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23. Juni 2006

Salvador Dali

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 10:36

Es ist doch einmal wieder an der Zeit, an den Don Quijote der Kunst zu erinnern.

Von Tanja Krienen

Dieser Artikel erschien im CAMPO, zum Campo-Archiv
Und in der Deutschen Rundschau

Die Vogelscheuche des Todes, die Tingeltangel des Jenseits, der Schiffbruch der noch so schönen Vernunft im Meer der Gleichgültigkeit, der lastende Vorhang der Zukunft, die Türme von Babel, die Spiegel des Unbeständigen, die unüberwindbare, hirnbespritzte Mauer des Geldes, diese allzu erschütternden Bilder der menschlichen Katastrophe sind vielleicht nur Bilder. Alles läßt uns glauben, dass es einen bestimmten geistigen Standort gibt, von dem aus Leben und Tod, Reales und Imaginäres, Vergangenes und Zukünftiges, Mitteilbares und Nicht-Mitteilbares, Oben und Unten nicht mehr als widersprüchlich empfunden werden. Indessen wird man in den Bemühungen des Surrealismus vergeblich einen anderen Beweggrund suchen als die Hoffnung, eben diesen Standort zu bestimmen.

André Breton, Zweites Manifest des Surrealismus, 1930

Der Don Quijote der Kunst

Zum 100. Geburtstag von Salvador Dali

11 Mai 1904. In der kleinen spanischen Stadt Figueras wurde nahe der französischen Grenze, ein Jahrhundertkünstler geboren: Salvador Felip Jacint Dalí Domènech. „Wenn du ein Genie bist, wirst du auch eines“, war seine frühe Erkenntnis, die er mit perfektioniertem Narzissmus – nicht ohne Peinlichkeiten - zur Schau stellte.


Figueras im Jahre 2004

Noch bevor er sich schon mit 17 Jahren nach Madrid aufmachte, um dort Kunst zu studieren, las er Nietzsche, dessen „Zarathustra“ sein Lieblingsbuch wurde. In Madrid lernte Dali Luis Bunuel (mit dem er 1929 den Film „Ein andalusischer Hund“ drehen wird) und den homosexuellen Dichter Gracia Lorca kennen (von dem Dali behauptete, dass dieser ihn zweimal versucht habe, zu verführen, der aber wiederum über Dali sagte, er glaube nicht, dass „irgendeine Frau Salvador jemals sexuell reizen könnte. Sein Hass auf weibliche Brüste und Genitalien, seine Furcht vor dem Koitus machten das unmöglich”) - zudem entdeckte die Freudsche Psychoanalyse, die seine Werke ab 1927 beherrschte. Nach einer Rebellion an der Universität, die als Unterstützungsaktion für einen sehr Lehrer begann, musste Dali die Schule für ein Jahr verlassen. „Ich war ein Monster, dessen anatomische Teile aus einem Auge, einer Hand und einem Gehirn bestanden“, sagt er in dieser Phase über sich. Sein grotesker Subjektivismus zeigte sich schon am Anfang seines Schaffens und er erwarb sich schnell seinen Ruf als „respektloser Rebell“.


Luis Bunel


Aus „Der andalusische Hund“

Gerade Anfang 20, hatte er die wichtigsten spanischen Maler schon persönlich kennen gelernt: Pablo Picasso und Joan Miro. Picasso nannte Dali „den ständig laufenden Außenbordmotor“, da hyperaktiv produzierende Katalane in einem Zustand der dauerhafter Spannung und eines nie erlahmenden Schaffens war.

