Campo de Criptana




28. August 2009

Michael Jürgs: Seichtgebiete (Warum wir hemmungslos verblöden)

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 10:11

 „Am liebsten wäre mir, wenn einer dieser Blödmacher, die ich alle beim Namen nenne, eine schöne Klage schickte und es vor Gericht ginge. Juhu. Wenn wir ehrlich sind, ist das Buch ja eine einzige Schmähschrift.“

 

„Wir haben ein wunderbares Grundgesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber für mich ist die Würde des Menschen angetastet, wenn Mario Barth ins Mikrofon furzt.“

 

Michael Jürgs im Interview des Kölner Stadtanzeigers über sein neues Buch.

 

Michael Jürgs steht links. Er trennt scharf. Mag auch einer genau so dumm und massenmenschlich geriert, wie der plappermündige nebenan, solange er sich den entscheidenden Millimeter auf der linken, der „richtigen“, der zumindest sicheren Seite, ins bestehende Schema einordnen läst, solange ist alles für ihn in Ordnung. Das führt dazu, dass Geistesgrößen wie Kerner, auch der Stern-TV-Qualitätsjournalist (Transen) – Jauch, dem geschlechtsumgewandelte Kinder über alles und „Männer, die ein Kind kriegen“ noch darüber gehen, gut wegkommen, während Medienstricher anderer Fäkaltäten prinzipiell schlecht sind. Dass sie das in der Regel auch sind, macht die Unterscheidung in gut und schlecht nicht besser.

 

Aber Jürgs hat auch den alten sozialdemokratischen Blick für Realitäten – Thilo Sarrazin kommt bei ihm gut weg, weil der gewisse Elemente des Unterschichtsverhalten „knapp und barsch“ benennt, genauso wie Alt-Kanzler Schmidt, dem er bescheinigt, „knurrend und paffend“ noch das „lesende deutsche Bürgertum“ zu erreichen, weil der „unverblümt“ seine Meinung sage. Nun ja, das ist vielleicht eine Halbwahrheit, aber immerhin keine ganze Lüge.

 

„Das Buch an sich“ hat es Michael Jürgs besonders angetan. Wie der Mensch mit ihm umgeht, so ordnet er sich auf der Bildungsleiter über den Seichtgebieten ein. Wer möchte da widersprechen? Der 1945 geborene Autor zeigt sich hier ganz „konservativ“. In der klassischen deutschen Bildung sieht er den Rettungsanker. Ebenso in der Vermeidung von Lärm! Warum sagt er das nicht einmal seinen Freunden in der SPD und den verschwisterten den Rapper-Depper-Deppen, den Sozialkitsch-Rocksusen, den Orstvereinsschunkelern?!?

 

Sicher, Michael Jürgs löst nicht wirklich auf, warum diese Gesellschaft durch ihre Verschwulisierung und Kooperation eben jenes Milieu mit dem Feminismus und den Lautsprechern der Einfalt kulturell auf Grund läuft. Er schweigt auch dazu, dass es durchaus der linke Sozialkitsch ist, der im Fernsehen in Reality-Shows platt und breitgetreten wird. Dennoch: Trotz einer Reihe von Widersprüchlichkeiten und „strategischen“ Urteilen, finden sich schöne und treffende Umschreibungen der Arbeitsthese, „wir“ seien dabei „hemmungslos zu verblöden“. Die Medien werden – völlig zurecht – als Motor der fortschreitenden Infantilität ausgemacht: Eine kleine Auswahl:

 

Gegen die Besatzungsmacht der Kopflosen ist eine verbale Intifada nötig.

 

Bei den üblichen Blödsendungen gibt es vorher Castings, im zynischen Jargon ihrer Produzenten auch “Migrantenstadl” genannt.

 

Verwahrlost sind nicht nur die Sitten. Verkommen ist normal menschliches Empfinden, das sich z.B. im Mitleid zeigt. Kante statt Kant lautet das Motto…

 

Da treten Menschen auf, die entweder gebeutelt sind von allen Schrecknissen des Lebens – drückende Schulden, schwangere Teenager, Pferdeschwanz, gar keinen Schwanz, Hängebusen, gar keinen Busen, Schweißfüße – oder aber von den Betreiber dieser Talkshow-Verschnitte, die sich intern Redakteure nennen, auf solche Schicksale eingeschworen wurden.

