Campo de Criptana




5. Februar 2007

Deutschland, einig Ballermann

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 14:33

Die bescheidenen Klimaänderungen sind überwiegend nicht von Menschen gemacht – die Lärmkatastrophe schon.

Eingangs sei hier auf eine ähnliche Thematik hingewiesen, doch ist das Problem ein größeres.

„…denn schon, wo viele Gäste sind, ist viel Pack – und hätten sie auch sämtlich Sterne auf der Brust. Überhaupt aber tragen glänzende, rauschende Feste und Lustbarkeiten stets eine Leere, wohl gar einen Misston im Innern, schon weil sie dem Elend und der Dürftigkeit unseres Daseins laut widersprechen, und der Kontrast erhöht die Wahrheit…So ist denn fast alles in der Welt hohle Nüsse zu nennen.

Aus „Paränesen und Maximen“ von Arthur Schopenhauer

Deutschland, einig Ballermann

Was in der Nacht zum 10. November 1989 begann, erlebte gestern einen weiteren Höhepunkt – wo anders als in Köln?

Bei unzähligen Sauflauben am Ballermann und ähnlichen Orten, lernten die Deutschen die Welt kennen – und veränderten das eigene Land nachhaltig. Selbst die Hupe wird inzwischen auf jedem Dorf so gebraucht, wie im Feierabendverkehr zu Kairo. Vom „Südländische Flair“ ist heute jener importierte Misston um Mitternacht übrig geblieben, der dir den Schlaf raubt. Sie reden von der Klimakatastrophe, doch die, die sie selber darstellen, wird ihnen nicht mal bewusst, wenn man ihnen den Spiegel vorhält. WIR, das sind wir sehr real wenn es „geil“ ist, doch WIR sind nur abstrakt, wenn es real werden soll. Schuld ist die Industrie, die Politik, „der Bush“– nicht wir, nicht „meine Familie“, nicht mein eigener Leib, jener, mit ein bisschen Hirn daran. Der läuft quasi außer Konkurrenz mit und könnte, wenn er wollte, will aber nicht, wenn er muss, weil: das wäre uncool. Und cool sein will er nur dann, wenn es heiß zugeht – vor allem auf den Zuschauer-Rängen, versteht sich.

Sie malen sich Farben ins Gesicht, tragen komische Hüte, hüllen sich in Fahnen ein – um was geht ist ihnen dabei wurscht und schnurz, Hauptsache: Sie sind adabei. Der inszenierte Frohsinn, der amokartige Jubel, die überbordende Borderline-Exzentrik – sie ist alles andere, nur keine Freude, die den eigentlichen Anlass beinhaltet. Dieser rückt in den Hintergrund, da „wir doch alle“ Fußball, - Handball – oder Biathlonfans sind. Da wird selbst das Verrückteste zum Sport erklärt, und sei es auf Scheiben schießen und Ski fahren (warum nicht auf Hunden reiten und Purzelbaum schlagen?), wichtig ist die „Äktschen“, und das am Ende das WIR zum Sieg geführt wird, wenn schon das ICH sonst nichts darüber entwickelt.

Selbstverständlich ist Jubeln erlaubt. Wer wirkliche Freude empfindet wird dies tun: kurz, angemessen, gezielt, begründet, echt. War die Fußball-WM 1974 ein Ereignis, das auf immer präsent sein wird, mit normaler Begeisterung, Fußballfans mit SACHVERSTAND und einem gewachsenen Interesse in der Sache und wegen der Sache, war die WM 2006 nicht nur die sportlich jämmerlichste (auf gleicher „Höhe“ mit der von 1990), sondern auch völlig belanglos (man frage mal spontan eines dieser Jubelmädels in der Fußgängerzone wer denn „unser“ Auftaktgegner im Juni war und wie das 3. Vorrundenspiel gegen wen endete). Geschichten wurden gemacht, sie ereigneten sich nicht wirklich.

