Campo de Criptana




1. Juni 2010

Armut sparet nicht

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 18:52

Drei Betrachtungen

1.Ein Beleg anhand eines Liedes (Studenten)

2. Politischer Alltagszirkus (Obdachlose und Co)

3. Kalkulierter Selbstversuch (Normalmensch)

Meine Grundthese lautet:Ich könnte problemlos auf dem Niveau des Jahres 1970 leben – du nicht!“

1. Vorbemerkung. In der Fußgängerzone Dortmunds sitzen und stehen allerlei Menschen herum, die gewiss nicht während langer Wartezeiten auf Ämtern verhungern, aber dafür in mehr oder weniger aggressiver Weise betteln. Manche legen auch ihre Stümpfe in Wollsocken mitten auf die Straße, heute gar einer seine offen gelegten Füße, die eine Mischung aus Elefantenmensch und Fischskelett darboten. Damit wird man dann - in bester sonniger Kauflaune - mitten auf dem Gehsteig überrascht. Schön. Schweigende Lena-Fans all überall. Die in der Nähe Perversionalien feststellende Polizei, meinte auf meine Frage, ob es Grenzen der Bettelei gebe: „Dafür sind wir nicht zuständig. Fragen Sie das Ordnungsamt.“.

2. Vorbemerkung. Junge, etwa 16jährige Mohren fragend, zu welcher Nation sie demnächst bei der Fußball-WM halten, antworten: „Ghana“. Klar doch. „Kommst du von da?“ „Mein Vater“. „Hast du deutschen Pass?“ Nee, von Holland.“ Aha. Nach dem Geld fragte ich freundlicherweise nicht, schließlich kann er nichts dazu.

3. Vorbemerkung. Der in drohnenbewachter Sicherheit und dem „fortschrittlichen Programm“ sowohl der liberalen, der sozialen Demokraten und auch der Christen erzogenen und daraus resultierenden Unverschämtheit der sich naiv stellenden deutschen Arroganz, ist es geschuldet, dass wir jetzt sagen: es muss, es soll, es wird sich etwas ändern.

1.

Der heutige Student leidet. Um den Stoff, den er selbst fordert und der seinen eigenen Leistungswünschen entspricht, weil auch er meint „Bildung“ sei ein Mehr gespeicherter, wenngleich beliebiger Daten, soll es nicht gehen. Vielmehr um seinen oft klagenswert dargebrachten Ruf nach „Alles umsonst“ und sein Lamentieren, da ihm Computer, iPods, Fotohandy und unzählige weitere Mätzchen noch immer nicht reichen, sondern auch das Studium an sich (dafür habe ich sogar Verständnis) nichts kosten darf und am besten auch nicht die Wohnung, Bücher usw..  also alles, was zu einem schönen Leben bis 30 so dazugehört. Dafür aber wählt er dann jene Parteien, die nicht der Auffassung sind, wir lebten über unsere Verhältnisse, denn er, der Student, kann doch nicht bestätigen, dass er besser als früher lebt, wo doch schon immer alles schön geordnet war.

Um den heutigen Standard mit dem früheren zu vergleichen, reicht eigentlich eine Strophe eines Hannes Wader-Liedes aus dem Jahr 1969 aus.

Das Loch unterm Dach

Ich friste in einem Loch unterm Dach

Als armer Hund mein Dasein

Hab wenig zu essen drum lieg ich oft wach

Und hungre bei Wasser mit Wein

Und starrt die nackte Wand mich auch an

Was macht das schon, jetzt hängt ja daran

Ein Bild von ihr, sie schenkte es mir

 

Meine Bücher, die letzten Habseligkeiten

Ich werde mit ihnen ins Pfandhaus gehen

Usw. usf.

Und damit ist das Thema ein für allemal erledigt.

2.