 

Nichts allzu Menschliches auf Seichtgebühren aller Art bleibt den Machern fremd und mit denen, für die sie senden. Als da, selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit, zum Beispiel wären: Auspeitscher, Einpeitscher, Machos, Schwule, Tunten, Transen, Bettnässer, Tätowierte, Vollbusige, Scham – und Schmallippige, Spaßvögel, Verklemmte, Pornografen…Egal, ob es ein Container ist, in dem sich das jugendliche Prekariat wohlfühlt, weil da alles so aussieht und nach ein paar Tagen so riecht wie zu Hause jeden Tag. Egal, ob alleinerziehenden Mütter mit ihren verschiedenen Kindern von verschiedenen Väter gemeinsam mit den Scouts von RTL nach einem neuen Ernährer suchen…. Geht nicht, gibt’s nicht. Bei solchen Sendeformaten geht alles. Unter die Haut. Unter die Gürtellinie. Wer mitmacht, muss nur irgendetwas können, und sei es Pfeifen im Wald, muss zu nichts Besonderem, aber zu allem fähig sein….

 

Ein paar Beispiel aus dem Alltag einer Grundschule in einem der neuen Bundesländer: Kind eins kennt seinen leiblichen Vater nicht. Es gibt nicht mal ein Foto von dem. Begründung: Mama habe aus Wut alle zerrissen. Den Lebenspartner ihrer Mutter nennt das Mädchen „Papa“, weil ihre Mutter das so will und ihr angedroht hat, bei Nichtbefolgung das Handy wegzunehmen oder ihre Lieblingssendungen zu streichen. Dazu gehört „Deutschland sucht den Superstar“ und „Big Brother“. Das wirkte. Seitdem sagt sie immer Papa zu dem Fremden….Kind drei hat zwar einen leiblichen Vater, aber den hat es schon lange nicht mehr gesehen. Seine Mutter hat sich zunächst für einen Homosexuellen als Partner entschieden, weil der nichts wolle und beide durch die jeweiligen Hartz-Vier-Sätze eine echte Zugewinngemeinschaft gründen konnten. Das Kind muss den Mann Papa nennen, doch als der abhaut und ein neuer Mann in die Wohnung zieht, weigerte es sich schon wieder „Papa“ zu einem Fremden sagen zu müssen, weint und schimpft mit seiner Mutter. Auch die reagiert konsequent: Maul halten, oder der Fernseher bleibt stumm.

 

Prominente Nullnummer werden von Gossenguys und – girls in bunten Blättern oder TV-Magazinen schon indem Moment als „kultig“ bezeichnet, wenn sie bei ihren Auftritten von pubertierenden Kreischkindern bedrängt oder auf Jahrmärkten der Eitelkeiten umschwärmt werden, obwohl sie eigentlich nichts weiter können, als zu massieren, zu frisieren, zu frittieren. Es gab Zeiten, da hätte man ihnen nicht nur geraten, sondern befohlen, uns mit ihren Dummheiten zu verschonen…Erst an dem Tag, an dem sie eine für die Werbung relevante Zielgruppe wurden, begann ihr Aufstieg….Der Begriff des Kults…ist über Jahre systematisch entseelt worden durch sprachlose Dummschwätzer, weltweit werktätige Leichenschänder, die sich inzwischen in allen Medien herumtreiben…doch im globalen Netwerk lässt sich jede Dummheit innerhalb weniger Sekunden online in alle leeren Köpfe pflanzen.

 

Bei VIVA treten junge Menschen auf, die berechtigte Zweifel an Darwins Evolutionstheorie wach werden lassen, was aber ebenso gilt für die Ansagerin und die Jury und das Publikum. Insofern kann man das Ganze auch eine in sich stimmige Sendung nennen….Gott der Gerechte wird sie irgendwann erwischen, genau in dem Moment, in dem sie wieder mal nichts denken.

 

Zum Attentat von Winnenden: Verstörten Mitschülern wurden bis zu 100 Euro geboten, falls sie in der Nähe des Tatorts Blumen hinlegen und sich anschließend in Großaufnahme beim Weinen filmen lassen würden. Soll man heulen? Nein. Keulen.

