Karl Kraus (1874-1936)
Alfred Polgars Nachruf auf Karl Kraus ist beinahe unbekannt, im Internet überhaupt nicht greifbar. Das soll hiermit geändert werden.
Zuvor noch ein paar Zitate aus der Karl Kraus – Biographie von Friedrich Rothe (Piper, Muenchen, Zuerich):
„Bereits im Jahre 1932 bezogen nur noch 150 Abonnenten die selten erscheinende Fackel, und Kraus lud Hörer, deren Zahl den Freundeskreis nicht überschritt, zu den Lesungen nunmehr schriftlich ein….Wie konnte Kraus Anfang der dreißiger Jahre in eine Abseitsposition geraten, die bis heute den Blick auf den Schriftsteller verstellt?…In den Kommunisten hatte er lediglich Wirrköpfe gesehen, die mit >dem roten Halstuch, das man im Kaffeehaus trägt< , und Maschinengewehren die >Arbeit berufener Volksfreunde zu stören entschlossen bereit sind< …Er beobachte bei der österreichischen Sozialdemokratie, einen verdächtigen Hang zum Völkisch-Nationalen, >weil man doch in einer Zeit, wo es mit dem Sozialen so schwer vorwärts geht und für ein primitiver gewordenes Geistesleben der Nation das Nationale seine Zugkraft hat, auch etwas von der Art bieten muss. Es gibt Nationalisten: da bleibt uns nichts übrig, als SOZIALNATIONALISTEN zu werden, und uns so zu gebärden, als wären wir die echten< .
Obwohl ein ausgesprochener Einzelgänger wurde Kraus kein Nestflüchter, lebte aber nie mit einer Frau zusammen….Zu Kraus´ äußerem Habitus gehörte ein bartloses Gesicht, das nichts zu verbergen hatte und einen höflichen Menschen mit Taktgefühl versprach. Er hat nie einen Bart getragen, ein ungewöhnlicher Fall in der patriarchalischen Welt der Jahrhundertwende, in der junge Männer Bärte hatten, um älter und würdiger auszusehen. Das bärtige Gesicht eines gepflegten Bourgeois flößte ihm Abscheu ein. Wie stark dieser Widerwillen werden konnte, verrät der Anblick Moritz Benedikts, des Herrn der Hyänen >schwarzer, graumelierter, wolliger Backen- und Kinnbart, der das Gesicht wie ein Fell umgibt und mit einer ebensolchen Haarhaube verwachsen scheint.< …Kraus verkündete den Weltuntergang und wusste die Unheilszeichen in Messina und Chinatown zu deuten. Der sichere Eintritt der Schlusskatastrophe änderte jedoch nichts an der kümmerlichen Wirkungsperspektive, die ihn Jahr um Jahr mehr ängstigte. Wider alles Erwarten hielt sich sein Einmannunternehmen über Wasser und sorgte in der Wiener Öffentlichkeit für Gesprächsstoff…Der Herausgeber erinnerte stolz an Jahrestage, indem er die Jubiläumsnummern durch fette Zahlen auf dem Umschlag hervorhob, beklagte aber regelmäßig die enttäuschende Resonanz, den kärglichen Lohn für die unendlichen Mühe nächtlicher Arbeit. Seine Resümees klangen immer bitterer.
Nachruf auf Karl Kraus
Von Alfred Polgar
Das Einzigartige an der Erscheinung des Karl Kraus´, von ihrem genialischen abgesehen, war die vollkommene Deckung von Mann und Werk.
Er schrieb…mit dem Blut seines Herzens und dem Saft seiner Nerven. Sein Leben abseits der Arbeit, war Vorarbeit zu dieser, und deren Ergänzung, diente in nie erlahmender Leidenschaft der Bekräftigung des geschriebenen Werks, für das er an vielen hundert Abend auch im Vortragssaal eintrat. Diesen nützte er später vor allem dazu, sein Erfassen und Erfüllen dramatischer Meisterschöpfungen in rezitatorischer Wiedergabe der geliebten Werke Shakespeare, Nestroy, Raimund, Offenbach, dem Missverstehn, dem Verfälschen und Verflachen durch das zeitgenössischem Theater entgegenzusetzen. Hierzu legitimierten ihn seine schauspielerische Begabung, seine Musikalität, sein affektgeladenes Sprechorgan, der zarten lyrischen Schattierungen, wie des großen dramatischen Ausdrucks fähig.
Seine Kampfschrift „Die Fackel“ – in den letzten 20 Jahren schrieb er sie allein – diente zum größten Teil der Reinigungsmission, zu der er sich berufen fühlte, nämlich der Aufgabe, die Flecken, die ihm sein Welttraumbild verhässlichten, die Großen wie die Winzigsten, mit der scharfer Säure seines Hohn und seines Witzes anzugehn. Daneben gedieh eine reiche poetische und aphoristische Produktion, und ein dramatisches Oeuvre, als dessen Gipfel „Die letzten Tage der Menschheit“ erscheinen – eine danteske Fahrt durch die geistige Höllenlandschaft des Krieges.
Kraus hatte den schärfsten Blick für das Niedere, Lächerliche, Verlogene, Armselige, das sich in Drucklettern, in Buch und Zeitung manifestiert, und eine überlegene Kunst es in satirisches Licht zu rücken, in ein Licht von erbarmungsloser, zerstörender Grellheit. Er war sich das Maß aller Dinge, musste sich das wohl sein, um als orthodoxer Einzelgänger sein Gleichgewicht unerschüttert zu bewahren.
