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16. Januar 2007

Lichtspiel, Rampenlicht und Beleuchtungen IV

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 19:40

Von Tanja Krienen

1 Fidel Castro ist todkrank. Das müssen sie dort, wo er agiert, schon lange wissen. Schließlich wird sein Geburtsjahr traditionell und in allen Lexiken mit 1927 angegeben. Die Idee, seinen 80. Geburtstag ein Jahr vorzuverlegen, damit der dann Verstorbene vorher noch etwas von seinem Jubeltag hat, ist schon originell. Sollte Schule machen. Ist das nicht eine tolle Geschäftsidee? - : Sie wollen ihren 100. Geburtstag feiern, sind aber erst 28? Macht nichts. Die Firma „Purzelburtstag“ hilft ihnen bei der Ausrichtung der Feierleichkeiten. Was haben Sie schon davon, wenn Sie 100 sind? Jetzt sollten sie Party machen! Bestellen Sie sich noch heute unseren Prospekt „Fidel-Feier mit Purzelburtstag“.

2 Fidels Bewunderer Zapaterror hat sich jetzt entschuldigt. Seine „Friedensgespräche“ mit der ETA seien ein Fehler gewesen. Bestimmt. So wird man aber keine 80…

3 Wir sehen also: Es gibt auch Positives in Europa, es wächst zusammen und fährt nun einen weiteren, epochemachenden Sieg ein: Ab sofort darf Marmelade nur aus Citrusfrüchten bestehen. Süßpampe aus Kirschen z.B. MUSS Konfitüre heißen! Weiter so!

4 Wie süßpampige Kulturerzeugnisse heißen, wissen wir doch längst: Deutscher Film. Nur übertroffen durch deutsche Rock und Popmusik. Dany Levis Hitler-Film macht einen lauen Eindruck. Da gibt es doch http://www.campodecriptana.de/blog/2006/07/14/580.html bessere Satiren, zumal sie dem „Phänomen Faschismus“ an keiner Stelle - und von keiner Seite - näher kommt, allzumal die „menschliche Ebene“ eine unzureichende und (buchstäblich) infantile darstellt. Und: Es müsste sich herumgesprochen haben, dass der Mensch über keinen freien Willen verfügt, also folgern wir…ja was? Der Vorwurf, man habe den Hitler aber nicht so recht politisch parodiert, sticht nicht, da selbst die „historischen“ Grotesken mit ihm als „Figur“ diesen Anspruch nicht erfüllten. Doch ihre Aufgabe lustig und ein bisschen listig zu sein, funktionierte im US-Kino stets besser, weil man dort Filme - selbst unter kommerziellen Auflagen - seit je her radikaler und „politisch unkorrekter“ herstellt, als es in Deutschland wohl nie geschehen wird. Man stelle sich nur vor, ein deutscher moderner Juxer, würde eine Art Allen-Zelig zum Besten geben. Das ginge überhaupt nicht, einfach so neben dem „Führer“ auf dem Balkon der Masse zujubeln, und so tun, als wäre man selbst einer der Drahtzieher, weil man in „Forrest Gump“-Manier überall die Finger mit drin hat. Und wenn sich vielleicht der Pocher trauen würde, hätte er morgen mal wieder die Staatsanwaltschaft auf dem Hals.

Vor Unkenntnis strotzend agierten auch das Feuilleton, die gesamte „Künstler“-Kommentatoren-Schar und die Bedenkenträger und innen, die entweder wahnend und marnend den Finger erhoben oder, innen halt, lobbystisch hudelten. Denn: natürlich ist es ein grober Fauxpas Hitler vor dem Ende Mienen und mimerisch erzieherisch helfen zu wollen, da er diese Ausbildung VOR seiner großen Karriere erhielt. Kein anderer als Bertolt Brecht brachte dies je besser und kein anderer als Ekkehard Schall im „Arturo Ui“ schaffte es je gekonnter dieses szenarisch umzusetzen. Ohne Schwall und Schwere, ohne Dürfen und Müssen – aber mit Witz, Perfektion und Unterhaltung!!! Doch http://www.campodecriptana.de/blog/2006/08/20/594.html wer mit Brecht brach, weil ihm Denken noch schwerer fällt als Emotionen zu zeigen, für den bleiben Katja Riemann, Vroni Verriss und die Berberin als Notnagel, der nach ihnen benannt sein soll, übrig. Nichts bleibt von diesem völlig unbedeutenden Film übrig.

