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27. April 2005

Saskia Wollschon ist tot

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 18:03

Erst jetzt erreichte mich die Meldung, dass Saskia Wollschon im vergangenem Jahr starb. Nun erschien ein Nachruf, den ich hier präsentieren möchte, AUCH weil darin von mir die Rede ist.

Sie war mit ihrem Mann, Gerd Wollschon, Ex-Texter der Rockgruppe Floh de Cologne und Schreiber für die Fersehserie mit Hanns Dieter Hüsch “Der goldene Sonntag”, vor zwei Jahren quasi wieder nach Deutschland, genauer nach Köln, zurückgekehrt, um ihre Krebs-Behandlung besser behandeln zu können. Saskia und Gerd gaben in den 70er Jahren die satirischen Sudelbücher heraus, in denen Texte von Degenhardt, Dehm, Hohler, Hüsch, Wader u.v.m. erschienen.

Hier der Nachruf aus ihrem Wohnort Altea an der Costa Blanca.

Saskias Salon

Ein Wirbelwind erfrischte die Kulturszene in Altea

Im Sommer 2004 starb Saskia Wollschon an Krebs. Eigentlich ein trauriges Ende. Dennoch verbinde ich mit Saskia nur vergnügliche Erinnerungen. In der kurzen Zeit, in der ich sie kannte, glich sie trotz ihrer schon entwickelten Krankheit eher einem Wirbelwind, der frische Gedanken entfachte, bei anderen Menschen, aber auch bei ihr selbst. Einer dieser Gedanken war ihr Wunsch, in Altea so etwas wie einen musischen Salon erstehen zu lassen, angelehnt an literarische Salons im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Mit Hilfe ihres Mannes erfüllte sie sich diesen Wunsch.

In unregelmäßigen Abständen öffneten die beiden ihr großzügig angelegtes, altehrwürdiges Stadthaus nahe der Alteaner Plaza für ein handverlesenes deutschsprachiges Publikum von 40 bis 50 Gästen. Ein bescheidener Obulus wurde erbeten, aber dafür gab es dann Wein, Wasser, Käsehappen, Schmalzbrote und dergleichen Imbisse in der Pause.

Jeder Abend hatte eine literarische und eine musikalische Komponente mit erheblicher Spannweite. Die reichte in der Rubrik Dichterlesung von der klamaukhaften Kölner Karnevalszene über die zwangsweise Ausbürgerung Biermanns aus der DDR bis zur freiwilligen Auswanderung in die Karibik.

Musikalisch ging es nicht minder vielfältig zu: Folkmusiksänger mit Gitarre aus England, russische Allround-Pianistin, schwarzafrikanischer Holzinstrumente-Bläser, deutsch-holländische Damen-Trommel-Truppe…..

Die Pianistin, die an meinem ersten Besucherabend die musikalische Gestaltung übernommen hatte, war schon in einem nordischen Königshaus aufgetreten, wie bewundernd von Tisch zu Tisch weitergegeben wurde. Die Künstlerin ging auf jegliche Zurufe aus dem Publikum ein und entfaltete die Bandbreite ihres Könnens von der Klassik über Jazz zu Orgel- und Sambamusik. Das mitgebrachte elektronische Instrument machte es möglich. Es sah aus wie ein etwas größerer Aktenkoffer, der aufgeklappt wurde und eine klavierähnliche Tastatur enthüllte, mit allerlei zusätzlichen Knöpfen, die zum Einstellen der gewünschten Instrumenteneffekte dienten. Trotz der geringen Ausmaße reichte die Lautstärke aus, um das ganze Haus zu beschallen.

Bei der Literatur ragen in meiner Erinnerung zwei Abende heraus. Da war einmal Geert Wollschons eigene Produktion über seine und Saskias fünfjährige Erlebnisse auf der Karibik-Insel St.Andres. Eine liebevolle, leicht satirisch angehauchte Beschreibung der dortigen Lebensumstände.

