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19. April 2006

Kinderausbeutung durch die Kirche

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 10:48

Endlich nahm sich auch Spiegel-Online des Themas an, das der CAMPO schon in seiner Ausgabe Nr. 4 behandelte: Kindesmissbrauch durch die Kirche. Es sei deshalb noch einmal dokumentiert, was Martin Mitchell vor 2 ½ Jahren schrieb und worauf eine Betroffene antwortete. Auch das Buch von Jürgen Schubert, der in Wort und Bild von SPIEGEL-ONLINE präsentiert wird und mit dem wir seinerzeit in Kontakt standen, wurde vorgestellt. Das Thema Kindesmissbrauch durch die Kirche oder durch Hormone spritzende Ärzte, interessiert ja gewöhnlich nicht so sehr.

Präzedenz oder weitere (Ent)täuschung
Berichtet von Martin Mitchell aus Australien, Betreiber von www.freistatt.de.vu
*Bund der jetzt aktiven von den Kirchen in Deutschland in Heimen misshandelten Kinder, 1945-1985*

Einer Gruppe von Deutschen - damaligen minderjährigen Opfern von staatlicher Gewalt und schweren Misshandlungen auch in kirchlichen Einrichtungen während der NS-Zeit - und auch noch danach - wurde am 17.10.2003, in einer Feierstunde in Münster von der für Westfalen zuständigen Aufsichtsbehörde, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe, eine offizielle “Entschuldigung” überreicht. Worum handelte es sich hier, und wer waren die Opfer?

Es handelte sich um Kinder und Jugendliche, die entweder damals keine Eltern hatten oder aus absurden und nichtigen Gründen und auch auf gesetzwidrige Weise ihren Eltern entrissen und in Anstalten staatlicher und privater Trägerschaft eingesperrt und dort schwer misshandelt worden waren, nicht nur während der NS-Zeit, sondern auch noch danach.

Hunderttausende von jungen Menschen waren deutschlandweit, auch noch mehrere Jahrzehnte nach dem Kriege, von solchen Foltern und der damit verbundenen Zwangsarbeit betroffen. Aber eine “Entschuldigung” gab es bisher – nach ca 50 Jahre langem Warten – nur für neun Personen, deren Leiden schon während der NS-Zeit begonnen hatte, und die zusätzlich damals auch noch sterilisiert worden waren, oder die damals auch, weil als “minderwertig” klassifiziert, unter Bedrohung des Abtransportes zum Tode standen. Acht erhielten ihre “Entschuldigung” am 17.10.2003, und ein Neunter, Paul Brune, erhielt seine “Entschuldigung” separat, am 15.1.2003. In den Medien wurde kaum darüber berichtet. Nur die erschütternde Geschichte des Paul Brune kann man heute im Internet finden: @ www.vfb.net/news/messages/156.html.

Dieser Artikel wird von einem in ähnlicher Weise damals betroffenen minderjährigen Opfer von staatlicher und kirchlicher Gewalt geschrieben, der seit 1964 in Australien sesshaft ist. Er selbst wurde in den frühen 60er Jahren – also nahezu zwanzig Jahre nach dem Kriege – in der Anstalt Freistatt im Wietingsmoor (eine zu den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel gehörende Zweiganstalt in Niedersachsen) von Diakonen misshandelt und zur unbezahlten Schwerstarbeit im Akkord im Moor gezwungen. Seit Juni 2003 berichtet er auf seiner Webseite www.freistatt.de.vu., die er ohne Zensur von Australien aus betreibt, im Detail darüber, und auch über das Leiden, über vier Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, von anderen minderjährigen Opfern – mehrere hunderttausend, wenn nicht sogar mehrere Millionen von deutschen Mädchen und Jungen, denen nicht etwa in der DDR, sondern in der Bundesrepublik, ihre Kindheit und Jugend gestohlen wurde – und was sie in diesen von den Kirchen betriebenen Fürsorgehöllen, wo sie oftmals jahrelang eingesperrt gehalten wurden, hatten erleiden und überleben müssen. Es gab mehr als 3.000 solcher ‘Heime’ in West-Deutschland mit mehr als 250.000 Plätzen. Diese Folterkammern wurden, meistens mit Unterstützung des west-deutschen Staates, von den Kirchen betrieben!

Der am 19. Mai 2003 erschienene SPIEGEL-Artikel “Kirche: Unbarmherzige Schwestern”, der auch eingehend über dieses Thema berichtet, ist jetzt auch auf Martin Mitchells Webseite www.freistatt.de.vu wiedergegeben. Ebenfalls dort wiedergegeben ist der von Regina Gazelle (Betroffene) aufgesetzte Artikel »Systemische Kindesmisshandlung in kirchlichen Heimen – Ausbeutung von Kindern in massiven Wirtschaftsunternehmen der Kirchen in Deutschland. – Wer schweigt, macht sich (mit)schuldig!« Anscheinend war dieses Einsperren von Kindern auf diese Art und Weise und für die angegebenen Zwecke auch schon immer rechtswidrig, jedoch bestimmt rechtswidrig seit dem Tag des Inkrafttretens des Grundgesetzes am 23. Mai 1949, als die Bundesrepublik Deutschland ins Leben gerufen wurde.

In dem “Abschlussbericht des Unabhängigen Untersuchungsausschusses zu Vorgängen im ehemaligen Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau (einer von mehreren kommunistischen Anstalten der ehemaligen DDR ähnlich denen im Westen von den Kirchen betriebenen ‘Heimen’)” wird, u.a. von einem schweren Verstoß gegen die Menschenrechte berichtet. Zutreffende Auszüge von diesem Bericht werden auch auf des Verfassers Webseite von ihm dort wiedergegeben.

Im Westen war es genau das Gleiche – und vielleicht, an vielen Stellen, noch viel schlimmer als im Osten – und hier, im Westen, war es mit Religionszwang verbunden, der von den beiden deutschen Amtskirchen ausgeübt wurde – also “Umerziehung” und “Indoktrination” zur Religionsgläubigkeit und Religionszugehörigkeit durch Furcht und Gewalt: “Fromme Prügel” und “Arbeite und Bete” waren auf der Tagesordnung. Und auch Manufakturen profitierten von dieser Kinderfolter und Kinderzwangsarbeit im Westen, so z.B. u.a. Hella, Schlaraffia und Claas; aber Rente für diese verlorenen Jahre ihres Lebens bekommt heute keiner; und damals war man volljährig nicht mit 18 Jahren, sondern mit 21, und viele wurden bis zur Volljährigkeit hinter Gittern und Stacheldraht von den Kirchen ‘verwahrt’, und dann als Hilfsarbeiter vor die Tür gestellt.

Die Kirchen waren die Täter, die Jugendämter waren die Hehler, aber das heutige Schweigen darüber, ihrerseits, ist ohrenbetäubend. Und ob die heutige deutsche Bundesregierung sich jetzt für die damaligen Opfer einsetzen wird, bleibt abzuwarten. Die Frage, Wann kann *die Vielzahl der damals ebenfalls von diesen Misshandlungen betroffenen Opfer* eine anständige Entschuldigung und eine nach internationalem Standard angemessene Entschädigung erwarten?, hat bisher niemand beantworten wollen.

Der Verfasser hat sich in Australien mit den unterschiedlichsten Jobs über Wasser gehalten: Schafe scheren, einem Reinigungsbetrieb und Landarbeiten, hat geheiratet, 2 Kinder großgezogen, lebt heute bei Adelaide, Süd Australien, von Pflanzen- und Hundezucht.

Kontakt und Leserbriefe: P O Box 112 . LONSDALE . SA . 5160 . AUSTRALIA .
Email: martinidegrossi@yahoo.com.au

Kurzkritik – und Vorstellung des Jürgen Schubert-Buches Im CAMPO Nr. 5

Jürgen Schubert: Mundtot – Nachkriegsbiographie eines nicht gewollten Besatzungskindes, Verlag für Akademische Schriften VAS, ISBN 3-88864-288-4

Ein Mann bricht nach Jahrzehnten sein Schweigen und schildert seine Jugend als von der Mutter verstoßendes Kind eines russischen Soldaten, das anschließend die Vorhölle auf Erden in einem katholischen Erziehungsheim durchleben muss. Jürgen Schubert bleibt trotz des erlittenen Unrechtes bei seinen nüchternden Schilderungen, die durchaus noch eine deutlichere politische Wertung hätten erfahren können. Sein Verdienst ist es, die haltlosen Zustände in vielen kirchlichen Einrichtungen öffentlich benannt, und die Kirchen zu Stellungsnahmen gezwungen zu haben.

CAMPO Nr. 4: Präzedenz oder weitere (Ent)täuschung, von Martin Mitchell

Klerikale Dilettanten

Als ebenfalls Betroffene, eingesperrt in einer dieser Fürsorgehöllen, kann ich nur bestätigen, was Herr Mitchell berichtete. Ich las seinen Beitrag mit tränenreichen, emotionalen persönlichen Erinnerungen, er schrieb hervorragend und wahrheitsgemäß. In diesen Heimen herrschten Dickens´sche Zustände zu einer Zeit des beginnenden Wohlstands in unserer neuen Demokratie.

Hinzu fügen möchte ich noch, dass wir damaligen Zöglinge, egal in welchem
Kontext, unablässig als „schattige Elemente“ oder sogar als „Kriminelle“ dargestellt werden. Das möchte ich widerlegen. Sicherlich gab es Kinder und Jugendliche, die soziale Auffälligkeiten zeigten: Kontaktarmut, verbunden mit apathischem, autistischem, ängstlich-depressivem Verhalten. Ausgeprägter
Hospitalismus, übermäßiger Bewegungsdrang (heute ADS) Ess-Störungen, überhöhte Aggressionen, Lügen. (Letzteres wurde ihnen durch die obligatorische Beichte beigebracht, da sonst hinterher Peitschenhiebe auf sie warteten).

„Ordnung und Sauberkeit“ war die Maxime, und darüber thronte das ORA ET LABORA (bete und arbeite)Unbequeme, unangepasste, kritische oder oft nach der Mutter weinende Kinder kamen zur Strafe in Isolierzellen, bis sie sich wieder „ordentlich“ benehmen konnten. Diesen kindlichen Nöten wusste man aber auch schon bald ein Ende zu setzen: Das un(aus)ge-bildete Ordens-personal griff nun zu Konse-quenzen, natürlich im Konsens mit dem Jugendamt, damit wieder Ordnung, Ruhe und Zeit zum Beten einkehre: Die auffälligen Kinder kamen in die Psychiatrie, Mit potenten Sedativen und anderen chemischen Keulen war das Problem gelöst.

Diese klerikalen Dilettanten hätten doch so viel Leid lindern können, stattdessen aber wurde noch der letzte Hoffnungs- und Lebensfunke genommen. Zöglinge wurden traktiert, wie man dies keinem Massenmörder zumuten würde: Mit harten Gegenständen bis zur Bewußtlosigkeit blutig geschlagen, in ihrer Blutlache liegengelassen. Für die meisten dieser armen Geschöpfe führten diese täglichen, brachialen Gewaltanwendungen in eine Zukunft der physischen und psychischen Verkrüppelung.

Jugendliche, die aufsässig, stur oder frech waren, die vielleicht einmal einen Streich zu viel ausheckten, wurden Opfer der kirchlichen Mißhandlungen. Mißhandelte und mißbrauchte Jugendliche, die dringend Hilfe brauchten, wurden in den Akten als „Täter“ und „frühreif“ geführt.

Als Heranwachsende das 1. Mal verliebt mit 17 Jahren! Es wurde heftig denunziert. Die Liste ist lang und dementsprechend auch die bedeutungslosen Anlässe zur Einweisung. Ein „Heim“ hätte doch das sein können, was der Name verspricht. Mit 21 Jahren, in der Blüte des Lebens, wurden wir als menschliche Wracks in eine Welt entlassen, die damals bis heute, 30, 40, und 50 Jahre danach, nichts von uns wissen will.

Ute Holzbrinck, Bergkamen

57 Kommentare »

  1. Zwei Stellungnahmen zur Heimkinder-Sache von einem evangelischen Theologen:

    ERSTENS:

    [ erstmalig vom 14.03.2006 und wiederholt am 23.03.2006 ]

    Leserbrief

    Endlich wird das Schicksal der Heimkinder in der Nachkriegszeit zum Thema. Kirch- liche und staatliche Einrichtungen haben in einer unheiligen Allianz die Schwarze Pädagogik der Nazis fortgeführt. Immer noch stehen die Heimkinder in der Opferhierar- chie ganz unten.

    Das Buch von Herrn Wensierski ist hoffentlich geeignet, das Schicksal der Heimkinder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken und dadurch die Verantwortlichen zu bewegen. Von Wiedergutmachung kann zwar keine Rede sein, denn der Verlust von Kindheit und Jugend ist nicht wieder gut zu machen. Aber drei Dinge sollten möglich sein:

    1. Anerkennung der Verantwortung und Bitte um Vergebung
    Verantwortlich sind hier neben einigen noch lebenden Personen vor allem Institutionen und ihre Rechtsnachfolger:
    An erster Stelle sind die Kirchen und die mit ihnen verbundenen Einrichtungen zu nennen, und dann die staatlichen Auftraggeber. Not tut ein neues „Stuttgarter Schuld- bekenntnis”, in dem beide Kirchen die inhaltliche Verantwortung für ihre Einrichtungen in Diakonie und Caritas bzw. ihrer Orden übernehmen und die damals Misshandelten und Ausgebeuteten im Vergebung bitten.

    2. Inhaltliche Aufarbeitung
    Theologie und Kirchen schulden der Öffentlichkeit Rechenschaft, wie es angesichts der menschen- und speziell kinderfreundlichen Botschaft Jesu zu dieser Orgie von Verletzungen der Menschenrechte kommen konnte.

    Auch die staatlichen Instanzen sind aufgerufen, sich an dieser Rückbesinnung zu beteiligen: Wie konnten aufsichtführende Ämter dermassen versagen? Und: Wie steht es heute mit der Aufsicht? Jugendämter haben keine Fachaufsicht und es gibt immer wieder Einzelfälle, in denen Landräte und Jugendamtsleiter versuchen, amtliches Versagen zu bemänteln und inkompetente Mitarbeiter zu decken.

    3. Finanzielle Linderung der Folgen
    „Arbeitstherapie” gehörte damals zu den Standardmassnahmen. So darf mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass Kinder und Jugendliche zumindest ab dem 14. Lebensjahr in den Kinderheimen zur Arbeit eingesetzt wurden. Es ist also ausreichend, wenn durch Akten oder Zeugen belegt wird, dass jemand im jugendlichen Alter im Heim gewesen ist und wie lange. Diese Zeit ist bei der Rentenzumessung zu berücksichtigen. Eine solche Denkfigur entspricht fiskalischen Pauschalannahmen zur „Lebenswirklichkeit”, gegen die in der Regel kein Widerspruch einzelner Steuerpflichtiger zugelassen wird. Hier muss man den Staat in die Pflicht nehmen.

    Da auf die Rentenkassen damit wieder einmal „politische” Kosten zukommen, wäre eine finanzielle Beteiligung der Einrichtungen angemessen, die von der Arbeitskraft der Kinder profitiert haben.