Nicht anders nun bei der Handball-WM (die ganze Unkenntnis spiegelte sich auf dem Gesicht des Bundespräsidenten ab, noch mehr, als in seinen Reden zur Nation). Die stereotypen Reaktionen nach dem Abpfiff sprachen für sich. Man könne „das jetzt noch nicht realisieren“, würde „später erst begreifen was passiert ist“, sei „überwältigt von dem Jubel“, kurz: das Hier und Jetzt wird zur Geschichte erklärt und mit Bildern, das andere herstellen und denen man erst entsprechen muss, modelliert. Sie fertigen Schablonen, stanzen Fragmente, füllen sie zum Schluss mit kalkulierten Wort - und Emotionshülsen auf. Die Legende bildet Mythen und schafft sich selbst. Sie aber schaffen den Sport ab.

Es jingelt der Mitklatschklingelton nach den Toren, sogar vor den Siebenmetern dröhnt die Lautsprecherbox Bumm-Bumm-Rhythmen – und kein Torwart verweigert die Aufstellung, da er sich gestört fühlt. Niemand fühlt sich gestört. Es stört, wer darauf hinweist, dass er so nicht spielen kann.

„Die Hochkultur hat das Ringen mit der Massenkultur verloren“, sagt Sloterdijk in der aktuellen PSYCHOLOGIE HEUTE. Treffend das (im Detail darf widersprochen werden), denn: Der Massenmensch will in der Masse sein, will die Masse sein, will in ihr untergehen. Dies ist wörtlich zu nehmen. In Mel Gibsons „Apokalypto“ steht die Maya-„Kultur“ nicht mehr im Zenit – ihr Stern sinkt bereits, als sie ihre Schlachtfeste, Kriege und Kulte feiern. In diesem Moment legen die Schiffe der Spanier an…

15 Kommentare »

  1. War am 13. nicht Prozess? Was ist draus geworden, Tanja?

    Kommentar von Knatschi — 9. Februar 2007 @ 21:05

  2. Tanja, zu den Mayas:

    Deren Zentit war 1500 länger überschritten als der Westroms zu Zeiten von Karl dem Grossen.

    Die Macht in Mexiko waren die Atzteken zu der Zeit.

    Du warst doch lange genug in Fundamentalistismen aller Art verstirickt:
    Bolshevismus, Anti-Antisemitismus da musst du dich doch icht noch dem Neo-Katholizismus preisgeben.
    Der Film ist genauso Fiktion wie J.T. Leroy und Willkomirsky.

    Erik

    Kommentar von Erik — 10. Februar 2007 @ 10:01

  3. Grrr, warum stellt ihr nicht eure Beiträge in die Themen-Stränge, zu denen sie inhaltlich passen?

    Knatschi, hier steht alles dazu - http://www.campodecriptana.de/blog/2006/12/13/631.html

    Erik, ich war nirgendwo “verstrickt” (das ist was für alte Weiber oder Grüne - ich bin beides nicht), zumindest nicht mehr als andere Leute “verstrickt” sind oder waren. Wichtig war mir immer, dass ich nirgendwo “vertrickt” war.

    Nein, der Film basiert nicht allein auf Fiktionen, sondern stellt im Kern die neuesten Kenntnisse über die Maya-Kultur dar, die anders war, als es die Propaganda über Jahre hinweg behauptete. Die Schilderungen der Spanier, so, wie diese die Stätten der Mayas vorfanden, habe ich doch seinerzeit eingestellt.
    TK

    P.S. Ach so, jaja, du meinst die Schlussbemerkung. Auch die ist korrekt. Im Augenblick des kulturellen Niedergangs der Mayas kamen die Spanier, die sonst mit ihren nur 600(!) Mann nicht so leichtes Spiel hätten haben können. Und wenn ich “neuen Fakten”, die für mich gar nicht so neu sind, bezüglich der Mayas werte, dann hat das rein gar nichts mit einer pro-katholischen Haltung zu tun! Wie ich als Atheistin den Katholismus bewerte, was ich schätze, was ich ablehne, habe ich doch schon mehrfach hier gesagt.

