Campo de Criptana




21. März 2009

Die Rente ist/wäre (relativ) sicher

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 07:57


Eigentlich ist es gar nicht so schwer und schon gar nicht unlogisch. Arbeitende, “unselbstständige“, bzw. „abhängig beschäftigte“ Menschen, zahlen einen Anteil ihres Einkommens in die Rentenversicherung ein (derzeit 19,9%, von denen der Unternehmer die Hälfte mit trägt). Der Durchschnittsrentner, versicherungstechnisch „Eckrentner“ geheißen, erhält zu diesem Zeitpunkt (März 2009) nach dem 65. Lebensjahr und zu Grunde liegenden 45 Arbeitsjahren eine durchschnittliche Rente von 1078 Euro im Westen und 941 Euro im Osten. Warum die durchschnittlichen Rentenbeträge im Westen 953 Euro, im Osten aber 1002 Euro betragen, wird weiter unten erläutert.

 

Die Rente also richtet sich nach der individuellen Leistung, ihr Richtmaß ist das persönliche Einkommen. Wie aber wird das „Renteneinkommen“ nun konkret berechnet? Auch das ist nicht schwer. Im vergangenen Jahr z.B. betrug das durchschnittliche Einkommen aller Pflichtversicherten ziemlich genau 30 000 Euro. Rechnen wir einfach und glatt. Verdient jemand nur 24 000 Euro im Jahr, lautet die Rechnung 24 000:30 000 = 0,8. Würde jemand nur 40 Jahre stets 0,8 Anrechnungspunkte (Rentenwert) erreichen, betrüge sein Gesamtergebnis lediglich 40 x 0,8 = 32 Punkte. 24,13 € im Westen und 27,20 € im Osten (ab 1.7. 09) ergäben also 32 x 24,13 = 772,16, € bzw. 32 x 27,20 € = 870,40 €. Hat jemand Jahreseinkünfte von 48 000 €, so ergibt sich demzufolge der doppelte Wert.

 

Auf die vielen und zum Teil auf diskutablen Zusatzpunkterwerbe oder „Fremdleistungen“ kann und will ich hier nicht eingehen, sie müssten gesondert behandelt werden. Wie auch die Regelungen bei den Früh – und Witwenrenten oder den Bemessungsgrenzen.

 

Ost vs. West

 

Etwas populistisch, aber nicht unbegründet, erscheinen die aktuellen Debatten um die Renten, in dem man die Westrentner gegen Ostrentner ausspielt, nachdem Manchem schon die Rentner im Allgemeinen nicht passen. Doch dazu später. Der Widerspruch, dass nämlich die Ostrentner mehr Geld bekommen als die Westrentner, löst sich scheinbar ein wenig auf, wenn man die die individuellen Rentenleistrungen betrachtet. Dort nämlich steht sich der einzelne Westrentner besser, während in der Gesamthöhe vor allem die hohe Frauen-Arbeitsqoute den Ausschlag dafür gibt, dass die Ostrentner mehr Geld erhalten. Nicht einleuchtend jedoch bleibt der auch heute geltende, höhere „Rentenwert“ der Ostdeutschen.

 

Äußerst fraglich wird die Gesamtberechnung sogar, wenn man die Produktivität zugrunde legt. Nicht nur der auch für Frauen faktisch existierende Arbeitszwang in der ehemaligen DDR wirkt hier nach, auch die längeren Arbeitszeiten, die letztlich Ausdruck für die erheblich niedrigere Produktivität waren. Wartezeiten während der Arbeit mangels vorhandener Produkte, aber auch Freistellungen aller und teilweise der absonderlichen Arten usw. bleiben so unberücksichtigt.

 

Ostmark und Arbeitskonten

 

Während die Ostmark seinerzeit mit 1:7 bewertet ward, wollte man aus rein politischen Gründen davon im Hause Kohl nach der Wende nichts wissen. Die Deutschen, vor allem die Westdeutschen, sollten „Solidarität“ zeigen. So wurden plötzlich niedrige Sparguthaben der DDR-Bürger 1.1 umgetauscht, höhere mit 1.2 bewertet. De facto eine Inflation der stabilen Westwährung.

 

Die Arbeitskonten Ost erfuhren ebenfalls eine erheblich Aufwertung. Bis heute ist nicht ganz klar, warum die niedrige Produktivität nicht mit der längeren Arbeitszeit so abgeglichen wurde, dass man zumindest eine Art Gleichstand erreichte. Die zum Teil groteske Arbeitswelt der DDR mit ihren katastrophalen Dienstleitungen und den damit kommunizierenden Anforderungen, erklärte man als absolut gleichwertig, die Arbeitszeitlänge ließ daraus sogar einen Vorteil entstehen. Hier erscheint eine Kappung zwingend erforderlich zu sein.