    Eine kirchliche Bitte um Vergebung würde um so glaubhafter, wenn die Kirchen zusammen mit den staatlichen Instanzen einen Opferfonds finanzierten, aus dem dann die erforderlichen Psychotherapien bezahlt werden können, die den traumatisierten Heimkindern helfen, mit ihrer Vergangenheit fertig zu werden.
    Dierk Schäfer

    Diplom-Psychologe & Diplom-Theologe
    Akademieweg 11
    73087 Bad Boll
    Fone: (0 71 64) 79-209
    Fax: (0 71 64) 79 5 209
    Fone (privat): (0 71 64) 1 20 56

    ZWEITENS:

    [ 12.04.2006 ]
    Offener Brief

    Herrn Präsident
    Dr. h.c. Jürgen Gohde
    Diakonisches Werk (EKD) e. V.
    Reichensteiner Weg 24
    14195 Berlin

    [ 12. April 2006 ]

    Sehr geehrter Herr Präsident,

    vor knapp einem Monat habe ich mich in der Heimkinder-Sache an Sie gewendet. Ein Zufallsfund gibt mir Anlaß, Ihnen noch einmal zu schreiben.
    Der epd meldete, Sie wollten, daß die Mißstände in den Nachkriegs-Heimen umfassend aufgearbeitet werden.

    Dazu gehört auch eine Neubewertung des Wirkens von Johann Hinrich Wichern, der ohnehin schon in dieser Diskussion mit Äußerungen zitiert wurde, die nicht zum Bild paßten, dass man in seinem Theologiestudium (vom Religionsunterricht abgesehen) von ihm bekommen hat. In meinem Zufallsfund geht es zwar nicht um Heime, sondern um das Gefängnis in [Berlin-]Moabit. RGG [ “Religion in Geschichte und Gegenwart” ] und TRE [ “Theologische Realenzyklopädie” ] schreiben, daß Wichern mit seinen Gefängnis-Reformvorstellungen gescheitert sei. Über die Gründe erfährt man dort nichts. Wenn der Verfasser meiner Fundstelle recht hat, hielten die Abgeordneten des Preußischen Landtages, denen man wohl keine „Humanitätsduselei” gegenüber Strafgefangenen unterstellen darf, die Maßnahmen Wicherns und seiner „Brüder” für unmenschlich.

    Dies wirft Fragen nach den Konzepten des Rauhen Hauses auch für die Heimerziehung auf, die der Aufarbeitung ebenso bedürfen, wie die Frage, ob der Rettungshausgedanke nicht letztlich eine Spielart von Fundamentalismus ist, der die persönlichen Belange der zu Rettenden eher vernachlässigt oder ihnen gar brutal (aus „höherer” Sicht) zuwiderhandelt. Gewiß war Wichern ein Kind seiner Zeit und wie wir, die Kinder unserer Zeit, einmal beurteilt werden, steht noch dahin. Doch durch die aufgekommene Diskussion, die – nach meinem Eindruck in den Medien – nur sehr widerwillig aufgenommen wurde, steht das Ansehen der Kirche (Kirche als „Dachmarke” für beide Großkirchen und deren Institutionen) auf dem Spiel. Es gibt Beispiele aus frischer Vergangenheit, wie angemessen oder schädigend manche Firmen mit geschichtlicher Schuld oder aktuellen „Pannen” umgehen. Nachdem Herr Wensierski die Öffentlichkeit mit seinem Buch [ “Schläge im Namen des Herrn - Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik”] gefunden und alarmiert hat, werden die Kirchen angemessene Formen finden müssen, um ihre Vergangenheit – die in den Heimkindern weiterlebt – und ihre davon abgehobene Praxis in der Gegenwart der Öffentlichkeit glaubwürdig zu kommunizieren. Die Behandlung der Probleme auf lokaler Ebene ist zwar essentiell für die Betroffenen, reicht aber nicht aus, um den „Image-Schaden” der Kirchen zu beheben.

    Als meinen Beitrag zur Aufarbeitung schicke ich dem Ratsvorsitzenden der EKD eine Kopie meines Schreibens und seiner Anlage und stelle beides auch dem Verein ehemaliger Heimkinder e. V. zur Verfügung.

    Mit freundlichem Gruß
    Dierk Schäfer
    Evangelische Akademie Bad Boll . Akademieweg 11 . D-73087 Bad Boll
    dierk.schaefer@ev-akademie-boll.de

    Kommentar von Martin Mitchell — 19. April 2006 @ 11:33

  2. Damalig begangenes UNRECHT aufarbeiten !

    Ein sehr wichtiger und umfangreicher Artikel verfasst (am 17.04.2006) von Herrn Michael-Peter Schiltsky (in seiner Kapazität als Vereinsberater, im schon am 14. Oktober 2004 in Deutschland gegründeten “Verein ehemaliger Heimkinder e. V.”) zum Thema “Kindheit und Jugend ohne Menschenrechte - Gedanken zu einem unrühmlichen Kapitel deutscher Nachkriegs-Geschichte”, der als ein Artikel von sehr hoher gesellschaftlicher Bedeutung angesehen werden muss, ist, momentan, einzig und allein, hier auffindbar @ http://www.vehev.org/Thema.html

    Kommentar von Ehemaliges Heimkind — 22. April 2006 @ 06:43

  3. Ich kann dieses Thema sehr gut nachvollziehen, weil ich selbst eine Reihe schlimmer Erfahrungen mit der öffentlichen Erziehung machte – privat war sie seinerzeit auch nicht viel besser - besonders während zweier Kuraufenthalte, die ich in meiner Biographie in den Kapiteln „Todgeweiht“ und „Tierversuchsanstalt“ beschrieb. Ein Ausschnitt:

    1. Teil

    Der Mief der 50er Jahre war für ein aufmerksames Kind überall spürbar, denn über die Zwänge und das fremdbestimmte Dasein hinweg, wie es jedes Kind zu erleben glaubt, ereigneten sich doch Begebenheiten, welche verstärkt - viel stärker als heute - Milieu, - und Zeit - abhängig wirkten. Normale proletarische Eltern waren ahnungslos bezüglich der moderner Pädagogik; Schule und Kindergarten waren ein Hort unveränderter Rituale und die gesellschaftlichen Verhältnisse noch immer von grundsätzlichen Widersprüchen zwischen den Klassen, Ständen und Gruppeninteressen geprägt.

    Und also wurde beschlossen, meine kleine spindeldürre Existenz, durch eine Kur aufzupäppeln! Das veranstaltet man gewöhnlich nicht mit einem so kleinen Kind und so fuhr ich auch alles andere als wohl gestimmt zu einem vierwöchigen Aufenthalt ans Ende der Welt, in eine Gegend ohne Autos, ohne Industrie, nur mit einem Bimmelbähnchen ausgestattet, auf die Insel Juist. Per Eisenbahn ging es dorthin.

    Einem mitkurenden 19-jährigen hatte meine Mutter aufgetragen, mir doch bitte aus einem Kinderbuch vorzulesen, aufdass es die lange Fahrt in die Nordsee-Walachai ein wenig verkürze. Pustekuchen. Der kleinen, anvertrauten Seele blieb nichts, als der Blick aus dem Fenster des Zuges, an diesem Tag im Mai 1963. Knapp 18 Jahre waren nun seit dem Kriegsende vergangen, aber was hatte sich hier, im Kurlandheim Juist eigentlich geändert? Nein, nicht dass hier Hakenkreuzfahnen hingen, die wurden wahrscheinlich schon im Jahr zuvor abgehängt - aber sonst?

    Ich war das Zweitjüngste, bekam folgerichtig den Spind Nr. 2. Am Tag vor meinem sechsten Geburtstag bekam ich ein Päckchen mit Süßigkeiten von meinen Eltern zugesandt. Ich durfte es aufmachen und bestaunen, dann nahm man es mir ab, verteilte alles bis auf ein paar Bonbons und einen Lutscher auf die anwesenden anderen Kinder, während meine zaghaften Proteste allmählich verstummten. Alles verlief hier nach streng national-sozialistischem Plan.

    Ich durfte, nein musste, manchmal Briefe schreiben, nicht wirklich, denn das konnte ich selbstverständlich noch nicht, aber es gab an den langweilen Nachmittagen, die mit Herumhängen bei Kaffe und Kuchen oder Bastelkram ausgefüllt wurden, auch ab und zu eine Schreibstunde. Die kleine, nutzlose Füllmenge der Analphabeten, also so was wie ich, bekam dann wider aller Vernunft einen Stift in die winzige Hand gedrückt und es wurde ihr befohlen etwas ,,nach Hause“ zu schreiben. Ich war alt genug um zu wissen, dass dies eine lächerliche Aktion war, ohne Sinn und nur mit dem Ziel mich zu beschäftigen. „Ich kann nicht schreiben“, sagte ich. „Du kannst“, herrschte man mich an, „Deine Mama kann das lesen!“ Das wusste ich besser - ich schrieb nicht. „Du schreibst jetzt an Deine Mama“, nachdrücklich umfasste das Aas meine Hand. Und so schrieb ich - der Matrone zur Befriedigung - in vollem Bewusstsein, dass dies niemals jemand lesen konnte, selbst meine Mutter nicht und spielte das rauf-und-runter-Spiel. Das sah absolut beschissen aus und ergab keinen Sinn, aber die Oberaufseherin fand ein lobendes Wort; „Siehst Du doch, wie gut das geht. Da wird sich Deine Mama aber freuen.“ Der Schmierzettel wurde noch heimtückisch in einen Umschlag gesteckt und dann irgendwohin verbracht.

    Das Schönste aber waren die Mahlzeiten, denn die armen Kreaturen hatte es ja dorthin verschlagen, damit sie kräftiger werden sollten und so achteten die anwesenden Halunkinnen besonders darauf, dass wir „die Teller aufaßen“. Das sollten wir, - die Teller aufessen! Gar nicht leicht, so was! Teller essen! - (ja, ich weiß, Karl Kraus hat in etwa diese Redewendung verteidigt, aber ich muss ihm ja nicht immer Recht geben). Jene Teller sollte ich also „aufessen“, auf denen die üppigsten und wohlschmeckendst hergerichteten Speisen lagen, - grätiger Fisch, muffige Erbsen, spelzige Steckrüben, weich-breiiger Spargel, Bohnen mit Fäden, dazu z.B. als schmackhafte Beilage, mehlige Kartoffeln unter einer abgestandenen Senfsoße, ersatzweise einer tranig-fischigen Suppe undefinierbaren Inhaltes. Hinterher gab es dann als Nachtisch Griesbrei, Milchpudding oder Rhabarbermus.

    Nein, ich änderte meine Essgewohnheiten nicht. Lehnte den Fraß ab, verzweifelte, weinte, schrie - doch es half nichts, es musste der „Teller aufgegessen“ werden. Mehrmals hatte ich beobachtet, dass den Kindern, die das „Essen“ wieder herauswürgten oder kotzten, der ganze halbverdauten Brei wieder mit dem Löffel zurück eingetrichtert wurde und so dachte ich mir eine gute Gegenstrategie aus, die ich eines Mittags zum ersten Mal anwenden konnte. So etwa eine Woche hatte ich mit viel Glück und Disziplin jeden Brechreiz unterdrücken können, doch als zum Mittagessen meine Lieblingskombination Bohnen mit anschließendem Rhabarber-Dessert aufgetischt wurde, war es dann soweit.

    Vor mir also der Teller mit Bohnen, der unbedingt aufgegessen werden musste, dahinter das Rhabarberschälchen, durchsichtig, ohne Muster - nur gefüllt mit süßlichem Rhabarbermatsch. Niemals konnte auch nur eine dieser Bohnen so(!) gegessen werden. Alle hatten an ihrer gekrümmten Rückseite einen Faden. Einen Faden, den man abziehen musste, wollte man nicht an ihm ersticken. Man hatte es als überflüssig angesehen diese Fäden zu entfernen, zu schälen, abzubrennen oder weiß was ich wie auch immer zu vernichten, - er hing an jeder Bohne, wie ein Kölner an seinem Dom, und nur mit Gewalt waren sie zu trennen.

    Auf meinen Teller, genauer auf seinem Rand, hatte sich schon eine Schicht abgepulter Fäden zu einem daumenhohen Häuflein aufgeschichtet, als der letzte Mitesser den Esssaal verließ und nach draußen zum Spielen gehen durfte. Ich saß jetzt allein dort; immer wieder aufgefordert den „Teller aufzuessen“. So allein war ich noch nie. Durch die Nase konnte ich nicht mehr atmen, der Tränenschleim setzte alles zu, mein Magen rebellierte. Als ich dann den letzten Rest kalter, fester Bohnen herunterwürgte, erwartete mich der Nachtisch, - mein Schälchen Rhabarber, süß, schleimig, pampig, genau das Richtige, um es mir zu endgültig zu besorgen. Ich konnte nicht mehr. Keinen Löffel davon konnte man auf einmal von dieser Mixtur aus Boshaftigkeit und unreiner Denkungsart essen. Nur ein paar Mikronbestandteile dieses fadenschleimigen Zellhaufens waren gleichzeitig auf der vordersten Löffelspitze aufzunehmen, um sie mitten auf der Zunge abzulegen und dann hinunter zuschlucken. Der hintere Teil der Zunge besaß weniger Geschmackspapillen und nur deshalb gelang mir überhaupt ein bisschen des Verzehrs von dieser schmierigen Pampe. Immer wieder trieb man mich an: „Wie lange sollen wir denn noch warten?“, nervten sie. Ich wusste noch nichts von den Bedingungen eines Konzentrationlagers, jedoch, hier, das wurde mir später klar, agierten die Erben der blutigen Brygida aus Maydanek. „Schneller, schneller“, sie drängten mir den Schleim in den Mund. Ich war am Ende. Gleich würde es heraus wollen und sie - das wusste ich - fielen über mich her und hätten die Absicht mir das wieder einzutrichtern! Angewandte Folter, ohne Gnade! Da sprang ich auf, hielt einen Moment inne - der Saft stieg - ich drehte mich noch hilfesuchend in Richtung Tür und dann kotzte ich den gesamte Fraß auf den Fußboden! Das(!) konnten sie mir nicht wieder einlöffeln, das(!) lag im Dreck, wo es hingehörte. Noch weitere sechs Mal übergab ich mich in den restlichen drei Wochen. Bis zum heutigen Tag, untersage ich es mir, einen „Teller aufzuessen“, lasse bei jeder Mahlzeit etwa die Menge eines Löffels auf dem Teller zurück.

    Wir sollten ja zunehmen, dafür hatte man uns in dieses Paradies verfrachtet, - nur wie und wovon? Jeden zweiten Tag wog man uns. Und siehe da - welch Überraschung: Ich hatte abgenommen, ein paar Gramm nur, aber entgegen des nationalsozialistischen, ernährungspädagogischen Zieles. Die diensthabende KdF-Schlampe wusste auch sofort, was für die Volksgesundheit das Beste war: Wasser und Brot! - nein, Tee und Zwieback! Einen ganzen Tag lang. Ich wurde ins Bett gesteckt und durfte dies zur für den Toilettengang verlassen. Während des Tages erhielt ich lediglich ein paar Zwiebäcke und Pfefferminztee. Pfefferminztee und Zwiebäcke! Das sollte mich wohl schocken, so hofften die Wärterinnen. Eine interessante Taktik. Man hungere jemanden aus und er wird immer und immer weiter essen wollen. Das funktioniert zwar nicht, aber sie liebten halt Experimente am lebenden Menschen - das hatten sie in der Kindheit von Staats wegen gelernt, das war ihnen sozusagen mit der Milch ihres Wirtstieres eingetrichtert worden. Am nächsten Tag, fühlte ich mich schlapp wie nie zuvor, war geschwächt vom Herumliegen, vom Hungern und vom Weinen.

