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13. Juli 2007

Der raue Planet

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 16:41

Von Tanja Krienen

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“Wir sprechen zu viel und fühlen zu wenig. Aber zuerst kommt die Menschlichkeit und dann erst die Maschinen. Vor Klugheit und Wissen kommt Toleranz und Güte. Ohne Menschlichkeit und Nächstenliebe ist unser Dasein nicht lebenswert. Aeroplane und Radio haben uns einander nähergebracht. Diese Erfindungen haben eine Brücke geschlagen von Mensch zu Mensch, die erfassen eine allumfassende Brüderlichkeit, damit wir alle Eins werden.”

Charlie Chaplin als A. Hynkel in „Der große Diktator“

Der raue Planet

Es gibt keinen Feind
Es gibt keinen Sieg
Nichts gehört niemand alleine
Keiner hat sein Leben verdient
Es gibt genug für alle
Es gibt viel schnelles Geld
Wir haben raue Mengen
Und wir teilen diese Welt
Wir stehen in der Pflicht
Sie ist freundlich
Warum wir eigentlich nicht

Herbert Grönemeyer, Stück vom Himmel

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

(Walter Benjamin. Gesammelte Schriften. Band I/2. S. 697f)

Die Vogelscheuche des Todes, die Tingeltangel des Jenseits, der Schiffbruch der noch so schönen Vernunft im Meer der Gleichgültigkeit, der lastende Vorhang der Zukunft, die Türme von Babel, die Spiegel des Unbeständigen, die unüberwindbare, hirnbespritzte Mauer des Geldes, diese allzu erschütternden Bilder der menschlichen Katastrophe sind vielleicht nur Bilder. Alles läßt uns glauben, dass es einen bestimmten geistigen Standort gibt, von dem aus Leben und Tod, Reales und Imaginäres, Vergangenes und Zukünftiges, Mitteilbares und Nicht-Mitteilbares, Oben und Unten nicht mehr als widersprüchlich empfunden werden. Indessen wird man in den Bemühungen des Surrealismus vergeblich einen anderen Beweggrund suchen als die Hoffnung, eben diesen Standort zu bestimmen.

André Breton, Zweites Manifest des Surrealismus, 1930

Der raue Planet

Vorgestellte Zitate zeigen den Unterschied zwischen einem Künstler und seinen Antipoden, den Denkern. Wie Herbert, der grüne Meyer, präferierte und präsentierte auch Al Gore in seiner PR-Show „Eine bequeme Unwahrheit“, das Ideal eines frei schwebenden, fröhlich lebenden, ab und zu ein, und ab und zu aus atmenden „blauen Planeten“. Schauen wir genauer hin, entdecken wir, dass man schon sehr blau sein muss, damit das überschätzte Staubkörnchen im Weltall, für das die verzweifelt nach einem Sinn suchende Menschheit in ihrer Hilflosigkeit einen „Gott“ für zuständig erklärt, nicht als das charakterisiert wird, was es ist, nämlich: ein rauer Planet.

Täglich wird auf ihm gejagt, gemordet, ein Lebewesen von dem anderen verspeist. Der Mord, das Schlachten – das ist das Wesen der Existenz dessen, was wir auf dieser kleinen Beinahe-Kugel irgendwo im Universum „irdisches Leben“ nennen. Der Wasserfloh frisst die Kieselalge, der kleine Fisch den Floh, der große Fisch den kleinen Fisch, und der noch größere Raubfisch den kleinen. Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute – sekündlich. Was empfindet also der Hase, der vom Fuchs geschlagen wird? Wie leidet die Heuschrecke, die vom Vogel, die Fliege, die von der Spinne gefressen wird? Schreien Schmetterlinge, wenn sie sterben?

