenkassen ihren Anspruch an nachweislich funktionierenden Heilmethoden mindern, da es also überall piekst, strahlt und Zustände des reinen Nichts gebiert, wächst gleichermaßen das Risiko für den uneinbildeten Kranken, mit jenem Abergläubischen verwechselt und ein todbringendes Placebo verabreicht zu bekommen, welches versagt, weil Sprache längst von Bildern, Diagnostik von subjektiven Befindlichkeitsbeschreibungen und deren sublimierten Surrogaten, abgelöst wurden. Ganzheitlich heißt es, wenn das Bauchgefühl ausdrückt, was im Köpferl ungut rumort.

Division von Frauen glauben an die „Kraft der heilenden Steine“. Amethyste, Smaragde und Achate versprechen gute Schwingungen. Schlagen sie sich auch noch so viel Torten und Liköre in den Leib, Edelsteine schützen sie gegen jegliche Beschwerden. Es gibt sogar einen für Schwangerschaft. Ob er davor schützen oder dazu verhelfen soll, ist nicht sorecht klar, woran aber jene Dame leidet, die mit zittrigen Fingern zum funkelnden Objekt dessen Wirkung mit „Trunksucht“ beschrieben wird leidet, ist schon klar, aber ob es verstärkt oder schwächt, und vor allem wie, bleibt so offen, wie die Flaschen der Frau auch zukünftig nicht geschlossen bleiben – jedenfalls nicht durch die Hilfe der edle Steine.

Schamanenriten, Hopi-Indianer-Zeichen, Dalei-Lama-Esoterik – Signale und Beschwörungsformeln dominieren. Trommeln vertreiben böse Geister, sind das Pfeifen im Walde vor der Gefahr lauernder Fakten. Die Fakten sind böse, sie dringen ein, stellen ein Bein, sind geschwind, wie der Wind, matern das Hirn und lassen erschaudern. Wer will das schon? Ein Zeichen hier, ein Ritualchen dort – Placebos gegen die Lümmelei, der Weltgetümmelei.

Erkenntnisprozesse sind verpönt, es wird dialogisiert. Das muss reichen. Man fasst sich an strohalmerheischende Hand, so kann man besser stehn, wenngleich nicht gehn. Seelen schwingen im selben Takt, der Geist bleibt nackt. Das Antlitz leuchtet, die Ohren glühn, die Hirnhälften quietschen und eiern. „Wir wollen wir die Kinder sein“ – man sieht es den Manifesten an. Der Philosoph steht vor der Tür und denkt, sie ist verschlossen. Den praktischen Versuch unternimmt er nicht. So bleibt die Klinke, der geöffneten, ungedrückt.

Maximal zählt der Versuch, meist nicht einmal der. Die Haltung ist es. Die Absicht. Besser: Die Absichtserklärung. Nachdem wir nichts mehr sollen, wollen wir nicht mehr. Bekommen auch nichts. Selbst Anna Blume kriegt keinen grünen Vogel nicht.

Schallplatten lösen sich auf. Klangstrukturen, drahtlos gespeicherte Monster. Rhythmusersatz für Reaktive. Die Aktiven werden beruhigt. Man spricht jetzt mit Händen in den Taschen.

Gott lebt. Auch Jesus. Selbst der Neandertaler wandert. Erst gestern sah ich einen in der Buslinie 555, zwischen Frankenstein und Rotenburg.

„Lebe deinen Traum“. Nie war man ehrlicher. Die Vision ist das Leben, das Leben selbst abgeschafft. Real wird surreal – und umgekehrt. Man lässt um so mehr kochen, je weniger man zurück kocht.

Wir haben erkannt, dass das X, welches man uns vormachte, wirklich ein U ist. Nun sind wir ratlos. Tatlos.

Ich will mein Placebo.

 

4 Kommentare »

  1. Die Homöopathie hat zwar, da sie keine Wirkung hat, auch keine Nebenwirkungen. Aber die Gefahr ist, dass ernsthafte Krankheiten nicht effektiv behandelt werden, wenn Patienten einen Homöopathen aufsuchen - - - …Mit Fortschritt meine ich das, was sich in den Köpfen der Menschen befindet, nicht die medizinischen Forschungsergebnisse. Es geht um die Indoktrinierung der Bevölkerung. Wenn wir glauben, dass das Schütteln von Hochpotenzen uns heilt, wenn wir an die mystischen Kräfte und diesen ganzen Käse glauben, wenn die Menschen beginnen, wissenschaftliches Denken abzulehnen und der medizinische Aberglaube zurückkehrt, dann kappen wir unsere besten Traditionen, dann sind wir auf dem Weg zurück ins Mittelalter.

    Kommentar von Campo-News — 14. Juli 2010 @ 09:23

  2. “…der Hauptzweck der homöopathischen Zeitschriften sei eben nicht die Wissenschaft - sondern die “Propaganda für die Homöopathie”.

    Kommentar von Campo-News — 14. Juli 2010 @ 18:15

  3. Doch, dass der SPIEGEL den Tod von Frau Heisig mit keinem Sterbenswort erwähnt, wäre ein Grund in nie mehr zu kaufen.

    Kommentar von Campo-News — 15. Juli 2010 @ 19:40

  4. Mit diesem Artikel kratzt der Spiegel daran, dass ich nicht mehr kaufe, nachdem er schon kein Wort über Frau Heisig schrieb. Vor einem halben Jahr bestllte ich ihn ab, kaufte danach noch zwei Exemplare, aber es ist jetzt wohl endgültig vorbei.

    Variieren wir meinen Aphorismus:

    Er starb, nachdem er nach den Prügelattaken einen Herzinfarkt erlitt. Als das im Prozess aktenkundig wurde, notierte der Richter erfreut, dass keine Heimtücke vorlag.

    Kommentar von Campo-News — 17. Juli 2010 @ 12:49

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