Am Samstagmittag geriet ich durch Zufall beim Aussteigen an der U-Bahnhaltestelle „Stadtgarten“ in eine Veranstaltung, die sich „kultur poor“ (nein, wie witzig) nannte und von der „Kana Suppenküche“ veranstaltet wurde, einem Verein mit „christlichem Hintergrund“. Im Vordergrund geht es um anderes, nämlich darum „umsonst und draußen“ Kultur zu erleben. So wichtiges es ist, dass sich Menschen für andere einsetzen, so richtiger wäre auch, dies geschähe ohne falsche Töne. Die aber hört man kakophonisch überall.

Die Suppenleute sagen es deutlich heraus: Jeder und jede ist in unseren Räumen herzlich willkommen, niemand muss sich ausweisen oder seine Bedürftigkeit erkennbar machen.“ Fein, so ungefähr stellen sich artverwandte Milieus auch die Kriterien für Einwanderungen und sonstige Bedürfnisse vor. Wichtig ist, dass man ein Bedürfnis äußert, nicht, ob es angemessen sei oder überhaupt besteht. Das Geld, das dies kostet, ist dabei schnell draußen, aber leider nicht umsonst.

Ein Gitarrenspieler spielt einen traurigen Song über die Leute auf der Straße, die in diesem Fall an aufgestellten Tischen sitzen und speisen. Gar nicht schlecht. Der Song. Dürftiger Applaus. Einer grölt in die nachfolgende Stille „Über den Wolken!“ Der Liedermacher lässt sich nicht beirren, er macht mit der noch traurigeren Ballade über einen gepiercten, drogenabhängigen, mit Wangenrouge herauslaufenden Jungen, der von allen, aber auch wirklich von allen, verachtet und von einem Besoffenen zusammen geschlagen worden sei. Ein Zuhörer reckt die Faust nach oben. Was bedeutet sie? Dem geben wirs? Das war gut? Da hätt´ ich mitgemacht? Man soll sich nicht einmischen, wenn Gutes getan wird, sage ich mir und trolle mich in Richtung Stadtzentrum, wo ich auf Erhard Arendt traf.

Warum und wieso das so ist, zeigt uns immer noch am besten die Geschichte der naiven Viridiana, mit hervorragenden Szenen von Luis Bunuel. Unbedingt ansehen! Unbedingt!

Dass aber auch – sagen wir salopp und an das oben erwähnte anknüpfend - „Kultur rich“, auch nicht so tickt, wie sich ein denkender Mensch das vorstellt, zeigt der groteske Fakt, der im „Konzerthaus“ zu erleben ist. Dort nämlich liegt für jeden umlaufenden Brausekopf nicht etwa ein achtseitiger Faltflyer parat, um über das Programm des laufenden Jahres zu informieren, nein, es ist ein KOSTENLOSES Hochglanzmonster von 230 Seiten mit einem dreidimensionalen Aufmacher in Silberoptik! Prima, was so alles hergeben wird, wenn man es hat. Für eine dicke Schwarte, die jedem Belletristik-Beststeller zu Ehren gereicht, wird in der „Alles umsonst“-Gesellschaft nicht einmal eine „Schutzgebühr“ von x Euro gefordert. Könnte ja bei den gängigen Eintrittspreisen etwas zuviel sein.

3.

Meine Lebensmittel habe ich zwei Monate lang nur bei Lidl gekauft und dabei 147,28 € ausgegeben. Rechne ich Zeiten der Abwesenheit und gelegentliche außerhäusliche Mittagessen dazu, müsste der Betrag etwa um 25% erweitert werden – was dann auch dem späteren Gesamtergebnis ähnlich sieht. Dieses Ergebnis beinhaltet alles was der Menschen benötigt, sogar einen halben Liter Bier am Tag (organisiert als preiswerten Kasten), obwohl ich kein Bier zu Hause trinke, sondern wenn, dann auswärts, z.B. im Alex, wo er 3,75 € kostet. Auch könnte man angesichts des Gesamtergebnis dem Betreffenden sagen, er könne zu den fehlenden 100 Euro pro Monat, im Grunde noch ein Mal draußen zu Mittagessen, z.B. beim Wok-Man, wo es den kleinen Teller mit Currysoße für unüberbietbar günstige 2,80 € gibt.