Trefflich die Beschreibung des Elektrizitätssystems: Da gibt es Haushalte, die illegal die Stromleitung anzapfen. Sie zahlen natürlich nichts dafür. Die Alternative sieht so aus, dass man sich eine offizielle Leitung mit einem Zähler legen lässt und dann ein Gerät anschließt wie z.B. das Radio. Aus der Leitung vor dem Zähler holt man sich kostenlos den Saft für die übrigen Geräte im Haus. Die dritte Variante sind die Dummen, die ihre Stromrechnung für alle Geräte bezahlen. Auf ihre Rechnung wird ein Aufschlag erhoben, um die Unkosten für die illegale Stromklauerei abzudecken.

Das bisher nur als Manuskript vorliegende Büchlein mit dem Arbeitstitel “Kamikaze für Aussteiger” soll demnächst in einem Buchverlag erscheinen. Es sei schon jetzt all denen empfohlen, die mit spanischen Dienstleistungen und Behörden hadern. Nach dieser vergnüglichen Lektüre erscheint einem Altea als Hort einer effektiv organisierten Alltagswelt.

Ähnlich amüsant war ein anderer Salon-Abend, an dem eine Mitautorin des Buches “Die Ausbürgerung. Anfang vom Ende der DDR” vorlas. Da beschrieb die ehemalige Gewerkschafts-Jugendvertreterin Tanja Krienen, wie sie nach Wolf Biermanns Ausbürgerung aus der DDR die Abkehr von der DKP schaffte. Dann lehnte sie sich beifallheischend in ihren Stuhl zurück. Statt stürmischer Ovationen, kam jedoch die vermutlich provozierend gemeinte Frage eines örtlichen deutschen Malers, wer Biermann eigentlich sei. Hier werde viel Aufhebens um eine Randfigur der deutschen Nachkriegsgesellschaft gemacht, während keiner an die Leistung der deutschen “Trümmerfrauen” erinnere.

Ob dieser Banalisierung ihres politischen Schlüsselerlebnisses war Tanja Krienen schon sehr empört, aber es kam noch dicker: Es meldete sich eine Dame zu Wort, die der verblüfften Tanja unterstellte, sie hätte keine Ahnung vom wahren Leben in der damaligen DDR. Habe sie denn jemals dort gelebt?

Tanja Krienen riss es vom Stuhl. Sie zeigte, dass ihre bauchfreie Jugendkleidung nicht nur Erinnerung an die Kampfzeit der Gewerkschafts-Jugendvertreterin von vor 30 Jahren war. Sie schoss massiv verbal zurück und bewirkte, dass sich ihre Opponentin als ehemalige DDR-Funktionärin outete (mit heutigem Ruhesitz an der Costa Blanca, wie ich später erfuhr) und nach einer weiteren worteichen Breitseite stolz erhobenen Hauptes aus dem Salon segelte, ihren Mann im Schlepptau.

Saskia glättete die Wogen mit einer Schmalzbrot-Pause. Dennoch war es ein wunderbarer Abend mit Pep, an dem sich jeder über etwas aufregen konnte.

Nun, Saskias Salon ist Vergangenheit. Aber vielleicht findet sich jemand, der die Idee aufgreift. Ich könnte mir vorstellen, dass Geert Wollschon bereit wäre, den ein oder anderen Tip zu geben. Und eine weitere Lesung aus “Kamikaze für Aussteiger” würde sicher viel Spaß bereiten.

