Die linke Langhaarseite und andere Sach- und Lachgeschichten
Der Abschluss des großen Mini-WM-Tagebuches von Tanja Krienen
Gleich zu Anfang: Nicht vergessen, in wenigen Tagen startet das neue CAMPO-Kicktippspiel, das von der Startseite Kicktippspiel aus zu erreichen ist – es werden auch wieder ein paar Preise zu gewinnen sein. Aber das nur nebenbei.
Mir ham als kleine Schrappen ein Ziel vor uns gesehn
Wir wollen sehr berühmt wern und in der Zeitung stehn
Egal ob als Verbrecher oder Bundeskanzler war
Drum wählten wir den mittlern Weg und wurden Fußballstar
Und jetzt schätz die ganze Fußballjugend
Den Ballack und den Schweinssteiga
Das bin ich und dieser da
Als Vorbild sportlicher Tugend
Von Hinterndorf und Florenzdorf bis nach Amerika.
Der Opitz und der Zwirschina, Gerhard Bronner
„Ein Unentschieden ist ein Sieg für Österreich“, heiß es in dem oben zitierten Lied, und deshalb reicht auch der Austausch von ein paar Namen – und das 45 Jahre alt Lied wird sehr aktuell.
Jedenfalls ist es vorbei. Gottseidank, möchte man fast meinen, denn das Ganze sah streckenweise nach einem Jux-Kick aus, und wenn ein Fußballfan etwas hasst, dann, dass das Zusehen „Spaß“ machen soll – „Klinsi“, der unverständliche Schwabe war jedenfalls stolz darauf, dass es allen „Spaß“ gemacht hat. Jeder der Fußball spielte, weiß, dass man mit Leuten, die Fußball spielen, um Spaß zu haben, keinen Spaß haben kann. Wer läuft sich schon die Füße heiß, um später zu hören: „Och ja, sei doch nicht sauer, dass ich da nicht hinterhergelaufen bin, aber das hätte mir keinen Spaß gemacht, ich war da im Moment nicht so richtig motiviert. Na und, haben wir halt verloren. Beim nächsten Mal gewinnen wir schon wieder.“ Leute, die so denken, malen sich auch schwarz-rot-gelbe Farben ins Gesicht, grunzen „Huuuuuth“ und tragen Wunderkerzen im Plastikbeutel – das untrüglichste Zeichen für extern motivierte, frühvergreiste „Fans“.
Beim Sport bin ich immer national.
I kenn ka Objektivität
Keine Neotralität
Weil da bin ich radikal
Jawoll: Beim Sport bin ich immer national
Und kann der Gegner einmal mehr
Na dann werd ich ordinär
Und brutal
Helmut Qualtinger, Text: Gerhard Bronner
Tolle Bilanz
Nie war die deutsche Bilanz während eines Turnier so gut: In den überwiegenden Spielen erhielt man 3 (in Worten: drei) Gegentore. Das macht Lust auf mehr, das verspricht allerhand, das lässt hoffen – so der Kommentar, unisono.
“Huth fällt auf den filigranen Mexicaner. Das tut natürlich weh (das tut natürlich Huth, oder das tut gar nicht gut, war darin angelegt, doch entschied sich Steffen Simon dann doch für „weh“, weil er ja kein Zyniker ist) wenn so ein Brocken auf einem landet.“ So sind sie: hart, aber herzlos. Denn wenn man mit Asamoah zusammenstößt, dann „glaubt man, man klopfe auf Beton“, so Simon nach einem klaren Foul des Schwarzafrikaners.
