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25. August 2006

Horsti Schmandhoffs Kumpane zählt Zwiebeln

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 16:27

Gewöhnlich unterscheidet man bei Zwiebeln zwischen „Roten Braunschweigern“ und „Stuttgarter Riesen“ – hier jedoch handelt es sich wohl um einen „Ranzigen Danziger“.

Von Tanja Krienen

Dreizehnjährige, so in dieser Woche bei der Günther Jauch-Produktion von „Stern TV“ gesehen, werden als treffsichere Analytiker und Bestimmende ihrer Geschlechtsphantasien als 100%ige Experten anerkannt („Er hat ja schon im Alter von zwei Jahren gesagt, er sei kein Junge“, Anm. TK: kein erfundenes Zitat!) – 17jährige fanatisierte Nazis, die partiell ihre damaligen oder nachfolgend als Ergebnis der Enttäuschung erworbenen Wissenskerne nie tilgten und selbige ein halbes Dutzend Dekaden lang unaufgefordert durch die Welt schwadronierten, dürfen auch heute von nichts gewusst haben.

Die Kumpanen von Horsti Schmandhoff (Franz Josef Degenhardt)

Ja, da hocken sie nun, die Kumpanen von Horsti Schmandhoff,
sind ein- oder zwei- oder dreimal geschieden. Na und?
Verblaßt sind die Bilder von früher, und auch nach dem
ersten und zweiten und dritten Glas Whisky ist nichts mehr drin.
Wo sind sie geblieben? Na was denn?
Örtlich betäubt.

Der Kampf um den Aufstieg ist aus und gewonnen. Es bleibt noch
für ein oder zwei oder höchstens drei Wochen der Kampf ums Gewicht.
Man strickt so am Strumpf seiner Kunstfertigkeiten
die Masche eins links und zwei rechts und drei halbundhalb.
Wo sind sie geblieben? Na was denn?
Maschen.

Die Kinder nennen sie Fach- und Konsum-, überhaupt -Idioten,
und sie geben ihnen lachend ein- und auch zwei- und auch dreifach Recht.
Sie machen noch mal auch nur so aus Gewohnheit, genau wie die
erste, die zweite, die dritte, asthmatisch die Sexwelle mit.
Wo ist er geblieben? Na wer denn?
Na wer schon!?

Ja, da hocken sie nun, die Kumpanen von Horsti Schmandhoff,
noch ein oder zwei oder höchstens drei Jahrzehnt.
Die Pappkameraden der deutschen Geschichte,
zum ersten, zum zweiten, zum dritten Mal ganz schön verarscht.
Wo sind sie geblieben?

Horsti Schmandhoff (Franz Josef Degenhardt)

Ihr, die Kumpanen aus demselben Viertel voller Ruß,
aus gleichen grauen Reihenhäusern und aus gleichem Guß,
mit gleicher Gier nach hellen Häusern, Rasen, Chrom und Kies,
nach schlanken Frauen, Kachelbad - Kumpanen, die ihr dies
fast alle heute habt und nur noch ungern rückwärts seht -,
wenn ihr euch trefft, per Zufall, irgendwo zusammensteht,
von neuen Dingen sprecht und über alte Witze lacht,
und einer von euch fragt:
“Wer weiß, was Horsti Schmandhoff macht?”
Kumpanen, dann, dann fällt euch ein:
Ihr wolltet mal genau wie Horsti Schmandhoff sein.

Im passenden Kostüm der Zeit, stets aus dem Ei gepellt,
hat er mit knappen Gesten eure Träume dargestellt -
der Sohn einer Serviererin, der Horsti, schmal und blond,
mit jenem Zug zum Höheren um Nase, Kinn und Mund,
am Tag, als er ins Viertel kam und abends vor der Tür
in Lederhose, weißem Hemd auf dem Schifferklavier
sein Stückchen spielte, “Bergmannsglück“, und beim “Glückauf tara“
die Locke aus der Stirne warf und in den Himmel sah –
schon da, Kumpanen - fällt‘s euch ein? -‚
da wolltet ihr genau wie Horsti Schmandhoff sein.

