Das Sozialismus-Experiment
Von Tanja Krienen
Der Beitrag erschien in der aktuellen “eigentümlich frei”, ef 9/05
Das Sozialismus-Experiment
Eine Dramarabel von Tanja Krienen
Er ahnte sogleich im tiefsten Innern, als er sich während einer Streiterei in seiner Stammkneipe „Zum ollen Bebel“ in Rage geredet, in die Hand des Kontrahenten einschlug und erregt ankündigte, er würde „diese Sache“ umsetzen, dass sie eine war, die man gewöhnlich dem Schnaps zuordnet (und tatsächlich diesem auch entsprungen war). Doch „diese Sache“ spukte anderseits seit langer Zeit in seinem Kopf herum, und als er von seinem Gegenüber heftig als „fauler, feiger Sprücheklopfer“ gescholten ward, blieb ihm – schon aus Gründen der Selbstachtung – keine andere Möglichkeit, als den Start eines „großes Dings“ anzukündigen. Der Name der Lokalität, wobei er das Wort in einem Zug aussprach, sei im „Heiligste Verpflichtung“, er schob nach „Allerheiligste Verpflichtung“.
Was war passiert? Er, Sascha A., der aktive Gewerkschafter, seit 25 Jahren Mitglied „seiner“ Organisation, hatte lautstark wieder „über die da oben“, die „doch nur abkassieren“ und „sich die Profite in die Tasche stecken“ gewettert, als ihm der „junge Schnösel“ mit dem spöttischen Lächeln immer wieder ins Wort fiel, u.a. mit den „provozierenden Sprüchen“: „Wenn du selbstständig wärest, würdest du sehen, welche Probleme es gibt, die vor allem durch die Aufrechterhaltung eurer Politik entstehen.“ Und: „Der Staat nimmt vor allem dort, wo wirklich gearbeitet wird, und gibt hauptsächlich denen, die weniger aktiv sind“, sowie: „Es kann nur das ausgegeben werden, was tatsächlich erwirtschaftet wird.“ Das alles empfand er natürlich als eine „neoliberale Frechheit“, es seien, so sagte er: „Sprüche der Manchester-Kapitalisten“. Doch der junge Mann ließ nicht locker und erwiderte, er, Sascha A., sei offensichtlich ein „auslaufendes Modell“, worauf dieser meinte, er würde ihm „noch zeigen, was ein gutes Modell ist“. Sein Kontrahent lachte nur und feixte: „Dann mach doch mal! Zeig doch mal mit deinen Genossen wie das ohne „Großkapitalisten“ und ohne „Heuschrecken“ funktioniert!“
Gesagt, getan – am nächsten Tag telefonierte er ein paar gute Kollegen und Genossen, die mit ihm auf einer Wellenlänge lagen und aus der gleichen Branche kamen zusammen, und sie vereinbarten einen gemeinsamen Termin um über „die Sache“ zu reden. Sein Vorschlag lautete: „Wir gründen eine Firma „Arbeitskollektiv Gas - und Wasser-Installationen – Perpetuum mobile“, die alle linken und fortschrittlichen Leute zusammenfasst und von der Ausbeutung durch die privaten „Handwerker-Kartelle“ befreit. Schnell wurde eine Kommission gegründet, ein Statut ausgearbeitet und dabei eine Reihe allgemeiner Grundsätze festgelegt wie: Gleicher Lohn für alle, umfassende Sozialleistungen, Betriebsrente, Gründung eines Kindergartens usw….
Innerhalb von vier Wochen war der organisatorische Komplex abgeschlossen. Gut 100 Arbeiter fanden sich in der Großstadt zusammen, und wurden mit unterschiedlichen Teilen „Jeder nach seinen Möglichkeiten“, Eigner des Kollektivs. Mit einer den Gewerkschaften verbundenen Bank hatten sie günstige Kredite ausgehandelt, die zur Anschaffung von Betriebsinventar, Renovierung des Bürogebäudes und vor allem des Wagenparks Verwendung fanden.
Es war ihnen selbst schon klar: Eine homogene Truppe waren sie nicht, sie einte die Vorstellung, man könne besser, kostengünstiger und effektiver produzieren, vor allem aber sei das Gesamtergebnis viel stärker sozialer ausgerichtet und selbstverständlich: humaner. Zwangsläufig wäre man „Teil des Systems“, jedoch müsse der Vorteil, der durch die „Abwesenheit von Ausbeutung“ entstünde, diesen Nachteil deutlich wettmachen.