    Am Abend durfte ich jedoch mit meiner Mutter telefonieren. Eines der Biester stand immer in Reichweite daneben, aber ich presste unter Tränen schnell alles heraus, was man mit mir veranstaltet hatte. Mir wurde der Hörer abgenommen und meine Mutter beschwichtigt.

    Sie und ich hatten ein ziemlich symbiotisches Verhältnis zueinander, welches aber überaus konfliktreich war, da meine Mutter sehr sprunghaft und herrisch werden konnte. Aber wohin sollte man auch gehen, wenn der Vater arbeitet und seine arbeitsfreie Zeit zur so genannten Nebenarbeit nutzt? Mauern, Verputzen, Fliesen legen, das brachte schwarzes Geld und war wichtig für eine junge Familie. Während der Mittagsruhe des kommenden Tages schlief ich wie immer, flach, schnell hochschreckend und wenig entspannt. Da hörte ich eine Stimme mal flüsternd, dann etwas lauter werdend und nach kurzer Zeit wieder verschwindend. Ich wusste nicht genau, was ich von dieser im Halbschlaf wahrgenommen Situation halten sollte. Als ich wieder in Hagen ankam, sagte ich kurz nach der Begrüßung zu meiner Mutter: „Mir war einmal, als hätte ich deine Stimme gehört.“ „Das kann sein“, sagte sie, „ich war bei Dir um Dich zu holen, nachdem Du am Telefon so geweint hast.“ Sie war tatsächlich am Tage nach dem Gespräch zur Nordsee gefahren um mich aus den Klauen der Bestien zu befreien. Nachdem man ihr drohte, dass sie die gesamte Kur bezahlen müssen, falls sie mich mitnehmen würde, war sie aber wieder zurück gefahren. So waren sie, die Verhältnisse, damals, keine zwei Jahrzehnte nach dem letzten großen Krieg.

    Die Kur bewirkte nichts. Ich war nicht dicker als zuvor, hatte nicht mehr Appetit, wollte noch immer nicht meinen „Teller aufessen“ und war ohnehin völlig verzärtelt. Zu jedem Anlass heulte ich, lief meiner Mutter selbst auf die Toilette nach und konnte mich noch immer nicht selbstständig anziehen. „Du musst sowieso viel mehr mit anderen Kindern zusammenkommen“, meinte mein Vater. Mit anderen Kindern? Nein! Die hatten mich doch gerade während der Kur alle unglaublich angeekelt, so wie die Vetteln. „Wir kucken uns mal den Kindergarten an“, befahl meine Mutter. „Den Kindergarten? - ich will nicht in den Kindergarten.“ „Doch, „meinte mein Vater, „das ist das Beste für Dich. Da wirst mal andere Jungen kennen lernen.“ Andere Jungen? Ich war also ein Junge. Ja, das hatte ich schon oft gehört! Aber was das war, wusste ich nicht so genau.

    Wenn die Jungs draußen Arbeitern beim Bauen zusahen, ging ich lieber mit Mama einkaufen und wenn die Jungs Sprungschanzen für ihre Rodelschlitten bauten und halsbrecherisch darüber fuhren, kuschelte ich mich in meine dicke Jacke und sah von weitem zu. Mein Vater vertrat die Auffassung, ich würde schon noch ein „richtiger Junge“ werden. Bei einem Stadtbummel trat mal wieder einer der berühmten Konflikte auf, der irgendein triniges Verhalten meinerseits zur Ursache hatte, da zog mein Vater mich vor ein Schaufenster und sagte: „Wenn Du Dich weiter so verhältst, dann kaufen wie Dir so was und ziehen es Dir an!“, dabei zeigte er auf eine Schaufensterpuppe, die ein Kleid anhatte. Ich war geschockt. Er wollte mir ein Kleid anziehen wenn ich mich nicht änderte! In der nächsten Zeit ging mir das nicht mehr aus dem Kopf. Nein, mit einem Kleid kann ich doch nicht herumlaufen. Ich beschloss in diesen Tagen auch endgültigen meinen Berufswunsch aufzugeben, denn ursprünglich wollte ich Pfarrer werden, katholischer, logischerweise. Doch jetzt wies ich den Gedanken immer mit einer Art Kleid herumzulaufen zu müssen weit von mir. Das würde ich jetzt nicht mehr machen wollen, es wäre ja auffallend, wo ich doch sowieso schon „kein richtiger“ Junge war. Ich nahm auch in der Folgezeit nichts zu…

    2 Teil

    Ich bekam das Bett rechts an der Wand zum Fenster zugewiesen, dadurch konnte ich in der Anfangsphase manchmal auf die Fensterbank kriechen und des Abends in die Dunkelheit hinausschauen, so wie Jonathan Trotz aus dem „fliegenden Klassenzimmer“ von Erich Kästner. Dabei sang ich oft den aktuellen Gus Backus Song „Der Mann im Mond“. Aber wie ich hier, in dieser Klinik, die sich als Tierversuchsanstalt entpuppte, überleben sollte, war mir ein großes Rätsel, ein Mysterium geradezu.

    Zweimal in der Woche war Waschtag per Waschzwang, heißt, etwa zehn Kinder wurden in eine Waschgaue-ähnliche Nasszelle gestellt, an die sich ein Pritschenraum mit der Möglichkeit zur Kleiderniederlegung anschloss und dann „behandelt“. Die Duschen wurden angedreht und zum größten Erstaunen kam aus ihnen kein Gas, sondern Wasser. Die dicke Kinderwäscherin schnappte sich nun das nächstbeste Kind, seifte, schrubbte und spülte ein jedes der Reihe nach ab, lieblos, unbarmherzig, brutal. Vor der Selektierung, konnten wir miteinander unter der Dusche spielen, wobei sich bei mir das Problem gähnender Langeweile zeigte, denn ich wusste nie, wie man im und mit Wasser spielen sollte. Ich konnte auch gar nicht schwimmen, was hier allerdings auch nicht gefordert war, aber Wasser war seit jeher nicht mein Element. Ich bewege mich auch nicht gerne in luftigen Höhen, springe also nicht mit Seilen in die Tiefe, klettere nicht auf steilen Wänden herum, befinde mich auch nicht gern unter der Erde, schon wegen der Kälte und mit einem umfassend guten Gefühl betrete ich - wie sich jeder denken kann - kein Schiff. Ich bleibe viel lieber am Boden und auf ihm, - das ist schon gefährlich genug. Jedenfalls, - wir machten uns ein Spiel daraus, der Dicken zu entwischen. Wenn sie wieder ein Kind grabschen wollten, so versuchten wir ihr unter den groben Händen, den schwabbeligen Armen und den feisten Gesichtspartien hinwegzuglitschen. Einmal - ich erinnere mich genau - schaffte ich es, bis ins Endspiel, bis ins Finale, stand also zuletzt mit nur einem Jungen unter der Dusche. Das war ein echter Sieg.

    Viele Kinder wurden während des Schlafens angegurtet. Ich fand das grausam und konnte mir überhaupt nicht vorstellen, so zu schlafen. Eines Tages lag ich krank danieder, hatte gerade mein Frühstück im Bett verzehrt (es wurde immer im Bett gefrühstückt) und die Vorrichtung - ein längliches großes Holzbrett mit Füßen - welches über den Körper aufgestellt wurde und auf deren glatter Oberfläche ich mit meinem Zeige - und Mittelfinger immer schöne Kilius/Bäumler-Pirouetten drehte (wie ich mir vorstellte) - war soeben entfernt worden, da fiel mir ein „Fix und Foxi“ - Heftchen, zu dem ich griff, um mir die Bilder anzusehen, rechts neben dem Bett, an der Wand, herunter. Dieser Bereich ekelte mich sowieso, denn gerade dort war die Wand total versifft, war über und über mit Schleimspuren übersät, die allesamt von mir stammten, weil diese Wand nie saubergemacht wurde. Warum aber waren dort Schleimspuren in kotzübelster Weise zu sehen? Nun, weil genau in der hinteren rechten Ecke des Zimmers in dem mein Bett stand, ständig diverse Spinnenarten aus den Löchern oder was-weiß-ich-woher krochen und an der Wand hochzulaufen versuchten um….ja, um vielleicht in mein Bett zu gelangen? Ich verabscheue Spinnen nicht aus ideologischen Gründen, da ich mich noch mit keiner unterhielt, aber aus ästhetischen, aus im simpelsten Sinne anschaulichen Motiven. Sie sind mir seit jeher zu schwer einzuschätzen, sind fremde Geschöpfen aus Welten, die viel mit List, Tücke und Brutalität zu tun haben, entstammen also dem grauenhaftesten Bereich der Natur, der sich nur mit viel Phantasie überhaupt denken und ertragen lässt. Aber dieses Getier lief nun ständig an der Wand vor meiner Nase herum und so versuchte ich sie schon beim Hinaufklettern an der Wand zu behindern. Deshalb ließ ich Spucke an der Wand herab laufen, sehr viel, immer mehr und so versperrte ich ihnen oft der Weg nach oben, oder - wenn ich besonders viel herausrotzen konnte und dies eine besonders hohe Konsistenz aufwies - wurden sie glattweg ertränkt, bzw. klebten zunächst quasi fest. Weitere Spuckelawinen besorgten dann den Rest. In dieses Gemisch von Schleimresten und kaputten Spinnen, tauchte ich jetzt unter dem Bett ein, um mein Heftchen wieder hervorzuholen. Dabei wurde ich von einer jungen Veterinärin überrascht, die mir das Aufstehen aus dem Bett verbot und mir androhte: „Wenn ich das noch einmal sehe, wirst Du angegurtet.“ Sie sah es einige Minuten später, als mir das Malheur mit dem Comic noch mal passierte.

    Dieses Mal kannte die Canaille keine Gnade. Ich bekam einen Gurt verpasst, einen besonders kurzen dazu. Manche Kinder konnten sich mit ihrem Gurt im Bett aufstellen und „Pferdchen zieht den Wagen“ spielen, ich schaffte es nicht einmal auf den Knien zu sitzen, war stets mit dem Rücken zum Bett gefesselt. Ja, es ist mir ein Rätsel, warum ich so gar nicht sadomasochistisch veranlagt bin.

    Wiederholt waren durch diesen Klinikaufenthalt meine Kontakte nach Hause für eine lange, diesmal beinahe unendlich lange Zeit unterbrochen, und fast gänzlich aufgelöst. Ich fühlte mich ohnehin sehr allein, empfinde seit frühester Kindheit ohnehin dieses völlig auf mich zurückgeworfene Gefühl der absoluten Einsamkeit, der unüberbrückbaren Differenz zwischen denen da draußen und meinem eigenen Inneren. Zwischen dem was man dort in der Welt dachte, wie man handelte - dies hatte mit meinen Empfinden und meinen Prinzipien so gut wie nichts zu tun. Viele Jahre später stieß ich auf einen Satz des allerliebsten Mannes, der je diesen Erdball betrat, auf eine Äußerung Friedrich Nietzsche, der aus der selben Phase seines Lebens berichtete: „In einer absurd frühen Zeit, mit sieben Jahren, wußte ich bereits, daß mich nie ein menschliches Wort erreichen würde.“

    Aber an MEINEM siebten Geburtstag stand ein außerplanmäßiger Besuch meiner Mutter ins Haus. Wir fuhren in die Stadt, aßen ein Stück Torte und sie schenkte mir ein Bilderbuch mit dem Titel „Faxenmaxe“, das war, weil ich ja selbst immer so viele Faxen machte, sprich mein Gesicht verzog und dabei ganz ganz hässliche Gesichter machen konnte. Der pädagogische Effekt des Buches lag darin, dass Maxens Gesicht plötzlich um Punkt zwölf Uhr, als er wieder mal herumfaxte, einfach in der Faxenmacherposition stehen blieb, entstellt, grässlich. Wat nu? Nun, das Unglück wurde behoben, als Maxe die Uhr auf den Kopf stellte und es wieder zur zwölften Stunde gongte! Das Buch gefiel mir.

    Ein einem Tag im Juni spielten wir Kinder draußen auf der Wiese, als mir gesagt wurde, ich solle mich auf der Station melden. Nach etlichen hoffnungslosen Wochen kam die erlösende Nachricht: „Du darfst nach Hause.“ Ich war frei, keine Veterinärinnen mehr, keinen Wasch - und Schlafzwang, kein Bettgurt - am 6. Juni 1964 durfte ich zurück zu meinen Eltern.

    Kommentar von Campo-News — 22. April 2006 @ 10:38

  4. Ich möchte auf mein Buch “Heimerziehung: Lebenshilfe oder Beugehaft? Gewalt und Lust im Namen Gottes” hinweisen, das Anfang dieser Woche bei Books on Demand GmbH, Norderstedt (ISBN 3-8334-4780-X) erschienen ist. Bei Books on Demand ist auch mein Buch “Von der Mutter missbraucht. Frauen und die sexuelle Lust am Kind” (ISBN 3-8334-1477-4) erschienen.

    In einem Kapitel geht es beispielsweise um Heimkinder, die in den fünfziger und sechziger Jahren – bis Anfang der siebziger Jahre – insbesondere in christlichen Heimen schwer misshandelt wurden (so beispielsweise im Eschweiler Kinderheim St. Josef und Kinderheim St. Hedwig in Lippstadt). Im Fall St. Hedwig liegen mir zwei eidesstattliche Erklärungen von Betroffenen vor, die versichern, von der damaligen Kinderärztin mittels Injektionen im Genital – und Blasenbereich misshandelt worden zu sein.
    Es waren insbesondere Nonnen – nicht alle –, die, wie zahlreiche Betroffenenberichte in diesem Buch aufzeigen, im Namen Gottes Heimkinder prügelten, malträtierten, quälten, erniedrigten und entwürdigten, um ihnen Disziplin, Gehorsam, Fleiß, Sauberkeit, Unterordnung und den Glauben an ihren Gott aufzuzwingen. Die „Bräute Jesu Christi“ gehörten Schwestern-Orden an wie beispielsweise der „Ordensgemeinschaft der Armen Dienstmägde Jesu Christi“ in Dernbach, dem „Orden der Hedwigschwestern“ in Berlin und dem „Paderborner Vincentinerinnen-Orden“.

    Nicht nur in früheren Jahrzehnten wurden Heimkinder gequält, sexuell missbraucht und gedemütigt. Ich beschreibe auch zahlreiche Fälle aus den 90er Jahren – beispielsweise schwere Misshandlungen, sexueller Missbrauch, Freiheitsberaubung im St. Joseph-Haus in Seligenstadt (1992), St. Josef-Stift in Eisingen bei Würzburg (1995), Don Bosco-Internat in Bendorf bei Neuwied (1995) und St. Kilian in Walldürn bei Mosbach (1995). Und ich beschreibe einen Fall aus Anfang 2001 (Außenwohngruppe des Vereins Lebensgemeinschaft Meineringhausen in Frankenberg – nähe Marburg) und einen weiteren Fall aus Anfang 2006 (Kinderheim Martinshof in Wachtberg bei Bonn).