3 Franz Josef Degenhardt, 1970 (!): Sagt der aus Industriekreisen, enddreißig: …Ja, mein Lieber, jetzt kommen die siebziger Jahre, die achtziger, was meinen Sie was da los ist? Wir müssen den Anschluß kriegen. Und: was habt ihr denn schon zu bieten wenn ihr mal am Drücker seid? Na? Das ganz große Schweigen! Wer von euch kann denn zum Beispiel einen Computer füttern? Ihr Kelten! Ihr wollt die Massen befreien? Hahaha! Von was denn? Von Kühlschränken, Eigenheim und Autos. Nee, mein Lieber! Die wissen bescheid. Die blasen euch einen. Eure Massen die wollen geleitet werden und ihre Ruhe haben. Und das bieten wir. Die Industrie schafft ganze Armee von Sozialpartnern und Verbraucher. Und im Übrigen kann jeder machen was er gerade will. Ich sag Ihnen was im Vertrauen: Die Biochemie – da ist die H-Bombe gar nichts – die wird uns alle verändert. Ja, grinsen Sie nur. Mit China werden wir auch noch fertig. Kucken Sie sich mal unsere Außenbilanz an mit China heute schon….

Aus: Progressiv, dynamisch, mit Phantasie: aber sachlich

6 Und weil wir damit beim SPIEGEL („Scheißblatt“, Zitat http://www.campodecriptana.de/blog/2005/08/23/302.html Willy Brandt) sind, der uns mit immer neuen Geschichtchen die Welt des Scheins, die soviel mit dem Sein zu tun hat, wie der SPIEGEL mit der Wirklichkeit, nämlich den Kern dieser aufblähen, grade schleifen, selektieren, impressionieren, onkelhaft zurecht biegen – hat er zum 60. Jubiläum seine eigene Geschichte präsentiert, wie sie belangloser nicht sein kann um das schon obligatorisch auf weniger als 100 Seiten Journalismus geschrumpftes Periodikum wenigsten einmal noch umfangreich zu präsentieren (238 Seiten minus 96 Beilage macht 142 minus 35% Werbung = X). Gäbe es nicht den überaus hochgespielten Vorgang anno ´62, der auch aus Liberalen Freiheitshelden werden lassen konnte, wäre er: nichts von Bedeutung, wie uns http://www.campodecriptana.de/blog/2005/09/27/353.html einst schon Erich Kuby erklärte.

7 Und der SPIEGEL zum Dritten. Im besagten Rückblick wollten sie auch einmal clever sein und maßen sich an Walter Ulbricht. Posthum sind sie noch mutiger. Doch der gab auf einen völlig meschuggenen Vergleich eines „Gleichnisses von freien Wahlen oder Wiedervereinigung“ (so der Spiegel zu seinem eigenen Unfug), die einzige richtige Antwort auf das „Gleichnis“, welches niemand außer den Erfindern verstand (weshalb diese peinliche Einlage heute noch zitiert wird, ist wohl nur aus dem obigen Link heraus zu erklären). Also:

Spiegel: Wenn Sie abends zu Hause eine Tasse Kaffee haben wollen, und ihre Frau sagt: Ich gehe nicht in die Küche, ehe du nicht die Haustür zugeschlossen hast, weil draußen ein Einbrecher sein kann. – dann werden Sie doch nicht sagen: Es ist kein Mensch draußen, und ehe ich die Haustür zuschließen gehe, verzichte ich auf meine Tasse Kaffee, sondern Sie werden zu ihr Frau sagen: Du spinnst ja.

Ulbricht: Eine ausgezeichnete Idee.

1:0 für Ulbricht.

8 Der Spiegel zum Vorletzten.

Da haben wir einen, der so feminin ausschaut wie sonst kein zweiter Gender - Theoretiker vor ihm, nämlich Gerald Depardieu, und so sagt der mitlaufende Redakteur nach dem Interview: „Hinter seiner imposanten breiten Statur verstecken sich sanfte, fast feminine Züge.“ Gut eingeführt hatte das „der Mann mit der markanten Nase“, der einst ein „sprachgestörtes Kind der Unterschicht“ gewesen sei selber, weil „auch ich eher sensibel bin, …ich habe für mich immer eine gewisse Feminität in Anspruch genommen.“ Schön, dass entdeckt so mancher  http://www.campodecriptana.de/blog/2005/03/19/65.html Straps-Paps nach dem er sich wie kein anderer Kerl vor ihm durchgefickelt hat, aber – das mag überraschen – hat Geraldine neulich etwas ganz ganz Interessantes entdeckt, als sie in Spanien filmte (fast vor meiner dortigen Haustür): „Ich fürchte viel mehr den Ansturm der Armen aus Afrika, wie ich das bei Dreharbeiten in Alicante habe beobachten können.“ Nach soviel feministischer Einsicht aber auch der Grund für alles, was er so sagt, schreibt und „spielt“: „Ich habe die Schule mit 13 verlassen.“ Und: „Ich bin wie ein Schwamm, ein Löschblatt, das alles aufsaugt.“ Stimmt, wenn man nur an Fleisch und Wein denkt.