Stolpereien müssen als Erfolge verkauft werden. Spiele mit drei Gegentoren, wie gegen das viertklassige Australien oder ein 4:3 gegen die Mexicaner, die trotz zweimaliger Heimvorteile nur auf Rang 15 der “Ewigen WM-Rangliste“ stehen, mit einer Bilanz von 10 Siegen, bei 11 Unentschieden und 20 Niederlagen (43:79 Tore) – da fällt das Argument, man habe ja schließlich zudem alle fünf Spiele zu Hause(!) ausgetragen, nicht. Was heißt schon “zu Hause“. In Leipzig fand das Spiel um Platz 3 statt und das sachkundige Publikum kraakelte dann auch, als der Schiedsrichter völlig zurecht den Ex.-Schalker Hanke vom Platz stellte und dann Freistoß pfiff, weil Schneider einem Gegner von hinten in den Hosenbund griff: “Schöba, Schöba!“
Hut ab zur Hinrichtung
Doch was war das? Wird jetzt etwa der Schwule aus dem gestrigen Film „Mein Vater, die Tunte“ eingewechselt? Nein, es war nur Kevin Kurayi, der anschließend – wie immer – nicht traf. Das aber tat Huuuuuth, der, laut Simon „fast öffentlich hingerichtet wurde in den letzten Tagen“ – woraus wir folgen, das jeder Klotz ohne Kritik spielen sollte, sofern die Protegie stimmt.
Ach ja, Deisler spielte auch. „Er ist ein unheimlich beeindruckender Spieler – wenn man ihm beim Training zuschaut“, erfuhren wir durch den wie immer ständig sprechenden Kommentator. Podolski traf dann schneller, als man zusehen konnte. „Dumm fickt gut“ – keine Ahnung, wie eine derartige Assoziation zustande kommt.
Gerd Rubenbauer hielt sich im Endspiel dagegen bedeckt. „Die linke Seite der Argentinier ist die Langhaar-Seite“ – das geht soeben noch durch, weniger schön war, dass sein Lieblingswort an diesem Abend “Schunior“, etwa 50 Mal fiel. Was ist ein „Schunior“, gar ein “Rocke-Schunior“? Nun, wohl war Roque jr. oder Junior gemeint, doch wann sagt man Schuan, wenn man Juan meint? Nicht mal Helene Weigel machte dies, obwohl sie als andalusische Theresa Carrar weiß Gott “akzentfreies Bayrisch“ sprach, damals, in der Fischerhütte, auf der Bühne. “Siehst du Schuans Boot noch?“ Nein, das hätte selbst die Weigel nicht gesagt.
Die Stufen könnten glitschig sein
Die schönste Nachricht aber ist die, dass es dort in Leipzig, wo man vor gut einer Dekade nicht wusste, dass ein Regen-Schauer nicht zwangsläufig auf die Zu-Schauer prasseln muss, man als eine der großen Umwälzungen blühende Stadien in die Landschaft stellte, diese gar mit einem Dach ausstattete - und so teilte man den Besuchern nun mit, man solle vorsichtig die Stufen hinab gehen, denn diese könnten glitschig sein. Meine Güte, bin ich wirklich ein Fossil? Als ich im April 1967 mein erstes Länderspiel im Rote-Erde-Stadion sah, waren wir froh, dass man eine Bratwurst kaufen konnte, die Toiletten halbwegs zu benutzen waren und die Stehränge nicht unter einem weggebröckelten, in dem kurzen Moment, der verging, da man hochsprang um ein Tor zu bejubeln, um anschließend wieder auf den Boden aufzuschlagen. Später, bei der WM 1974, dudelten die Schotten mitten im Regen mit dem gleichnamigen Sack und den Trachten fröhlich ihre Lieder, grölten die Niederländer bei prasselnden Wolkenbrüchen „Hup, Holland hup! Holland win de werelt cup!“ und wir, die wir die Schotten, Zairer, Holländer, Brasilianer, Schweden und Bulgaren dort sahen, lachten über das alles, und über den Regen, der uns nichts anhaben konnte; und dies nicht nur, weil wir jung waren, sondern: weil wir anders waren. Was für eine degenerierte Welt, was für eine Decadence im Jahre 2005. Da fällt mir nichts ein. Nicht mal ein Witz.