    Im Buch enthalten ist auch ein Interview, das ich mit einer Nonne vom „Orden der Armen Dienstmägde Jesu Christi“ geführt habe. Die Nonne berichtet ganz offen und ehrlich, wie „im Namen Jesu Christi“ Kinder in einem katholischen Heim, in dem sie arbeitete, körperlich und seelisch gequält, gedemütigt, bestraft wurden. Mit dem Straf- und Unterdrückungsinstrument „Gott“, so die Nonne, wurde den Kindern Gehorsam, Willigkeit, Anpassung und Unterwerfung abverlangt. Sie selbst bekennt sich dazu, Kinder auf das Schwerste misshandelt zu haben.

    Es kann einige Wochen dauern, bis das Buch über den Buchhandel bestellbar ist. Das Buch kann aber ab heute online bei libri.de oder auch amazon.de bestellt werden.

    Mich würde es freuen, wenn Sie die Möglichkeit haben, auf das Buch hinzuweisen.

    Viele Grüße
    Alexander Markus Homes

    Kommentar von Alexander Markus Homes — 25. April 2006 @ 13:30

  5. Warum wird dieses Buch nicht wieder neue herausgegeben ???

    INFO: Die Untersuchung von Christian Schrapper und Dieter Sengling – [ eine Untersuchung besonders der bundesrepublikanischen Heimerziehung ] – „Die Idee der Bildbarkeit – 100 Jahre sozialpädagogische Praxis in der Heilerziehungsanstalt Kalmenhof“ erschien *1988* im Juventa Verlag, Weinheim und München. Sie ist im Buchhandel leider nicht mehr erhältlich.

    Interessengemeinschaft prangert Heimerziehung in den Nachkriegsjahren an

    LWV hat dazu bereits vor 15 Jahren Untersuchung vorgelegt

    Ehemalige Heimkinder haben im Mai [2004] in Kassel eine „Bundesinteressengemeinschaft misshandelter und missbrauchter Heimkinder in Deutschland von 1945 bis 1985“ gegründet. In dem von den Medien viel beachteten ersten Zusammentreffen, an dem rund 80 frühere Bewohner von Kinder- und Jugendheimen teilnahmen, berichteten Teilnehmer von körperlichen Züchtigungen, wie sie insbesondere in den Nachkriegsjahrzehnten in den Heimen noch immer an der Tagesordnung waren, von harter, unbezahlter und unversicherter Arbeit, von qualvollen und erniedrigenden Lebensbedingungen. Sogar zu Missbräuchen durch das pädagogische Personal sei es gekommen.

    Traumatisierende Erlebnisse
    Gewalt und Repression habe es auch in Einrichtungen des LWV gegeben, so im früheren Erziehungsheim Kalmenhof in Idstein, berichteten Teilnehmer der Veranstaltung. Um dieses Kapitel Nachkriegsgeschichte gemeinsam aufzuarbeiten, hatten die Veranstalter Vertreter einiger Heimbetreiber zur Teilnahme eingeladen. Klaus Lehning, bei der Hauptverwaltung des LWV für die heutigen Sozialpädagogischen Zentren (SPZ) zuständiger Referatsleiter, hatte dazu bereits im Vorfeld Kontakt mit einem Vertreter der Interessengemeinschaft aufgenommen. Heinz Peter Junge aus Kassel lebte von 1960 bis 1962 im Erziehungsheim Kalmenhof und hatte dort traumatisierende Erlebnisse: „Als ich zum Hessentag in Idstein war und vor dem Lehrlingsheim stand“, berichtete Junge, „brach ich in Tränen aus und brauchte fast eine halbe Stunde, um mich wieder zu fangen. Es war ein rabenschwarzer Tag für mich und meine Frau“. Ein Erzieher habe ihn mit der Mistgabel verletzt, behinderte Insassen seien mit einem Keilriemen geschlagen worden. Schon in seiner ersten Nacht im Kalmenhof sei er von vier Zöglingen vergewaltigt worden. Klaus Lehning und Hans Lang-Hagel, Pädagogischer Leiter des SPZ Kalmenhof, sicherten Junge das Interesse des LWV an einer möglichst lückenlosen Aufklärung dieser Geschehnisse im Gespräch zu.

    Heimsystem gründlich umgekrempelt
    Dieses (Eigen-)Interesse habe, so die beiden Pädagogen, der LWV schon seit langem unter Beweis gestellt: Bereits 1987/88 untersuchten Wissenschaftler in einer großangelegten Studie die sozialpädagogische Praxis in der Heilerziehungsanstalt Kalmenhof über die 100 Jahre ihres Bestehens. Dabei sei keine Periode ausgeklammert worden, weder die Zeit von 1933 – 1945, als der Kalmenhof Teil des nationalsozialistischen Vernichtungsprogrammes an kranken und behinderten Menschen gewesen sei, noch die Nachkriegsphase, als die Heime während der 68-er-Studentenunruhen in das Licht der Öffentlichkeit gerieten. Studentengruppen, die Heime besetzten, hatten damals ein gründliches Nachdenken über die Heimerziehung ausgelöst. Nach eiligen Sofortmaßnahmen wurde in den Jahren danach das Heimsystem gründlich umgekrempelt. Auch waren die Heime des LWV schon wenig später kaum noch wieder zu erkennen: Rigide, militärischen Prinzipien oft nicht unähnliche Disziplinierungsformen wichen neuen pädagogischen Konzepten. Große Heime mit riesigen Schlafsälen wurden durch dezentrale Wohnformen ersetzt. Das Personal, bis dato kaum mit pädagogischen Kenntnissen ausgestattet, wurde qualifiziert bzw. durch fachlich ausgebildetes Personal ersetzt. Heute hat sich „Heimerziehung“ weiter und noch durchgreifender verändert. Auch gibt es viel weniger Heimplätze für Kinder und Jugendliche, die in Familie, Schule und Beruf mit besonderen Schwierigkeiten zu tun haben: Eine Heimunterbringung ist die „ultima ratio“, andere Maßnahmen, die Kinder und Jugendliche in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern sollen, gehen vor. (jda)

    QUELLE: Landeswohlfahrtsverband Hessen ( LWV-Hessen ) lvv info 03/2004 13 – @ http://admin.lwv-hessen.de/uploads/470/LWV_Info_3-2004_13.pdf

    Kommentar von Martin Mitchell — 28. April 2006 @ 05:36

  6. gibt es auch fälle zwischen 1960-1975 in wiesbaden biebrich im marienhaus? meine mutter war dort in diesem kinderheim aufgewachsen und hat dort ähnliche misshandlungen erlebt. würde mich auf eine antwort freuen. mfg bianca binder

    Kommentar von bianca binder — 8. Mai 2006 @ 15:22

  7. Damalige konfessionelle Fürsorgehöllen in West-Deutschland.

    Der für sein Engagement von seinen Gegnern in Deutschland überall im Internet schwerstens diffamierte Martin Mitchell aus Australien berichtet seit dem 20. Mai 2006 über seine eigenen Erfahrungen in den damaligen konfessionellen Fürsorgehöllen in West-Deutschland @ http://www.heimkinder-ueberlebende.org/Die_Leidensgeschichte_des_damalig_staatenlosen_Jugendlichen_Martin_Mitchell_in_westdeutscher_Fuersorgeerziehung_No01.html anhand offizieller Akten-Stücke von damals (vor mehr als 43 Jahren), Akten-Stücke die er erst am 16. Mai 2006 erhalten hat. Weitere Dokumente werden dort – an der oben angegebenen Stelle – fortdauernd, hinzugefügt werden.

    Weiterhin wird mitgeteilt, dass die Webseite Heimkinder-Ueberlebende.org jetzt auch über die folgenden Domain-Namen aufrufbar ist:

    http://www.heimkinder.eu

    http://www.ex-heimkinder.eu

    http://www.heimkinder-community.eu

    Liebe Grüsse aus Australien

    Martin Mitchell

    Kommentar von Martin Mitchell aus Australien — 29. Juni 2006 @ 10:51

  8. Kirche, Jugendamt, BRD, Vormundschaft, Jugendwohlfahrtsgesetz, Freiwillige Erziehungshilfe (FEH), Fürsorgeerziehung (FE), Zwangsarbeit, Traumatisierung, Alptraum, Misshandelte Zukunft.

    “Der Alptraum meiner Kindheit und Jugend – Zwangseinweisung in deutsche Erziehungsheime”, PAGE, Regina – IBSN 3-86703-061-8 – Engelsdorfer VERLAG, Leipzig (Erscheinungsdatum 15.08.2006).

    Klappentext:
    Regina ist ein Flüchtlingskind. Mit Schwester und Mutter gelangt sie zu Ende des Krieges nach Deutschland. Im Osten Berlins wird die Mutter denunziert und weggesperrt, so dass Regina zum ersten mal ein Waisenhaus kennenlernt. Später gelingt der kleinen Familie die Flucht in den Westen. Nach dem Durchlaufen verschiedener Lager wird Regina frühzeitig schwanger. Die Familie steht unter Beobachtung, ohne sichtliche Gründe, ohne Verhandlung werden Regina und ihre Schwester in das kirchliche Vincenzheim für schwererziehbare Mädchen eingesperrt. Was bleibt, ist ein Alptraum der Traktierung, Zwangsarbeiten und Qualen durch die Nonnen. Und die Frage nach dem WARUM.

    Das Buch ist ab sofort im Buchhandel bestellbar und kann aber auch direct hier per email bestellt werden: Regina-Eppert@web.de

    Kommentar von Ehemaliges Heimkind — 24. August 2006 @ 03:15

  9. Kindesmisshandlung - Abhilfe durch Pflichtuntersuchung?

    Jede Kindesmisshandlung ist eine Kindesmisshandlung zuviel! Darüber herrscht in unserer Gesellschaft wohl ein allgemeiner Konsens. Wie man Kinder aber vor einer Misshandlung durch Erwachsene schützen kann, ist Gegenstand vieler Diskussionen. Da der Großteil der Kindesmisshandlungen in der eigenen Familie passiert, schlagen nun einige Politiker in Deutschland eine Untersuchungspflicht für Kinder vor, wie die ZEIT in der Ausgabe 06/2006 berichtet: siehe Link

    Kommentar von Schwangerschaft | Geburt | Baby | Familie — 11. September 2006 @ 09:51

  10. Ich bin sprachlos, das es doch so viele gibt, die Gewalt in der Form kennen. Verstehe es einfach nicht. Warum???

    Kommentar von Sina — 11. Oktober 2006 @ 11:18

  11. Ich bin es nochmal. Ich möchte gerne eine Frage stellen. Ich selber war auch leider in diversen Heimen. Eines davon war das Waisenhaus in Lippstadt, welche das St.Josef-Kinderheim genannt wurde. Ich war von 1968-1971 dort. Es wurde 1971 wegen Kindesmisshandlung geschlossen. 1971 kam ich sehr schnell in ein anderes Heim. Nun, zu meiner Frage, weiss jemand davon, kann mir jemand was dazu sagen? Kennt jemand den damaligen Pressebericht und weiss in welcher zeitung es stand? Ich wäre Ihnen für eine Antwort sehr, sehr dankbar.

    Ich finde es sehr, sehr mutig, das hier einige so offen schreiben. Es tut jedoch sehr weh, das zu lesen. Einige dieser Erfahrungen, musste ich leider auch selbst machen. Ich würde mich über eine Antwort sehr freuen.

    Mit Besten Grüssen. Sina

    Kommentar von Sina — 11. Oktober 2006 @ 11:23

  12. Hallo Sina!

    Meine Erfahrungen habe ich allerdings in “städtischen”, bzw. staatlichen Heimen gemacht. Ich kann dir persönlich nicht weiter helfen, was deine Frage angeht. Maile doch mal den Martin Mitchell, Kommentar 2, an - der hat Kontakte über all hin und kann dir am Ehersten Hinweise geben.

    Schöne Grüße, Tanja

    Kommentar von Campo-News — 11. Oktober 2006 @ 12:38

  13. Hallo Tanja,

    danke für Deinen Tip!

    Lieben Gruss

    Sina

    Kommentar von Sina — 13. Oktober 2006 @ 15:02

  14. Author : Renate Binder(geb.Müller) E-mail : karinalynn@yahoo.de

    URI :

    Comment:

    Ich bin auch ein solch betroffenes Heimkind.11 Jahre habe ich im Kinderheim-Marienhaus in

    Wiesbaden-Biebrich verbracht.Es sind mir aus dieser Zeit keine guten Erinnerungen geblieben

    und viele Ereignisse,aus dieser Zeit,verfolgen mich heute noch und werden Teil meines Lebens

    bleiben.Auch in diesem Heim waren Schikanen und vieles mehr,an der Tagesordnung,das man es

    kaum beschreiben kann.Ich weiß,das viele Kameraden aus dieser Zeit,die mit mir dort zusammen

    waren,immer eine Träne aus ihren Kindertagen mit in ihrem Herzen tragen,so wie ich.

    renate

    Kommentar von Recherche — 19. Dezember 2006 @ 11:13

  15. Alle damaligen Profiteure müssen zur Rechenschaft gezogen werden.
    A CAMPAIGN TO NAME AND SHAME !

    Wer waren die Industriellen, wer waren die Individien, wer waren die Firmen, Großkonzerne und Institutionen, für die Heimkinder im Nachkriegsdeutschland – im “Wirtschaftwunder Westdeutschland” – umsonst arbeiten mußten, ob durch die Schuld der Kirchen (vorwiegend die Betreiber der Heime) oder die Schuld des Staates (Lieferer der minderjährigen Arbeitskräfte an die Heime) oder die Schuld der Wirtschaftsunternehmen und Nutznießer der Zwangsarbeit selbst?

    Sind all diese – all die, die an dieser Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen teilgenommen und profitiert haben, und ihre Rechtsnachfolger – heute bereit an einer Wiedergutmachung teilzunehmen und alle damalig von dieser unrechtmäßigen Bereicherung, durch (Kinder)Sklavenhalterei, Betroffnenen, zu kompensieren?

    Wäre es nicht auch geradezu in ihrem eigenen Interesse (for their personal and corporate image), für alle heute verantwortungvollen Bürger und Geschäftsunternehmen, die damals Nutznießer solcher “Arbeitsvereinbarungen” waren und davon profitiert haben (nicht wenige von ihnen auch damals schon mit engen internationalen Verbindungen), sich ihrer Vergangenheit zu stellen und sich freiwillig an einem Schadenersatzfond zu beteiligen?

    Bitte helft den Betroffenen eine vollständige Liste aller damalig für diese unbezahlte (Kinder)Zwangsarbeit verantwortlichen Geschäftsinhaber und Individien zusammenzustellen und zur Veröffentlichung vorzubereiten. Jeder der etwas zu der Zusammenstellung dieser Liste beitragen kann, ist herzlich eingeladen mitzuhelfen.