 

Unterschichtler wie Oberschichtler, Ungebildete und Eingebildete, deutschstämmiges und Deutsch radebrechendes Volk eint in einem von verblödeten Massen besetzten Flachland der Kampf gegen Klasse. Jedwede Geschmacksverirrung wird dabei selbstverständlich vorausgesetzt…Wer in diesem Geiste in trauter Eintracht rülpst, kotzt, rotzt, rempelt räsoniert, ist keine jugendliche Randgruppe, die man womöglich durch gezielte Schläge auf die Hinterköpfe zur Besinnung bringen könnte. Millionen von Vereinsmitglieder, Alte und Junge, Frauen und Männer, haben sich bereits in die Mitte der Gesellschaft gepöbelt….Das fettarschige Legginsmädchen, grob geschätzte 16 Jahre alt, den Kaugummi aus dem Mund nimmt, an die Haltstange klebt…den jugendlichen Mitbürger mit Migrationshintergrund, Oberarme dick wie die Oberschenkel der Prinzessin aus dem Plattenbau Ost, Cindy aus Marzahn…auf solche Szenen ließe sich altestamentarisch reagieren, Auge um Auge, Zahn um Zahn, statt sie naserümpfend als nun nicht mehr zu verändernde Realität hinzunehmen…

 

Die Kopfnote Sechs gebührt zum Beispiel Uwe Ochsenknecht, der nicht zufällig von Mario Barth als Gast in einer seiner Shows eingeladen wird…Was nicht so viele seiner Fans wissen: Er ist König der Kevinisten. Ein solcher Ehrentitel muss verdient werden. Ochsenknecht hat ihn sich verdient. Mit Kevinismus bezeichnet man die „krankhafte Unfähigkeit, menschlichem Nachwuchs menschliche Namen zu geben“.., denn die Kinder von Uwe „König“ Ochsenknecht heißen Rocco Stark, Wilson Gonzales, Jimi Blue und Cheyenne Savannah. Was keiner Erwähnung wert wäre, wenn er damit nur die eigene Brut gestraft hätte…jedoch…sind Langzeitwirkungen zu befürchten. Sie werden ihre Kinder mal nicht mehr nur Chantal, Kevin, Rico, Mario nennen, was bei Nachnamen wie Schulze, Meier, Schmidt bereits heute zu netten Verbindungen führt…

 

Also sind Blöde, egal wie blöde, auch potenzielle Wähler. Und mit denen wollen es sich die Parteien nicht verderben. Es zählen nur die ausgefüllten Stimmzettel, niemand fragt anschließend nach der Höhe oder Tiefe ihre Intelligenzquotienten. So wie kein Produzent von sogenannten Büchern wie denen von Bruce Darnell oder Dieter Bohlen oder Bushido oder Bärbel Schäfer fragt, was da wohl drinstehen mag oder in welcher dem Deutschen ähnlicher Sprache die geschrieben sein können…Dieter Bohlen weiß genau, warum er aus hygienischen Gründen so widerlich sein muss…Wäre er nicht so überzeugend als Exekutor, würden talentfreie, stimmlose, in Dialekten deutsch und englisch singende Dummies, weiblich wie männlich, von einer Zukunft im Showgewerbe träumen, obwohl ihre Begabung bestenfalls für einen Gröl-Chor der mal wieder Betrunkenen im Familienkreis reicht.

 

Früher entzogen sich Kinder, wann immer es ging, ihren Müttern und eroberten sich ihre eigene Welt. Sie spielten unbeaufsichtigt auf der Straße, im Park, im Wald die Abenteuer des Lebens nach…Die Kinder des Prekariats spielen sich stattdessen bei Bohlen und Co auf, und wenn man sie nicht mitspielen lässt, weil die Konkurrenz der Blöden so groß ist, spielen sie sich in der Schule so auf, wie es ihnen im Fernsehen vorgesetzt wurde. Gier, Schadenfreude, Ruhmsucht, Gewalt sind ihre ständigen Begleiter…Was sie (die Mütter) nicht haben: Zeit für ihre Kinder. Was gut für die ist, bestimmen sie…Für diese verschiedenen Aktivitäten sind sie mit ihren Kindern dann hektisch unterwegs…

 

Es muss von den beiden Dinos ARD und ZDF mehr verlangt werde als… TV-Movies, geschickt zum Fernsehevent des Jahres hochgejubelt, falls die Geschichte papieren dünn ist oder wieder mal Veronica Ferres die Hauptrolle spielt.

