Der neue Blog ist unter http://campodecriptanablog.apps-1and1.net erreichbar




28. Mai 2005

Widerspruch im Paradies

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 08:23

Eine paradiesische, klassenlose Gesellschaft, ohne oben und unten, rechts und links (eine Volksgemeinschaft also), stellt noch immer eine beliebte Utopie dar. Doch schon der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings kann sie zerstören.

Von Tanja Krienen

Widerspruch im Paradies

Eines schönen Tages, blau war er des großen Mittags und rötlich-violett in der Dämmerung, waren alle Montagsdemonstrationen, sämtliche Mittwochnachmittagspausen, sowie auch die bekannte Freizeit nach dem Freitagsgebet, durch eine ewige Ruhe, die nicht mit der vor dem Sturm vergleichbar wäre, sondern jene ist, die nach einer großen Anstrengung eintritt, ersetzt und somit Geschichte.

Nach dieser Ruhe kam der Frieden, nach dem Frieden die Stille, nach der Stille die Starre, nach der Starre setzt gewöhnlich der Tod ein; doch sie, die nun im Paradies der klassen, - und ereignislosen Gesellschaft beieinander lagen (zwischen ihnen die Lämmer und die Wölfe), erfasste plötzlich, kurz nach der Starre, ein Hauch der Bewegung. War es der schräge Laut eines unbekannten Vogels, ein verstecktes Lachen irgendwo am Strand oder ein Rauschen gleich des Flügelschlages zweier Insekten – sie hoben ihre Köpfe und erschraken.

Sie erschraken nicht gleich; erst waren ihre Gesichter leer, dann schlich sich Verwunderung ein, zuletzt grimassierten sie, als hätten sie in das Antlitz des Todes gesehen. Als sie ihre Sprache wieder fanden, die sich beinahe aus dem Hirn geschlichen, sagten die Kleinen unter ihnen, sie wüssten nicht, warum ihre Hände so schmerzten, die Hellen verstanden niemanden mehr, die Breiten mochten die Luft nicht, die Großen hielten die Augen geschlossen und die Dunklen weinten ohne Unterlass. Während die Feigen unablässig mit dem Kopf schüttelten, die Dicken sich vereinzelt ins Meer stürzten, klatschten die Mutigen mit den Händen, wurden die Dünnen, die ins Leere starrten, völlig übersehen. Als dann aber einer der Dummen sagte, es sei weder Abend noch Morgen feststellbar, entgegneten die Klugen unisono, das alles läge am System.

Das System sei schuld. Man habe sie in diesen Zustand der Glückseligkeit versetzt, weil die Herrschaft das so wolle. Wer das sei, fragten die Schmalen, die von den Namenlosen immer spöttisch die Schalen gerufen wurden (vor dem Zustand der Glückseligkeit versteht sich, als noch Zwietracht zwischen den Herzen existierte), und die Klugen sagten, dies wisse man nicht, werde dies jedoch schnellstens, sie wiederholten: schnellstens! heraus finden. Die Langgeweilten stimmten begeistert zu.

Überall entstanden nun Kommissionen und Ausschüsse, wurden Flugblätter verfasst und Schriften erstellt, waren alle auf der Suche nach den Schuldigen ihrer Glückseligkeit, brennend vor Scham. Man kam zu dem Schluss, Kollaborateure der unbekannten Herrschaft seien vermutlich die Besseren, auch die Scheuen gerieten unter Verdacht. Einzelne verhaftete man schon im Morgengrauen, mehrere fand man am Vormittag erschlagen und als am Nachmittag die Kolonnen von überall her rings der großen Plätze auf die freien Felder in den Ebenen strömten, da war nur kurz das gellende Gebrüll zuhören, unmittelbar bevor alles im Kampfgeheul versank: Das Brüllen der Lämmer, welche die Wölfe rissen.

Tanja Krienen

9 Kommentare »

  1. Eine absolut klassenlose Gesellschaft ist, wie alles Absolute, eine unrealistische Utopie. Die Menschen neigen zu Gleichmacherei (siehe Globalisierung) - allerdings nur auf “horizontaler” Ebene und nicht auf “vertikaler” - da neigen sie eher zu Differenzierung, sprich dazu, bestehende Scheren wie die zwischen armen und reichen Bürgern noch weiter auseinanderzuklappen. Den unrealistische Charakter des Klassenlosigkeits-Ideals aber als Grund anzuführen, den Neoliberalismus als das A und O zu betrachten (wie es in der Bloggerszene, zu der diese Seite gehört, wohl normal ist) halte ich aber ebenfalls für dumm. Es ist sicher nicht unmöglich, einen Weg zu finden, der sowohl das Auseinanderklaffen der Schere und bürokratisch lähmende Nivellierung verhindert. Natürlich nur, wenn man die ideologischen Scheuklappen abnimmt.