    Dieser Aufruf geht erstmalig an die Öffentlichkeit Heiligabend 2006 [ 24.12.2006 ], und wurde initiert von “Ehemaliges Heimkind”, Martin Mitchell (Jahrgang 1946), Betreiber, seit 17. Juni 2003, der Hilfeleistungs- und Aufklärungswebseite für “Ehemalige Heimkinder” Heimkinder-Ueberlebende.org @ http://www.heimkinder-ueberlebende.org / http://www.care-leavers-survivors.org

    Kommentar von Martin Mitchell — 1. Januar 2007 @ 02:11

  16. Sehr geehrte Damen und Herren!

    Auch ich war ein ehemaliges Heimkind und habe schlechte Erfahrungen erlebt,die ich bis heute nicht vergessen kann.Es ist mir unbegreiflich,wie es möglich sein konnte,das so viele Kinder unabhängig von einander zum Schweigen getrieben wurden.Da kann nur ein lückenloses System dahinter gesteckt haben.Es übersteigt meine Inteligenz,wie man uns Kinder in ganz Deutschland so etwas antun konnte.Das ich ein Heimkind war,hatte ich nie verschwiegen,bis heute nicht,aber über meine und unsere Erlebnisse,konnte ich nie reden.So werden noch viele zerbrochene Kinderseelen herumlaufen,die es nicht mal über die Lippen bekommen,ein Heimkind gewesen zu sein.Hut ab,der sein Schweigen brechen konnte.Es ist toll,das endlich der Mund aufgemacht wird und ich werde es auch tun.
    Leider gibt es das Kinderheim nicht mehr und es ist auch nichts darüber heraus zubekommen.Meine Akte gibt es ebenfalls nicht mehr,dabei hätte ich sie doch gerne mal gelesen.Ich wette,das dies,was man mit uns gemacht hat,nicht drin steht.Mittlerweile will ich auch nicht mehr Schweigen,wenn es auch schwer fällt darüber zu reden.

    Viele Grüße

    Renate Binder

    Kommentar von renate binder — 20. Juli 2007 @ 23:06

  17. Liebe Renate,

    Die Römisch-Katholische Kirche, ist der weltweit bekannteste Kinder-Schänder-Schutzverbund, aber ich würde auch für die protestantisch-reformierten Kirchen meine Hand nicht ins Feuer legen.
    (Ich glaube, die sind nich besser.)

    Ich wünsche ihnen für ihr weiteres Leben alles Glück, dass es gibt.
    Zu meinem Glück bin ich nie in diese Maschine der Bigoterie geraden.

    Mit allen besten Wünschen,

    Erik

    Kommentar von Erik — 22. Juli 2007 @ 00:34

  18. Lieber Erik!
    Vielen Dank für Ihren Kommentar.
    Es freud mich sehr,das es Menschen gibt wie sie,die an anderen Schiksalen teil haben,obwohl es sie nicht betrifft.Mit Sicherheit,hat nicht nur die Römisch-Katholische Kirche in der damaligen Zeit,ihr Schundluder ausgeführt.Da bin ich ganz ihrer Meinung.
    Ich Danke Ihnen sehr für Ihren Beitrag und kann Ihnen noch Mitteilen,das ich mein Glück durch meine 5 Kinder gefunden habe.Sie haben mir durch ihre Unbefangenheit und ehrliche Art gezeigt,das es auch noch schöne Dinge auf der Welt gibt.
    Niemals hätte ich zu gelassen,das man mir meine Kinder weg nehmen könnte und ich habe es geschafft,das sie niemals in ein Heim mußten.Heute sind meine Kinder Erwachsen(fast)und bin stolze Oma von 2 Enkelkindern.Das 3. ist unterwegs.
    Es gibt für mich nix schöneres als in leuchtend strahlende Kinderaugen zu schauen.

    Viele Grüße

    Frau Binder

    Kommentar von Renate Binder — 22. Juli 2007 @ 22:13

  19. Sehr geehrte Damen und Herren!

    Ich habe da doch noch eine Frage.Weiß jemand von Euch,ob man so eine Heimakte auch noch woanders anfordern kann,z.B.Familiengericht,wenn sie laut Jugendamt vernichtet worden ist?
    Auch würde ich gernwe mein Buch veröffentlichen.Kennt von Euch jemand einen Verlag und wie so etwas abläuft?

    Viele Grüße
    Renate

    Kommentar von Renate Binder — 24. Juli 2007 @ 19:23

  20. Liebe Renate
    … und alle anderen Mitbetroffenen.

    Wer von Euch ein Buch veröffentlichen möchte, über seine / ihre damalige Heimzeit (oder auch über anderen Dingen, Sachbuch oder Roman), wende sich bitte an:
    Engelsdorfer Verlag, Inh. Tino Hemmann
    Schongauer Straße 25, 04329 Leipzig
    Telefon: 0341 / 27 11 87 - 0
    Telefax: 0341 / 27 11 87 - 10
    Siehe Webseite: http://www.engelsdorfer-verlag.de/

    Mindestens zwei andere ehemalige Heimkinder haben dort schon ihre Lebensgeschichten veröffentlicht:
    1.) Regina Eppert (geb. Regina Page) “DER ALPTRAUM MEINER KINDHEIT UND JUGEND - Zwangseinweisung in deutsche Erziehungsheime”.
    2.) Dietmar Krone: “ALPTRAUM ERZIEHUNGSHEIM – Die Geschichte einer Jugend”.

    Auch wenn Ämter und Behörden oder damalige Heimträger meinen sie hätten keine Akten mehr, nicht aufgeben. Irgenwie versuchen zu beweisen, dass diese verneinenden Aussagen der verantwortlichen Institutionen, betreffend damaligen Akten, NICHT DEN TATSACHEN ENTSPRECHEN. Meines Erachten halten sie meistens die Akten einfach nur irgendwo versteckt.

    Wenn Du Unterstützung brauchst, wende Dich bitte an den Verein ehemaliger Heimkinder e. V. ( siehe Webseite: http://www.vehev.org ).

    Zwei andere wertvolle nicht-kommerzielle Webseiten, die Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit leisten, sind http://www.wensierski.info / http://www.schlaege.com und http://www.heimkinder-ueberlebende.org / http://www.care-leavers-survivors.org, mit vielen, vielen Links zu anderen, weiteren für jedermann / jede Frau wertvollen Seiten.

    Mit freundlichen Grüßen aus Australien

    Martin Mitchell

    Kommentar von Martin Mitchell — 25. Juli 2007 @ 03:04

  21. Lieber Martin Mitchel!
    Vielen Dank für Ihre reichhaltige Information.Ich denke,das dies mir sehr weiter helfen wird.
    Noch zu sagen hätte ich,das ich es sehr gut finde,das es so inzwischen so viele betroffene Heimkinder gibt,die den Mut haben,über ihre Zeit zu sprechen und auch zu schreiben.Auch das es endlich immer mehr Menschen gibt,die uns Betroffenen zuhören.Auch wenn manches unglaublich erscheint,obwohl es wahr ist.Ich kenne nur zu gut das Gefühl,nichts sagen zu dürfen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Renate Binder

    Kommentar von Renate Binder — 25. Juli 2007 @ 16:38

  22. Mein Name ist Dietmar Krone,ehemaliges Heimkind von 1968 bis 1973, Autor von ALBTRAUM ERZIEHUNGSHEIM,Engelsdorfer Verlag Leipzig.
    Nach jahrelangem Schriftverkehr mit meinem damaligem Heimbetreiber,dem Landschaftsverband Rheinland,ist es mir gelungen,einen Auszug aus dem HEIMBUCH zu bekommen.Als ich die wenigen Eintragungen,die nicht unleserlich gemacht worden sind,gelesen habe,stockte mir der Atem.
    Hier wurde eine ENTWEICHUNG von 11 Tagen eingetragen.Ich kann mich jedoch sehr gut daran erinnern, dass ich diese 11 Tage in einem Karankenhaus verbracht habe, weil mich ein Erzieher so zusammengeschlagen hatte, dass ich Blut spuckte.Man vermutete einen Lungenriss.Vertuschung nennt man so etwas.Dietmar Krone,Berlin,29.07.2007,autordietmar@web.de

    Kommentar von Dietmar Krone — 29. Juli 2007 @ 11:51

  23. Leichte Beschäftigungsarbeit der Heimzöglinge,so nannten das die verlogenen Heimbetreiber.
    Die leichte Beschäftigung in der Landwirtschaft sah folgendermaßen aus:
    Von 7.30Uhr bis 17.30 auf dem Kartoffelacker Kartoffeln auflesen.Das abgesteckte Feld war ca. 7 Meter lang. Zirca alle 5 Minuten kam der Pflug vorbei.Inzwischen lief ich ungefähr 20 mal zum Hänger,und leerte dort meinen Korb,der mit ca. 10Kg Kartoffeln bestückt war.Für die leichte Tätigkeit bekam ich einen Stundenlohn von 4 (vier) Pfennig.Im Monat waren das etwas über 7 Mark. Über 5 Jahre habe ich Zwangsarbeit leisten müssen,Schulbildung und berufliche Bildung wurden verweigert.Als ich aus dem Heim entlassen wurde,bekam ich 20DM in die Hand gedrückt.Das war mein Start ins Leben.Sozialversicherungsbeiträge wurden nicht bezahlt,die Jahre fehlen mir heute an meiner Rente.
    Nicht nur die Bauern und die Heimbetreiber haben sich an uns bereichert,sondern auch nahmhafte Großfirmen wie
    Mie.. Bra.. und Rowen.. haben im Heim ihre Geräte montieren lassen. Wer hat ähnliche Erfahrung gemacht? Bin für jeden Hinweis sehr dankbar.Dietmar Krone,Berlin autordietmar@web.de

    Kommentar von Dietmar Krone — 29. Juli 2007 @ 12:17

  24. Im Erziehungsheim

    Man schob mich ab ins Erziehungsheim,
    6 Jahre, stand auf dem Schein.
    Auf Staatskosten würde ich hier leben
    dafür könnte ich auch arbeiten,
    und mich bewegen.
    Den ganzen Tag, von früh bis spät
    für 4 Pfennig die Stunde,
    so wie es hier steht.
    Prügel gab es fast jeden Tag,
    so viel, und oft, wie der Erzieher mag.
    Du bist kein Mensch,
    du bist nichts wert,
    du bist nur Dreck,
    drum nahm man dich
    aus der Gesellschaft weg.
    Das du hier bist, hat seinen Grund,
    jetzt geh an die Arbeit,
    und halt deinen Mund.

    Wie ein Tier, sperrten sie mich ein,
    dabei wollt ich doch frei
    –und geborgen sein.
    Nun war ich hier, allein, verlassen,
    alle schienen mich zu hassen,
    niemand hat sich sehen lassen.
    Weihnachten kam keine Post,
    kein Besuch, und kein Paket,
    jeder aus dem Weg mir geht.

    Für jede Kleinigkeit, egal was auch immer,
    sofort ins dunkle Besinnungszimmer.
    Und die Seele schrie vor Not,
    nur Wasser gabs, und trockenes Brot.
    Dort war es dunkel, still und kalt,
    kein freundlich Wort im Heime schallt.
    Und jeden Tag, erneut und wieder,
    du bist kein Mensch, du bist zuwider.
    Du landest wieder in den Gassen,
    dich wird man nie in Ruhe lassen,
    du landest ganz bestimmt im Knast,
    weil du keinen Charakter hast.
    Aus dir wird nie was, du bist nur Dreck,
    drum bist du hier, sperrt man dich weg.

    Und die Moral von der Geschicht,
    ich hab es erlebt, ist kein GEDICHT.

    Dietmar Krone
    Berlin 20.11.06

    Kommentar von Dietmar Krone,Berlin — 30. Juli 2007 @ 14:14

  25. Pfarrer Wichters,
    oder der ach so fromme Gottesmann

    Einmal in der Woche kam Pfarrer Wichters in das Heim. Er ging durch die Zimmer und wollte mit jedem Kind unter vier Augen sprechen. Er stellte immer die gleichen Fragen. Es gab zwei Standardfragen. Ob jemand Fluchtpläne geäußert hat, und wer das sei. Die zweite Frage war, ob wir unkeusch waren. Manche Kinder haben ihm alles erzählt, denn er hatte eine ganz fiese Art jemand in die Mangel zu nehmen

    Alles was man dem frommen Gottesmann anvertraut oder gebeichtet (!) hatte, wussten die Erzieher sofort. Als der Pfarrer mit allen Kindern gesprochen hatte, ging er sofort in das Büro des Erziehers. Einmal habe ich an der Türe gehorcht.
    Er hat dem Erzieher nahezu wortwörtlich erzählt, was ihm die Kinder unter dem Mantel der Verschwiegenheit gebeichtet (!) hatten.
    Ich habe diesem Mann nie über den Weg getraut, ich habe ihm nie etwas bedeutendes erzählt. Obwohl er ständig damit prahlte, dass der liebe Gott sowieso alles sieht und weis, haben ihm die Meisten Kinder misstraut.

    Kommentar von Dietmar Krone,Berlin — 1. August 2007 @ 12:09

  26. Wichtige Mitteilung an alle (ehemaligen) Heimkinder.
    Am kommenden Montag,den 13.8.2007 ist im Magazin FOCUS ein Bericht über ehemalige Heimkinder in der Zeit des Wirtschaftswunders der Bundesrepublik Deutschland.Das Magazin beleuchtet den Alltag der ehemaligen Heimkinder so, wie er wirklich war.Ein objektiver Bericht,der unter die Haut geht.
    Mit freundlichen Grüßen Dietmar Krone Berlin

    Kommentar von Dietmar Krone — 8. August 2007 @ 14:09

  27. Hallo Dietmar Krone, ich habe soeben den FOCUS-Artikel gelesen und möchte auch auf diesem Wege viel Erfolg bei dem Kampf um Gerechtigkeit wünschen. Beste Grüße, Tanja Krienen

    Kommentar von Campo-News — 16. August 2007 @ 10:33

  28. Hallo Tanja Krienen
    Vielen Dank für Deine lieben Wünsche.
    L.G.Dietmar Krone

    Kommentar von Dietmar Krone — 17. August 2007 @ 14:14

  29. Nichts zu danken. Ich habe den Focus-Artikel auch schon eingescannt und ein paar Mal verschickt. Wer ihn lesen möchte, kann an mail@campodecriptana.de schreiben.

    Kommentar von Campo-News — 17. August 2007 @ 15:36

  30. Betr. (ehemalige) Heimkinder

    Am kommenden Sonntag,habe ich einen Studiotermin im RBB Berlin mit dem Bayrischen Rundfunk.Thema :
    Arbeiten im Heim. Die Sendung wird am DI. den 21.8.07 auf B2 Bay. Rundfunk ausgestrahlt.
    L.G. Dietmar Krone

    Kommentar von Dietmar Krone — 17. August 2007 @ 16:24

  31. Forderungen ehemaliger Heimkinder der alten Bundesländer an die Kirchen, den deutschen Staat und jetzt auch an die deutsche Industrie und andere deutsche Privatunternehmen – Nutznießer erzwungener, unentlohnter Arbeit von Minderjährigen.

    DEUTSCHLAND – SCHADENERSATZ

    Auftakt zum Milliarden Poker

    Ehemalige Heimkinder verlangen nun auch von der Industrie finanzielle Entschädigung

    Als der damals 14 Jahre alte Dietmar Krone im Landesjugendheim Viersen-Süchteln ankam, glaubte er, er sei “in der Hölle” gelandet. Sein neues Zuhause bestand aus Erziehern, die Befehle brüllten, sowie aus Kindern und Jugendlichen mit kahl geschorenen Köpfen, deren dürre Körper in dunkelblauen Arbeitsanzügen steckten. Zusammen mit den anderen Jungen, die wie er aus Alkoholiker-Familien stammten oder als schwer erziehbar galten, musste Krone den ganzen Tag arbeiten. Schule oder Berufsausbildung gab es nicht.