- Leo

5 Kommentare »

  1. In meiner Biographie liest sich dieser Abend so -

    Nach den Feierlichkeiten im Berliner Ensemble fuhr ich mit Heinz in den obligatorischen Winterurlaub nach Spanien. Dort wurde ich von Dieter Buttler gebeten, bei einer Veranstaltung meinen Buchbeitrag zu lesen. Die Presse berichte in drei farbigen Seiten über die bevorstehende Lesung und zudem beantwortete ich einen „Prominenten-Fragebogen“. Über viele bekannte Leute die an der Costa Blanca wohnen werden solche Story erstellt, sei es nun Hans Meiser, Frau Crone-Schmalz (Korrespondentin) oder den Fußballer Reinke (Ex-Torwart von Kaiserslautern, der 2001 zu Murcia wechselte – und in der abgelaufenen Saison mit Werder Bremen Meister wurde). Es kam dann im Februar zu einer Lesung in Altea. Im Publikum saß an diesem Tag ein Ehepaar, welches sich als die Wollschons aus Köln entpuppten. Saskia Wollschon inszeniert ab und zu einen literarischen Salon in Altea und ihr Mann, Gerd Wollschon, war Mitbegründer der Politrockgruppe Floh de Cologne und deren Texter bis 1976. Er stieg in diesem Jahr aus, weil ihm die ganze Richtung doch zu dogmatisch wurde und unterschrieb auf Günter Wallrafs Liste, gegen die Ausbürgerung Biermann. Deshalb waren die Wollschons auch da - zu diesen Ereignissen hatten sie einen ganz persönlichen Bezug. Gerd Wollschon brachte später auch die „Sudel-Bücher“ heraus, z.B. mit einem Vorwort des Schauspielers (Fassbinders „Acht Stunden sind kein Tag“) und Kabarettisten Werner Fink („Bin kein Judenlümmel. Ich sehe nur so intelligent aus.“). Außerdem schrieb Wollschon die Serie „Immer wieder Sonntags“ mit Hanns Dieter Hüsch in der Hauptrolle.

    Ich wurde von beiden spontan auf eine zusätzliche Lesung im „Literarischen Salon“ von Saskia Wollschon angesprochen, sagte zu und las dann dort Ende März 2002. Aber es war grauenhaft. Das Publikum bestand aus gesetzten deutschen Mumien und ich wurde nach der Lesung, gleich zu Beginn der vorgesehenen Diskussion, von einer Frau angemacht, wie ich denn behaupten könne, in der P“DS“ habe sich nichts geändert. Ich solle das doch mal mit mehreren Dokumenten belegen. Das war natürlich nichts als eine Provokation und ich sagte ihr in klaren Worten meine Meinung dazu. Wie das so ist - im Internet können sie pöbeln, aber in der persönlichen Begegnung sehen sie schlecht aus: Die Dame begann zu heulen und lief dann in der anbrechenden Pause hinaus. Die Presse berichtete daraufhin in einem Artikel unter der Überschrift „Von Blues zu Biermann“ von einer „hitzigen Diskussion“…

    Kommentar von Campo-News — 27. April 2005 @ 18:15

  2. Zur Ergänzung hier mal ein zeitgenössischer, 35 Jahre alter Artikel zu den Flöhen -

    DIE ZEIT

    11/1970

    Bremer Ärger mit den Kölner Flöhen

    Donner, Wolf

    Daß die Trojaner das hölzerne Pferd der Griechen nicht in ihre Stadt genommen hätten, wenn sie von seiner taktischen Funktion und seinem Inhalt gewußt hätten, das muß keine Binsenweisheit sein. Immerhin hatten sie keine Möglichkeit, sich vorher über das Geschenk zu orientieren; sie konnten nur ihre Priester befra- gen.

    “Wir bitten um Verständnis”, telegraphierte der Sender Radio Bremen einem Geschenk ab, über das man sich sehr wohl hätte informieren können, einem Geschenk, das die Kabarettgruppe “Floh de Cologne” darbringen wollte: Die Kölner Flöhe, die sich seit Ende 1969 nicht mehr Kabarett, sondern “bewußtseinserweiternde Droge” nennen und nur noch vor etwa sechzehnbis zwanzigjährigen Schülern, Lehrlingen und Jungarbeitern spielen, hatten zugesagt, am 7. und 8. März im Oldenburger Stadttheater und im Bremer Sendesaal zu gastieren. Plötzlich aber kamen den Bremer Veranstaltern “Bedenken”, die sie veranlaßten, das Gastspiel unter Bedauern “kurzfristig” zu “verschieben”. Also eine höflich umschriebene Absage. Anders als die genasführten Trojaner hatten sich die Bremer spät, doch zur Absage noch rechtzeitig genug erkundigen können, was ihnen da ins Haus stand, und das “vorliegende Informationsmaterial” dürfte nicht in ihrem Sinne gewesen sein. Da konnten sie nämlich erfahren, daß die Flöhe, seit je Deutschlands aggressivstes Kabarett, nun zu einem noch deftigeren, direkteren und schärferen Polit-Rock übergegangen waren, einer mit hartem Beat unterlegten Show, die Pornographie, Anarchismus und Agitprop geschickt mischte und plakativ vereinfachte Revolutionsthesen nicht scheute:

