Karl Saddam Marx
Als der SPIEGEL wieder mal in seinen Grenzen blieb.
Von Tanja Krienen
Wie es früher war und warum wir jetzt mehr Marx brauchen
Einst die große, die wüste Not
Statt ein Häuschen, mit Wüstenrot
Einst in Kohlengruben schwitzen
Statt ganz cool im Polo flitzen
Einst so hungrig wie ein Orca
Statt Urlaubspaß auf Mallorca
Einst viel Achs und noch mehr Wehs
Statt Videos und CDs
Einst Drangsal und Not und Leid
Statt ein superschickes Kleid
Einst sehr frühes still Verenden,
Statt mit voll fettigen Händen
Viel Talk - und Gerichtsshows zappen
Mit sehr ähnlich dummen Deppen
Einst, das war schon lang nicht mehr
Doch das schafft der Marx jetzt her.
Nein, wie witzig, und doch: Auf dieser Ebene bewegt sich die links-dogmatische positive Karikatur, die sich selbst in der Anschauung befrieden will, oder, wenn sie ihren Gegner beschreibt, diesen nur mit Zylinder, US-Flagge und Goldzahn darstellen kann. Da lacht der Linke: nein, er schmunzelt. Er schmunzelt über die Vorlage für das Milieu, für sein Milieu, die ihm zeigt, wie gut er doch ist und: wie nahe der Sieg liegt. Jedenfalls darf er, der humorlose Linke, sich kurzzeitig überlegen fühlen. Zwar streckt sich ihm keine Marxsche Arbeiterfaust entgegen, noch weht die Rote Fahne, die blutrote, im Hintergrund, aber das Siegeszeichen – meist Ausdruck primitiver und plakativer, fast möchte man meinen: unsportlicher Geste – es suggeriert eine Überlegenheit, die dem Linksdogautomaten ein „Haha“ entlocken kann. Den betulichen Witz kennt er zur Genüge, nicht nur, weil, wie manch neokonservative Bösewichter behaupten, er selbst ein bescheidener Witz ist. Gelacht wird wie einst im Oktoberclub „Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf“. „Haha“, sagten sich die Genossen, wie recht der Erich doch hat, und waren schon wenige Monde später: platt.
Der SPIEGEL hat dem alten toten Marx, von dem die Masse der sich an ihm abarbeitenden Lohnschreiber so viel versteht, wie das Bändchen um das dargestellte Okular dünn ist, jene Melancholie ins Gesicht getrieben, die sie uns auch schon seit der Gefangennahme des alten, bemitleidenswerten Saddam dauerhaft auf ihrer Online-Site präsentiert: die Güte an sich, gemaßregelt jedoch von dem Wicht, dem man ein „Böse“ voranstellen muss, und der selbstverständlich „Bush“ heißt. Doch der Gebeutelte trägt weiter seine Zierde, er, der arme Schmerzensmann, der Gedemütigte, der großartig vagabundierende Kämpfer, die Lichtgestalt noch in der Niederlage, ja das Sinnbild der Demut an sich, er zeigt dem Besucher der Homepage wieder und wieder, welch schändliche Tat man an ihm vollbrachte.
Nun wäre es denkbar, der SPIEGEL hätte in all seiner Phantasie, in all seinem Mitleid für die geschändete, unschuldige Kreatur, deren Vertreter doch momentan so basisdemokratisch ihr Recht auf Bomben wahrnehmen, gleich die fleischgewordene Unschuld auf das Titelblatt gebracht und wenn dort der Satz „Die neue Macht der Linken“ noch immer steht, dann passt das schon deshalb, weil zwischen der neuen Linken und dem antiimperialistischen Konzept kein Buchdeckel passt.
Marx wird im SPIEGEL als „Stehaufmännchen“ charakterisiert und tatsächlich scheut man sich nicht, hochgradig seriöse Quellen wie restaurative neomarxistische Attac Wurzelseppbrüder, oder gar Erich Honecker zu zitieren, der noch 1987 im Trierer Karl Marx-Haus von den „weltverändernden Ideen und historischen Leistungen dieses großen Denkers“ nuschelte. Eine der nebenher geäußerten Wahrheiten ist der vorstellbare Spaß, ein Zeitgenosse habe gesagt, wenn Marx im Ton seiner schnarrenden Stimme das Wort „Arbeiter“ heraus gebracht habe, hätte sich dies wie „Achtblättler“ angehört – deutliche idiomische Parallelen zu dem - im nicht sehr weit entfernt geborenen Wiebelskirchen - Honecker.