Auch, als er dann als Fähnleinführer, Hand mit Siegelring
am Fahrtenmesser, das ganz los‘ als Ehrendolch da hing,
in Halbschuhen, weißen Söckchen und mit kurzem Tänzeltritt
und Wackelhintern neben seinem Fähnlein einherschritt
und bald darauf in Uniform auf Sonderurlaub kam,
das Panzerkäppi schiefgesetzt, das Ekazwo abnahm,
es zeigte und erzählte, wie er kurz vor Stalingrad
12 Stalinorgeln, 50 Iwans plattgefahren hat,
Kumpanen, da, gesteht euch ein,
da wolltet ihr genau wie Horsti Schmandhoff sein.

Und wie er dann im Khakizeug, den Kaugummi im Mund,
mit Bürstenschnitt, als Amihelfer, rosig, dick und rund,
bei Strathmanns an der Ecke stand und an ‘ner Lucky sog,
euch “HeIIo, Boys“ begrüßte, schleppend durch das Viertel zog
und dann im schweren Ledermantel an ‘nem Tresen stand,
Hut im Nacken, Halstuch lose, Bierchen in der Hand,
erzählte, wie er 42, kurz vor Stalingrad
den General Paulus in den Arsch getreten hat.
Kumpanen, da, gesteht euch ein,
da wolltet ihr genau wie Horsti Schmandhoff sein.

Auch als er später dann statt Bier nur Möselchen noch trank,
den grünchangierenden Anzug trug, mit weichem Kreppsohlengang
geschmeidig ins Lokal reinkam, am kleinen Finger schwang
der Wagenschlüssel, wenn er dann sein “hay Barbary ba“ sang,
schließlich im offnen Jaguar mit Mütze, Pfeife, Schal,
ein Mädchen auf dem Nebensitz, sehr blond und braun und schmal,
im Schrittempo durchs Viertel glitt, genau vor Strathmanns Haus
mal eben bißchen Gas zugab, der rechte Arm hing ‘raus,
Kumpanen, da, gesteht euch ein,
da wolltet ihr genau wie Horsti Schmandhoff sein.

Doch dann verschwand er, niemand wußte, wo er war und blieb,
bis eine Illustrierte über Ukalula schrieb.
Dort, hieß es, lebte hoch geehrt ein Weißer, und der wär
ein Häuptling und des Präsidenten einz‘ger Ratgeber.
Da stand im Leopardenfell, den Schwanzquast an der Hand,
die Fäuste in die Hüften gestemmt und um die Stirn ein Band,
inmitten dreißig Weibern, alle nackt und schwarz und prall,
ein fetter Horsti Schmandhoff, und der lächelte brutal.
Kumpanen, da, gesteht euch ein,
da wolltet ihr nochmal wie Horsti Schmandhoff sein.

Aus der Wolfgang Neuss-Biographie „Der Mann mit der Pauke“

“Äins, zwäi, drrräi, vierrr, fimpf, hähä, räimt sich auf Pimpf…äh…“ -
weiter zählt er nicht, denn: Die dahinter, und die im Dunkeln, sieht man nicht. Die Zwiebeln. Und er lacht nicht. Kichert nicht mal greisenhaft. Er lacht und kichert nie. Jedenfalls nicht öffentlich. Jedenfalls nie unpolitisch.

Die gute Zwiebel. Jetzt neu auch als Metapher. Greifen Sie zu! Schälen Sie sich mit Literatur gesund, auch wenn’s dabei stinkt wie olle Schwarzer unterm Arm. Ist ja für einen guten Zweck, nämlich: Was ausdünstet ist raus, ist quasi ausgeschwitzt. Na denn.

Das mächtige Kinn ruht wie immer unter eingeätzter Seelöwen-Ästhe-Tick mit halbgeöffnetem Gierschlund. Schweinchenschlaus Äugelchen sitzen nicht erst seit gestern müde hinter der schmuck - und geschmacklosen Allerweltsbrille, hinter der ein ebensolcher Geist stirnfaltenreich beständig rumort und tumort, doch ob des Vorhandenseins jener Gesamtgemengelage „intellektuell“ geheißen wird. Aber: Halt! Erst die Garnierung des opulenten Menschen-Gemäldes, der „humanitären Konzeption“, mit dem Zierrat, dem Ornament, des - so das Signal - genussfreundlichen Denkers, einer Pfeife, macht den unerträglich vor sich hin dampfenden Schlot, zum blauen Dunst ausstoßenden Event, zum lebenden Ritualmahnmal für potenzielle Erwachsende, und solche, die es deshalb gar nicht werden wollen, sondern lieber ihr Leben lang matzeratten.