    Kommentar von Anonymous — 30. Mai 2005 @ 03:11

  2. Hm. Was aber haben wir von dirigistischen Maßnahmen, wie sie möglicherweise auch die CDU in Form einer extremen Erhöhung der völlig überflüssigen Mehrwertsteuer plant? Nichts. Außer einer Teuerung für Null Leistung.

    Es wäre also besser, man würde sich einmal überlegen, wo Ausgaben einzusparen, statt Einsparungen auszugeben sind. Dann käme man vielleicht auch auf den Gedanken, einfach die öffentlichen Finger aus den Abläufen zu lassen, die ohne Eingriffe in dieses Getriebe besser laufen würden. Für das Gelingen solcher Liberalisierungen gibt es sehr viele gute und nur wenige schlechte Beispiele. Wie kann es geschehen, dass Liberalismus zu einem negativen Schlagwort ausgerechnet der dirigistischen Linken kommt? Entlarvend, sicherlich, zeigt sie doch damit, dass ihre freiheitliche Rhetorik nichts anderes meint als die Beschneidung des freien Spiels.

    Die Schere ist ein gutes Beispiel. Wenn ICH sie halte, bleibt die daumengeführte Unterseite in der Waagerechten und die zeigefingergeführte Oberseite öffnet sich. Niemand verliert dabei, - der Eindruck einer Entfernung besteht zwar, doch ist er für die Ausgangsbasis der Unterseite völlig obsolet.

    Wir sehen an diesem Beispiel, wenn wir es wieder zurück übertragen, dass die Armut eine relative und sogar konstruierte ist. Je weiter die Schere auseinanderklafft, je mehr kann die Unterseite reklamieren, sie würde sich von der Oberseite entfernen. Doch in Wirklichkeit bleibt sie stehen, profitiert im wahren Leben sogar, denn als arm gilt der, der weniger als die Hälfte des Durchschnitts verdient. Je reicher also die Reichen werden, desto reicher sind auch die Armen. Tragisch für Deutschland - und hier liegt das wahre Problem - dass es nur noch Platz 11 von den 15 alten EU-Ländern in der Höhe des Bruttosozialproduktes einnimmt.

    Aber, dass ein Armer, der in einem reichen Land arm ist, in dem es den Reichen besser geht, weniger arm ist, als in einem Land, in dem alle arm sind, liegt auf der Hand. Vor allem aber ist es tödlich langweilig dort, wo alle gleich sind - wie ich ja auch in meiner kleinen Parabel aufzeigte. Wo die Gleichheit herrscht, wird das Leben abgetötet, kann keine wirkliche Kunst entstehen, auch keine Literatur. Eine klassenlose Gesellschaft, die sämtliche Widersprüche aufhebt, ist tot. Nur Widersprüche lassen Gegenthesen entstehen und Vorschläge in dieser und jeden Form.

    In diesem Sinne erkläre ich mich für eine begeisterte Anhängerin der Klassengesellschaft, denn nur sie gewährt allen die wichtigsten Bereiche: Sport, Spiel, Spannung, Geist, Leidenschaft und, ganz zuletzt, aber gar nicht sooo wichtig “Wohlstand”.

    TK

    Kommentar von Campo-News — 30. Mai 2005 @ 09:06

  3. Hallo Tanja ,

    habe das gelesene so knapp mit meinem Geist in Einklang bringen können (d.h. es verstehen können) , jedoch frage ich mich , wie dieser ganze “Politik-Zirkus ” noch enden soll ….?

    Ich selbst (58) , fühle mich von meinem Staat auf’s äußerste veräppelt und protestiere dagegen mit den mir einzig möglichen Mitteln , die da heißen , bei jeder Wahl eine realitätsfremde Partei zu wählen…., wie schon seit mindestens 3 Wahlperioden die “Republikaner” , eine Partei , die nötig ist , um den Heutigen Politikern einmal klarzumachen , daß es so nicht weitergeht !
    Der Eintritt in die Eu , die Einführung des Euros… , was soll das alles ? Deutschland mit aller Gewalt zerstören und damit den Amerikanern und den Juden unser aller Zukunft in die schmutzigen Hände legen ?

    Klarstellenderweis will ich hier feststellen , daß ich nicht zu dieser “rechten Szene” gehöre , sondern vielmehr noch ein klein wenig von diesem fast vergessenen Nationalstolz (nicht Nazional !)in mir habe !