Dali taucht ein in die tiefsten psychoanalytischten Zustände, seziert die Welt, zerlegt, fügt zusammen, bildet ab und phantasiert, phrasiert, hämmert, spielt auf der Klaviatur der Leinwand die kleine Sonate nur metaphysischer Sphären; doch – hier verfällt keiner dem Abstrakten ohne Form, der Beliebigkeit, die den Betrachter in die missliche Lage versetzt, wahllos hingeworfene Fragmente diffusen Aussehens, mit dem Sinn derjenigen narreteiischer Köpfe füllen zu müssen, die selbst noch in Klecksen unbestimmter Kreaturen, die Weltgeschichte adäquat abgebildet sehen. Hier stehen reale Dinge zueinander, miteinander, gegeneinander, die ihre Bedeutsamkeit nicht aus gegenstandsloser Zufälligkeit erlangen, sondern: Die Welt erhält eine neue Qualität, eine Qualität, in der die dadaistische Erkenntnis der Gleichzeitigkeit aller Dinge ebenso wirkt, wie der dialektische Materialismus, der das eine mit dem anderen vergleicht, und wo sich auf neuer, höherer Ebene, allegorische und metaphorische Bilder, zu gänzlich anderer Bedeutung finden. „Es ist unser Schicksal, wenn wir, wie wir es tun, unsere Zugehörigkeit zu den Prinzipien des historischen Materialismus uneingeschränkt, ohne Vorbehalte erklären.“ (Andre Breton, Zweites Manifest des Surrealismus, 1930).

Pajaro putrefacto

Was empfindet also der Hase, der vom Fuchs geschlagen wird? Wie leidet die Heuschrecke, die vom Vogel, die Fliege, die von der Spinne gefressen wird? Können wir lautloses Sterben stummer Geschöpfe negieren, glauben wir wohlmöglich, Schlachten wäre nicht bestialisch, wenn es gelänge, die vor dem Tode Brüllenden, nach ihrer Hinrichtung sozialisiert zu vertilgen?

Es gibt ein weniger bekanntes Bild Salvador Dalis aus dem Jahre 1928, übertitelt Pájaro putrefacto, offiziell, doch unzulänglich ins Deutsche übersetzt mit Vogelkadaver, welches einen „natürlichen” Vorgang beschreibt. „Verwesender Vogel”, so die korrekte Übersetzung:

er lebt noch und doch, wird der Zustand des Vergehens unmittelbar im nächsten Moment eintreten. In einer unwirklichen, dunklen Landschaft, dem Boden nahe, Schutz suchend, den auch die kahlen Bäume nicht geben, immer noch fliegend, fliehend mit weiten flatternden Flügeln, wohlmöglich schon trudelnd, es nicht fassend könnend, die Augen todesängstlich geweitet, beinahe kopfgroß kreisrund, schräg nach oben den Feind erblickend, in der Vorbereitung des entscheidenden Schlages, jenen Feind, ein ETWAS, eine unbestimmte Kreatur, spitz auf den zehenlosen Stümpfen stehend, sich reckend, fellüberzogend, Horn tragend, skelettierte Zähne fletschend, herausragend aus dem verborgenem Kopf: ein lebendiges Grauen, welches auf unbestimmt zähligen Beinen sein Opfer misst, und im nächsten Moment, Täter im freien Spiel der natürlichen Kräfte wird.

Manchmal spucke ich voller Freude auf das Bild meiner Mutter

1928 bringt Paul Eluard seine Frau Gala zu einem Treffen der Surrealisten mit: „Um sie zu empfangen, hatte ich mir die Achselhöhlen blau angemalt und mich am ganzen Körper mit Ziegenkot eingerieben, mir noch eine Perlenkette umgehängt und mich mit Jasmin am Ohr geschmückt.” Trotz Galas ständigen Liebschaften mit jungen Männern blieben beide bis zu ihrem Tod im Jahre 1982 zusammen.

Dalis Bilder erhalten nun Titel, die sein Anliegen plakativ preisgeben: „Manchmal spucke ich voller Freude auf das Bild meiner Mutter“ oder „Gewöhnliches französisches Brot mit zwei darauf reitenden Spiegeleiern ohne Teller, das versucht, ein Stück portugiesisches Brot zu sodomieren“ oder „Der Geist von Vermeer von Delft, der auch als Tisch benutzt werden kann“ oder „Traum verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel eine Sekunde vor dem Aufwachen“ oder auch „Schädel, der sich mit seinem lyrischen Anhang auf ein Nachtschränkchen lehnt, das die Temperatur eines Kardinalsnestes haben sollte“.