„Mit 17 hat man noch Träume“ und nicht die sind, die man einem bis heute Unfertigen ohne Nachlass vorwerfen sollte, aber: Wie er eingedenk dessen die Zwiebeln von Anderen schälen lässt, nicht weinend, selbst in gespielter Unschuld des bedrängten alten Mannes, der nach ausschließlich eigener Auskunft wehleidend zur „Unperson“ erklärt werden soll, seine Pfeife, die mit ihm verwachsen zu sein scheint, kalt, sehr kalt, in die Kamera hält, passend zur braunen Hose und dem Lübecker Trachten-Imitat – das hat schon Stil. Keinen guten, aber er macht ja auch Werbung für die SPD. Da darf man das. Da ist das gern gesehen. Das gefällt. Oder fiel er etwa neben „Pony-Hütchen“ und Tanzmarie Simonis „dem Wähler“ im Wahlkampf 2005 auf? Aber gewiss! Sie fielen beide - und er blieb sich dabei treu bis in Tod. Parole bleibt doch Parole!

Welches Geständnis kommt nun? „Ich war bei der Stasi!“, „Ich bin eine in einem Männerkörper gefangene Frau und weiß das seit dem 8. Mai 1945!“, „Ich trage gern Babywäsche!, „Ich bin der letzte Nachfahre Jesus´!“ oder „Ich bin ein Alien!“ ?

Abwarten und Pfeife lutschen! Es wächst so schnell. Grass über alles. Über alles in der Welt.

21 Kommentare »

  1. Ich habe Grass mal ein zwei Stunden kennen gelernt bei einem ARD Empfang. Grass war eben auch da, hat aber lieber mit mir und anderen Studies Faxen gemacht, Quatsch-Fotos im Nachrichtenstudio etc. Nicht unsymphatisch!

    Kommentar von SahneSascha — 30. August 2006 @ 19:10

  2. von wegen kichert nie…

    Kommentar von SahneSascha — 30. August 2006 @ 19:12

  3. Hm, ja im Quatschmachen ist er groß, aber das ist so witzig wie, na sagen wir mal “Bully” Herbig, also: nicht wirklich! Aber das diese Maske sich zu einem Lachen verzieht, kann ich immer noch nicht glauben (habe es jedenfalls noch nie! gesehen), ebensowenig, wie er nach seinem N.-Preis “tanzte”, als man ihm zwar das bescheinigte, doch ich etwas ganz anderes erblickte.

    Wolf Biermann schilderte eine Begebenheit so:


    Aus dem Buch:

    Kommentar von Campo-News — 1. September 2006 @ 19:00

  4. Nun der Biermann ist ja auch freiwillig in den Osten rübergemacht, so hat er auch freiwillig das Ei in seine Fresse gedrückt.

    Das Treffen zweier selbstgerechter Proletarier-Vertretungs-Avantgardisten eben.

    Ich steh dazu: Warum glaubt man einem Künstler mehr politischen Verstand zugestehen zu müssen, als einem Buchhalter oder Klempner?

    Ich lebe ein schönes Leben ohne jemals eine Zeile Grass gelesen zu haben, auch den Film “die Brechtrommel” hab ich nicht gesehen.

    Nach Bölls “Billiard um halb Zehn” und “Deutschstunde” von Lenz hätte “die Blechtrommel” mein drittes Buch werden sollen zur pflichtschuldigen Vergangenheitsvergegenwärtigung:
    Wahrscheinlich ist es das literarisch beste, so wirds mir jeweils glaubwürdig versichert, aber wenn ich über Deutschland in der langen Nacht von 1870-1945 sinieren will, lese ich mich lieber durch etliche Geschichtsbücher aller diversen Historiker-Schulen durch, als mir von einem Wortkünstler die Deutungen vorkauen zu lassen.