    Die Jugendlichen schufteten auf Feldern, bürsteten Rost von schmiedeeisernen Gittern, montierten Schaltkästen oder löteten Bauteile. Manchmal lagen Lieferscheine in den Kisten, die die Auftraggeber verrieten. “Wir haben für die Firmen Miele, Braun, Rowenta, Grundig und den Elektrogroßhandel Köln gearbeitet”, erinnert sich der heute 54-Jährige. Lohn gab es keinen. “Wer Ausschuss produzierte, wurde geschlagen oder in die Dunkelzelle gesperrt.”

    An solche Erlebnisse erinnern sich die meisten Heimkinder nur ungern. Für Gerrit Wilmans und Michael Witti, Rechtsanwälte aus Hamburg und München, bedeuten diese Geschichten wichtige Bausteine für ihre neue Strategie: Ihre Forderungen nach Aufarbeitung der Geschichte ab 1950 und Entschädigung der Opfer richten sich nunmehr auch an die Industrie – und nicht, wie bisher formuliert, ausschließlich an Staat und Kirche als Betreiber oder Träger der Einrichtungen. “Die Firmen, die damals in Heimen arbeiten ließen, müssen dafür zahlen – und zwar gewaltig”, kündigt Opferanwalt Witti an. Der Experte im Verhandlungspoker weiß, wie viel erzwungene und unbezahlte Arbeit nachträglich wert sein kann. Für die Nazi-Zwangsarbeiter erstritt Witti im Jahre 2000 einen Fonds, in den Staat und Industrie fünf Milliarden Euro einbezahlt haben.

    ”Nach diesem Muster” stellt sich Witti auch eine Entschädigung für ehemalige Heimkinder vor. Je nach erlittenem Leid – sexueller Missbrauch, Schläge, Essenentzug, Elektroschocks, vorenthaltene Schulbildung, erzwungene Arbeit – sollten Betroffene Geld erhalten, als einmalige Zahlung oder als monatliche Rente. Schätzungen gehen von Opferzahlen bis zu einer Millionen aus. “So etwas kann man nicht mit einer kleinen Summe abtun”, droht Witti.

    Hinter verschlossenen Türen sitzen Staat und beide Kirchen bereits am Verhandlungstisch. Wie ernst sie die Forderungen des im Oktober 2004 gegründeten Vereins ehemaliger Heimkinder nehmen, zeigt ein vertrauliches Papier der Deutschen Bischofskonferenz. In der so genannten “Sachstandserhebung” emphehlen Experten: Es sollten Erkenntnisse über die Zustände in den katholischen Heimen zwischen 1950 und 1975 gesammelt werden, die die Position und Strategie der Kirchen stärken. In der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit könnte die Kirche dann “moralische Verantwortung” übernehmen.

    Das wird wohl nicht genügen. Anwalt Witti will “über Milliarden reden”.

    QUELLE: FOCUS 33/2007, S. 34-35 ( KATRIN SACHE )

    Kommentar von Markowitch — 4. September 2007 @ 10:56

  32. Hallo liebe Besucher dieser Seite und alle ehemaligen Heimkinder.
    Wenn ihr zu GOOGlE-DIETMAR KRONE geht,könnt ihr eine Radiosendung anhören,zu der ich ein Interwiev zum Thema Heim und Heimkinder gegeben habe.(Wüste Welle heist der Sender,ist aber sehr neutral.) In Kürze mache ich mit der Moderatorin
    des Senders,Silke Bauer eine längere Sendung zum Thema Heimkinder und stelle mein Buch ausführlich vor.Ebenfalls stelle ich auch die FIRMEN VOR,für die ich unentlohnt arbeiten durfte.Bitte nennt mir die Firmen,für die ihr arbeiten durftet(!)Euere Namen bleiben anonym wenn ihr das wollt.
    Liebe Grüße aus Berlin,Dietmar Krone

    Kommentar von Dietmar Krone — 9. September 2007 @ 22:20

  33. Die Mailadresse von DIETMAR KRONE lautet:
    autordietmar@web.de
    Die Hörfunksendung (Wüste Welle)findet ihr bei
    GOOGLE-Dietmar Krone
    GOOGLE-Heimkind Dietmar Krone
    Liebe Grüße Dietmar Krone

    Kommentar von Dietmar Krone — 9. September 2007 @ 22:25

  34. Hallo Dietmar!

    Es ist schwer zu finden - du hättest ruhig direkt einen Link darauf setzen können, denn ich habe keine Probleme damit, wenn Leute irgendetwas verlinken wollen. Dazu ist das Internet ja aus meiner Sicht da. Ich mache das also mal für dich - http://209.85.135.104/search?q=cache:uLd5ew_nSKIJ:ww-baustelle.de/content/view/34/+Dietmar+Krone,+W%C3%BCste+Welle&hl=de&ct=clnk&cd=1&gl=de

    Schöne Grüße

    Kommentar von Campo-News — 10. September 2007 @ 08:27

  35. Neues Buch von Dietmar Krone
    erhältlich ab Februar 2008
    Engelsdorfer Verlag Leipzig

    Beispiele der Fürsorgeerziehung der Nachkriegszeit, bis hin in die 70er Jahre.

    Wenn du in einem Fürsorgeheim der übelsten Sorte gelandet bist,dann bist du kein Kind mehr,kein Mensch,dann bist du ein Gegenstand.
    Du bist ein mit Gewalt zurechtgebogener Gegenstand,der beliebig benutzt wird,für alles,war man von die verlangt,bis du für alle Zeit als Mensch zerbrichst.
    Und bist du nicht willig,gehorsam und fleißig,so gebrauchen wir Gewalt.Wir werden dich hier schon hinkriegen,richtig erziehen.
    Wir werden dich hier schnell willig und gefügig machen,mit knapper Nahrung,mit Schlägen,mit Demütigungen,mit Dunkelheit in engsten kalten Räumen.Wir werden dich gefügig machen mit Freiheitsentzug,wir streichen die alle Vergünstigungen,wir nehmen dir den Schlaf.
    Du darfst keine Briefe mehr schreiben,und bekommst keine Post,darfst keinen Besuch empfangen.
    Wir nehmen Dir die Schuhe weg und du gehst barfuß ins Moor.
    Die Worte des Direktors bei meiner Ankunft.
    Du bist tot.

    Kommentar von Dietmar Krone — 10. September 2007 @ 14:41

  36. Fand das nicht so lustig.Ich hatte leider nur 3 Schuljahre, bevor man mich eingesperrt hat.Im Heim gab es nur Arbeit,aber keine Schule. Denk mal darüber nach.Trotzdem alles Gute.

    Kommentar von dietmar krone — 23. Dezember 2007 @ 18:06

  37. Auslöser ja, aber der erste Artikel darüber stand 2004 im Campo: “Der Runde Tisch unter der Leitung Antje Vollmers wurde auf Empfehlung des Petitionsausschusses des Bundestags eingerichtet. Er soll zwei Jahre lang das Unrecht aufarbeiten, das Kinder zwischen den fünfziger und siebziger Jahren in Heimen der Bundesrepublik erdulden mussten. Auslöser war das 2006 erschienene SPIEGEL-Buch “Schläge im Namen des Herrn”, in dem erstmals über das Schicksal ehemaliger Heimkinder berichtet wurde.”

    Kommentar von Campo-News — 17. Februar 2009 @ 19:28

  38. Nichts wird vergessen.

    Kommentar von Campo-News — 23. Februar 2009 @ 14:27

  39. Spiegel-Mann Peter W. wurde heute im Morgenmagazin als der vorgestellt, der zuerst über das Thema berichtete. Immerhin, und ich wies ja auch hier darauf hin, dass die erzieherische Gewalt hauptsächlich weiblich und öffentlich war, kam das Symbol weiblich daher.

    Kommentar von Campo-News — 15. April 2010 @ 17:12

  40. Wie gesagt, der CAMPO hatte ähnlich früh berichtet.

    Kommentar von Campo-News — 13. Dezember 2010 @ 17:27

  41. Hetzknochen

    Anmeldedatum: 25.10.2008
    Beiträge: 86
    Wohnort: jetzt wieder BUER

    Beitrag Titel: Verfasst am: 27.01.2009, 20:21 Antworten mit Zitat
    Es war im Herbst 1963,ich wurde von meinen Eltern über die “Hibernia”Werksfürsorge oder war es die Familien+Kinderfürsorge,es war auf jeden fall”vonne Zeche”,zur Kindererholung nach Juist geschickt.
    Ich werde es nie vergessen Juist Billstr.36

    ja , damalige Kindererholung war kein Ponyhof Exclamation
    auch für mich war es nicht einfach, hier ein kleiner Auszug:
    -morgens,immer 6 Jungs in eine Reihe,nackig, mit einem Schlauch abgespritzt–KALT–
    -Mittagschlaf….wer zu dieser Zeit zur Toilette musste,musste zur Strafe in der Ecke stehen.
    -was auf den Teller kam,musste aufgegessen werden,sonst…. abends aufessen.
    -dann habe ich mich durch ein Sturz,mein Arm ausgekugelt—GIPS–
    -nach ca.14 Tage,bekam ein Kind SCHARLACH,d.h.Quarantäne
    -so wurden aus 3 Wochen—–34 Tage
    es gab auch etwas schönes: mein Vater schickte mir jeden Montag,den
    ——–Sportteil aus der Buerschen -Zeitung Laughing
    hier noch ein Bild vom Strand

    Zum Vergrößern bitte anklicken.

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:03

  42. Tacken

    Anmeldedatum: 22.02.2009
    Beiträge: 37
    Wohnort: früher Scholven, jetzt Kreis Borken

    Beitrag Titel: Juist Verfasst am: 16.04.2009, 18:09 Antworten mit Zitat
    Hetzknochen hat Folgendes geschrieben:
    Es war im Herbst 1963,ich wurde von meinen Eltern über die “Hibernia”Werksfürsorge oder war es die Familien+Kinderfürsorge,es war auf jeden fall”vonne Zeche”,zur Kindererholung nach Juist geschickt.

    An Juist habe ich auch grausliche Erinnerungen!!
    Ich wurde auch aufgrund meines zierlichen und mageren Zustandes mit 6 Jahren im Winter 1962 (noch vor meiner österlichen Einschulung 1963) für 6 Wochen “verschickt”.
    Angeblich sollte ich ja “zunehmen”. Aber die ganzen Umstände dort haben mich ein Leben lang begleitet. Es war schrecklich. Als kleiner Furz wurde man seelisch niedergemacht.
    Ich kann mich zwar nicht erinnern, kalt abgespritzt worden zu sein; aber zugetraut hätte ich den komischen Damen das wohl. Von diesen Damen war wohl eine damals nicht ganz “echt”. Selbst mir als kleines Kind fiel auf, dass sie nur Herrenklamotten trug und sich so seltsam benahm. Sie”kitzelte ” ihre Kollegin in unserem Zimmer jeden Abend in unserem Beisein aus. Wie witzig.
    Als ich mal nicht sofort einschlief, wanderte ich über den Flur bis zu dem Zimmer, wo die Damen sich abends vergnügten. Schließlich konnte man ja auch nicht einschlafen, erstens zu früh und volle Beleuchtung. Dazu waren wir mit ca. 8 Mädels auf einem Zimmer. War ja so üblich damals. Also am Zimmer angekommen, gelauscht, Tür wurde aufgerissen, ich hereingezerrt, Hose runtergezogen und der nackte Po verdroschen!! Das war für mich der Schock des Lebens. Habe ich bis heute nicht vergessen wie man sieht.
    Ähnlich verfuhr man während der Mittagszeit. Wer nicht schlief (weil zu hell) wurde in ein Extrazimmer verfrachtet. Unbezogene, graugestreifte Matratze, kein Kissen, kein Zudeck. Schlafen. Währenddessen durften die anderen Kinder schon Kakao und Kuchen zu sich nehmen. Hab ich auch am eigenen Leib zu spüren bekommen.
    Mit dem Essen war es genauso wie Hetzknochen es beschrieb. Ekelhaft.

    Als ich meiner Mutter diese Geschichte vor kurzem mal erzählte, konnte sie es fast nicht glauben. Ich hätte ja früher nicht davon gesprochen. Aber ich glaube, als Kind ist man einfach nur froh, wieder zu Hause zu sein und verdrängt solche Dinge.

    Im Alter von 12 Jahren war ich auch wieder zur Kur. In Hammelbach/Odenwald. War lange nicht so grauslich, hat aber nicht genützt. Bin bis heute kein Rollmops.

    Meinen Kindern habe ich diese Storys auch erzählt und mußte schwören, sie nie zu einer Kinderkur wegzuschicken!!!
    _________________
    Guad goahn..

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:04

  43. spunk

    Anmeldedatum: 08.03.2010
    Beiträge: 1

    Beitrag Titel: Kinder KZ Brilon Verfasst am: 09.03.2010, 01:33 Antworten mit Zitat
    Hallo WoKaDeh,

    ich war auch im Kinder KZ Brilon. Ich denke es war ein Haus der Barmer Ersatzkasse. Zumindest haben die das bezahlt.
    Ich war dort 69 im November /Dezember.

    Meine Erinnerungen:
    Man blickte aus dem Fenster des Aufenthaltraumes über ein Tal auf den gegenüberliegenden Berghang. Der war die meiste Zeit wolkenverhangen und die Nebelfetzen hingen in den Tannenspitzen. Dieser Blick hat sich untrennbar mit der Zeit in diesem Haus verbunden. Noch heute kann ich nebelverhangene Berghänge nur sehr schlecht ertragen. Ich glaube, ich habe die meiste Zeit aus diesem Fenster gestarrt und fürchterliches Heimweh gehabt.
    Vor dem Haus gab es einen Spielplatz. Es hatte stark geschneit und auf der dort befindlichen Wippe lag eine Schneehaube. Ich habe die Wippe angeschubbst und die Schneehaube hüpfte auf den Brett. Dann bekam ich auch schon eine derbe Ohrfeige und wurde für eine Woche von allen gemeinschaftlichen Aktivitäten ausgeschlossen. Statt dessen musste ich alleine im Haus bleiben und täglich 150 Mal einen Satz aufschreiben. “Ich darf nicht die Wippe anschubbsen!” So etwas in der Art.
    Wenn die anderen Kinder im Haus waren, musste ich in der Ecke stehen. Stundenlang, tagelang.

    Das Essen war ekelhaft. Wir wurden regelrecht gemässtet und mussten alles aufessen. Einige Kinder haben sich übergeben. Sie mussten das Erbrochene wieder essen.

    Bettnässer wurden beim Frühstück blosgestellt. Die Laken wurden unter Hohn und Spott präsentiert und es gab eine Bestrafung. Einen Tag in der Ecke stehen. Es gab Tage, da gab es regelrechtes Gedränge in den Ecken.

    Zum Duschen mussten sich alle Kinder nackt ausziehen und im Flur aufstellen. Dann wurde zuerst die Unterwäsche auf Bremsspuren kontrolliert. Natürlich wurde jeder Fund lauthals kommentiert und die Unterhosen über die Köpfe der Kinder gezogen. Dann wurde die nackte Kinderkarwane in den eiskalten Keller getrieben. Dort standen zwei Frauen in Gummischürze und Gummistiefeln. Die eine Frau hielt das Kind fest und die andere hat die Waschung vorgenommen. Das Wasser kam aus einem Schlauch und war viel zu heiss. Ich habe Verbrennungen bekommen.