    Kommentar von Campo-News — 11. Februar 2007 @ 08:32

  4. Hallo Tanja,

    Die Spanier haben mit einer breiten Koalition von Stämmen und Völkern, die das Joch der Atzteken abschütteln wollten die Atzteken besiegt.
    Die Maya waren abseits der Routen und über hunderte von Jahren schon kulturell und zivilisatorisch abgesunken, wie es wir Westeuropäer eben nach der Kultur und Zivilisation der Römer auch waren.
    Es brauchte auch nicht so viele Beber und Araber um Spanien innerhalb von von wenigen Jahren dem Dar al Islam zu unterwerfen.
    Weder die Gallo-Romanen, Ibero-Romanen, Westgoten noch die Südschwaben hatten da was entgegenzusetzen.
    Aus den totalen Deffiziensstufen einer abgesunken Kultur auf die Höhezeit zu schliessen, ist im Falle der Mayas noch schwieriger als der Rückblick auf die arabisiette Kultur des Mittelmeer-Raums um 1000 nach Christi.
    Dass Algebra, Algorhythmen und Arithmetik wie sie unsere westliche Technologie heute erst möglich machten aus dem “Arabischen Mittelmeerraum” kommen ist heute doch genauso schwer vorstellbar, wie die Tatsache, dass Europa seinen Aristoteles aus dem arabischen rückübersetzen musste.

    Unser antisemitischer neuaufklärerischer Regisseur klittert Geschichte eben im Sinne des “Opus Dei”. (womit man dann problemlos über die Missbrauchs-Skandale der römisch-katholischen Pfaffen, ihrem krypta-homosexuellen Elite-Ritus, ablenken kann.)

    Ich weiss nicht, welche Quellen du meinst, aber die Zentral- und Südamerikanischen Kulturen wurden jahrhunderte aus der Sichtweise des Vatikan, der Conquista und der Jesuiten betrachtet.
    Seit 500 Jahren wird behauptet, dass es sich um grausamste Herrenmenschen-Regime handelte.
    Schon ich wuchs mit der “Gewissheit” auf, dass die Atzteken, Mayas und Tolteken Menschen opferten, als man das den Kelten noch nicht mal ansatzweise unterstellte.

    Wobei doch die römischen Gladiatoren-Spiele nur eine “sportlich” verkleidete Form von Menschenopferei war.
    Ob dann so viele Christen, wie behauptet den Löwen vorgeworfen wurden ist aber auch nachzufragen.

    Spanische Conquistadoren haben ihre Heldentaten, wie alle früheren “Geschichtsschreiber” gerne aufgeblasen.
    Oder glaubst du wirklich, dass David den Goliath mit einem Stein erledigte?

    Erik

    Kommentar von Erik — 11. Februar 2007 @ 10:44

  5. Ich weiß nicht, warum du mich nicht verstehen willst und meine Kritik an der Maya-Kultur, die du auch bestätigst, mit Dingen überfrachten willst, die ich gar nicht bestreite und als deren Verfechter ich mich nicht in einem versimpelten Sinne betätige - schon gar nicht der katholischen. Allerdings sind “wir” keineswegs mit einem realistischen Bild über die Azteken und Maya-Kultur aufgewachsen, sondern mit einem stark idealisierten. Das gilt auch für die Kultur der Indianer.

    Was ein Künstler sonst so alles redet, wenn der Tag zu lang und zu feucht-fröhlich ist, muss uns hier nicht interessieren. Wenn ich immer die privaten Meinungen oder die politischen Aktivitäten von Künstlern bei der Frage heran ziehen würde, ob mir ihre Filme, ihre Musik oder ihre Bücher gefallen, dann lebte ich, dann lebten “wir”, längst im Nirwana - oder halt auf den kleinen ideologischen Inseln, auf denen die Welt zwar in Ordnung scheint, aber nur, weil sie die Eintönigkeit über Generationen lehrten und die Widersprüche im Sand vergruben. Gibson hat einen sehr interessanten Film gemacht und wäre dieser nicht so brutal und nicht einheitlich idealisierend (das er dies sehr wohl mit zu einem gewissen Grad mit den “guten Wilden”, die den “dekadenten Herrschern” entgegenstehn macht, sagte ich ja an anderer Stelle), so wäre der Film einer, der “Kult” für die Indogenen-Fans und extremen Antiglobalisierungs-Wollmützen sein könnte. Aber er gibt ihnen nicht das, was sie wollen, und so floppte er (hierzulande, wo so vieles Gutes floppt, aber die Dummheit sich in 7 Zwergen, Schuhs vom Manitua oder Sommermärchen mit Palmen und Wasweißichnichtalles feiern lassen darf). Gruß, TK

    Kommentar von Campo-News — 11. Februar 2007 @ 10:59

  6. Damit man weiß, worüber mir zuvor diskutierten, dieser Hinweis - http://www.moviemaze.de/media/trailer/2528/apocalypto.html