    Vielleicht werd ich die Blechtrommel ja mal in 10 Jahren lesen, wer weiss.

    Aber jetzt schrei ich mal pathetisch einen Ordnungsruf ins WWWW:

    Don’t follow leaders watching parking-meters (Robert Zimmerman)

    Erik

    Kommentar von Erik — 3. September 2006 @ 13:33

  5. Biermann hat freiwillig “rübergemacht”, stimmt. Da war er 16. Das ist entschuldbar.

    Zwischen 1870 und 1932 war es in Deutschland aber alles andere als dunkel.

    TK

    Kommentar von Campo-News — 3. September 2006 @ 15:25

  6. Wer sich so dämlich vorführen lässt wioe Biermann, ist wohl elber schuld - und das Grass zeitlebens ein ziemliche Machismo war, gibt er in der Biographie schließlich zu.

    Kommentar von sasch a — 3. September 2006 @ 19:21

  7. Das System Bismarck, da auf ihn zugeschnitten, wie das System Tito in Yugoslavia, kollabierte durch massive Selbstüberschätzung 1914-1918 und wurde wiedererweckt durch nationallieberale, nationalkonservative und nationalsozialistische Kräfte, mit blödsinniger Beihilfe der stalinhörigen KPD.

    Welche Zeit Tanja zwischen 1914 und 1945 würdest du als lichte Zeit ansehen?

    Ausser ein bisschen Wetterleuchten in den 20ern war das zappenduster, ab 1929 war Deutschland Reif für die Hindenburg, von Papen und Hitler.

    Korrigier mich, aber war er nicht 18 der Biermann?

    Und vor allem blieb er nicht bis 1989 weiterhin “demokrtischer Sozialist”, so hab ich ihn auf jedenfall in Erinnerung, den Grossmeister der Selbstgerechtigkeit.
    1977 wollte er nix sehnlicher als zurück in die DDR. Und noch Jahre später wr ihm die BRD nicht geheuer.

    Erik

    Kommentar von Erik — 3. September 2006 @ 19:30

  8. Hallo Erik! Ich habe doch die Zeit von 1933-1945 ausgeklammert, wie sollte ich also die Zeit von 1914-1945 insgesamt rechtfertigen? Aber ursprünglich erwähntest du ja die Epoche von 1870 an.

    Tatsächlich kann ich doch nicht, nur weil es in ganz Europa so dröhnte, dass Karl Kraus - in gewisser Weise zurecht - “Die letzten Tage der Menschheit” gekommen sah, von einer allgemeinen Dunkelheit, gar “langen Nacht” reden. Nehmen wir nur die Kunst: Ohne den Krieg (den ersten), hätte des wahrscheinlich DADA so nicht gegeben. Auch schlimmste politische Zeiten können doch die gegenläufigen Tendenzen und vielleicht sogar dadurch erreichte Höhen schmälern. Ein Tucholsky, ein Kraus, auch Brecht, liefen doch gerade durch die drohenden finsteren Zeiten (die für melancholische Menschen, wie mich zum Beispiel, in einem allgemeinen Sinn natürlich stets dominieren) zur Hochform auf. Dehnen wir “Deutschland” auf den deutsprachigen Raum aus, sind wir deshalb berechtigt zu sagen, dass wir bis 1938 “lichte Momente” belegen können. Aber die deutsche Kultur hat doch wahrlich in der zuerst genannten Zeit, nicht nur ab 1870 sondern schon vorher, hervorragende Dinge geleistet, allzumal, wenn ich die Philosophie hinzurechne. Seit dem ersten alten Griechenland - siehe auch Monty Pythons Darbietung “Fußball der Philosophen” - hat es eine solche Dichte denkender Menschen nicht gegeben.

    Übrigens kann es in einer widerspruchsfreien Zeit gar nicht hohe Kultur geben - das war ja meine Aussage in Widerspruch im Paradies” Ich bin schon aus künstlerischen Gründen für eine Klassengesellschaft, da nur in ihr wahrhaftige Kräfte wirken, die uns Grundsätzliches denken lassen.

