Campo de Criptana




14. Mai 2006

Zum Kugeln

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 16:00

Die links-deutsche Protestbewegung regt sich: Nach Hoppel-Heide dreht nun auch Herbert Grönemeyer ab.

Von Tanja Krienen

Du bist keine Schönheit, vor Arbeit ganz grau! Liebst dich ohne Schminke; bist ne ehrliche Haut; leider total verbaut, aber gerade das macht dich aus! Du hast’n Pulsschlag aus Stahl. Man hört ihn laut in der Nacht. Bist einfach zu bescheiden! Dein Grubengold hat uns wieder hochgeholt, du Blume im Revier! Bochum ich komm aus dir! Bochum ich häng an dir!” - “Bochum”, 1984, H. Grönemeyer

Das gibt es nur bei uns in Gelsenkirchen
Herrliche Stadt der großdeutschen Kohlenbergwerksindustrie
Lieblich schweben durch die Luft die schwarzen Dämpfe
Und mit heiterem Gesang nimmt man Kohlen in Empfang
Wer zu lang dort lebt, bekommt beim Atmen leichte Krämpfe
Aber wer lebt dort schon lang?

Wo ist der Kinobesuch und der Alkoholismus erheblich?
Wo ist die Bettwäsche grau und die Seifenreklame vergeblich?
Gute Bücher haben wir - nur das Lesen und das Schreiben
Fällt uns noch manchmal recht schwer
Gelsenkirchen, Georg Kreisler

Wer zufällig, oder gezielt z.B. bei einer „Grand Prix Eurovisions-Sendung“, ausländische Schnulzensänger oder bemüht-regionale „Rock“-Gruppen erblickt, muss beharrlich in sich hinein sagen: „Die sind nicht so. Nein, nein: es kann nicht sein, dass die in diesen Ländern das mögen – wo bitte steckt der Weltgeist?“ um nicht vollends die Hoffnung auf ein besseres Hier und Jetzt zu verlieren. Grobe, bohrende Verzweiflung in sich fühlend, pochend das Herz bis zu den Fußsohlen, gelangen wir dann zur Selbstkritik: Richtig, auch hierzulande gibt es Erscheinungen, die auf andere so wirken, wie auf uns ein holländischer Schlagersänger, eine polnische Popegruppe, eine finnische Folklore-Truppe oder eine tschechische Rockbande, und wir versuchen sie krampfhaft von den guten Seiten des Landes so zu trennen, wie eine schlechte Eigenschaft von uns selbst, die wir nicht in die Persönlichkeit integriert sehen wollen. Doch hier greift die Phantasie ins Leere, mehr noch, man gelangt zu der Einsicht, dass diese „Gebilde“ zu ihren Ländern so passen, wie der berühmte Mann auf der Straße zum jeweiligen Land: meist treffend, aber umso peinlicher exact den Landessitten und der „Kultur“ entsprechend. Da wären wir also bei Herbert Grönemeyer.

„Spricht nicht mit vollem Mund, Kind!“
„Bitte sprich etwas langsamer und deutlicher!“
„Rede im ganzen Satz und verschlucke nicht die Silben!“
„Bemühe dich, das was du sagen möchtest, klar zu formulieren!“
„Und immer an Subjekt, Prädikat, Objekt denken! Und an die Hörer!“
„Siehst du Bub, Kaiserslautern ist abgestiegen, weil die sich nicht verstehen können!“
Wer also hier pädagogisch herangeht, kommt schnell zu der Gewissheit, dass die Geburtenquote noch viel zu hoch ist. Es hat bei der Deutschen Bundesbahn in Sachsen extra Schulungen für die Personen gegeben, die nichts anderes tun sollten, als ein paar Hinweise über Lautsprecher zu verlesen, - doch sie waren schlicht nicht zu verstehen. Was die Bahn genügend hat – Geld um es quasi dem fahrenden Zug zu werfen, weil die Standorte häufig zu uneben sind – haben anscheinend auch deutsche Tonträgerkäufer.

„Ich fand Deutsch grauenvoll und ich war extrem schlecht.”, sagt Grölemeyer über sich selbst (gerecht) und wir wollen nichts lieber glauben als das, doch warum jemand, der in Bochum aufwuchs, so spricht wie er, sagt er nicht. Sehr einsichtig raunzt er auch: “Ich war nie ein großer Schauspieler” und so fragt man sich wirklich, und ganz todernst, wie dann all dies geschehen konnte? „Ich bin Sänger und ich versuche die Sprache so zu kneten und zu quälen, dass sie mir als Sänger wie ein Instrument eben einfach passt”, meint er ohne auch nur einen Anflug von Scham, aber er schreit noch immer nicht ständig: „Aua! Au weh! Au! Yo tut das weh! Oh Gott, welch ein Schmerz! Iiihhh! Ahrrggg! Uuuhh! Grrrr! Sapperlot, ist mir übel! Hilft mir denn keiner“. „Nein“, riefen wir daraufhin schelmisch im Chor!

