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19. November 2007

Zeit der Abrechnungen

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 18:56

Tanja Krienen-Artikel bei SPIEGEL-ONLINE (Eines Tages) über die Ausbürgerung von Wolf Biermann

Nach den kürzlich bei FOCUS-Online erfolgten Schmähungen über Wolf Biermann, gibt es nun unter dem Titel ZEIT DER ABRECHNUNGEN, bei SPIEGEL-ONLINE eine authentische Schilderung der damaligen Abläufe. Der auf 10000 Zeichen gekürzte Beitrag, entstand in vollem Umfang im Jahre 2001 und kann hier mit umfassender Bebilderung nachgelesen werden. Nebenbei möchte ich an dieser Stelle auch einmal darauf hinweisen, kann ich wohl mit Ausnahme einer Sendeanstalt die einzige bin, die “laufende Bilder” (mit Ton) von dieser Veranstaltung besitzt. Dies sei nur einmal für andere Medien hiermit erwähnt…

Nachfragen bei mail@tanjakrienen.de

5 Kommentare »

  1. Ergänzung

    Ich geh mit meiner Uniform spazieren (Bericht vom 18. November 2001)

    Bevor ich am Wochenende nach der Präsentation des Buches „Die Ausbürgerung – Anfang vom Ende der DDR“ und des Biermann-Konzertes zum 25. Jahrestag der Maßnahme, aus Berlin zurück nach Unna fuhr, stattete ich der deutschen Taliban-Zentrale – dem Karl-Liebknecht-Haus – noch einen Besuch ab.

    Diether Dehm der sogenannte Ex – Liedermacher Lerryn und heutige Parteivize der umbenannten SED - lud wieder Mal zum „Roten Bock“, einem – wie ich erfuhr – obskuren sonntäglichen Talk-Frühschoppen mit so ganz eigenen, ja eigenartigen Bedingungen, der an diesem Sonntag, den 18 November 2001, 10.30 Uhr zum Thema „Afghanistan“ stattfinden sollte. Seine Plaudergäste waren Wolfgang Gehrcke, der frühere SDAJ-Chef und DKPler, den man jetzt fatalerweise, zum außen- und friedenspolitischen Sprecher weiß wusch, sowie Herrn Reinhold Andert, Liedermacher-Darsteller und Wiegler im Auftrage durchsichtiger Motive.

    Ich also nix wie hin, um die beiden „Wanderer zwischen den Welten“ (Dehm über Dehm) ein bisschen zu ärgern. Über Dehm, der nach Biermanns-Ausbürgerung dessen Manager war, schrieb Henryk M. Broder: „Zur Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR im November lieferte IM Willy bereitwillig Informationen über Wolf Biermann, der zu dieser Zeit bei Günter Wallraff in Köln wohnte. Zitat Dehm: “Charakterlich hat Biermann sich in der letzten Zeit eher negativ als positiv entwickelt. Er ist äußerst labil und mitunter ausgesprochen hysterisch. Er benimmt sich wie ein politisches Kind. Beifall und Schmeichelei lassen ihn jegliche Vorsätze und Versprechen vergessen.” Der IM erhält eine Prämie vom MfS von 500,- DM, die Stasi schreibt: “Durch Dehms hohe Kooperationsbereitschaft ist es gelungen, Biermann nach dessen Ausbürgerung gut unter Kontrolle zu halten.”

    Aber welche unnachahmlichen Texte hatte uns der Dehm, nebenbei Kaus Lage und Bots – Produzent, zu seiner aktiven Zeit beschert? - wenn man nur an die einfallsreichen Verse denkt, die er an die Adresse „Oma Krug“ ejakulierte:

    Oma Krug, Oma Krug
    War niemals krank genug
    Um nicht dabei zu sein
    Zumindest im Ortsverein

    Jetzt liegt wohl Erde drauf, der Deckel ist zu,
    Nach so’nem Treiben braucht man seine Ruh.

    Oma Krug, Oma Krug
    Ist niemals tot genug,
    Um nicht dabei zu sein
    Zumindest im Ortsverein.