Es gibt ein weniger bekanntes Bild Salvador Dalis aus dem Jahre 1928, übertitelt Pájaro putrefacto, offiziell, doch unzulänglich ins Deutsche übersetzt mit Vogelkadaver, welches einen „natürlichen” Vorgang beschreibt. „Verwesender Vogel”, so die korrekte Übersetzung: er lebt noch und doch, wird der Zustand des Vergehens unmittelbar im nächsten Moment eintreten. In einer unwirklichen, dunklen Landschaft, dem Boden nahe, Schutz suchend, den auch die kahlen Bäume nicht geben, immer noch fliegend, fliehend mit weiten flatternden Flügeln, wohlmöglich schon trudelnd, es nicht fassend könnend, die Augen todesängstlich geweitet, beinahe kopfgroß kreisrund, schräg nach oben den Feind erblickend, in der Vorbereitung des entscheidenden Schlages, jenen Feind, ein ETWAS, eine unbestimmte Kreatur, spitz auf den zehenlosen Stümpfen stehend, sich reckend, fellüberzogend, Horn tragend, skelettierte Zähne fletschend, herausragend aus dem verborgenem Kopf: ein lebendiges Grauen, welches auf unbestimmt zähligen Beinen sein Opfer misst, und im nächsten Moment, Täter im freien Spiel der natürlichen Kräfte wird.

Kosmos-Panorama

Die Galaxie in der wir leben ist 100000 Lichtjahre groß. Außer ihr bestehen wahrscheinlich 2 Milliarden weitere. Gehen wir also nur einen kosmischen Trippelschritt weit, auf einen Stern, der nur etwa 5000 Lichtjahre entfernt liegt, schütteln uns den Sternstaub von den Schuhen und nehmen ein großes Fernrohr, dann erreichte uns das Licht der Erde, das vor 5000 Jahren von ihr entsandt wurde und wir könnten – hätten wir Geduld, Zeit und ein langes Leben – die zentrale Menschheitsgeschichte erleben. Welche eine Freundlichkeit in der Welt.

Die Kriege, mit denen die Ägypter ihre Feinde unterwarfen, die Schlachten Alexanders, die der Römer gegen Spartakus, Herrmann und halb Europa, die „Heiligen Kriege“ und jene der Türken und Mongolen, aber auch die Kreuzigung der Türken durch Vlad Tepes, die Hexenverbrennungen, den 30jährigen Krieg, den 7jährigen Krieg, den Sechs-Tage-Krieg, den Krimkrieg, auch den bei Königsgrätz, die Napoleonischen Kriege, jene vor Verdun und Stalingrad, das Leiden der KZler unter Deutschen und Russen, den Dschihad. Und alle anderen Folterungen, Misshandlungen, Tötungen von Millionen und Abermillionen in der Geschichte der Menschheit. Verzweifelung, Schmerz, Not, Krankheit, Tod und Abschiede aller Art durchziehen bis heute das Leben der Menschen, auch jener, die es nicht wahrhaben wollen.

Der Optimismus sei eine ruchlose Denkungsart, so Schopenhauer, der Idealismus im nicht philosophischen Sinne ist bisweilen naiv – bewusst und kalkulierte Naivität im idealistischen Gewand ist die Ruchlosigkeit par excellence.

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Wir, die wir kurz nach Krieg mit der Auffassung heran wuchsen, dass Wissenschaft, Wissen schafft, wussten eben darum, was man heute längst veryingte und veryangte. (aus „Die Welt in der wir leben“, 1966)

1 Kommentar »

  1. Die größte Gefahr für die Menschheit geht übrigens meines Erachtens von den infantilen Versuchen aus, mit anderen Lebewesen im All in Kontakt treten zu wollen. Man sollte diesen Unsinn sofort stoppen! Es ist ein selbstmörderischer Akt! http://www.focus.de/wissen/weltraum/odenwalds_universum/exotische-organismen-einer-fremden-zivilisation-geisterteilchen-aus-dem-all-stammen-wir-nicht-von-der-erde_id_4436137.html

    https://www.achgut.com/artikel/wie_deutschland_mir_die_hoffnung_austreibt_eine_chronik

    Kommentar von Campo-News — 2. Februar 2015 @ 13:48

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