Nun hat Grönemeyer ein Fußball-MW-Lied geschrieben – begleitet hat ihn dabei – halten Sie sich ganz fest und prusten nicht in die prallvolle Obstschüssel ein blindes Paar aus Mali! Das finden wir aber ziemlich negativ, geschmacklos, un grande malo, wie der Spanier sagt, wenn er mal nicht telefoniert, denn: hätte es nicht auch ein einbeiniges Kind aus Togo sein können – wo doch Mali gar nicht bei der MW dabei ist?! Oder ein AIDS kranker Straßenmusiker aus Ghana? Ein Chor mit gelähmten Kindern aus Angola? Eine Gesangs-talentierte Diebin mit Apper-Hand aus Saudi-Arabien? Oder „The Violents“ – eine Gruppe Zwangsprostituierter beiderlei Geschlechts aus der Ukraine? Vielleicht auch die „Hartz4-Combo Schwedt“ mit garantiert eingebautem Betroffenheitseffekt? Gern auch ein paar Totgeburten aus der Gegend um Tschernobyl?

Grönemeyer, der zeitgeißelnde Zeitgeistler, produziert, wenn die Mauer fällt, er spielt bei der LTU-Arena-Düsseldorf, wenn diese durchstarten lässt und grölt nun „Zeit, dass sich was dreht“, wenn die FIFA pfeift, denn so heißt der Song des Mensch Grönemeyer, der ansonsten seine „Stimme gegen die Armut“ sprechen lässt, aber nun die Hymne ausgerechnet für die FIFA schrieb. Das ist die Art linken Gemeinsinns, die wir auch an den neuen Hochglanzanzeigen George Clowneys schätzen. Es ist schon ein komisches Ding, dass sich immer jene begierlich in den Dienst einer Sache stellen, die so tun, als würden sie Ähnliches am Strengsten verabscheuen. In diesem Sinne ist es nur konsequent, dass ein gespielter Linker wie Sönke Wortmann, das Absingen der ersten Strophe des Deutschlands-Liedes nach dem Sieg der WM 1954 bei seiner „Das Wunder von Bern“-Schnulze ausblendete, während der liberal-konservative Guido, der Knopp, dies in seinem Fernsehspiel brachte.

Aber es dreht sich nichts in dem Song, dessen Charakter mit „uneinheitlich“ unzutreffend beschrieben wäre (zudem: so sind ja alle Grönemeyer Lieder), - doch hier trieft die Klangsuppe wie Schweineharn lau aus dem Schweinesaubauch, stinkt die Lyrik nach einem Pferdeapfel über den der Bundesgesundheitsminister das Blut einer kerngesunden Gans ausgoss, liegt insgesamt das Odeur schon vor Stunden kalt gewordenen Ejakulats eines alten Ochsen in der Luft, der Ausscheidungsdampf einer an Scheidenkrampf kurz zuvor verendeten Hündin, wabert der Sudgeruch geronnenen und verbrannten Blutes aus den Gräbern sämtlicher Kriegsverbrechen steigend wie Dunst über dem Moor - sinkend hernieder auf den Klangteppich in DEINE Wohnung – ehe die Trommeln blind in rasendem Wahn unaussprechlicher Einfalt maliträtiert werden.

„Musik, so falsch gesetzt, muss traurig wirken“, seufzte mal Karl Kraus, aber hier kocht das Blut vor heiligem Zorn, da kein falsches Pathos, keine Lüge, kein nichtvorhandener Witz, auch nur für Sekunden etwas anderes signalisiert als: Inkubussisch! Sukkubusisch! Scheitanisch! Latrinenwandergussig! Meine Güte, es ist ja schlimmer als man manchmal in Albträumen, Angstschweiß bis zu den Kniekehlen, erlebt. Da geht nichts mehr, da dreht sich nichts, da bewegt sich nichts, - da hat sich Sprache, Musik, Philosophie, Kunst, Hoffnung, ja die Schöpfung selbst, gänzlich erledigt. Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus!

Der Künstler kurz vor einem Promotion-Konzert in Mali, wo er zudem nach eigenen Angaben „blinde Solidarität“ mit den Indigos demonstrieren, ja „entschlossen“ demonstrieren wollte. Aus Brechts „Kriegsfibel“

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