    Der durchschaubar inszenierte Dialog Dehms, mit Reinhold Andert, der seine Existenz momentan mit Behauptungen aus berufenen Mündern, nämlich denen des Ehepaares Honeckers, zum Verhältnis Biermann/Margot Feist, später Honecker, aufzuwerten versucht und dabei, wie Günter Wallraff jüngst meinte, einen Rufmord begeht, dieser Andert klampfte sich durch die ersten Minuten mit einem Bekenntnis zum positiven Rassismus. So trug er mit seiner nichtvorhandenen Sangesstimme - seit jeher nicht befähigt zu irgendeiner Modulation - einen kruden sozialkitschigen Klischee-Text vor, der ungefähr, zusammengerafft, so ging: „Gott brannte den ersten Menschen zu schwarz, den zweiten zu weiß, aber beim dritten Versuch schuf er uns – sagte die alte Zigeunerin“. So sieht sie aus, die Welt des Klosterschülers und ML-Studenten Andert.

    Ach ja, dieser Andert! Ausgerechnet er sollte also zum Afghanistan-Krieg, seine nichtvorhandene Erfahrung als Friedensblödel und Liliput-Gandhi vorexerzieren; und dies vor einem Publikum, welches zu 80 % aus Rentnern der alten Parteimeute und 20 % des grenzdebilen, aber auch nicht wesentlich jüngeren Nachwuchses bestand.

    Sicher, seine alten Lieder konnte „das Schwein“, wie ich jemanden dieser Tage über ihn urteilten hörte, leider nicht singen – seine Taktik wäre im Dämmerlicht der Räume im Restaurant „Neues Deutschland“, als dort ausgebrütete Taktik dahingeschmolzen, erinnern wir uns doch zu gut an seine selbstgewerkelten Weisen, die mal langhaarige englische Jungen, mal französische Bordellsucher diffamierten, aber meist so daherkamen, -

    Ich geh` mit meiner Uniform spazieren
    Ich habe heute Ausgang bis um acht

    500 Mann in unserer Kaserne
    Und Schützenpanzer SP sechs Strich zwo
    Dazu noch 30 FlaRas, sehr moderne
    Nur keine Angst, ich sage schon nicht wo
    Zu Hause lernte man uns Freundlichkeiten
    Hier lernen wir den Schützenpanzer drehn
    Und von Raketen die Geschwindigkeiten
    Wir lernen beides gleichzeitig verstehn.

    Ich geh` mit meiner Uniform spazieren
    Ich habe heute Ausgang bis um acht
    Wie immer wird auch heute nichts passieren
    Doch ihr könnt ruhig schlafen heute nacht.

    Dieser exklusive Mut, der neben der Verhöhnung des anscheinend auch von ihm als senil eingeschätzten Publikums, auch das jüngere, ob des kurzen Gedächtnisses irrlichten will, dieser Schlawiner des parteiinternen Frühschoppens im vermeintlich geschlossenen Kreis, taugt angesichts dieser Knittelei, sowenig zum Kriegsgegner wie „Frau“ Alice Schwarzer zum Boxenluder *g* . Noch ein Beispiel für die Staunenden -

    Wir schützen gemeinsam gemeinsame Schienen
    Ein Sowjetsoldat muß drei Jahre dienen
    Wir Waffenbrüder die Hälfte.
    Wir lernen die Konjugation von idti
    Und behalten die Fälle von putj fast nie
    Doch Russisch lernen ist Pflicht
    Denn das ist die Sprache der Weltraumflieger
    Die Sprache unserer Klassenbrüder
    Und die vergessen wir nicht.

    Und wie reflektierte Andert den Einmarsch des Warschauer Paktes in die CSSR 1968? Er lässt einen fiktiven tschechischen Jungen einen ebensolchen Aufsatz schreiben, RGW-Lied:

    „Andere machten sich nämlich Gedanken und behaupteten mit zweitausend Worten, dass unser Bier schlecht sei, weil die Bierfässer den Arbeitern gehörten. Viele glaubten ihnen, plapperten sie nach, wollten die Grenzpfähle ausgraben, um die Bierfässer zu verschenken. Wieder kam die rote Armee, diesmal mit Verstärkung. Sie setzte die Grenzpfähle in Cheb und in den Köpfen wieder richtig, und daraufhin tranken wir unser Bier öfter mit Freunden und merkten, dass es eigentlich ganz gut schmeckte.“