KEINE FOTOMONTAGE AUS DEM JAHRE 1987, Honecker (alte SED) und La Fontaine (neue SED)
Marx habe, so der SPIEGEL, „das System der PLUSMACHEREI seziert“, ja, der GEWINN ist der leibhaftige Teufel, weil doch nur VERLUSTE und SCHULDEN das süße linke Leben so aperitif machen. Die Plusmacherei! Welch ein gigantisch wirkender Begriff, der aber anderseits doch die Qualität der Analyse trifft. Wer hat schon Marxens KAPITAL gelesen? Die frustrierte Wählermasse nicht, und selbst die fanatisierten Mitläufer haben meist nach wenigen „uncoolen“ Seiten aufgegeben. Nicht zu Unrecht, denn der politische Stoff des gelernten Philosophen, der zum Ökonomisten herabsank, war allzu töricht, banal, geradezu infantil, nämlich ohne Psychologie, ohne wirkliche, nicht kitschige Soziologie und natürlich ohne menschliche Schwächen, denn: Der Schwächere hat immer Recht. Seine Kernthese ist die Mehrwertheorie, mit Betonung auf THEORIE. Hier wird versimpelt bis zur Groteske. Auf diesen Sätzen baut die Lehre auf, wird huldvoll von der Größe seiner Gedanken geredet, wird ein Mythos aus Schaum auf Sand gebaut zurechtgeklopft, auf dass jeder, der sich dem Bauwerk nähert, es leichterdings umhauchen kann. Bitte: dringen wir in die Banalität ein, lesen wir mit, um die unglaubliche „Theorie“, die und zu viele neue Kenntnisse bringt und auf die Millionen treuer Bürger warten. So überrascht uns Marx im KAPITAL mit der blitzgescheiten Erkenntnis:
Und wie überaus klug sieht das, gegen die von TK einmal geäußerte phänomenale Kapitalformel Boden-Arbeit-Produkt-Verkauf-Kauf aus?
So geht das weiter bei Marx.
Prima, das schwere Leben des Herrn Murx der stets von seinem Wuppertaler Finanzier und größerem Denker Friedrich Engels abhängig war, will uns hier seinen ökonomistischen Naturalismus aufzwingen. Er sagt salopp - wir kaufen uns Bier, Wurst, Schnaps, Käse und edlen Parma-Schinken für unseren Lohn („Oder eine Luxus-Finca zum Abhängen, hehe“, ruft Genosse La Fontaine dazwischen), bleibt uns auch schuldig, warum sich der Wert in Arbeitszeit verwandeln soll, und so erklärt er ein halbes Buch hindurch banalste Weisheiten, stellt unbewiesene Thesen auf, spekuliert hier, mutmaßt dort, sagt aber nichts – und in anderen Schriften gesteht er das auch ein – als jenes, was jedes Kind lernt und dann weiß, wenn es gegessen hat und anschließend aufs Töpfchen musste. Doch dass es das muss, überhaupt, dass es lebt und frisst, ist eines der bösen und schlimmsten Fallen, die der schachernde Kapitalist ausnutzt. Ja, der produziert und versucht ein kleines „Plus zu machen“, um wieder etwas zu kaufen. Dabei stellt er hinterlistiger Weise Menschen an, die von ihm auch nur entlohnt werden, um als ewig sich selbst reproduzierende Fressmaschinen mehr zu vegetieren, statt zu leben.