So habe ich in meiner Rechnung zwar keine Salate o.ä. aufgeführt, aber die sind ja auch nicht besonders gesund, und wer sie, statt andere Waren will, soll sie halt austauschen. Das Ergebnis schaut ähnlich aus. Aber ich habe drei (!) Liter unterschiedlichster Flüssigkeiten eingerechnet, ausreichend Obst, Brot und Gemüse (eingefroren, also umso gesünder). Hier die Verzehr-Liste, eigenhändig erprobt.

Frühstück

Brot 49 Cent, acht Scheiben, pro Scheibe demnach etwa 6 Cent

Kaffe – 1 Kilo 2,50, rund 40 Pötte/Tassen, pro Tasse etwa 6 Cent

Aufstrich, Margarine im Schnitt 1,00 € für 500 gr., pro Frühstück bei 2 Scheiben etwa 2 Cent

Marmelade, Beispiel „Nusspli“ 400 gr. 0,99 €, also ca. 5 Cent pro Frühstück

Milch für den Kaffee, Zucker – etwa 4 Cent

Frühstückskosten 29 Cent

Zwischenmahlzeit

1 Apfel, Kilo 1,99€, 6 Stück, pro Apfel 33 Cent

1 Banane, Kilo 1,00 €, 4 Stück, pro Banane 25 Cent

1 Joghurt, 29 Cent

1 weiteren Kaffee 6 Cent

Zwischenmahlzeit 93 Cent 

Mittagessen

2,5 Kilo Kartoffeln 1,99€, pro Mahlzeit etwa 15 Cent

Bespiel 1x Spinat, 500 gr. (reicht fast für zwei Personen)  39 Cent

1 Glas Milch, 0,25 Liter, etwa 15 Cent

1 Würstchen 15 Cent

Ketchup, Senf 12 Cent

Mittagessen/Hauptmahlzeit 96 Cent

Abendbrot

2 Scheiben Brot – 12 Cent

Aufstrich plus zwei Scheiben Käse (sieben Scheiben 0,99€), also 28 Cent

1 Glas Milch oder Orangensaft 15 Cent

Abendbrot 55 Cent

Dazu über den Tag 1,5 Liter Wasser – 19 Cent, 0,5 Liter Bier aus dem Kasten 30 Cent

Zusatzgetränke 49 Cent

Gesamtkosten 3,22 € x 30,42 Tage = 97,95 Euro pro Monat

Fazit: Anstelle von rigide politische Forderungen und die komplizierte Gesamtgemengelage zu instrumentalisieren, sollte man für die Betroffenen z.B. Kurse zur Selbsthilfe und dabei hauptsächlich zur Haushaltsführung organisieren. Doch aus sozialen Problemen versimpelt zu generieren, hier läge gesellschaftliches Versagen vor, weil jemand, obwohl ausreichend Geld fließt, nicht zurecht kommt, zielt an erfolgsversprechenden Lösungsansätzen komplett vorbei und manifestiert die gesellschaftliche Praxis.

 

 

 

9 Kommentare »

  1. Niemand hatte viel, aber einen Sinn - das scheint wesentlich. Sehr schön.

    Kommentar von Campo-News — 5. August 2010 @ 12:34

  2. Merken die Genossen jetzt auch (als Vorletzte), wie kalkuliert die Armut ist? -

    !Der Mindestbeitrag in der Linken betrage 1,50 Euro. Wenn Genossen ihm erzählten, dass sie kein Geld für den Beitrag hätten, gleichzeitig aber mit einer Zigarettenschachtel vor ihm säßen, würde er stutzig. “Wir prüfen so etwas genau.” Die Beitragsbefreiung sei eine Ausnahmeregelung “für Leute, bei denen gar nichts mehr geht”.” Also: Lasst den Sozialkitsch! Und erklärt dem Pöbel, dass sie keine Genossen sind.