Gewöhnliches französisches Brot mit zwei darauf reitenden Spiegeleiern ohne Teller, das versucht, ein Stück portugiesisches Brot zu sodomieren

1931 kommt ihm während des Verzehrs eines Camemberts die Idee der „weichen Uhren“, mit der er die zerfließende Zeit von nun an als immer wieder kehrendes Motiv verwendet. „Das Beharren der Erinnerung“ heißt jenes Bild, in dem drei Uhren in karger Landschaft fließen, und das mehr als zwanzig Jahre später mit dem Bild „Die Chromosome eines höchst bunten Fischauges beginnen die harmonische Auflösung des Beharrens der Erinnerung“ seine Fortsetzung und gleichzeitigen Abschluss findet.

Andre Breton beschreibt Dali als einen Mann, „der zwischen Talent und Genie schwankt“, Dali selbst wird später sogar den Vergleich zwischen Genie und Wahnsinn adaptieren, allerdings mit dem Zusatz, dass er, im Gegensatz zu einem wirklich Verrückten, genau weiß, dass er nicht verrückt sei, und: „Ich nehme keine Drogen. Ich bin die Droge.”

Hitler, Freud, Hitchcock und die Marx-Brothers

Gerüchte entstanden, Dali sei ein Hitleranhänger. Er konterte mit dem Hinweis, seine Begeisterung für Hitler entspränge lediglich seiner eigenen Paranoidität, denn eigentlich sei er völlig apolitisch, und sei sich sicher, dass er als einer der ersten als „Degenerierter“ weggeschafft würde, falls Hitler ganz Europa erobere. Die Surrealisten wollten sich zur Beratung zurückziehen, um Dali auszuschließen. Dieser erschien selbst im Hause André Bretons – mit einem Fieberthermometer im Mund! Bei jeder erneuten Anschuldigung überprüfte er ständig seine Temperatur und wechselte seine zahlreichen, mitgebrachten Hemden. Irgendwann warf er sich Breton sogar nackt vor die Füße. Die Meinungen, ob er an diesem Tage von den Surrealisten ausgeschlossen wurde, gehen weit auseinander – dagegen spricht, dass er noch 1935 eine Erklärung der namhaftesten Surrealisten gegen Stalin mit unterzeichnete („Diesem Regime, diesem Führer können wir lediglich in aller Form unser Misstrauen aussprechen – Breton, Dali, Eluard, Magritte, Man Ray u.v.a).

Zu Dalis Arbeiten gehörten auch öffentlichkeitswirksame Auftritte. Mal wurde ein 15 Meter langer Brotlaib in den Gärten des „Palais Royal“ aufgestellt, ein 20 Meter langer Laib im Hof von Versailles und 30 Meter-Brote auf Plätzen in den Hauptstädten Europas, mal arrangierte er während der Weltausstellung in New York für seinen „Traum der Venus“ siebzehn „lebende Meerjungfrauen“, die „Unterwasserkühe“ melkten, Klavier spielten oder Telefonanrufe beantworteten, mal hielt er eine Rede in einem Taucheranzug, bei der er, gefragt, wie tief er hinabsteige, antwortete: „Bis zum Unbewussten!“

Weltausstellung New York 1938, Dali und Gala mit einem Modell

Durch die Vermittlung von Stefan Zweig, traf Dali noch mit dem verehrten Sigmund Freud kurz vor dessen Tod zusammen. Es wird berichtet, Freud habe nach diesem Besuch zu Stefan Zweig gesagt: „Ich habe noch nie ein vollkommeneres Exemplar eines Spaniers gesehen. Was für ein Fanatiker.“

Mit dem Beginn des 2. Weltkrieges setzte sich der Exitus der europäischen Künstler fort – auch Dali flüchtete, wie viele andere Surrealisten, nach New York. Er portraitierte Jack Warner, traf Harpo, von den Marx-Brothers, Walt Disney und konzipierte mit Alfred Hitchcock Traumszenen für dessen Filme „Spellbound“ und „The house of Mr. Edwards“. Breton erstellte auf Grund seiner Einschätzung dieser Aktivitäten aus dem Namen Salvador Dali ein Anagramm „Avida Dollars“: „Gierige Dollars“.