Ein Gewinn, ein Überschuss für den „Achtblättler“ ist nicht vorgesehen, siehe das Anfangsgedichtlein. Was die neuen SED-Protagonisten unter dem Deckmantel des “wahren Marxismus” und “demokratischen Sozialismus” wirklich wollen das wäre leicht heraus zu finden, doch gerade dies will man beim SPIEGEL nicht wissen, könnte doch allzu viel Gescheites arrogant auf den bemühten Teil der Leserschaft wirken, nicht wahr? Aber wie gesagt: So brabbelt er hunderte Seiten vor sich hin, und dann: kommt ES! Hier der Kern der Aussagen, die 100 Millionen Menschen mit dem Leben bezahlen mussten und Milliarden mit einem unfreien Leben. Wir kennen diese Typen aus Monty Pythons „Life of Brian“, sie nuscheln Unverständliches, Unlogisches vor sich her oder schreien wie am Spieß ihre wahnsinnigen Innenwelten nach draußen. Bitte sehr, die Pseudowissenschaft, der in Nonsensformeln gebrachte, tödliche Irrsinn:
Immerhin, der SPIEGEL zitiert auch den frühen Marx, der im Alter von kaum 30, im „Manifest“ zunächst wahre Lobeshymnen auf den Kapitalismus singt, und das Magazin zitiert nicht nur exact die Stellen, die ich in meinem Artikel Über das Verschwinden des Bürgerlichen Bewusstseins anführte, sondern es bemerkt dazu, das „Kommunistische Manifest“ lese sich „als hätte Marx schon Hollywood, Jeans und Michael Jackson gekannt“, was nicht viel bedeutet, denn Schauspieler-Egozentriker und Bühnen-Prozenten, Manchester-Bekleidung und Extravagantes gab es schon lange, doch was sie meinen ist: Er hat – nicht mal als erster, aber immerhin – gut beschrieben, was wir der kapitalistischen Produktion verdanken und wie sich dieser entwickelt. Doch dabei entwarf Marx dann letztlich unbrauchbare Visionen. Kein konkretes Wort (doch immerhin Andeutungen was den Kern der Diktatur ausmacht) fiel über die Wendepunkte, in denen das Grauen der kommunistischen Ideologie einen stringenten Einschlag bekam. Hier wären vor allem die Ereignisse der „Pariser Commune“ (1871) zu nennen, nach denen Marx radikalisierte, was dann in seine Kritik am angeblich reformistischen Gothaer Programm der SPD (1875) einfloss. Seit der Niederschlagung der Pariser Commune, ist die radikale, extremistische Option des Kommunismus „in der Welt“ – mitsamt seiner Vorbeugemaßnahmen gegen alles, was der „gerechten Sache“ entgegenstehen könnte.
Vollends aus den Fugen geriet der SPIEGEL bei seiner Hurraisierung des ollen Oscars, nein, nicht DER ist gemeint, sondern Negt. Der darf sagen, das Kapital sei „in alle Poren der Gesellschaft“ eingedrungen, was immerhin bedeutet, dass er weiß, wie wenig man nur mit Luft und Liebe, wie im heiligen Jahr 68´, für das er als „wichtigen Vordenker“ vom SPIEGEL ausgemacht wurde (und bitte: wer sind die Denker von 68 und vor allem: Die Nachdenker?) leben kann. Negt macht einen „Privatisierungswahn“ aus, meint aber nicht die Besitzer der öffentlichen Hand, die Staatseinnahmen für „Gedöns“ (Schröder) verschleudern, als hätten sie es ausnahmsweise einmal selbst verdient, sondern jene, die bereit sind „Plus machend“ und mit eigenem Risiko selbst zu wirtschaften. Und dann sagt der Negt etwas, über das die Schreiberin dieser Zeilen so laut lachen muss, dass der Mondmann erschreckt sein Bündel Ruten fallen ließ, als er es heute Mittag hörte: „…dass diese Linke bla bla…ODER DIE SEITEN WECHSELTE UND IHRE SPRACHE MITNAHM UND DEN KONSERVATIVEN ÜBERLIESS.“ Danke Oscar Negt und: „Wenn Sie mal wieder wolln: bitte sehr.“ (Aus Brechts „Dreigroschenoper“).