    Das Taschengeld wurde sofort bei der Ankunft konfisziert. Wir mussten viel Geld mitbringen Das stand schon so in den “Reiseunterlagen”. Ich denke es waren 50 Mark. Für die damalige Zeit eine erhebliche Summe. Meine Eltern waren darüber sehr empört. Angeblich war das Geld für Ausflüge und Eintrittsgelder. Weil die Kasse knapp war, hat Opa noch was gesponsert.
    Tatsächlich wurde davon ein Friseur bezahlt und ein Erinnerungsphoto mit einem Ponny. Der Rest der über war, wurde uns am letzten Abend bei einem hausinternen Basar abgeknöpft. Geschenke für die Lieben daheim. Schnappsgläser, Räuchermännchen und geschnitzte Holztäfelchen mit Sinnsprüchen.

    Der Druck war so hoch, das sich die Kinder untereinander geholfen haben. Die Großen haben die Kleinen getröstet und beschützt. Einige haben beim Essen die Sachen mit gegessen, die andere beim besten Willen nicht herunter bekommen haben. Abends haben wir Fluchtpläne geschiedet.

    Ein nach Käsefüssen stinkender Seiteneingang ist mir auch noch in bleibender Erinnerung geblieben.
    Einmal habe ich ein Geschenkpaket bekommen. Darin enthalten Süßigkeiten wurden sofort eingezogen.
    Freitags wurden Briefe nach Hause geschrieben. Die wurden dann eingesammelt und laut verlesen. Wie kannst du so etwas Böses schreiben? Ab in die Ecke und dann noch einmal neu schreiben. Am zweiten Freitag waren alle Briefe wie gewünscht.

    Seit dieser Zeit kann ich bestimmte Lebensmittel nicht mehr essen. Käse, Geflügel und Fisch. Der Geruch von Senf verursacht Übelkeit.
    Der Anblick von Bergen im Nebel verursacht sehr schlechte Gefühle.
    Ich kann es nicht ertragen, wenn mir beim Essen jemand etwas auf den Teller tut. Ich muss das selber machen.

    Es war die mit Abstand schlimmste Zeit in meinem Leben.

    In einem Traum, den ich dort hatte, bin ich im Hause meines Onkels zur Toilette gegangen. Ihr könnt euch vorstellen, was dann passiert ist. Diesen Traum träume ich heute noch regelmäßig. Zum Glück bleibt das Bett dabei trocken.

    Und nun sage ich euch, wieso ich dazu komme diesen Beitrag zu schreiben. Nach 40 Jahren. Zur Zeit hört man jedes Tag etwas über sexuellen Missbrauch in Schulen und Heimen aus den 70er Jahren. Da fiel mir dieser Heimaufenthalt wieder ein. Ich habe Google nach Brilon und Kur befragt und bin auf diese Beitragsreihe gestossen.

    Nach heutigen (und vermutlich auch damaligen) Maßstäben war das ein Verbrechen, was mit uns Kindern dort gemacht wurde. Ich wusste nicht, warum ich diesen Aufenthalt mit sexueller Mißhandlung assoziiere. Mittlerweile habe ich den Verdacht, das wir bei der Duschaktion befummelt wurden. Soweit ich mich erinnere, war da auch ein Mann zugegen. Ich habe aber keine Ahnung wer das gewesen sein könnte. Eigentlich gab es dort keinen Mann. Ich habe auch keine konkrete Erinnerung an eine sexuelle Mißhandlung. Vermutlich hätte ich als behütetes Kind, das auch gar nicht einordnen können. Ich habe nur so ein unbestimmtes Gefühl, dass das nicht sauber war. Der ganze Vorgang des Duschens, die Untehosenkontrolle, das nackt sein und der Auftrieb in dem kalten Flur hatte etwas total beschämendes und erniedrigendes. Ich habe mich regelrecht vor dem nächsten “Badetag ” gefürchtet.

    Ich bin sehr überrascht, wie stark die Gefühle beim niederschreiben dieser Zeilen sind. Mittlerweile bin ich ein Mann von 50 Jahren. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Dinge noch so präsent sind.

    Fazit: Die Kinderkur der Barmer Ersatzkasse führte direkt ins Kinder KZ Brilon. Es ist mir unbegreiflich, wie solches Personal auf die Kinder losgelassen werden konnte.

    Meine grosse Schwester kann eine ähnliche Geschichte aus einer Kinderkur berichten.
    Uns beiden gleich ist, dass wir von schmalen und dürren Kindern zu übergewichtigen Teenagern und Erwachsenen geworden sind. Möglicherweise ein “Erfolg” dieser Kur.

    Ich habe als Erwachsener mit meinen Eltern darüber gesprochen. Sie waren sehr entsetzt und zugleich überrascht, dass sie als Eltern das nicht so ernst wahr genommen haben. Folgende Gründe dafür haben wir ausgemacht:

    1. Eine solche Kur war damals total der Hit. Plätze waren sehr begehrt und das hatte einen sehr guten Ruf. Vermutlich hatte die Kriegsgeneration da auch eine besondere Wahrnehmung was Gewicht anging. Dick = gesund.

    2. Wir Kinder waren recht behütet. Für das, was uns dort wiederfuhr, hatten wir gar keinen Wortschatz. Ich habe wohl nur erzählt, dass die sehr streng waren. Das galt damals noch als Tugend.

    3. Über “so etwas” redete man auch nicht. Das wurde als persönliche Schande betrachtet. Der jenige, der so etwas zur Sprache brachte, wurde schnell selbst zum Beschuldigten.

    4. Wir Kinder haben uns nicht getraut. Der erfahrene Druck hat noch weit über die eigentliche Zeit in dem Heim hinaus gewirkt. Ich kann mich erinnern, dass ich sogar schöne Geschichten über die Zeit erzählt habe. Zum Beispiel, wie toll das Schlitten fahren war. Dabei war ich der Einzige, der nicht Schlitten gefahren ist, weil ich Hausarrest hatte.

    Jetzt, wo ich mal alles aufgeschrieben habe, bin ich überrascht über die Dimension. Ich denke, so manch einer wird sich in meinen Erinnerungen wieder finden.

    Interessant sind auch Details die im Gedächtnis geblieben sind. Die diagonal beplankte Haustür mit dem karoförmigen Fenster zum Beispiel. Oder die Geschenke, die ich mit nach Hause gebracht habe.
    Aber das beeindruckenste sind die Gefühle, die beim Schreiben wieder wach werden. Ich hab wohl doch mehr Macken abbekommen als ich gedacht habe. Smile

    Nein, ich leide heute nicht mehr darunter. Ich zitter auch nicht beim schreiben oder fange an zu weinen. Ich bin nur sehr überrascht, was da in mir an verborgener Stelle noch so auf zu finden ist. Und ich bin wütend, über das was mit uns Kindern damals gemacht wurde.

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:06

  44. fayence

    Anmeldedatum: 10.03.2010
    Beiträge: 1

    Beitrag Titel: Schwarzwald Verfasst am: 12.03.2010, 12:50 Antworten mit Zitat
    Nicht nur Ihr Ruhgebietler seid in den Genuss zweifelhafter Kureinrichtungen gekommen. Ich lebte als Kind in Ostwestfalen (nahe Bad Oeynhausen, Grüße an den Menschen mit der erfolglosen Kur dort Wink ) und war viel zu dünn: Also ab zum Mästen, sechs Wochen Schwarzwald. Ich weiß den Namen des Heimes nicht mehr und auch nicht den Namen des Ortes, habe vage was mit “Roth” in Erinnerung. Beim Lesen Eurer Geschichten ist soviel in mir noch gekommen - ich denke, es macht Sinn, solche Erinnerungen mal zu sammeln.

    Essen aufessen: Ein Mädchen aus der Gruppe brach regelmäßig ihr Essen aus und musste alles auf essen. Wir anderen mussten so lange sitzen bleiben, bis von unseren Tellern alles weg war. Gegenseitige Hilfe beim Essen war nicht erlaubt.

    Zur Toilette gehen:Wer ins Bett gemacht hatte, bekam das Laken um und durfte damit eine Weile im Gruppenraum sitzen. Nächtliche Toilettengänge waren verboten. Ich musste mal und stand dann, als ich natürlich erwischt wurde, stundenlang (gefühlt stundenlang) auf einem gruseligen Dachboden, der als Trockenraum genutzt wurde, zwischen lauter Laken, udn malte mir aus, was da für Geister hinter den wedelnden Tüchern nur darauf warteten, mich zu packen.

    Kleidung wurde eingeteilt. Bei mir hatten sie sich verzählt, und ich hatte am letzten Tag keine frische Hose (oder Rock?) mehr. Die lag, wie später deutlich wurde, noch im Koffer. Darum musste ich halt den Tag im Nachthemd rumrennen, was mir extrem peinlich war. Es gab auch Jungen im Heim, die ich nur in Erinnerung habe als eine Gruppe, die durch den Mädchen-Speiseraum durchzog. Und da saß ich nun mit meinen neun Jahren, nur im Hemd…

    Briefe wurden zensiert und mit Anschiss zurückgegeben, wenn sie nicht positiv genug waren.

    Taschengeld war eingesammelt. Der Inhalt der Care-Pakete von daheim wurde an alle verteilt (gar nicht so schlecht, denke ich heute, damals kams mir vor wie eine Schikane mehr.)

    Bei Wanderungen gab es Äpfel, die wir bis auf den Stiel essen mussten, das Kerngehäuse und die Kerne mit. Na und, denke ich heute, damals war das extrem scheußlich für mich.

    Duschen im Keller in nackten Gruppen unter Aufsicht und mit kaltem Schlauch zur Ergänzung des Vergüngens.

    Mittagsruhe - naja, dazu ist hier schon genug gesagt worden. Die Tapete an meinem Bett war auch abgeknibbelt…

    Ich habe im Schlaf ein Loch ins Laken gerissen und lebte danach in Panik davor, dass das entdeckt wurde. Irgendwann wurde ich zur Heimleitung gerufen und bin vor Angst fast gestorben. Im Raum babbelte ich dann wegen des Lakens los, da saßen drei Leute und wollten was ganz anderes von mir. Ich weiß aber nicht mehr was^^. Ob es eine Strafe gab, weiß ich auch nicht mehr.

    Also es ist so Vieles im Ungewissen. Ich habe mit meiner Mutter drüber geredet, sie weiß den Namen des Heims auch nicht mehr, aber sie betont, dass meine Eltern mir gesagt hätten, ich solle hinter meinen Namen auf den Brief einen dicken Punkt machen, wenn ich es nicht aushalte. Das ist mir dann auch wieder eingefallen. ich hatte da im Heim so eine Angst, dass die Monster mit dem Radarblick das mit dem Punkt erkennen, dass ich mich nicht getraut habe…

    Und ja, das war insgesamt für mich - zartes Plänzchen das ich offenbar war - eine schreckliche Zeit, an die ich nie gerne zurückgedacht habe, es war fast wie eine Bestrafung. Als ich später Dickens las, sah ich vor meinen Augen immer dieses Heim und mich, verängstigt und verschüchtert und allein.

    Folgen? Keine Ahnung, wär Spekulation. Was machen sechs Wochen im Alter von neun Jahre aus, bei denen die sichere Welt eines Kindes auf den Kopf gestellt wird? Naja, ist egal, mit 50 hab ich genug Lebensweisheit und Erfahrung, um glücklich mit dem zu leben, wie alles ist.

    Bin gespannt auf weitere Posts zum Thema.
    Achja, verehrter Journalist, viel Erfolg bein Recherchieren, und zu dem von Ihnen genannten Heim gibt es an anderen Stellen im Netz auch Erinnerungen - Finde aber, dass dieser Thread hier nicht wirlich zu dem Thema Sexueller Missbrauch passt.

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:07

  45. Fuffziger

    Anmeldedatum: 02.09.2008
    Beiträge: 105
    Wohnort: Gelsenkirchen

    Beitrag Titel: Verfasst am: 09.05.2010, 22:54 Antworten mit Zitat
    Jemand, den ich sehr gut kenne, war mal auf Juist und wurde als kleiner “rabiater” Junge mit dem Wasserschlauch eiskalt abgebraust, andere Massnahmen sind inzwischen in meinem Gedächtnis verblichen. In den Schilderungen über das “Aufessen müssen” fand ich meine eigenen Erfahrungen auf Norderney wieder. Trotz Extrabriefes von zu Hause an die Heimleitung, in dem von meiner grossen Abneigung gegen fettiges Fleisch berichtet wurde, (ich erbrach beim essen von fettigem Fleisch…) musste ich “aufessen”. Irgendwann allein im Speisesaal zwang die übergrosse Not meine schüchterne siebenjährige Seele, drei oder vier Fleischbrocken, an denen jeweils grosse Mengen Fett hingen und irgend ein durchsichtig geelartiges Etwas glibberte, über den Fussboden quer durch den Saal zu werfen. Niemand war gerade da, niemand bekam es mit, und ich rannte schnell den Anderen hinterher. Mir passierte nichts.

    Vieles damals war, aus heutiger Sicht, wohl falsch, keine Frage, sehe ich allerdings die heutige Erziehung, frage ich mich manchmal, wann denn wohl mehr falsch gemacht wurde… .
    _________________
    Menschen, die nicht Herz genug haben, Gefahren Trotz zu bieten, sind immer Sklaven derer, welche sie anfallen.

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:08

  46. TanjaK.

    Anmeldedatum: 04.05.2010
    Beiträge: 8

    Beitrag Titel: Juist Verfasst am: 10.05.2010, 17:44 Antworten mit Zitat
    Detlev, ich hatte meine Mutter auch am Telefon (Gespräche wurden überwacht) kurz ansatzweise davon erzählen können, doch eine dieser Aufseherinnen spritzte dazwischen. Meine Mutter kam dennoch, ich schlief, wachte auf, glaubte sie auch zu hören, aber man sagte mir nichts. Ihr wurde dann gesagt, falls sie mich mitnehme, müsse sie die ganze Kur bezahlen!!!

    Fuffziger. Du hast insofern recht, als dass die antiautoritäre und völlig respektlose Erziehung, die man heutzutage bisweilen erleben kann, das Gegenstück darstellt und auch schädlich ist. Doch was jetzt für einige wohl richtig wäre, wurde damals pauschal und unpädagogisch ganz allgemein angewendet. Das war und ist nicht zu rechtfertigen.

    Beste Grüße

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:09

  47. Heinz O.
    Redaktion-GG

    Anmeldedatum: 10.04.2007
    Beiträge: 12164
    Wohnort: Erle bei Buer in Gelsenkirchen

    Beitrag Titel: Verfasst am: 10.05.2010, 17:54 Antworten mit Zitat
    Nachdem ich das hier alles gelesen habe, fiel mir wieder ein, das ich auch schlechte Erfahrungen gemacht habe.

    Es muß so 1963/64 gewesen sein, aus irgend einem Grund wurde ich nach Bad Nauheim verschickt. Sehr viel Erinnerungen habe ich nicht mehr daran, außer das ich Nachts ans Bett geknebelt wurde und das Bett aus dem Schlafsaal ins Bad geschoben wurde.

