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18. Oktober 2005

Kafka 2005

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 07:47

Von Tanja Krienen

Ein neuer Artikel - in gedruckter Form und zum Ausdrucken.

Kafka 2005

Wie entsteht Literatur? Eine schwierige Frage, weil sich ihre Produkte aus sehr unterschiedlichen Methoden und Sichtweisen speisen. Manches ist reine Fiktion, anderes besitzt beinahe dokumentarischen Charakter; nicht selten ist ein biographischer Hintergrund zu erkennen, und bisweilen weiß man nicht einmal, auf welcher Ebene, mit welchen Stilmitteln, ja überhaupt was genau, der Erzähler ausdrücken will.

Einer, der in verstörender Weise Unbeschreibliches erzählte, von dem wir nie genau wissen, in wieweit dies tatsächlich 1zu1 passiert sein könnte (denn VORSTELLEN können wir es uns meist leicht), ist Franz Kafka. Seine Storys verwirren uns, weil wir merken, wie sehr er mit seiner Beschreibung der dünnen Zivilisation recht hat, die nur camouflageartig über dem Antlitz des Grauen aufgetragen ist, und die ihre hässliche Fratze der Gewalt, der Diktatur oder dessen, was wir Faschismus nennen, von einer Sekunde auf die andere offenbaren kann.

Besonders die in der Regel in der Ich-Form geschriebenen Erzählungen, lassen eine starke Intensität spüren und verschrecken ob ihrer emotionalen Nähe, obwohl der Erzähler häufig kühl, mit Abstand und lapidar, jene ungeheuerlichen Vorgänge beschreibt, und zwar so, dass der Begriff“ kafkaesk“, als Synonym für das Grauen, welches unmittelbar in die Realität eindringt, und dort wie eine Maschine unaufhaltsam bis zum bittren Ende arbeitet, in die Alltagssprache Eingang fand.

Viel zu langsam

Schlagen wir also das große Kafka.-Buch auf und lesen mit:

„Wer nicht diesen sonnigen Morgen erlebte, lebte noch nie. Strahlend das Azur, leicht die Luft, jeder Moment ein Genuss.

Woher sie kamen, weiß ich nicht, sie waren jedenfalls da. Ganz plötzlich. Ich sah sie an, und sie sagten mir, das sei zu langsam gewesen. Bellend sagten sie mir das, grinsend, alle drei. Meinen Ausweis wollten sie sehen, aber schnell, sehr schnell, wie sie betonten. „Warum?“ fragte ich, und sie sagten: „Darum. Es war einfach zu langsam.“ Ich gab ihnen was sie verlangten. Ohne einen Blick auf ihn zu werfen, sagten sie lachend, er sei nicht in Ordnung. In einer Stunde könne ich ihn aber auf der Wache wieder abholen. Wer sie seien, fragte ich. „Wächter“, war die Antwort, „kennst du uns noch nicht?“, fragten sie mit gespieltem Ernst. Ich schwieg, denn: ich erinnerte mich jetzt. Wohl hatte ich von ihnen gehört, aber ich sah sie noch nie zuvor, obwohl sie in dem kleinen Ort sehr bekannt waren.

Als ich nach einer Stunde vor ihrer Tür stand, winkten sie mich freundlich herein. Ich nahm Platz. Im nächsten Moment öffnete sich die gesamte Wand der Frontseite und drei riesenhafte Gestalten undefinierbarer Herkunft kamen heraus, packten mich, legten mich in Ketten und warfen mich in ein Verlies. „Warum macht ihr das?“ schrie ich, doch sie wischten sich nur über den Mund und stierten schweigend vor sich hin.