Da man gänzlich auf hierarchische Strukturen verzichtete, war auch hier theoretisch ein Geldvorteil gegeben, denn der „Kauf der Arbeiterelite durch die herrschenden Klasse“ war ja nun entfallen. Die ersten disziplinarischen Probleme, die so manches Arbeitsteam bereits nach wenigen Tagen meldete, übersah man noch mit manchem Scherz, meinte, diejenigen, die sich allzu sehr an die Disziplin hielten, seien wohl „gut gedrillte Untertanen“, welche die „Ideologie der Arbeits – und Ausbeutergesellschaft“ besonders stark verinnerlicht hätten. Als die ersten Aufträge storniert wurden, und vier Arbeitsteams, die man Kolonnen genannt hatte, auf Grund unüberbrückbarer Differenzen auseinander fielen, berief man eine „Versammlung zwecks Koordination von Produktionsdifferenzen innerhalb antagonistischer Widersprüche“ ein.
Dort wurde auch Unmut über die Arbeit einiger weiblicher Kollektivmitglieder laut. Diese hätten bestimmte Tätigkeiten nicht so ausführen können, wie es das Arbeitsgebiet vorsah, und waren auch überdurchschnittlich oft ausgefallen, murrten einige der Arbeiter. Angesichts der insgesamt geringeren Arbeitsleistung bei gleichem Lohn, empfänden sie das „so nicht gerecht“, meldete man sich zu Wort, doch sie wurden sofort von der erdrückenden Mehrheit als „ideologisch nicht gefestigte, mehr als latente Sexisten“ bezeichnet. Drei Mitglieder des Gesamt-Kollektivs schieden nach diesem Meeting, welches man „Arbeitsplenum“ hieß, freiwillig aus, zwei hingegen wurden aus „disziplinarischen Gründen“ und „charakterlichen Schwächen“ ausgeschlossen. Einer fragte, wie es wäre, wenn das in der „offenen Gesellschaft“ geschehe, ob man ihm dann keine Unterstützung zu billigen, oder keine weitere Arbeit geben würde? Er habe sich, so sagte man im, mangels „fehlendem Bewusstsein“ und „geringer theoretischer Beschäftigung mit dem Subjekt“ so schuldig gemacht, dass er „ganz einfach gehen solle“, und zwar: „zügig“, es sei „kein weiterer Kommentar nötig“.
In den kommenden Wochen sanken die Auftragseingänge rapide. Es gab nur wenige in der Verwaltung, die bereit waren, die „Wolfgesetze der Werbung im Kapitalismus“ zu berücksichtigen, bzw. anzuwenden. Es gäbe dabei „unüberbrückbare psychologische Hemmnisse“, man empfände es „als pervers, Leute anzurufen oder zurückzurufen“ und dabei um „Aufträge zu betteln“. Die Leiterein der Kindergartentagesstätte, hier nur „Kita“ genannt, fiel zu dieser Zeit langfristig aus, weil „die günstige Prognose“, die man der Drogensüchtigen Gabriele Z. bei der Einstellung erteilt hatte, leider nicht eintrat, und so musste die Arbeitsstätte allein von einer angelernten Kinderpflegerin betreut werden. „Das hätten wir sonst nie akzeptiert“, sagte eine der Mütter dem Lokalblatt, das auf diesen Misstand aufmerksam gemacht wurde und nun ausführlich berichtete, „aber ich werde mich nun einen halben Tag, so lang es geht, zusätzlich einbringen, bis die Gabi wieder da ist.“
Die Reparaturwerkstatt litt chronisch an einem Belegungsmangel. Mehr als drei KFZ-Mechaniker waren einfach nicht „drin“. Schulungen, Freistunden, zusätzliche Kindererziehungstage und – in einem Fall – ein Ausfall durch Schwangerschaftsübungen, die der Mechaniker gemeinsam mit seiner Frau „aus Solidarität“ mitmachte, sorgten dafür, dass meist zwei oder drei Autos nicht ausfahren konnten. Freitagnachmittags schloss die Werkstatt Punkt 12.00 Uhr. Ohnehin wurden zwischen montags und donnerstags nur 7 1/2 Stunden pro Tag gearbeitet, um die 34 Stunden-Woche zu erreichen, die man beschlossen hatte, um „demonstrativ unter der Kampfgrenze zu bleiben.“