    Es tut mir einfach nur weh , wenn ich mit ansehen muß , was unsere Politiker hier mit “meinem” geliebten Deutschland “fabrizieren”…

    Gruß an Dich aus dem Ruhrgebiet

    Ulrich

    TK: Hallo Ulrich! Ja, wir brauchen eine Alternative zum heutigen Gemurkse, aber nicht in dem Sinne, dass etwas “den Amerikaner und Juden” aus den “schmutzigen Hände” gerissen werden sollte. Weder glaube ich, dass diese Hände schuld an der Misere sind (das machen die Deutschen schon allein), noch halte ich diese Umschreibung für passend.

    Hier aber geht es um Phantasien, die auf Grund der Natur des Menschen immer zu dem oben beschriebenen Ergebnis führen. Selbst wenn alles scheinbar stimmt, beginnt an einer Ecke der Widerspruch, führt alles zur Aggression. Deshalb sind auch “die Herrschenden” nicht allein schuld. Aber auch: Wollen wir es überhaupt anders? Wäre es nicht wirklich entsetzlich langweilig wenn es keine Widersprüche gäbe?

    Trotzdem, danke für die Grüße, TK

    Kommentar von Uli — 17. Dezember 2006 @ 21:59

  4. “Die Strategie des Gleichgewichts funktionierte bis in die Gegenwart nicht wirklich. Wir wissen, dass der scheinbar paradiesische Zustand des Schlaraffenlandes nur faul machen würde. Wo es nichts (mehr) zu gewinnen gibt, fehlt der Anreiz, mehr zu leisten. Wo alles ausgeglichen würde, käme die Kultur an ihr Ende. Auch sie entwickelt sich und schöpft Kraft aus Unterschieden, aus Spannungen.”

    Kommentar von Campo-News — 28. April 2009 @ 09:31

  5. Verwechselt man dieses Gefühl des atemlosen Grauens mit der Erregung ob des Zustandes unserer Welt? Ginge es uns besser, säßen wir ohne Medieneinwirkung auf freundlich temperierten Inseln? Aber wie soll das gehen, wenn alle nachkämen? Der Erste würde wieder beginnen, aus seiner Palme Profit zu schlagen, die Fischrechte zu verkaufen, die Wasserabgabe zu kontrollieren. Keine Lösung. - http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,831015,00.html

    Kommentar von Campo-News — 5. Mai 2012 @ 10:08

  6. Schon bei Marx gab es den Traum vom glücklichen Endzustand nach allen Klassenkämpfen, jene „Assoziation“, worin „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. Ein „fürchterlicher Kitsch“, meint Pohrt - http://www.tagesspiegel.de/kultur/das-allerletzte-gefecht/7978460.html

    Kommentar von Campo-News — 26. März 2013 @ 08:41

  7. Die Ökos freuen sich ja - http://www.focus.de/regional/hannover/umweltministerium-reagiert-er-biss-sogar-einen-hund-auffaelliger-wolf-kurti-ist-getoetet-worden_id_5478716.html

    Kommentar von Campo-News — 28. April 2016 @ 08:52

  8. http://www.achgut.com/artikel/knusper_knusper_knaeuschen_wer_knabbert_an_meinem_haeuschen

    Kommentar von Campo-News — 11. August 2016 @ 17:31

  9. https://www.welt.de/politik/deutschland/article146073348/Warum-unser-Umgang-mit-Woelfen-extrem-gefaehrlich-ist.html#cs-DWO-IP-Woelfe-Deutschland-as-Aufm-jpg.jpg

    Dostojewski durchschaute bereits im frühen 19. Jahrhundert, dass der utopischen Vision der Perfektion etwas äußerst Pathologisches innewohnt, etwas, das zutiefst anti-menschlich ist.

    Er dekonstruierte das Konzept der Utopie. Er sagte etwas, das mir sehr gut gefällt. Es ist brillant. Er sagte: Stellen Sie sich vor, Sie haben die sozialistische Utopie erschaffen. Stellen Sie sich vor, Menschen haben nichts anderes zu tun, als zu essen, zu trinken und sich mit der Fortpflanzung der Spezies zu beschäftigen. Er sagte, das erste, das unter solchen Umständen passieren würde, wäre, dass die Menschen verrückt würden und mit dem System brechen, es zerstören würden.

    Es könne eben nur darum Unerwartetes und Verrücktes passieren, weil sich Menschen keinen utopischen Komfort und Sicherheit wünschten. Sie wünschten sich Abenteuer, Chaos und Unsicherheit. Deshalb ist das eigentliche Konzept der Utopie anti-menschlich, weil wir nicht für statische Utopie geschaffen sind. Wir sind geschaffen für eine dynamische Situation, in der Forderungen an uns gestellt werden und in der es die optimale Menge an Unsicherheit gibt. http://www.achgut.com/artikel/utopien_sind_die_hoelle

    Kommentar von Campo-News — 4. März 2017 @ 11:47

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack-URL

Einen Kommentar hinterlassen

You must be logged in to post a comment.

kostenloser Counter

Weblog counter