Hasta luego
Tanja Krienen
The Sixteens
The Sweet
N. Chinn/M. Chapmann
Where were you in sixty-eight
In sixty-eight Julie was Johnnie’s date
Two kids growin’ together
Livin’ each day as if time was slippin’ away
Oh, they were just sixteen
And their love a teenage dream
They passed the time, they crossed the line
The line that ran between
Julie and Johnnie now you’ve made it
But life goes on, you know it ain’t easy
You’ve just gotta be strong
If you’re one of the sixteens
And life goes on, you know, you know it ain’t easy
You know you’ll never go wrong
‘Cause you’re all part of the sixteens
Suzie and Davey got to make the big time
Maybe they can put it all together
In a show that lasts forever
Oh they would walk the strip at nights
And dream they saw their name in lights
On Desolation boulevard
They’ll light the faded light
Suzie and Davey you can make it
But life goes on, you know it ain’t easy
You’ve just gotta be strong
If you’re one of the sixteens
And life goes on, you know, you know it ain’t easy
You know you’ll never go wrong
‘Cause you’re all part of the sixteens
So where were you in sixty-eight
When Bobby and Billy thought
That sixty eight was out of date
They took the flowers from their hair
And tried to make us all aware
Too bad, too late
So they lived from day to day
And tried to do it all their way
But sixty-eight was sixty-eight
No matter what they say
Bobby and Billy maybe you’ll make it one day…
But life goes on, you know it ain’t easy
You’ve just gotta be strong
If you’re one of the sixteens
And life goes on, you know, you know it ain’t easy
You know you’ll never go wrong
‘Cause you’re all…
And life goes on, you know, you know it ain’t easy
You know you’ll never go wrong
‘Cause you’re all part of the sixteens
Auch über deine letzte Kolumne zum Confed-Cup habe ich mich wieder köstlich amüsiert und aus diesem Grund (eigentlich nur aus diesem Grund) bedaure ich das Ende dieses Turniers. Am lautesten habe ich über deine Assoziationen zu Intelligenzbestie Podolski und seinem schnellen Treffer gelacht. (Man kann sagen was man will, derber Humor funktioniert immer.)
Bei Kuranyi werde ich nie verstehen, was andere Frauen an ihm attraktiv finden. Bei mir löst er zwar keine Gedanken an “Mein Vater, die Tunte” aus (da käme eher Torwart Wiese in Frage), aber an Brasilien denke ich bei ihm nun auch nicht. Dennoch fällt dauernd im Zusammenhang mit seinem Namen das Wort ‘Brasilien’. Es fließt zwar kein brasilianisches Blut durch seine Adern, sondern sein Geburtsort liegt zufällig im Land der Sambatänzer, das ist hierzulande aber Grund genug ihm brasilianische Fußballfertigkeiten zu unterstellen. Falls diese tatsächlich vorhanden sind, weiß er sie gut zu verstecken.
Die Betonschulter von Asamoah wurde doch von Steffen Simon anschaulich erklärt. Im Klartext bedeutet das ja nichts anderes, als ‘er kann ja nicht dafür wenn er wen verletzt’ oder in der Hundebesitzersprache ‘Er tut nichts, er will nur spielen.’
Kommentar von Hustelinchen — 4. Juli 2005 @ 16:43
Hallo Hustelinchen!
Danke für die nette Kritik!
Naja, der Asamoah ist natürlich auch einer, der vor Kraft nicht kaufen kann, nicht das Tor und den Mitspieler sieht, aber in diesem konkreten Fall hatte er wieder seinen Körper eingesetzt, doch “unser Steffen Simon”, der ja drei Elfer im Spiel gegen Litauen einst nicht im Normalablauf sah, wollte auch dieses Mal nichts gesehen haben. Darum ging es es mir wie in allen Kommentaren: um die bewusste Schönrednerei.
Grüße, TK
Kommentar von Campo-News — 5. Juli 2005 @ 08:33