Keine Folter, niemals

Wo war ich? Ich saß auf dem Boden einer Zelle, die ansonsten nicht einmal für Tiere geeignet schien. Es war ein total verschmutzter „Abort mit Pritsche“, denn die zentrale Einrichtung war eine Stehtoilette, deren eingefressener Urin, inklusiver der Kotspuren, direkt in die großen Wandbilder, die anscheinend aus Essenresten oder Exkrementen gemalt wurden, übergingen. Staubflocken bedeckten den Boden, eine Apfelkitsche lag verdorrt herum, ebenfalls plattgetretene Kakerlakenreste, und der Mörtel bröckelte von der Wand. Der Raum, der sicher seit Wochen nicht mehr gesäubert wurde, war nicht belüftet, nicht beheizt (bei nächtlichen Außentemperaturen von unter zehn Grad), - Licht drang nur durch das schmale Fenster zur belebten Straße ein. Ruhig wurde es während der kommenden Nacht nie, zumal ein Wasserhahn tröpfelte (bewusst angestellt?), und der Gullideckel vor dem Haus, klapperte bei jedem vorbeifahrenden Auto. Ständiger Lärm drang auch aus dem Inneren des Hauses. Nicht einmal die Toilettenspülung konnte ich betätigen – das durfte und konnte nur der Wächter von draußen.

Die Nacht hatte ich unter zwei dünnen Decken auf einer Steinpritsche, über die eine bezuglose und verschmutzte Matratze lag, verbracht. Am anderen Morgen fragte ich nach einem Arzt, denn meine gefesselten Hände schmerzten bis zur Mitte der Arme. Einen Anwalt wolle ich sprechen, sagte ich ihnen, doch sie lachten nur. Es waren jene, die ich zu Beginn sah und die mir den Ausweis abnahmen. Sie gaben mir Wasser und ein Stück hartes, unbelegtes Brot. „Ich bin kein Tier“, sagte ich nach einem Bissen (ein Tier hätte auch nie in einem derartigen Stall vegetieren müssen und man hätte es besser ernährt). Den Rest des Frühstücks ließ ich liegen. Waschen durfte ich mich nicht. „Das ist Folter“, sagte ich ihnen. Sie setzten ein mit leidendes Gesicht auf und sagten: „Oh, das wollten wir so nicht.“

Gerechtigkeit

Wann endlich der Termin bei einem Haftrichter sei, hatte ich schon morgens wissen wollen. Um 10 Uhr hieß zunächst, dann um 11 – als es 12 schlug, sagte man mir, ich solle bis 13 warten. Um 15 Uhr führte man mich zur Richterin, die klein und schmal auf ihrem Stuhl saß ohne eine Miene zu verziehen. Meine Anwältin durfte ich nicht sprechen. Sie blickte desinteressiert, genervt, blasiert und feixend auf ihre Schuhe, ihr Gesicht war nicht einsehbar. Die Richterin ließ keine meiner Fragen zu. Für meine Beschwerden habe sie jetzt keine Zeit. Sie verließ ein Protokoll, gab mir meinen Ausweis zurück, und sagte, ich müsse mich von nun an, alle zwei Wochen auf der Wache bei den Wächtern melden. Ich könne jetzt aber gehen, und zwar schnell.

Als ich das Gebäude verließ, war es fast dunkel, weil die Krähen, die sich mit wilden Flügelschlagen auf alles stürzten was lebendig war, und ihre Schnäbel selbst in den Asphalt hieben, jeden Lichtstrahl mit ihren blutigen Körpern verdeckten.“

Doch in dem Moment, da ich das große Kafka-Buch schließe, stelle ich soeben fest, dass auf dem Umschlag ein ganz anderer Text steht, nämlich: „Bericht einer beinahe wahren Begebenheit, welche die Begegnung eines deutschen Bürgers mit der Guardia Civil beschreibt. Geschehen am 5. und 6. Oktober 2005 in der Provinz Alicante“.

Schlafen Sie ruhig. Weiter.