Jaaaaa, in der Tat, das Denken in den Kategorien von These, Antithese und Synthese, wissen wir alten Verräter doch sehr zu schätzen, gerade das ist es, was uns so unangenehm gefährlich macht, weil wir auf dieser Wiese einen gepflegteren Ball spielen, als die marxistisch ungebildeten, oder gar als die Neolinken, die gefühlsmäßig nur wissen, dass links da ist, wo die Versprechung als Realität erscheint, obwohl sie ahnen, dass dort längst Brechts SA – Mann neben „dem dicken Bauch“ unter anderen Vorzeichen mitmarschiert, ja, sie selbst der manipulierte Hungrige sein könnten.
Jedoch: Der dialektische und historische Materialismus ist so richtig, wie es sein kann, dass die Landtiere wieder ins Meer kriechen. Die Gesellschaft, die Welt, dringt eben nicht durch ihre „inneren Widersprüche“ zum Kommunismus, wie die Entwicklung der Lebewesen zum Höheren, sondern: Die Gesellschaften entwickeln sich unvorhersehbar und nach keinem ihnen zwangsläufig innewohnenden, gar für alle Zeiten vorhersagbarem Plan. Der „Post Materialismus“ weiß seit der Zeit Dadas – nicht zufällig in der Zeit des großen Erschreckens und der Bewahrheitung Nietzsches Auffassungen – dass Widersprüche auch nebeneinander und gleichzeitig existieren können, und Politik keine Mathematik, keine unabweislich vorausschaubare Methodik ist. Zurückblickend ist der Blickwinkel des „Historischen und dialektischen Materialismus“ noch immer richtig! Es gibt keine Erklärung des Weltenlaufes, die besser – unter Einschluss der Lehren Darwins und Freuds – beschrieb, warum, wozu und wie alles kam. Immerhin, das bliebe, aber alles was heute gehandelt wird, stinkt wie ein gebresstes Weib unter den Fußsohlen.
Wie immer noch etwas Privates: Solche Bilder wie die aus dem SPIEGEL vom Highgate Friedhof (wo auch die Sex Pistols ein paar Szenen für ihren „Swindle-Film“ drehten) habe ich auch. Aber auch eines, das nur wenige Meter vom Marx – Grab aufgenommen wurde, und ein inszeniertes TK-Bild zeigt, welches in einem Zweitabzug eine auf die Abbildung des Steines geschriebene Inschrift trug: „T. Krienen, Erfinder(in) des allumfassenden, weltumspannenden Krienismus“. Das Bild entstand am Neujahrstag 1982.
Aus dem “Schwarzbuch des Kommunismus”, Piper-Verlag
Und ein schöner, den üblichen Sozialkitsch entlarvender Artikel, über die wirklich Schuldigen an der Kinderarmut:
Düsseldorf (ots) - Leitartikel von Anke Kronemeyer
Die Bemühungen der Wohlfahrtsverbände und anderer
Familienhilfe-Institutionen in allen Ehren: Aber ein wirklich
nützliches und viel versprechendes Instrument, um Kinderarmut
auszumerzen, gibt es mit unseren rechtsstaatlichen Mitteln nicht.
Niemand kann Eltern zwingen, sich um ihre Kinder zu kümmern. Sie
haben das verbriefte Recht, ziemlich viel mit ihren Söhnen und
Töchtern anzustellen bis sie irgendwann auffällig werden, weil die
Kinder zum Beispiel verwahrlosen. Eltern dürfen ihre Kinder ohne
Frühstück und Pausenbrot in die Schule lassen. Sie dürfen sagen, dass
sie das Mittagessen in der Offenen Ganztagsschule nicht bezahlen
können. Sie dürfen sie mit ein paar Euro in ein Fastfood-Restaurant
schicken und sie ebenfalls den ganzen Nachmittag alleine vor dem
Fernseher lassen. Sie dürfen ihnen verbieten, an der Klassenfahrt
teilzunehmen, weil eben genau diese zwölf Euro fehlen. Eigentlich
müssten Sozial- oder Jugendämter die Handhabe besitzen,
Problem-Eltern an die Hand zu nehmen und ihnen aktive Lebens-Hilfe in
Sachen Finanzen oder Erziehung zu geben. Nur: Die Eltern kommen nicht
freiwillig zu den Ämtern und können nicht gezwungen werden, diese
Hilfe anzunehmen. Ihre Würde ist eben unantastbar.
Rheinische Post
Kommentar von Campo-News — 27. August 2005 @ 17:00