Campo de Criptana




25. November 2009

„Mensch, wir fahren bloß im Kreise“

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 09:27


Mensch, so ist das janze Leben,
Alle woll’n nach vorne streben
He! He! He! He! He!
Erst am Schluß, da dämmert’s leise:
Mensch, wir fahren bloß im Kreise.
He! He! He! He! He!
Und der Erste, denkste, wirste,
Und du strampelst ohne Pause,
Und dann siehste: Letzter biste.
Und dann wankste bleich nach Hause
Ganz wie beim Sechstsagerennen:
Alle, die dabei sind, können nicht ins Bett.

 

Sechstagerennen, Ernst Busch 1932, Text: Carl Behr

 

Ja, in der Bildung steh’n wir vor niemand and’rem zurück.

Und die Bildung kann man gar nicht übertreiben
Doch das Fernsehn hilft uns sehr, Film und Funk sogar noch mehr
Gute Bücher haben wir - nur das Lesen und das Schreiben
Fällt uns noch manchmal recht schwer

Das gibt es nur bei uns in Gelsenkirchen
Wer es nicht kennt, der seh’ es sich an, solang bis er’s glaubt

Gelsenkirchen, Georg Kreisler, 1958 (!)

 

Tom Edison ist tot, selbst sein Geist spukt nur noch selten. Paul Liessmann (Punkt 3 im Beitrag) hat schon darauf hingewiesen: Der Schawahnismus hat mit Bildung nichts zu tun, doch es ist schlimmer, denn der Schimmer, von den die Aus und Zu-Bildenden keine Ahnung haben, wird von Jahr zu Jahr blasser. Die Endlosschleife dreht dazu im Hamsterrad immer schnellere Runden.

 

Gelernt wird viel: Abwendung der Klimakatastrophe in Köln-Nippes, Gender differenzierte Fallzahlen zum Antilopenverzehr im tiefen Afrika, Chinesisch für Fortgeschrittene, Traditionen des Wahabismus am Beispiel des Migrationsmilieu in Duisburg-Marxloh oder Negierung fiskalischer Dissonanzen bei der Fortschreibung demographischer Faktoren in Süd-Brandenburg. Alles eminent wichtig.

 

Hörsaalwissen tönt von Ferne. Der Professor weiß nicht ein, doch noch weniger aus. Man sieht ihm an, was er nicht kann. Die Mathematik, ist sein Tick - und nachts singt er im Traum sein Lieblingslied „It´s so simpel, so very simpel, that only a child can do it“. Der Schawahnismus schmunzelt still und lacht, das hätte er nicht gedacht. Die wirklichen Studenten schweigen.

 

Jene, schon vor über 40 Jahren ausgerufene „wissenschaftlich-technische Revolution“ frisst ihre Kinder. Viele sind es nicht mehr, aber wenn sie das haben, was sie unter Glück verstehen, erleben sie noch die erste Hybrid-Generation: Mensch und Maschine, eingebaute Chips, fest installierte Platte, permanente Funkverbindung zum Server, austauschbar, überwacht. Im Alter von drei Monaten beginnt die Krippenzeit, gearbeitet wird bis 110. Gestorben im Schnitt mit 115 (Anteil des elektronischen Schrotts an den sterblichen Überresten 15 bis 25%, je nach gesellschaftlichem Leistungsgrad).

 

Jetzt müssen alle lernen und zwar gleich viel, damit keiner durch den Rost fällt. Das sichert uns Arbeit. Zwar nicht unbedingt. Ein Leben lang ohne Unterlass. Aber wir sind auf gleicher Höhe mit den anderen im runden Rad. Das, so sagt das Schawahn, sei zwar nicht die Weltenerklärung Nietzsches „Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge…“ müsse sich aber ungefähr so anfühlen.