    Kommentar von Campo-News — 5. August 2010 @ 16:45

  3. Hier sind sie, die ohne angemessene Leistung Geld verbrennnen.

    Kommentar von Campo-News — 13. August 2010 @ 19:12

  4. Auf Seite 117 des Saarazinsbuches stoße ich soeben auf einen sehr ähnlichen Speiseplan, wie ich ihn oben unter Punkt 3 aufstellte. Prima! Für ihn, wie für mich.

    Und dann findet sich auf Seite 120 genaus das, was ich als Fazit zog, nämlich, man solle lieber Hauswirtschaftskurse als Tafeln einrichten. Super. Er liest den Campo-Blog.

    Kommentar von Campo-News — 1. September 2010 @ 16:44

  5. Warum sollen sie keinen Antrag für das Bildungspaket der Kinder stellen können?“ Die Antwort liegt nahe: Weil ihnen ihre Kinder im Grunde so egal sind wie alles andere auch. So werden Menschen nun einmal nach ein paar Jahren Verhausschweinung in den warmen Gehegen des allfürsorgenden Sozialstaats. Die da gemästet wurden, zeugten Nachwuchs, um die fälligen Zusatzprämien zu kassieren, nicht um sich die Mühe von Anträgen für sie zu machen. - http://ef-magazin.de/2011/04/21/2964-gescheitertes-bildungspaket-die-lehre-von-der-verhausschweinung-des-menschen

    Kommentar von Campo-News — 25. April 2011 @ 18:17

  6. MÜNCHEN. Der Chef des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung Hans Werner Sinn hat die Ergebnisse des jüngsten Berichts zur regionalen Armutsentwicklung in Deutschland des Paritätischen Wohlfahrtsverbands angezweifelt. Die darin enthaltene Armutsdefinition lasse zu viele Personen „unter die Armutsgefährdungsschwelle rutschen“, sagte der Wirtschaftswissenschaftler der JUNGEN FREIHEIT.

    Sinn kritisierte die Armutsdefinition der Autoren der Studie: „Die Studie berechnet nicht die Armutsgrenze, die bei 40 Prozent des Medianeinkommens liegt, sondern die Armutsgefährdungsgrenze, die bei 60 Prozent angesiedelt ist.“ Das Medianeinkommen ist ein statistischer Wert, vergleichbar dem Durchschnittseinkommen. Erst dadurch, daß die Einkommen durch Anwendung von sogenannten Bedarfsfaktoren rechnerisch verkleinert würden, rutschten viele unter diese Schwelle“, sagte Sinn der JF.

    Kommentar von Campo-News — 22. Dezember 2011 @ 15:37

  7. Hartz 4 Industrie - http://www.youtube.com/watch?v=XUQQXOZnrio

    Kommentar von Campo-News — 7. Februar 2012 @ 16:28

  8. Genau, da kommt alles zusammen, denn DARUM sind sie arm: “Es war ein langer Tag, wie die meisten in dem überheizten Raum hält sich die 46-Jährige mit Kaffee und Zigaretten wach.” - http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,814383,00.html

    Kommentar von Campo-News — 10. Februar 2012 @ 07:47

  9. Genau, NIEMAND muss obdachtlos sein, die meisten Leute sind es gern - “Ein halbes Jahr lebte er in Australien, arbeitete in einer Stranddisco. „Aber ich musste irgendwann wieder weg. Der Freiheitsdrang ist einfach zu groß“, sagt er. Freiheit – dieses Wort hört man häufig in der Obdachlosenszene.” - http://www.hna.de/nachrichten/stadt-kassel/kassel/freiheit-strasse-1596029.html?cmp=dnlhna

    Kommentar von Campo-News — 10. Februar 2012 @ 16:11

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack-URL

Einen Kommentar hinterlassen

You must be logged in to post a comment.

kostenloser Counter

Weblog counter