    “Ich will aber nicht immer nur gehorchen! Sei ruhig, Fließbandbaby, heiraten. Ich will aber nicht immer das gleiche tun! Sei ruhig, Fließbandbaby, Familie gründen! Ich will aber nicht immer arbeiten gehen und [Haushalt machen! Sei ruhig, Fließbandbaby, Auto kaufen. Ich will aber nicht total verblöden! Sei ruhig, Fließbandbaby, Fernsehen. Ich will aber meine Gesundheit nicht ruinieren! Sei ruhig, Fließbandbaby, fürs Alter vorsorgen. Ich will aber nicht immer nur! Sei ruhig, Fließbandbaby, arbeiten.”

    “Fließbandbabys Beat-Show”, so hieß das neue Programm, fand spontanen Anklang bei der jugendlichen “Zielgruppe” und verärgerte Lehrer, Jugendleiter und besorgte Stadtväter. Sätze wie “Die oberen Zehntausend gibt es nur, weil die unteren sechzig Millionen mit ihrer Rolle einverstanden sind”, Thesen und Parolen, die unumwunden vorgetragen und während des Programms als Flugblatt verteilt werden, die unser “Wegschmeißwunderland” angreifen und statt dessen plädieren für eine allgemeine Politisierung und Solidarisierung der Linken, für Basisgruppen und Wohngemeinschaften, für Pille, antiautoritäre Erziehung und freie Lustentfaltung - all das muß den Bremern zu heikel erschienen sein, und flugs wurden die ungebetenen Gäste wieder ausgeladen.

    Sie ist so richtig schön in die Falle gegangen, diese Bremer Jazz- und Pop-Redaktion, und das ist das Peinliche an dem Vorgang: Man gibt sich progressiv und engagiert eine Truppe, die ein bißchen Krach und Rabbatz garantiert, dann hört man genauer hin und kriegt plötzlich “Bedenken” und Angst vor der eigenen Courage. Oder, auch so kann es gewesen sein, man muß sich, im Übereifer zu weit vorgeprescht, schnell wieder dem Diktum höherer Stellen und einflußreicher Persönlichkeiten beugen, die so gar kein Interesse haben an direkten Aufforderungen zur revolutionären Praxis: “Politisiere deinen Nebenmann, politisiert andere, übt Kritik und schafft Gruppen…”

    Das Trojanische Pferd eines Gastspiels sind die Bremer nun los. Aber Flöhe sind listige kleine Tiere, sie kommen überall durch und beißen einen, ehe man’s merkt. Man sollte auch in ihrem Fall die Priester befragen.

    Kommentar von Campo-News — 28. April 2005 @ 09:53

  3. Von Uschi Obermeier bis Floh de Cologne. Auf der Achse gibt es einen interessanten Bericht - beachtenswert ist auch der Link zur Neuen Rheinischen Zeitung, wenngleich der dort zu sehende Bericht mit Ausnahme des Statements von Gerd Wollschon wenig hergibt -
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/grabschen_nach_uschi_obermaier/

     

     

    Kommentar von Campo-News — 16. Januar 2007 @ 09:34

  4. http://www.wirtrauern.de/Traueranzeige/Gerd-Wollschon

    Kommentar von Campo-News — 12. Juni 2014 @ 08:17

  5. Wollschon war immerhin der eigentliche Initiator des Floh de Cologne, damals, 1965 und 1966, im Theaterwissenschaftlichen Institut der Universität Köln. (Die erste handfeste Streiterei gab es in der Truppe übrigens darüber: Sollte man den Floh im Namen mit oh oder mit eau schreiben, um ja die Anspielung auf das bekannte Duftwasser so deutlich wie möglich zu machen?) Vor knapp acht Jahren ist Wollschon ausgestiegen. Ein Bündel von Gründen habe es gegeben, sagt er. Auch den, daß er “gegen die zu dichte Anlehnung an eine bestimmte Partei” gewesen sei. - http://www.enxing.de/flohkritik2.html

    Kommentar von Campo-News — 12. Juni 2014 @ 09:23

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