    Ich kann mich erinnern das ich das anschließend meinen Eltern erzählt habe, und die daraufhin sagen: Nie wieder kommt eines unserer Kinder in so ein Heim, Nie wieder !

    Irgendwie habe ich dieses Erlebniss aber wohl verkraftet, sonst hätte ich wahrscheinlich genauere Erinnerungen daran keine ahnung
    _________________
    Micha

    Irgendwie machen GEschichten süchtig …….

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:10

  48. ichwarsnicht

    Anmeldedatum: 02.04.2008
    Beiträge: 283
    Wohnort: BuLmKe

    Beitrag Titel: Kinderkuren Verfasst am: 10.05.2010, 19:08 Antworten mit Zitat
    Hallo zusammen, Wink

    da lese ich Bad Rothenfelde und schon kann ich was dazu schreiben..
    Ich war ca. 6 oder 7 Jahre, auch ich musste -alles-aufessen, da wurde Kinder mit Stöcken geschlagen, weil sie ihre Fingernägel nicht sauber hatten, wenn eines zur Toilette musste und es nicht vor dem zu Bettgehen konnte dann aber ins Bett machte ojoeje…
    und und und..
    Natürlich war während der 6 Wochen kein Besuch erlaubt! - Ich wurde krank, kam auf die Krankenstation aber nach Hause, kam ich nicht..
    _________________
    Nur mit dem Herzen sieht man gut.. Antoine de Saint-Exupéry / aus “Der Kleine Prinz”

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:11

  49. TanjaK.

    Anmeldedatum: 04.05.2010
    Beiträge: 8

    Beitrag Titel: ??? Verfasst am: 12.05.2010, 16:08 Antworten mit Zitat
    “Hätte mich jemand geschlagen, über Gebühr, wohl gemerkt, wäre mein Vater am anderen Tag dagewesen. Und meine Mutter hätte jeder Nonne den Garaus gemacht, die mir erbrochenes reinwürgen wollte.”

    Das sagst du heute, als älterer Erwachsener. Aber bist du wirklich heute so kühn im Alltag? Na? Jedenfalls waren die Leute, in diesem Fall meine Mutter, nicht so. Zumal die Bande mit der Entschädigung drohte. Die Androhung von Regressforderungen waren damals noch ein größeres Mittel als heute jemanden zu disziplinieren, da “Verbraucherrechte” u.ä. klein geschrieben wurden.

    Ähnliche Fakten aber gab es noch bis in die 70er Jahre hinein. Noch Ende der 60er Jahre wurden bei uns (in der Realschule!), Kinder in die Ecke gestellt, wurde auch andere Gewalt angewendet.

    Schade, dass sich hier niemand von denen meldet, die auch auf Juist waren und die hier zuvor davon berichteten.

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:13

  50. Ich bin 1961, im Alter von 6 Jahren, für sechs Wochen zur Erholung in das „Glück-Auf“-Kindererholungsheim der Hibernia Chemie, auf die Insel Juist verschifft worden.

    Schon gleich im Bus, noch vor der Abfahrt, wurde ich scharf angefahren, da ich mir, ohne zu fragen, einen Zwieback aus meinem Proviant genommen hatte. Im Heim selbst, hatte man im Waschsaal für jedes Kind einen Handtuchhaken mit mehrstelligen (!) Zahlen - ich war noch nicht in der Schule und konnte mir die Zahl, die mir genannt wurde zuerst nicht merken und wurde deshalb auch mehrfach gerügt. Leider war ich damals ziemlich eingeschüchtert und litt sehr unter Heimweh.

    Der einzige Lichtblick war ein Fräulein Renate (auf dem Gruppenfoto), die wohl damals als Praktikantin dort war, sie hatte wohl Mitleid mit mir, da ich die Jüngste dort war und als einzige noch nicht zur Schule ging. Sie schrieb für mich die Postkarten an meine Eltern – wenn auch nicht nach meinen Vorgaben (…eigentlich sollte sie schreiben, dass mich meine Eltern sofort abholen sollen Wink). Als sie dann währen meines Aufenthaltes die Insel verließ, hat sie zum Abschied jedem Kind ein Stück Schokolade in glänzendem bunten Papier unters Kopfkissen gelegt – und mir zwei… das hat mich sehr getröstet.

    Im Speisesaal gab es zum Glück Kinder, die bereit waren alles zu essen – da ich vieles nicht mochte… noch heute kann ich mich an den gelblichen Glibberpudding mit dem merkwürdigen Aroma erinnern und dem Haferschleim.

    Schön war nur, dass morgens gemeinsam gesungen und danach die Post verteilt wurde. Ich bekam fast jeden Tag eine Postkarte von meinen Eltern und manchmal ein kleines Päckchen – das wurde jedoch gleich kassiert – und die schönen Karten musste ich auch gegen die anderen verteidigen.

    Es war keine schöne Zeit – aber es lag sicher auch daran, dass ich einfach zu jung war. Meine Eltern haben es im Nachhinein bereut, als sie von meinem Heimweh hörten – aber das versprochene eigene Fahrrad, das mich dann zu Hause erwartete, war ein gutes Trostpflaster Wink.

    Vielleicht erkennt sich ja jemand wieder auf dem Foto – oder weiß, was aus Fräulein Renate geworden ist?!

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:16

  51. annomo

    Anmeldedatum: 07.02.2013
    Beiträge: 1

    Beitrag Titel: Bad Lippspringe 1970/71 Verfasst am: 07.02.2013, 16:36 Antworten mit Zitat
    Ob ich hier noch jemanden finde der/die sich an ein Kinderhaus erinnern kann in Bad Lippspringe ?
    Das muß ein sechswöchiger Aufenthalt gewesen sein in einem normal großen Haus mit Garten. Da las uns eine Erzieherin nachmittags Märchen/Geschichten vor. Wir sollten ruhig auf unseren Liegen bleiben - fällt schwer in dem Alter.
    Die Therapie war in einem Kellerraum (oder Saline) mit kaltem Dampf. Dazu bekamen wir weiße Kittel um. Die Bank war rund angeordnet. In der Mitte war die Regelstation für den Dampfaustritt.
    Vom Spielzimmer aus konnte man in den Garten sehen.

    Leider habe ich nur schemenhafte Erinnerungen, da ich noch sehr klein war.

    Besten Dank

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:17

  52. Doppelkopf

    Anmeldedatum: 12.01.2013
    Beiträge: 31
    Wohnort: Ge.-Buer

    Beitrag Titel: Haus Daheim in Norderney Verfasst am: 08.02.2013, 13:19 Antworten mit Zitat
    1959 wurde ich im Alter von 11 Jahren nach Norderney geschickt.
    Soweit ich mich erinnern kann, war das eine Maßnahme, die von
    Der ehem. Zeche Graf Bismarck unterstützt wurde.
    6 Wochen im Winter mit viel Heimweh. Wenn ich nicht auf einer
    Insel gewesen wäre, hätte ich mir vorstellen können von dort abzuhauen.
    Leider waren die negativen Erlebnisse größer als die Positiven.
    Seitdem esse ich keinen Milchbrei sowie irgend etwas mit Pflaumen mehr.
    Da herrschte Zucht und Ordnung von “Nonnen”.
    Aufessen ohne Gnade, auch wenn man es nicht mochte Ich mußte
    ansehen wie Kinder ihr Erbrochenes aufessen mußten
    .

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:19

  53. Hallo ihr Lieben,

    ich wurde als 5j von Münster aus nach Juist geschickt auf Grund von Asthma und Neurodermitis und um zuzunehmen.

    An die Ankunft kann ich mich kaum erinnern doch sehr genau an den Schlafsaal in dem ich auf einmal stand. Ein großer Saal mit vielen Betten (weiße Metallbetten) ein dunkler kalter Raum in dem ich mir so verloren vorkam.
    Dann die Nonnen (Pinguine), kalte lieblose Wesen die mir Angst einflösten.

    Morgens wurden wir nackig mit einem Schlauch kalt abgespritzt.
    Wenn ich morgens die Milchsuppe nicht essen wollte (durfte keine Milch) wurden mir Strafaktionen angedroht und auch durch geführt (ich durfte nicht teilnehmen an den Vormittagsaktionen)

    Das Mittagessen war ebenso ein graus, vieles konnte ich gar nicht essen auf Grund meiner Lebensmittelallergie doch sie wollten mich zwingen. Ich mußte teilweise bis zum Abendessen sitzen bleiben und durfte nicht mit an den Strand oder an den Ausflügen teilnehmen.Kein Kakao und Kekse wie die anderen am Nachmittag. Teilweise wurde ich ins Strafzimmer geschickt. Vom Klaps bis zur schallenden Ohrfeige gingen die Strafaktionen.
    Dann immer das sie mir suggerierten das ich ein böses Mädchen bin und meine Eltern so ein Kind nicht haben wollen.

    Wer in der Mittagspause auf Toilette mußte hatte Pech und durfte in der Ecke stehen.

    Ich hatte Alpträume doch Trost gab es nicht, ich hatte schreckliche Angst doch niemand war da um einem die Angst zu nehmen.
    Ich wollte nach Hause aber wenn meine Eltern so ein böses Mädchen nicht wollen …….

    Ich hatte ein liebevolles Elternhaus, keine Gewalt, viel Zeit für uns Kinder obwohl die Eltern hart arbeiten mussten……

    Seelischer Misbrauch, seelische und körperliche Gewalt = Juist

    Nie hab ich drüber gesprochen obwohl meine Mutter etwas geahnt hat, ich hab den Mund nicht aufgemacht.
    Erst vor 1,5J hab ich ihr erzählt was gewesen ist und meine Mutter macht sich heute noch Vorwürfe das sie mich hat mitfahren lassen.
    Ihr wurde von verschiedenen Seiten gesagt das es ein gutes Kindererholungskurheim sei.

    Selber trage ich seitdem eine Verlustangst mit mir rum und habe als Kind immer gedacht ich muß tun was andere mir sagen damit ich ihnen gefalle weil ich ein liebes Mädchen bin.

    Schrecklich !!!

    Wie kann man Kindern nur so etwas antun? Egal wie alt sie sind

    lg, hexli jetzt in Norddeutschland ansässig Smile

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:20

  54. gutenberg

    Anmeldedatum: 14.04.2009
    Beiträge: 1306

    Beitrag Titel: Von Scholven, Frau Lambretta, nach Juist! Verfasst am: 08.03.2013, 12:00 Antworten mit Zitat
    Frau Lambretta war die in Scholven zuständige Dame der Zechen- und Werksfürsorge. Sie fuhr eine,
    und den Namen vergaß man, aber eine Lambretta nicht.

    Ich war als Kind wohl sehr blass, ansonsten aber schon ein probater “Wölfling” der DPSG, und mit 11 Jahren auf dem Sprung
    in die Jungpfadfinderschaft. Vielleicht war ich auch schon einer, es ist alle so lang her.

    Nun ja, einen Grund werden “sie” schon gehabt haben, uns “das Licht der Welt” erblicken zu lassen. Es war der Montag
    nach jenem berüchtigten Sonntag, an dem die sog. DDR den Antifaschistischen Schutzwall errichtete.

    Vater wollte mich die Reise nicht antreten lassen und sprach von “Kinder-Landverschickung. Und dass “es” bloß nicht
    wieder anfinge. Er hielt nicht viel von Kennedy wg. “zu jung” und “zu unerfahren”.

    Unser Ziel war Juist, die Route ging über die B 70, die damals vor dem Deich in Norddeich endete. Alles war so fremd, dass
    schon die Anfahrt ein Erlebnis war. “Frisia X” wartete auf uns und die Inselbahn und Wattenführer Alfred.

    Das Heim hieß “Glückauf!”. Wenigstens etwas Vertrautes. Es hieß, in dem Gebäude seien auch Mädchen untergegracht. Wir sind
    praktisch nie einem begegnet. Der Bergmann ist prüder als der Papst, er lebt ja auch gefährlicher…

    Und den Tag, an dem ich zum ersten Mal den Atlantik in Form einer aufgewühlten Nordsee sah, werde ich nie, wie man sieht,
    vergessen. Ansonsten wurden es tolle Ferien. Das Essen bstand zwar zu 60 % aus Eintopf, war aber weit über Jugendherbergsniveau.
    Außerdem hatten wir wegen Pubertät und Seeluft ständig einen Mordskohldampf.

    Und jeden Tag und “Boi schedem Weddee” am Strand mit unserer Betreuerin. An ihrem freien Nachmittag schafften wir es,
    als wir mit “Ersatz” durchs Dorf gingen, sie im Café zu entdecken, wie sie von ihrem Freund einen Kuss bekam.
    Wir Blödel blieben stehen und applaudierten.

    Sie war aus Finnland, hieß Sunhild Mantai und ich möchte mich für die Peinlichkeit heute noch entschuldigen.

    Ich bin seither nicht in Juist gewesen. Ich vermute mal, ich wollte einen Traum, von dem ich gar nicht wusste,
    dass ich ihn träumte und der wahr wurde, nicht mit der Umbaurealität zerstören.

    Ob das Haus noch steht?

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:22

  55. hexli

    Anmeldedatum: 05.03.2013
    Beiträge: 3

    Beitrag Titel: Verfasst am: 10.03.2013, 18:56 Antworten mit Zitat
    Lieber Gutenberg

    alle Häuser stehen noch auf Juist,
    werden inzwischen anderweitig genutzt.

    lg hexli

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:22

  56. http://www.gelsenkirchener-geschichten.de/bild.php?bild=http://www.gelsenkirchener-geschichten.de/userpix/3765/3765_juist2_1.jpg

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:22

  57. ucasdakar

    Ich bin heute durch Zufall auf diesen Punkt gestoßen.

    1969 wurde ich für 6-8 Wochen in das besagte Kinder-Kurheim in den Schwarzwald geschickt.

    Es nannte sich Haus Sontra und war in Tittisee- Neustadt.

    Das war ein fürchterliches Haus mit vielen Kindern aus dem sogenannten “Schwer Erziehbaren Milue ” Was ich da zum Teil erlebt habe, hat bleibenden Eindruck hinterlassen.

    Ich kann mich aber gut daran erinnern das mein Aufenthalt frühzeitig abgebrochen wurde, da ich nicht nur die falsche Zielgruppe besetzte, sondern weil bei der Heimleitung auch was völlig danebenging.

    Heute würde sich so etwas nicht mehr halten können.

    Die Abreise damals in Gelsenkirchen, wir Kinder wurden alle per Bahn von Gelsenkirchen dahingefahren. es waren damals zwei Wagons dafür reserviert.
    Neben den Tränen die da flossen spielten sich schwere Dramen ab.

    Seit dieser Zeit esse ich kein dicken Reis mit Zimt und Zucker sowie Erbsen und Möhren mehr. Diese Kinderheimkost wurde dort einem Zwangsweise eingeflöst, genauso wie Milch die schon einen Stich hatte.

    Einfach nur Schrecklich.
    _________________
    @Lucasdakar
    mit Ruhrpott im Herzen-Toleranz und Gerechtigkeit sind mein Credo

    https://www.huffingtonpost.de/entry/erzieher-wollen-willen-von-kita-kind-brechen-es-dauert-drei-stunden_de_5ba95d9ae4b069d5f9d5a9a3

    Kommentar von Campo-News — 24. August 2015 @ 16:23

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