 

Was passiert, wenn alle auf dem Level 110 liegen, sagt niemand, da keiner weiß, ob, wenn alle 110 erreichen, nicht schon 120 oder 150 nötig sind, um gut essen und zumindest ab und zu auch schlafen zu können. Man bemüht sich nicht um Arbeit für die zu schaffen, die nur ein Level von 90 bis 99 erreichen. Wer sagt schon: >Mir reichen die 90, ihr unseligen Ökonomisten und Wachstumszwerge!<?. Dabei würde es manch Mühe sparen, allzumal, da die 10% mehr, von Rechts wegen 50% mehr Investition bedeuten. Doch um die nicht in Gänze zu vergrätzen, wird das Koordinatenkreuz mittels neuer Mathematik verändert. Das schafft zwar keine höhere Qualität, aber quantitatives Wohlbefinden. Erst später werden diegleichen, ja manchmal dieselben, die nach „Mehr“ schrieen, sich beschweren, sie seien „überqualifiziert“.

 

Was ist eigentlich „Bildung“? Das Eingetrichterte oder das gedanklich Vernetzte? Zählt die “Wissen-wo-es-steht-Technik“ (sie setzt das Wissen um Etwas und das Fragen wonach voraus) oder nur das „Elefantengedächtnis“ (das aber meist nur auf wenige Gebiete beschränkt und zudem meist nicht schöpferisch agiert)? Weißt der mehr, der es kurzzeitig abzurufen versteht, oder jener, der vom Erlernten auch Jahre später noch Entscheidendes wiederzugeben weiß? Liegt der Nutzen schlauer Theoretiker höher als der weniger wissenden, aber gezielter handelnden Praktiker? Ist der umfassend mittelmäßig gebildete schlechter als der hochbegabte Fachidiot, der talentierte Autist unter den Semi-Versehrten?

 

Wir wissen es nicht, ahnen nur, dass Leben etwas anderes ist, aber dazu weniger benötigt wird, als der Schawahnismus glaubt.

 

*sing*

 

Der Herr erleuchte unsre Kinder
Dass sie den Weg erkennen der zum Wohlstand führt
Dass sie nicht sündigen gegen die Gesetze
Die da reich und glücklich machen

 

Die sieben Todsünden, Bertolt Brecht

 

4 Kommentare »

  1. The guy that taught us math
    Who never took a bath

    Tom Lehrer

    Kommentar von Campo-News — 1. Dezember 2009 @ 09:07

  2. Vor einigen Jahren recherchierte ich eine Geschichte über Jobs, in denen man mehr als eine Million Euro im Jahr verdient. Nicht als Profifußballer oder als Robbie Williams, sondern mit theoretisch für jeden erreichbaren Bürojobs. Alle, mit denen ich sprach, hatten zwei verblüffende Dinge gemeinsam: Sie hatten keinen Plan, dem sie folgten, um dereinst Einkommensmillionäre zu werden. Im Gegenteil: Der sicherste Weg, keine Million zu verdienen, so zeigte sich, ist der, es unbedingt zu wollen. Die zweite Gemeinsamkeit: An einem bestimmten Punkt ihres Lebens entschieden sich alle gegen den naheliegenden, klassischen Karriereschritt.

    Kommentar von Campo-News — 26. Januar 2010 @ 11:42

  3. Die Zahlen sind verheerend: Fast jeder zweite Schulabgänger gilt als “nicht ausbildungsreif” und muss vor der Vermittlung in eine Lehrstelle zusätzliche Fördermaßnahmen absolvieren. Das geht aus dem Entwurf des “Berufsbildungsberichts 2010″ der Bundesregierung hervor, der der Nachrichtenagentur dpa vorliegt.

    SPON

    Kommentar von Campo-News — 3. März 2010 @ 09:31

  4. Es gibt Hirn- und Lernforscher, die sich vor der frühkindlichen Bildungshysterie genauso gruseln wie ich.

    Kommentar von Campo-News — 23. Juli 2010 @ 16:53

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