9 Manchmal frage ich mich, wer außer mir noch halbwegs alle beieinander hat, und da freue mich, dass es einen wie Herrn Ulrich Anders gibt, der anderes ist und vielleicht nicht zufällig auf Ibiza sein Heil sucht, aber dort immerhin noch Leserbriefe an den SPIEGEL verfasst. Er schreibt zum Thema „Gender“: „Der Trend ist klar, die Gefahr real: Frau Merkel – unter normalen Umständen zur Schulsprecherin gewählt – bestückt ihr Kabinett mit radikalen Emanzen, deren eigentliches Ansinnen die Machtübernahmen ist, vom Beifall einer Frau Schwarzer unterstützt. Nicht nur, aber allen voran Frau Zypries (Kuckuckskinder-Gentest) und besonders die milde lächelnde (Anmerkung TK: Sie ist die Tochter vom Lächel-Bahlsen-Keks Manager und der niederen Sachsen MP Albrecht), mit zarter Stimme säuselnde Frau von der Leyen (deren eigentlich selbstverwirklichende Bestimmung Kindergärtnerin ist) geben Steuergelder dafür aus, ihren militanten Feminismus durchzudrücken.“

Fein, könnte von mir sein.

10 Diether Dehm soll gesagt haben: „Eine braune Lagerfeuerkultur ist nur durch die Entwicklung einer roten Lagerfeuerkultur zu bekämpfen.“ So ist er, der Diether, immer schwer zündelnd.

11 David Bowie wurde so eben 60 und sieht so aus wie noch nie – mittellange Haare „boy-like“. Respekt. Er hat eine ästhetische Kehrwendung vollzogen – der beste Einfall seiner Karriere. Avantgarde war er nämlich nie. Man muss nur mal seine Version von „Erinnerung an die Marie A.“ (das brechtsche Lieblingsgedicht von Marcel Reich-Ranicki) mit der Ernst Busch –Version vergleichen. Busch singt kühl, schroff, angemessen – Bowie hält das ganze wirklich für ein Liebeslied mit tragischem Einschlag, er weiß schlicht nicht, was „episch“ bei Brecht heißt. Als er dann vor gut 20 Jahren mit Mick Jagger („Mick Jagger – white nigger“ Zitat Sex Pistols) im Video herum infantilte, dachte ich nur: Meine Güte, diese beiden alten Männer. Peinlich, peinlich. Damals trugen beide diese komischen Herren-Trechcoats, die wohl „Coolness“ symbolisieren sollten und von denen immer behauptet wird, es seien „Humphrey Bogart“-Mäntel. Hm, für mich waren und sind das immer „Joseph Goebbels-Mäntel“. Ja, Joseph Goebbels-Mäntel: Zwei alte Säcke in Joseph Goebbels-Mänteln waren es.

12 Zur Diskussion über die Verleihung der Ehrenbürgerwürde von Berlin an den Liedermacher Wolf Biermann erklärt der Generalsekretär der CDU Deutschlands, Ronald Pofalla, heute: „Es steht vollkommen außer Frage, dass Wolf Biermann die Ehrenbürgerschaft Berlins verdient hat. Biermann ist nicht nur einer der bedeutendsten deutschen Künstler unserer Zeit, er ist gleichzeitig auch ein Symbol für die Freiheit der Kunst und die Freiheit des Gedankens vor der staatlichen Unterdrückung durch die SED. Wie viele andere Demokraten hat er unter der politischen Verfolgung der kommunistischen Diktatur gelitten. Es ist eine Schande, dass sich der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, aus Rücksicht auf die Gefühle der SED-Nachfolgepartei nicht traut, die Ehrung Biermanns zu unterstützen.“

12 Eine interessante Liste in der neuen Zeitschrift „Welt der Wunder“ gibt Auskunft über Merkmale von Psychopathen. Besonders eines sticht da heraus: „Keine Liebe und kein Hass: Psychopathen können keine Gefühle simulieren, sich in keine Situation hineinversetzen.“ Sehr schön, deshalb haben sie auch keine wirkliche Kultur, keine „provozierenden Ansichten“, ist ihre (Schrift)-Sprache ohne Witz, Rhythmus und Geist, sind sie im wahren Leben quasi eine fleischgewordene dpa-Meldung und schreiben gaga.

13 Kämpferisches Christentum: Da macht ein Mann einen teuflischen Scherz, steckt eine angebissene Hostie (Oblate) in die Tasche, statt in den Schlund. Er wird beim Versuch die Kirche zu verlassen, von zwei Christinnen zur Rede gestellt, denn er dürfe, so erklären sie ihm, die Oblate nicht mitnehmen (das scheint nur im Darm gestattet zu sein, und irgendwann wird hier auch sicher die Verdauungs-Apostel-Polizei aktiv werden) – das sei Diebstahl und gehöre sich ohnehin nicht. Der Mann lacht und will entschwinden. Da kommt der Pfarrer höchstpersönlich, schüttelt den armen Teufel durch und durch sämtliche Gebote, der tritt möglicherweise zurück (was noch nicht geklärt ist), doch da kommen sieben oder acht andere Katholen und holen, wenig verstohlen, das Esspapier in die Obhut der Kirche zurück. Der Pfarrer wurde angezeigt, entschuldigt sich auch für dein rüdes Verhalten, aber die Hostie, so sagt er ganz klar, die habe er zurecht vor dem „Diebstahl“ gesichert. Deutschland 2007.

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