    Die beiden urdemokratisch-sozialistischen Figuren Dehm und Andert, schoben denn auch aus aktuellem Anlass das eigentlich, dank der erfolgreichen Alliierten, erledigte Thema Afghanistan beiseite und höhnten, litten und erröteten über das Thema Biermann, dem das „Verlautbarungsorgan des Bundesnachrichtendienstes, der Spiegel“ (Zitat Dehm), viel zu viel Platz eingeräumt hätte und über den man in den letzten Tagen in penetrantester Form überall gestolpert wäre – angewidert blickte der Andert den Dehm an! Doch nun solle der Reinhold mal erzählen, was ihm Margot Honecker, die gepeinigte, so alles über ihren alten Bekannten erzählte. Andert legte los, rührte hier den Wende-Quark, mixte dort ein Legendchen bei, streute auch nicht Nachvollziehbares ein, kurzum, stellte seine Melange aus fremdinjiziertem Honecker-Schmus als Recherche dar, laut greinend im schwachzähligem Chor mit Dehm, niemand hätte Werbung für sein (Anderts) Buch machen wollen. Dabei, so Dehm, würde doch nun klar sein, dass Biermann die Ausbürgerung gemeinsam mit Margot Honecker als „PR-Gag“ inszeniert habe.

    Es reichte. Ich meldete mich, ordnungsgemäß, parteigerecht, wie es sich für einen Wortbeitrag gehört. Dehm schüttelte den Kopf, Andert schickte sich an, weiter zu plappern, Dehm pflichtete ihm höhnend bei, wie Wolf Biermann der seit Kindertagen bekannten Margot Feist/Honecker, Lieder zu deren Gaudi vorgetragen hätte usw.. Nun fiel ich ihm ins Wort; begrüßenswert wäre dieses aktuelle Thema der Biermann-Ausbürgerung, denn das Thema Afghanistan habe sich ja schon erledigt, hier aber würden Lügen verbreitet. Andert schwieg. Dehm griff das Mikro fester, wurde energischer; hier dürfe nicht diskutiert werden, das hätte man noch nie gemacht. Ich wäre zum ersten Mal hier, antworte ich und fände eine Diskussion erheblich sinnvoller, erst recht, da hier Unsinn geredet würde. Übrigens gäbe es ein interessantes neues Buch zur Ausbürgerung. Andert blich vor sich hin und her. Dehm benutzte nun ohne jegliche Scheu die Macht des Mikros um mich zu übertönen, meinte also gut, „Die Ausbürgerung“ heißt das, aber nun machen wir weiter. „Warum scheut man hier die Diskussion?“ fragte ich, rufend, und: „Es scheint sich nichts geändert zu haben!“ „Nein, es hat sich nichts geändert“, höhnte der nassforsche Dehm ziemlich einsilbig, während Andert seine Brille zurechtrückte.

    Inzwischen brachen Tumulte unter den Rentner aus: „Schmeißt sie raus! Ruhe jetzt!“ Nach all meinen Erfahrungen mit der P“DS“ sah ich nun den Zeitpunkt des schwungvollen Abganges gekommen, nicht ohne laut zu bemerken, hier säßen Spitzel und Lügner an einem Tisch um eine lächerliche Show abzuziehen, - ging dann aber hinaus. Einem anwesenden KONKRET-Autor (Mathias Wedel) erklärte ich noch kurz meine Motivation und zog es dann vor, Brechts-Wohnung, sein Sterbezimmer und sein Grab an und auf der Chausseestraße zu besuchen, noch vor dem Museum am Checkpoint Charlie. Ein schöner Sonntagmittag, am Ende einer ereignisreichen Woche, ging zu Ende.

    TK in der Stunde nach der gelungenen „konstruktiv-stragetischen Störung“:
    pic7tk.jpg

    Kommentar von Tanja Krienen — 19. November 2007 @ 19:11

  2. https://www.dhm.de/lemo/objekte/pict/NeueHerausforderungen_zeitschriftSpiegelBiermann/index.html

    Kommentar von SH — 20. November 2007 @ 10:26

  3. Jetzt auch bei der Huffington Post - http://www.huffingtonpost.de/tanja-krienen/die-ausbuergerung-von-wol_b_4279162.html?utm_hp_ref=germany

    Kommentar von Campo-News — 18. November 2013 @ 16:34

  4. http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/kein_sozialismus_ohne_freiheit

    Kommentar von Campo-News — 28. Juli 2015 @ 13:25

  5. https://www.rbb-online.de/fernsehen/programm/15_11_2016/18981331117.html

    Kommentar von Campo-News — 16. November 2016 @ 06:13

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