5 Kommentare »

  1. Hallo Tanja,

    Du musst unbedingt Herrn Dr. Christian Eschweiler aus Euskirchen/bei Bonn kennenlernen.
    Ich schaetze ihn seit vielen Jahren sehr.
    Er ist fuer mich der Kafka-Papst.
    Gruesse ihn von mir und Helga, seine Frau.
    Liebe Gruesse
    Konrad

    Kommentar von konrad — 18. November 2005 @ 23:48

  2. Hallo, ich kannte ihn bisher nicht, habe mich aber inzwischen schlau gemacht. Danke für den Tipp. Diese Geschichte ist aber Produkt einer kafkaesken Situation, schade, dass du dies nicht so begreifst, obwohl ich es doch einleitend erklärte, aber dazu sage ich an anderer Stelle noch mehr.

    Grüße, TK

    Kommentar von Campo-News — 19. November 2005 @ 09:19

  3. Ja ist es denn zu glauben? Da haben wir, die wirren Leser des SPIEGEL(s), die wir noch nie eine Zeile von Kafka lasen, geglaubt (nein, man hat uns in die Irre geführt), er habe so etwas wie Hedwig, unser aller Courts-Mahler geschrieben!? Nun sind wir aber erbost darüber, dass der Kafka eine “dunkle Seite” gehabt haben soll, von der wir (ich muss sagen, wir sind doch alle Katja Riemann, Vroni Ferris und Inge Meysel, nein, wie heißt doch gleich die Nachfolgerin? - Fans), aber, dass der Kafka?!?!

    Hat er also “lesbische Fotos” (die ungefähr kurz nach ersten Weltkrieg aufgenommen sein müssen, und wahrscheinlich 25jährige zeigen, wie sie sich ein wenig von schräg links auf die Brüste linsen und vorn anzufassen versuchen, resp. so tun als ob) in seiner schwindsüchtigen Bude versteckt.

    Also, wir sind doch sehr links, finden es zwar überhaupt nicht ok, wenn 14jährige Jungs, 13jährige Mächen knutschen (da sagt auch die Linksrechtspartei “bah”), jubeln zwar, wenn Perverse im Freudschen Sinne sich mit geöffneten Arschbacken und Lederketten mitsamt ihres Hauptstadtbürgermeisters und zukünftigem Kanzlerkandidaten durch die Stadt peitschen lassen, aber, dass der KAFKA!!!

    Kommentar von Campo-News — 6. August 2008 @ 16:11

  4. RAUS AUS DER EU MIT DEM PACK, WENN WIR UNS NOCH RETTEN WOLLEN! ” An den Finanzmärkten kursierten Gerüchte, denen zufolge Spanien im Kürze einen Antrag auf Finanzhilfe durch die Euro-Gemeinschaft stellen wolle. “Das ist kompletter Irrsinn”, polterte Zapatero. Doch sein Ausbruch am Dienstag dieser Woche schürte das Misstrauen erst noch. Und so genügte auch die Bestätigung der erstklassigen Bonität Spaniens durch die Rating-Agentur Fitch nicht mehr, um die Investoren zu beruhigen.

    Kommentar von Campo-News — 5. Mai 2010 @ 18:48

  5. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/tatort-kommissarin-selma-jacobi-prozess-gegen-stephan-templ-a-960037.html

    Ich erwachte. Was war das, dieses unbekanntes Gefühl? Eine nervöse Gespanntheit. Eine Überreizung? Mein Blick war klar, aber von allen Seiten begrenzt. Eckig. Mehrfach eckig und alle Ecken bildeten ein größeres Ganzes ab. Was hatte das zu bedeuten? Jetzt bemerkte ich ein Muster. Als mich die Zunge traf – kurz hatte ich gezuckt, aber selbst meine 360 Grad Rundumsicht und die Fähigkeit 200 Bilder pro Sekunde zu sehen, ließen mir keine Chance – nahm ich für einen kurzen Augenblick einen üblen Gestank wahr, dann knackte mein Leib und meine Sinne schwanden, dort, im Schlund des Chamäleons.

    Kommentar von Campo-News — 22. März 2014 @ 07:05

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