Wo denn die versprochenen Zusatzleistungen blieben, fragten die Frauen mancher Arbeiter auf der „Kollektiven Vollversammlung zum Zwecke der Rettung des Projektes Perpetuum mobile“. Die Abwesenheitsquote betrug über 25% - das war enttäuschend. Mehr noch, da so manche „Absetzbewegung“, wie es der Vorsitzende des „Vermittlungsrates humanitärer Gestaltungsprozesse“ ausdrückte, zu erkennen seien. Die Außenstände hätten schon jetzt – da das Experiment erst vier Monate dauerte – den Umfang eines ca. sechswöchigen, notwendigen Auftragsvolumen. Zusätzliche Leistungen seien nun „einfach nicht mehr möglich“, man bat „mit Nachdruck“ darum, „jede überflüssige Kontaktierung des Betriebsarztes drei Mal zu prüfen.“
Auch würde umgehend jene durch die Gender-Gruppe „Das Problem seid ihr, nicht wir!“ durchgesetzte „geschlechtsneutrale Arbeitsanzugsfarbe“ lila-rosa-türkis, auf Grund der „sich in der Praktik als wenig publikumsverkehrstauglich erwiesenen Farbgestaltung“ abgeschafft. Aber wer die illegalen Beschäftigen, die man „aus Solidarität selbstverständlich genau so entlohnt wie alle“ infrage stelle, obwohl sie nie zuvor in diesem Beruf gearbeitet hatten, sondern kurz zuvor aus Uganda, Nigeria und Somalia kamen, wo sie als Schafhirten, Reisbauern und Arbeitslose lebten, der „rüttelt an unseren Grundprinzipien der Solidarität: Niemand ist illegal.“
Einstimmig wurde das Vertrauensfrau (da geschlechtsunspezifischen Anreden vermieden werden sollten, wurden alle in der weiblichen Form ausgewiesen, um „die Welt ein Stück weit femininer zu gestalten) G. gewählt, der, so die Antragskommission, als „temporär begleitender Beobachterin mutmaßlicher Anti-Gerechtigkeitsbefürworter“ – eine Tätigkeit die der Klassenfeind gewöhnlich als „Stasi-Tätigkeit“ verunglimpft – schon seinerzeit in der DDR erfolgreich ausgeführt habe. Er solle nun „rigoros zum Wohle aller“, sämtliche „individuell verschuldeten Fehler dekadenter Elemente“ aufspüren. Es sei ein „skandalöser Vorwurf Ewiggestriger“, wenn diese davon sprächen, das System sei schuld an der Misere. „Perpetuum mobile“ sei quick lebendig, und existiere auch noch in….(Das Ende des Satzes ging im aufbrausenden Beifall unter „Hoch die nationale Arbeits-Solidarität“-Rufen unter).
Als zwei Wochen später der Konkursverwalter, das Ordnungsamt und Spezialisten der ortansässigen Psychiatrie auf dem Betriebs – und Verwaltungshof erschienen, wusste jeder, dass es zu Ende ging. Der Betrieb musste wegen Zahlungsunfähigkeit aufgeben.
Die Abgaben seien zu hoch gewesen, sagte später Sascha A., weil die Steuergesetze „zu restriktiv“ wären und keinen „Spielraum für Menschliches außerhalb des kapitalistischen Verwertungsprozesses“ gelassen hätten. In einer Presseerklärung teilte der Sprecher der Linkspartei mit, dies sei „wieder ein Beweis für die Unvereinbarkeit von Kapitalismus und Menschlichkeit, und müsse deshalb so schnell als möglich überwunden werden“. Auf Nachfragen, welches von beiden er überwinden wolle, sagte er, auf die „Provokation antisozialistischer und rechtskonservativer Medienvertreter“ würde das Volk in der nächster Zeit eine zielorientierte Antwort geben.
Seit einigen Tagen geht das Gerücht um, der weiterhin an seinen Idealen festhaltende Teil des „Pepetuum-Mobile-Kollektivs“ sei nach Cuba ausgewandert, und organisiere die nächste und noch erfolgreichere „Milch für alle cubanischen Kinder“ – Kampagne.