    Kommentar von Campo-News — 13. Februar 2007 @ 07:16

  7. http://www.nrhz.de/flyer/suche.php?ressort_id_menu=7&ressort_menu=Sport Sport in der NRhZ

    Kommentar von Sport — 14. Februar 2007 @ 09:34

  8. Da wir ja an dieser Stelle über Kinofilme reden: Grad komme ich aus “Rocky Balboa” - ein schöner Film! Wie schäme ich mich, dass ich Sylvester Stallone einmal in Hollywood - es ist 20 Jahre her - “in real” ausbuhte. Ja, verhetzt waren wir, verhetzt…

    Kommentar von Campo-News — 2. März 2007 @ 20:42

  9. http://nachrichten.netscape.de/Newsticker/Cherokee-Indianer-schliessen-Afroamerikaner-ihrem-Stamm-408221887-0.html

    Hallo Tanja, zuerst den Link, dann der gepatstete Text:

    Washington - Die Cherokee-Indianer in den USA haben trotz Rassismusvorwürfen die Nachkommen schwarzer Sklaven aus ihrem Stamm ausgeschlossen. Das Volk der Cherokee im US-Bundesstaat Oklahoma habe sich bei einer Abstimmung zu 77 Prozent für den Ausschluss der Afroamerikaner ausgesprochen, teilte der Stamm am Sonntag mit. 23 Prozent stimmten demnach gegen das Vorhaben, das Nachfahren von schwarzen Sklaven der Cherokees und Kindern aus Verbindungen zwischen Indianern und Schwarzen die Stammeszugehörigkeit abspricht. (AFP)

    04.03.07, 21:54 Uhr

    Wie schliessen die wohl die Afroamerikanischen 7/8 Cherokees aus?

    Der Kwäler

    Hallo Erik!

    Ja, es sind halt Leute, deren Denken im Wesentlichen auf Rassismus beruht. Alles was sie den Weißen vorwerfen, machen sie selbst doppelt so stark. Siehe auch ihre Metzeleien in ihrer afrikanischen Heimat. Die Vorfahren der Indianer und Mexicaner trieben es ja ebenso. Mir ist auch nicht bekannt, dass sie sich bei irgendwem dafür entschuldigten. TK

    Kommentar von Erik — 5. März 2007 @ 02:28

  10. Auch das gehört dazu! Ballermann, wohin man blickt.

    Kommentar von Campo-News — 14. Dezember 2008 @ 09:10

  11. Da kann man mal wieder sehen, dass die Union von allen guten Geistern verlassen ist. Herrgott hilf!

    Kommentar von Campo-News — 7. Januar 2009 @ 17:23

  12. Sehr gut!!! “reaktionäre Spießer und ignorante Spaßbremsen also, die auf ihrer Nachtruhe wenigstens zwischen Mitternacht und sechs Uhr früh bestehen.”

    Kommentar von Campo-News — 16. Juli 2009 @ 14:09

  13. Ein typisches Beispiel wie Journalismus durch einen “Medien-Journalisten” gemacht wird. Es ist einer, der erst einmal zu einem Haus kommen sollte, ehe er die Dinge, die damit verbunden sind, zu schätzen lernt und Gestank, Lärm und “einseitige Gestaltungen gemeinsamer Räume durch Inkompetente” zu benennen weiß. Jeder Mensch, der sich in seinem Lebensraum gegen die Decadence der Ballermänner zu wehren weiß, ist ein Held.

    Kommentar von Campo-News — 29. Juli 2009 @ 17:29

  14. Selbstverständlich waren wir zivilisierter und dieser Dreck ist archaisch, brutal und tendenziell mörderisch im Ursinn: “Jede Gruppe will noch lauter sein als die andere und lässt sich von Mal zu Mal andere Mittel einfallen.“ Das erklärt, warum der Lärmpegel der Fußball-WM 2010 viel höher ist als etwa der der WM 1974. „Das Wettrüsten wird weitergehen“, prophezeit Junker. „Es sei denn, es gibt irgendwann offizielle Verbote.“

    Kommentar von Campo-News — 15. Juni 2010 @ 12:07

  15. Sehr schön

    Kommentar von Campo-News — 22. Juli 2010 @ 16:59

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