Nach dem Krieg kehrte er für jeweils einige Monate pro Jahr nach Spanien zurück, lebt dort sehr asketisch und sagt 1958: „Es ist schwer das Interesse der Welt bei einer Gelegenheit länger als eine halbe Stunde zu binden. Ich selbst habe das täglich und mit Erfolg beinahe 20 Jahre lang getan.“

„Mit sechs wollte ich Koch werden (er sagte eigentlich „Köchin“), mit sieben Napoleon. Dann wurde ich Dali“, zog er das Resümee seines Lebens, sowie: „Jeden Morgen, wenn ich erwache, erlebe ich die allergrößte Freude: nämlich Salvador Dali zu sein!” und: “Der Surrealismus bin ich!“


Museum in Figueras

1973 wurde das Dali-Museum in seiner Geburtsstadt Figueras eröffnet, dessen Konzeption er vollständig selbst entwarf. In diesem „Theater-Museum, in dem er auch beigesetzt wurde, fanden noch bis Ende September 2004 Sonderveranstaltung im „Dali-Jahr 2004“ statt.

Innenhof des Museums, TK im Hintergrund

Nach dem man bei Dali Parkinson mit einem stark beschleunigten Krankheitsverlauf feststellte – dies war im Jahre 1981 – und kurz darauf Gala starb, schwanden seine Kräfte rapide. Im Juli 1982 wurde er zwar zum Marquis de Dalí y de Púbol ernannt, doch zog sich jetzt fast vollständig zurück und wohnte seit 1983 allein in seinem Schloss, wo er 1986 nach einem Brand in seinem Schlafzimmer schwere Verbrennungen erlitt.

Die letzten laufenden Bilder zeigen ihn kurz vor dem Abtransport ins Krankenhaus: Ein abgemagertes Etwas, mit weit aufgerissenen Augen, die dürren Spinnenfinger zittrig bewegend, den Stock in der Hand, in einem Sessel sitzend – ein bibberndes Wesen kurz vor der Schlachtbank, sich unruhig herum blickend, angstvoll. Am 23. Januar 1989 starb Dali in seinem Geburtsort Figueras.


Dort, wo die Balken des Kreuzes sich kreuzen, wo die Einkerbung mit dem Finger besonders zu spüren ist, da sagte die Autorin dieses Beitrages „Hola!“

Text und aktuelle Fotos: Tanja Krienen

5 Kommentare »

  1. Bei der JF zu einem Jubelartikel über Vincent van Gogh: “Ein manisch Depressiver, dessen Bilder auch so aussehen. Als habe jemand mit dem Magneten über Eisenspäne gezogen. Keine große Kunst, eher Dekokunst fürs Ärztezimmer.”

    Kommentar von Campo-News — 29. Juli 2015 @ 12:58

  2. Über die Schlüsselszene in “Die Vögel” von Alfred Hitchcock

    Im Restaurant des Ortes versuchen Tippy Hedren und Rod Taylor den Anwesenden die Gefahr durch die Vögel begreiflich zu machen. Eine alte Ornithologin wehrt ab, nichts sei bewiesen und überhaupt gäbe es ganz unterschiedliche Arten von Krähen! Ein Fischer ist zunächst aufgewühlt, stimmt aber dann der Beschwichtigung zu. Ein “Prophet” zitiert biblische Apokalypsen, verliert sich aber im Suff. Ein Reisender wirkt hektisch, bleibt aber nebulös. Selbst die hysterische Mutter, die zunächst vor der Gefahr warnt, gibt im Verlaufe der Debatte den Mahnern die Schuld, denn vor ihrem Ankommen sei doch alles friedlich gewesen. ALLE, mit Ausnahme der Mahnenden, sagen letztlich, die Vögel trügen keine Schuld! In diesem Moment startet der nächste Angriff: eine Tankstelle wird in seinem Verlauf explodieren.

    Kommentar von Campo-News — 12. November 2015 @ 12:33

  3. http://www.achgut.com/artikel/das_anti_depressivum_zum_sonntag_marxismus_von_hinterm_deich

    Kommentar von Campo-News — 24. April 2016 @ 11:40

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    Kommentar von Campo-News — 12. August 2016 @ 10:09

  5. http://www.spiegel.de/panorama/leute/salvador-dali-exhumiert-schnurrbart-noch-vollstaendig-erhalten-a-1159089.html

    Kommentar von Campo-News — 21. Juli 2017 @ 12:24

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