    Biermann ist im November 1936 geboren und kurz vor dem 17. Juni 1953 in die DDR gezogen. Er war also ziemlich punktgenau 16 1/2 Jahre alt. Ja, er wollte anfangs - das war auch der politischen Rhetorik geschuldet, aber auch ernst gemeint, da er schließlich seine Wohnung in Ostberlin hatte - zurück in die DDR. Seit ca. 1982 nahm er eine antikommunistische, nicht mehr als demokratisch-sozialistisch zu bezeichnende Position ein. Einem Denker kann kein Land der Welt “geheuer” sein - er wittert das ungeheuerliche Ungeheuer überall, mal zurecht, mal intellektuell allzu sensibel, wodurch selbstverständlich Irrtümer entstehen können.

    Sasch - Inwieweit hat sich Biermann “vorführen” lassen. Bitte erkläre uns das mal!

    TK

    Kommentar von Campo-News — 4. September 2006 @ 12:05

  9. Danke Tanja,

    In so jungen Jahren machen 18 Monate tatsächlich viel aus, werd also den Rübermach-Vorwurf aus meinem Hauptspeicher in den Irrtums-Kübel schmeissen.

    Wenn du sagst, dass er schon ab 1982 von seinen Positionen abgerückt ist, glaub ich dir das auch mal so, nur hat er trotz allem noch lange danach deutlich Links von mir geblinkt.

    Die Zeit von c.a. 1950 bis 1980 bis zu Titos Tod, war mit Sicherheit die beste Zeit die Illyrien je hatte, aber diese Zeit trug den Keim der grossen Katastrophe Yugoslawiens in sich.

    Das 2. Deutsche Reich blühte bis zu Bismarcks erzungener Abdankung, danach setzte die Verwesung ein, die letztlich im 3. Reich ihren finalen Endpunkt fand.

    Ich kann in dieser Zeit für die Mehrheit der Menschen nichts Gutes erkennen.

    Und das ist für einen Mitte-Linksler das wichtigste: Grösstmöglichster Wohlstand für die grösstmöglichste Anzahl von Menschen.
    Obs dann eine Klasse von Künstlern und eine von Buchhaltern gibt ist mir egal.

    Die Beahauptung das in einer Widerspruchsfreien Zeit keine grosse Kultur geben kann, ist weder beweissbar noch widerlegbar, sry Tanja mit dieser Aussage kann ich nichts anfangen.

    Erik

    Kommentar von Erik — 4. September 2006 @ 12:48

  10. Hallo Erik!

    Es war bisher immer so: Je mehr sich die Gesellschaft einer Volksgemeinschaft und/oder einer vom Staat vorgegeben Richtung (meist egalitär begründet) bewegte, war entweder Kritik nicht mehr möglich, oder starb ab. Auch die letzten interessanten Auseinandersetzungen in der DDR, die sich in der Literatur widerspiegelten (Musik und Kunst waren doch fast ausschließlich belangloser Kitsch), so ging es dabei letztlich um die Widersprüche und Entwürfe in einer “noch von Überresten der alten Klassenordnung geprägten Lebens - und Produktionsweise”. Wo eine offene Debatte nicht stattfinden kann, ist die Zeit der Metapher-Schleudern angebrochen. Je mehr sich die DDR von Brecht und Co lösten (streng genommen befolgten sie deren Ratschläge nie), umso mehr verkam das Land unter dem Dreck, die Puhdys und Co, und die streng gefönten Schlagersusen, aber auch die engdenken “Arbeiterschriftsteller” darüber auskippten. Einen “jungen, kritischen UND guten Literaten”, brachte die DDR seit ewigen Zeiten nicht hervor.

    Immerhin gibst du jetzt zu, dass bis 1890 “das Reich blühte”. Ich behaupte, dass es bis 1913 eine echte Erfolgsgeschichte war - auch ökonomisch. Danach wird es kompliziert, aber dennoch nicht schlechter als anderswo. Die Literatur, Kunst im allgemeinen und auch die Sonderformen der Unterhaltung entwickelten sich hervorragend, ebenfalls die Demokratie und die sozialen Systeme. Es musst nicht in der Hitlerei oder Ulbrichterei enden - man darf zur Beurteilung dieser Frage nicht alles wissen, was man als Spätergeborener weiß.