Schwäche und Fehlbarkeit schloss er für seine Person so ziemlich aus, und ließ sie bei anderen nicht Milderungsgrund gelten. Er verstand es sich Feinde zu machen – im zwiefachen Sinn des Worts. Er modellierte sie in fruchtbarer Hassphantasie um, zu gültigen Typen des Kläglichen und Verderblichen, das er mit nie befriedigtem Zorn ein Leben lang bekämpfte, hierbei wenig beirrt von den Einflüssen so nebuloser Sternbilder wie Objektivität und Gerechtigkeit. Tiefer als er ist kaum ein Zeitgenosse in den Zaubergarten der Sprache eingedrungen. An dem geheimnisvollen sich verflechten und ineinanderwachsen dessen, was dort in nie zu erschöpfendem Reichtum blüht, hatte er sein ungemessenes Entzücken.
Er war Hüter im Bezirk des Geistes, erbarmungslos im Attackieren und Abweisen derer, die ihm den geheiligten Bezirk zu verunreinigen schienen. Liebe für das Große, nährte seinen Hass gegen das Kleine, auch wenn dieses gar nicht anderes sein wollte als klein: Errichte das Ideal an der Wirklichkeit!
Die ihm nahe kamen, unterlagen dem Einfluss der dauernden Hochspannung, in der sein Geist, und sein Wille lebten, und die ihr Bezauberndes hatte, wie ihr Bedrohliches. Vielleicht war es dieses Hochgespannte, das seine Erscheinung für Hass und Liebe so unwiderstehlich anziehend machte. Karl Kraus darf nachgerühmt werden, dass er den Besten seiner Zeit genug getan hat, und, die Wendung anders verstanden, den Schlechten wahrhaftig auch.
“Er beobachte bei der österreichischen Sozialdemokratie, einen verdächtigen Hang zum Völkisch-Nationalen, >weil man doch in einer Zeit, wo es mit dem Sozialen so schwer vorwärts geht und für ein primitiver gewordenes Geistesleben der Nation das Nationale seine Zugkraft hat, auch etwas von der Art bieten muss. Es gibt Nationalisten: da bleibt uns nichts übrig, als SOZIALNATIONALISTEN zu werden, und uns so zu gebärden, als wären wir die echten
Kommentar von Digenis Akritas — 30. Mai 2005 @ 00:09
Ja, vielleicht sind sie es ja auch, stehen sie doch gewöhnlich DEM Plebs am Nächsten.
TK
Kommentar von Campo-News — 30. Mai 2005 @ 08:13
“…Er [Karl Kraus] beobachte bei der österreichischen Sozialdemokratie, einen verdächtigen Hang zum Völkisch-Nationalen, >weil man doch in einer Zeit, wo es mit dem Sozialen so schwer vorwärts geht und für ein primitiver gewordenes Geistesleben der Nation das Nationale seine Zugkraft hat, auch etwas von der Art bieten muss. Es gibt Nationalisten: da bleibt uns nichts übrig, als SOZIALNATIONALISTEN zu werden, und uns so zu gebärden, als wären wir die echten<
Der (deutsch-)österreichischen Sozialdemokratie ist es zu “verdanken”, daß bereits im zweiten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts der Slogan: “Serbien muß sterbien!”, erstmals publikumswirksam propagiert wurde. Den völkischen Vernichtungswahn, welchen sie darin zum Ausdruck brachte, teilten nicht nur die Nazis uneingeschränkt, vielmehr manifestierte er sich - wenn auch in “menschenrechtlich” modifizierter Form - zuletzt auch im Frühjahr 1999 in den Haßtiraden eines Bundesverteidigungsministers wie Rudolf Scharping (SPD) gegen jugoslawische Kombattanten sowie einen demokratisch legitimierten jugoslawischen Präsidenten.
Kommentar von Digenis Akritas — 30. Mai 2005 @ 09:59
Ja, das hat auch Karl Kraus in “Die letzten Tage der Menschheit” in einer Szene verarbeitet. Ich kenne dieser Spruch jedoch nur von einer Postkarte mit anderen chauvinistischen Sprüchen “Jeder Stoß, ein Franzos. Jeder Schuss, ein Russ´. Jeder Tritt, ein Britt”, weiß aber nicht, wer “Serbien, muss sterbien” als erster heraus gespien hat.
TK
Kommentar von Campo-News — 30. Mai 2005 @ 10:11
Der Spruch stammt aus Friedrich Lists “Allianzdenkschrift” von 1845.
interessant dazu: http://docserver.bis.uni-oldenburg.de/publikationen/dissertation/2000/thogan00/pdf/kap01.pdf
Grüße
hgelxx
Kommentar von hegelxx — 7. Juni 2005 @ 08:48
Tipp aus dem FOCUS
Kommentar von Campo-News — 2. September 2007 @ 15:49
Danke für den Tip, weiß ich aber schon,
ich könnte das ja kaufen… wenn ich nicht schon die Fackelausgabe mal im Nachdruck gehabt hätte, war von 2001, wenn ich mich recht entsinne, das ärgert mich jetzt noch, daß ich die mal verkauft habe, aus Geldnot… aber 19,90 wären wohl noch drin… Playstation für den Kurzen oder DVD für mich… schwierige Frage… von Karl Kraus hat der Kurze auch später noch was, ich aber auch von seiner eventuellen Playstation…
Kommentar von hegelxx — 2. September 2007 @ 18:29
DA IST ES!
Kommentar von Campo-News — 18. August 2010 @ 14:57