 

Die irdische Konsequenz des politisch-moralischen Sündenfalls war zu besichtigen in der inzwischen ehemaligen DDR…Statt gleiche Rechte für alle zu garantieren, schaltete sie rücksichtslos gleich. Wer sich wehrte und sich auf die DDR-Verfassung berief, wurde mundtot gemacht. Oder auf der Flucht erschossen.

 

Seit 1998 sind die Übergriffe gegen Polizisten um 20% gestiegen….besonders auffällig bei jugendlichen Migranten. Schon die Aufforderung an die, eine Zigarette zu löschen führe zur Gewalt. Rainer Wendt (DpolG) sieht Polizisten als Leidtragende der politischen Verwahrlosung….In Berlin oder im Duisburger Norden gibt es Stadtteile, in denen sich die Kollegen kaum noch trauen ein Auto anzuhalten, weil sie wissen, dass sie dann 40 oder 50Mann an der Backe haben.

 

Die aus Film Funk und Fernsehen bekannten Gestalten dürfen auf zu vielen Gästelisten nicht mehr fehlen. Diese Seilschaften sind im Gegensatz zur eigentlichen Society nicht mehr an einen bestimmten Ort gebunden.

 

Über Kompetenz im Buchladen: Als ein Bekannter im Laden, das legendäre Hörbuch „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus, gelesen von Helmut Qualtinger, kaufen wollte, gab die Verkäuferin im Computer ein „Helmut Kwaltinger“. Kein Treffer, leider.

 

Seichtgebiete (Warum wir hemmungslos verblöden), Michael Jürgs, Bertelsmann, 256 Seiten, Paperback 14,95 €

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6 Kommentare »

  1. Ich bin nicht gut genug. Ich hab’ irgendwas Schlimmes, dass ich wegbleiben muss.” Das stimmt auch, nämlich eine Mutter, die sie “Fee”, die gute, nennt. (siehe Jürgs über die “Kevinisten”).

    Kommentar von Campo-News — 31. August 2009 @ 11:03

  2. Siehe auch dies.

    Kommentar von Campo-News — 2. September 2009 @ 12:56

  3. “Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose”

    Kommentar von Campo-News — 16. September 2009 @ 19:10

  4. “Rechter Dreck” nannte der Links-Fleck Kay Sokolowski in der konkret jenes Buch von Jürgs. Alles Fascho, nicht wahr, nur nicht die Linksfaschisten. Schade nur, dass sich die rechten Dreckisten ehemaliger und noch SPDler wie Sarrazin, Buschkowski, Clement oder Jürgsnoch immer nicht zu einer Partei finden. Wir hätten sie nötig. Den Poldoofskikovskis zum Trotz.

    Kommentar von Campo-News — 26. Oktober 2009 @ 20:15

  5. [Hartz IV Neukölln Umfrage / Jeannette W. 27 mit Kinder] Rasheeda ist eines von 2044 Babys, das vor einem Jahr in Neukölln in einen Hartz-IV-Haushalt hineingeboren wurde. Ihre Mutter Jeannette W. (27) lebt seit mehreren Jahren mit der Hilfe vom Staat. „Vor allem die letzte Woche im Monat ist hart, da reicht das Geld kaum noch“, sagt die gelernte Pflegeassistentin. Nicht mal ein Eis sei dann manchmal drin. „Das ist traurig. Man will ja seinem Kind etwas bieten.“ W. hofft: „Meine Tochter soll eine besser Zukunft haben und nie Hartz IV beantragen müssen.“

    [Hartz IV Neukölln Umfrage / Monika K. 26 mit Kinder] Die gelernte Friseurin Monika K. (26) aus Neukölln zieht ihre beiden Töchter Zawadi (7) und Shelsy (1) sowie Sohn Tyrese (3) alleine auf. „Ich lebe seit mehr als einem Jahr von Hartz IV. Das reicht gerade so, da die Kinder Gott sei Dank keine großen Esser sind.“ Allerdings: Monika W. hat 20.000 Euro Schulden. „Wenn Shelsy groß genug ist, will ich wieder als Friseurin arbeiten.“

    Kommentar von Campo-News — 11. August 2011 @ 11:41

  6. Amerikaner zu fett - http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,805251,00.html

    Kommentar von Campo-News — 22. Dezember 2011 @ 11:02

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