    Naja, man darf sich auch mit 17 oder 18 und später irren - auch Grass durfte das. Der Vorwurf ist ein anderer.

    TK

    Kommentar von Campo-News — 4. September 2006 @ 16:58

  11. Hallo Tanja,

    das Zweite Reich war eine Fehlkonstruktion, weil sie nur mit Bismarck funktioneiren konnte.

    Ich stehe wenn immer möglich für das Recht auf Gleichberechtigung ein. Das heisst nicht, das jeder der will Hirnchirurg werden darf, aber soll es versuchen dürfen. Egalité also nicht als Gleichheit aller Menschen, sondern als juristischer Anspruch.

    Ich habe unter meinen Freunden absolutes Gesangsverbot, da ich ein sogenannter Brummer bin, das heisst ich höre mich nicht richtig und singe unwillkürlich permanent falsch ohne es zu merken. Ich hör allerdings, nach jahrelangem Ueben um mein diesbezügliches Problem in den Griff zu bekommen, da ich ja Musikliebhaber bin, unterdessen sehr gut wenn andere falsch singen.

    Also nehm ich mir das Recht andere Gesangsleistungen zu kritisieren, obwohl ich es selbst nicht besser könnte, enthalte mich aber jedem Gesang ausserhalb des Badezimmers.

    Mal ehrlich: die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts waren eine optimistische Zeit bei uns im Westen.
    Es ging allen immer besser, hat es nun der Kunst oder den Wissenschaften geschadet?
    Ich glaube nicht.
    Grosse Leistungen entstehen eben nicht nur unter Druck, sondern sehr oft genau dann wenn viel Raum und Platz da ist.
    Früher nannte man das Musse.

    Die Idee der grösstmöglichsten Wohlfahrt für die grösstmögliche Anzahl von Menschen postuliert ein Ziel, nicht einen Weg.
    Ich sehe momentan kein anderes System als eine massvolle Marktwirtschaft, die dieses Ziel erreichen könnte.
    In einer Marktwirtschaft können ungleich Dinge und Fähigkeiten gegeneinander ausgetauscht werden, Aufgabe der Politik ist dafür zu Sorgen, dass alle, auch die Schwächsten am Markt teilnehmen können. Das dabei einige besser davon kommen als andere lässt sich wohl nie verhindern. (Muss auch nicht, wer zu faul zum Denken ist, der soll auch mehr zahlen und weniger bekommen)

    Der demokratische Rechtstaat ist die juristische Verkörperung des modernen Souveräns, die Gesammtheit aller stimmfähigen Bürger mit in der Verfassun garantierten Individual-Rechten, die weder die Volksmehrheit noch die staatlichen Organe wegbedingen dürfen.

    Nenn mich wenn du willst einen Liberalen Sozialdemokraten wenn du musst, aber nenn mich ja nicht neoliberal, das wär fatal.

    Erik

    Kommentar von Erik — 4. September 2006 @ 18:27

  12. Lübecker Nachrichten: Merkel gratuliert Grass zum 80. Geburtstag

    Lübeck (ots) - Zum 80. Geburtstag von Günter Grass hat
    Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das Lebenswerk des Künstlers in
    einem Glückwunschschreiben in den “Lübecker Nachrichten”
    (Dienstag-Ausgabe) gewürdigt:
    “Als politisch engagierter Streiter und Mahner hat sich Günter
    Grass stets sehr vernehmbar auch auf dem Feld der Politik
    eingebracht. Demokratie lebt vom Diskurs. Gerade seinen Einsatz für
    die Bürgerrechte möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich würdigen”,
    schreibt die Bundeskanzlerin weiter: “Für die Zukunft wünsche ich
    Günter Grass Glück, Gesundheit und Schaffenskraft.”

