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9. Januar 2022

Gedankenanker

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 16:53

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Der Traum zuvor von Bernd Rump

Eine Ostbiographie für die Westlethargie! 

 Der Zug rattert nicht, er rast mit 250 km/h Richtung Osten, Richtung (relativer) Freiheit. ICE gekühlt. „Unser Mann“ ist sicher früher oft hierher, auf dem gleichen Gleis, in ähnlicher Weis´, gefahren. Tschebumtschebumtschebumratata ganz um halb Sachsen rum! Vielleicht mehr geruckelt als heute, vielleicht langsamer, vielleicht auch ohne so ein dickes Buch, aber mit Zetteln. Für die vielen Notizen, schon im Alter des Novizen: Lieder, Szenen und Gedankenanker! Vielleicht auch für eine „literarische Biographie“ von 670 Seiten, die er irgendwann mit über 70 vorlegen wird. Und nun ist sie da! Der Träger der Erich-Weinert-Medaille und des Kunstpreis des FDGB (beide 1977 erhalten, letzteren gemeinsam mit Ernst Busch) hat mitten in der coronalen Stumpfzeit, etwas für den widerstehenden Verstand herausgebracht. Jedenfalls; als ich sein Buch lesend zu Ende brachte, irgendwo zwischen Bad Lausick und Geithain, war ich etwas „Trulla“ und erschöpft, stellte es eine Stunde später zwischen Biermann und Busch in meiner Marxstädter Wohnung ab, hatte aber gelernt, und wieder einmal realisiert, dass nur dort lebt(e), was die Schreiber der „Historie aus der Sicht der Pressehäuser“ als „gescheiterten Versuch“ beschimpfen, währenddessen sie sich selbst sehr erfolgreich in ihrigen Irrläufen kühn vollendend, doppelgesichtig im Spiegel der Zeit entlarvend, hoffentlich bald selbst voll enden.  

Und wie er mit der Sprache umgeht! Klasse! Und das Detailwissen! Ich bin ja schon nicht schlecht…aber…tiefe Verbeugung! Hat er das als Student der Energetik an der TU Dresden oder als Ingenieur im Kraftwerksanlagenbau gelernt? Möglich. Oder wie kommt das alles in einen, den einen Kopf? Was so alles passierte in der GDR. Another Country, andere Karrieren, andere Sitten, wenn auch freiheitsbeschnitten. Anfang der 70er wusste er, dass das nicht alles sein konnte. Im Buch läuft das nicht so, wie die Zuschauer den sonntäglichen Totort kennen: alles hübsch chronologisch, so zwei hinter eins und vor drei, sondern: bei “Unserem Mann” ist das nicht immer ganz klar, oft weiß man nicht, wer da grad was macht und wann oder warum. Das gilt auch für die Begriffe und Personen. Der Barde, nun ja, wird ja auch aufgelöst, aber wer ist der Troubadour? Nur wenige Personen werden benannt und man muss die Fakten hinter den versteckten Anspielungen kennen. Fiktionen (Monroe usw.) machen es nicht leichter zu unterscheiden zwischen Leben und Phantasie. Ja, ich weiß, “unser Mann” ist nicht durchgängig real, aber…so bleibt er und es eine schwere Kost. Privates fehlt fast völlig, der Mensch ist schwer erkenntlich. Wahrscheinlich Absicht, aber der geneigte Leser quält sich dadurch mit vielen Fragen herum. Auch ermüdet die Sicht aus der neutralen Perspektive denn „Unser Mann“ macht dies und manchmal ein wenig zu Ungunsten der Lebendigkeit. Man weiß ja, dass in der DDR aus Vorsicht vor dem Feind, grad in den eigenen Reihen, manches eher umschrieben, als direkt benannt wurde. So einer war er aber eigentlich nicht. Parteimann zwar, aber einer, dessen größere Stunde eher kam, als der große Brocken beiseite geräumt war: Kulturchef der Partei auf des letzten Partei – und Staatschefs Wunsch, dann die Arbeit in Bundestagsbüros und plötzlich doch: der Bruch, USPD (sozusagen ;)) und dann doch wieder dort, wo Mutters mächtiger Arm schützt, aber auch straft, oder – bis heute – wie olle Frau unterm Arm müffelt.

Es ist eine „DDR-Biographie“ und gottlob bin ich eine Wessierianerin, die sich so gut dort auskennt, wie nur wenige Zehntausend anderer aus Restdeutschland. Aber wie er mir das zurückgibt!!! Viel Biermann, noch mehr Brecht, US-Mythen überraschend originär adaptiert und… na klar, zum Gundermannkreis gehörte er auch. Auch darum war die Lektüre ein Genuss. So wie ein lang ersehnter heißer Kaffee mit frischen Brötchen und Konfitüre, aber mit dem Aufdruck „vegetarisch“, obwohl dort nie etwas biss, schiss oder blutig blökte. Man verstehe mich recht. Doch hier ein Beispiel, mit dem ich schließen möchte, da „unser Mann“ einmal in den eigenen Ich-Körper fährt und dennoch nicht seiner selbst sein kann, weil…..ach lesen wir ihn selbst:

„DU HAST DEN UNRECHTSSTAAT UNTERSTÜTZT kommt es mir entgegen. Du warst das. Ich erschrecke. Habe ich das gesagt? Oder alle? Alle im Saal. Aber was, um Gottes Willen ist das für ein Saal? Und warum stehe ich plötzlich an der Peripherie. Jetzt bitte ich erneut ums Wort. Ich, sage ich, ich habe… Weiter komme ich im Moment wieder nicht. Der Angeklagte möchte noch etwas sagen, höre ich. Es klingt höhnisch. Es klingt: Hat er noch etwas zu sagen? Das war der Ankläger. Eindeutig meine Stimme. Wie spreche ich jetzt mit meiner Stimme gegen meine Stimme. Ich versuche mit der einen gegen die andere anzukommen. DAS KÖNNT IHR DOCH NICHT MIT MIR MACHEN. Doch, sagt die andere Stimme. WIR KÖNNEN DAS. Wir können alles. Wir sind legitimiert. Wir sind das Gericht der Geschichte. Wir sind der Rechtsstaat. Wir sind die letzte Instanz. Wir sind die Sieger der Geschichte.“

Der Traum zuvor, Bernd Rump

ISBN: 978-3-95908-422-2, 29,80 €

Thelem 2020. Hardcover mit Schutzumschlag. 15 x 21 cm, 670 S.

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