 

Umlage, Anspruchserwerb, Einheitsrente und/oder private Vorsorge

 

Historisch hat sich das deutsche Rentensystem bewährt. Die Rente ist sicher – nur die Höhe nicht. Tatsächlich darf es als große zivilisatorische Errungenschaft gelten, dass auch heute noch – unbeirrt von Währungsänderungen und Kriegen – Menschen, die Ansprüche im Kaiserreich erwarben, Geldzahlungen erhalten. Der große Verdienst des Rentensystems, der unerklärlicherweise schlecht geredet wird, liegt doch darin, dass Arbeiter und Angestellte, egal ob sie im Kaiserreich, der Weimarer Republik, dem „3. Reich“, der BRD oder DDR oder im vereinigten Deutschland Beiträge einzahlten, diese in Relation zum Verdienst als Rentabilitätsertrag auch erhalten. Die Schwäche ist u.a. seine Generalisierung, die nicht fragt, wo diese Ansprüche erworben wurden, z.B. vielleicht in Usbekistan oder Kasachstan.

 

Der Vorteil also liegt darin, dass eben nicht ein rein privates Rentenkonto besteht, auf das quasi physisch etwas eingezahlt wird, sondern es besteht vielmehr ein fiktiver, wenn auch konkreter Anspruch aus dem gezahlten Gelde. Die Rentabilität jedoch ist von der Menge der Beitragszahler abhängig und dies könnte zu einem Problem werden. Doch dieses Problem würde jeder individuell und recht schicksalshaft tragen müssen, wenn ein rein persönliches Geldkonto existiert, das privat verwaltet wird. Viele Rentenfonds in privater Hand kollabierten. Wen es trifft, weiß man nicht. Diese Gelder also dem Staat zu überlassen, resp. von ihm einen adäquaten Wert „gutgeschrieben“ zu bekommen, erscheint als das geringe Übel. Selbst ein Staatskonkurs setzt nach einer Neuordnung alte Rechtsansprüche ein. Das ist eine Lebensqualitätsgarantie, die nicht hoch genug bewertet werden kann.

 

Wenn man das System ändern will, soll man es sagen. Dann nämlich hätten die Menschen mehr netto vom brutto. Doch nicht jeder kann mit den daraus ergebenen Lebensrisiken umgehen. Wieviele Selbstständige müssen nach ihrem Scheitern dann doch staatliche Systeme in Anspruch nehmen, in die sich nicht selber einzahlten? Hier von einer „Zwangsabnahme“ zu sprechen, erscheint polemisch. Vielmehr wäre eine steuerfinanzierte Rente, die gleichzeitig allen Bürgern Ansprüche garantiert, ein probates Mittel, um die Lebensrisiken abzusichern. Ob die private Vorsorge wirklich mehr Gewinn abwirft, ist keineswegs sicher.

 

Das alles heißt ja nicht, es sei überflüssig eine private Vorsorge zu treffen. Im Gegenteil. Vielmehr sollte auch eine offene Debatte darüber stattfinden, wie die Rente der Zukunft aussehen und finanziert werden soll. Da gibt es den Vorschlag der Einheitsrente inklusive der Abkoppelung individueller Lebensleistungen bei gleichzeitigen Zuschlägen z.B. für Kinder; da gibt es auch Vorschläge zur Reformierung des Systems, die in einer zukünftigen Absenkung der letztlich gezahlten Rentenhöhe besteht, da wird an eine stärkere Beteiligung der Arbeitenden an den Unternehmen gedacht (ohne zu sagen, was passiert, wenn diese Unternehmen pleite gehen).

 

Rentner sind keine „Transferempfänger“

 

Das Rentnermobbing trägt bisweilen hässliche Züge. Nach einem arbeitsreichen Leben müssen sich Rentner oft als „Transferempfänger“ beschimpfen und auf eine Stufe mit Almosenempfängern setzen lassen. Doch die Rente ist kein staatliches Almosen, sie ist der Zins auf eingezahltes Geld, das der Staat verwaltete.

 

Dieses Rentensystem zu kippen, wäre fatal. Eine kritische Bestandaufnahme ist jedoch – so schnell als möglich – zu leisten. Die Sicherung der Sozialsysteme insgesamt, haben auf der Grundlage der nationalen Volkswirtschaften zu erfolgen. Die Zeit der unverantwortlichen Experimente, der politischen Geschenke, der selbstzerstörerischen Praxis, muss zu ihrem Ende kommen, damit die Rentabilität der staatlichen Lebensansparung auch die Früchte tragen kann, die bei einer rechtschaffenden Verwaltung durchaus zu erzielen wäre.

 

 

 

 

2 Kommentare »

  1. Aha! “Ursache sei eine künstliche Aufwertung der Ost-Löhne bei der Rente.”

    Kommentar von Campo-News — 21. Juli 2010 @ 11:26

  2. Seinen Berechnungen nach hätten die Versicherer bislang 40 Milliarden an der Riester-Rente verdient. Als diese 2001 eingeführt worden sei, habe man die gesetzliche Rentenversicherung madig gemacht. „Da ist Gehirnwäsche betrieben worden und es gab eine Hetzkampagne der Bild-Zeitung“, meinte der Christdemokrat. Für ihn hat die gesetzliche Rentenversicherung nach wie vor ihre Berechtigung. „Es gibt nichts Sicheres als das Umlageverfahren, das Kriege und Katastrophen überlebt hat.“ - http://www.focus.de/finanzen/altersvorsorge/riester-vs-bluem-bei-maischberger-der-schlagabtausch-der-rentenpaepste_aid_711858.html

    Kommentar von Campo-News — 8. Februar 2012 @ 08:21

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