    Kommentar von Campo-News — 15. Oktober 2007 @ 16:36

  13. Im Frietau zu Berje

    Kommentar von Campo-News — 7. April 2009 @ 06:22

  14. „Es gab rund vierzehn Millionen Flüchtlinge in Deutschland. Das halbe Land ging direkt von einer Nazi-Tyrannei in eine Kommunistentyrannei über. Ich sage nicht, daß das die Bedeutung des Verbrechens an den Juden schmälert, aber der Holocaust war nicht das einzige Verbrechen. Wir tragen die Verantwortung für die Nazi-Verbrechen. Aber ihre Verbrechen fügten auch den Deutschen schweres Leid zu, und so wurden sie zu Opfern.“ GG

    Siehe auch - http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,784170,00.html

    Kommentar von Campo-News — 2. September 2011 @ 09:50

  15. Georg Diez: “Deshalb noch mal ganz einfach: Iran will, dass Israel von der Landkarte verschwindet, das hat der verrückte Führer dort oft genug gesagt. Damit ist Iran erst mal der Aggressor in dieser Angelegenheit - es sei denn, und das ist der Antisemitismus, von dem Broder spricht, Günter Grass wäre der Meinung, dass die Gründung Israels die eigentliche Aggression ist, gegen die sich Palästinenser und letztlich auch Ahmadinedschad zu Recht wehren.

    Das würde Grass natürlich nie direkt sagen, er hat ja auch mit Bedacht und aus Feigheit die Form des Gedichts gewählt und keinen Essay geschrieben, in dem er argumentieren müsste - so kann er immer sagen, Entschuldigung, aber das hat Verse, die sich zwar nicht reimen, aber doch Kunst sind.

    Ob Kunst oder nicht: Dieses Gedicht öffnet den Blick auf Grass, den man als selbstgerecht beschrieben hat und der sich hier darüber hinaus als sehr kalt erweist - so kalt, dass er sich im Mantel seiner eigenen, triumphalen Moral wärmen muss: “Ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin”, schreibt er. “Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen.”

    Warum uns? Das sind die Worte einer Generation, die, scheint es, vor vielen, vielen Jahren gestorben ist, Zombies seit Kriegstagen, und die sich seither selbst erlösen will. Und zwar über den Umweg Israel.” Spon

    Und noch ’n Gedicht - http://www.tagesspiegel.de/zeitung/und-noch-n-gedicht/6487318.html

    Kommentar von Campo-News — 9. April 2012 @ 12:20

  16. Grass - Aphorismus 2012 - Die Herzen mancher Deutschen fliegen Günter Grass aus demselben Grunde zu, der ihren Verstand vor der Erkenntnis des Charakters der zunehmenden Islamisierung schützt.

    Kommentar von Campo-News — 10. April 2012 @ 08:50

  17. Cora Stephan: “Einige Juden beiderlei Geschlechts, vor allem die selbsternannten, gehen mir furchtbar auf den Wecker. Ich halte auch nichts vom „besonderen Verhältnis“ zwischen Deutschland und Israel, das deutsche Politiker feiertags beschwören. Der Holocaust ist nicht der Gründungszweck Israels und Deutschlands Geschichte besteht aus mehr als den schmutzigen 12 Jahren Nazizeit. Auch bin ich kein Freund des Staates Israel. Noch nicht mal auf Facebook bin ich mit Staaten befreundet. In übrigen unterscheide ich zwischen Volk und Regierung, sogar, wenn es um Deutschland unter den Nazis geht.” - http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/das_muss_man_mal_sagen_duerfen/

    Kommentar von Campo-News — 10. April 2012 @ 21:01

  18. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,830230,00.html

    Kommentar von Campo-News — 27. April 2012 @ 18:52

  19. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/guenter-grass-bringt-zwangseinquartierungen-ins-spiel-a-1005346.html

    Kommentar von Campo-News — 27. November 2014 @ 14:40

  20. Interessante Zusammenfassung - http://www.welt.de/print-wams/article86885/Als-die-Studenten-mit-Brecht-den-Aufstand-probten-trat-ihnen-der-Plebejer-entgegen.html

    Kommentar von Campo-News — 14. April 2015 @ 12:48

  21. http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article106160221/Ein-autoritaerer-Knochen-spielt-verfolgte-Unschuld.html

    Kommentar von Campo-News — 20. April 2015 @ 07:17

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