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24. Dezember 2021

Der (vor)letzte Prolet - über das neue Ernst Busch-Buch

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 12:47

 

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 „DU HAST DAS WORT, REDE, GENOSSE MAUSER“. „WIE HEISST DAS?“ „LINKER MARSCH“

So wie oben wird im neuen Busch-Buch geredet. Zeitgeist mit einfacher Sprache? Nein, kein Zeitgeist, eher das Gegenteil davon. Einfache Sprache? Ein wenig. Und warum? Darum! Weil es halt ein Comic ist, oder neudeutsch eine „Graphic Novel“, will sagen: bebilderte Literatur bzw. ein Comic für Erwachsene. Jener in der Titelzeile zitierte Dialog, ist einer zwischen Ernst Busch und Ulrike Meinhof. Ja genau die! Wurde sie also von ihm inspiriert? Das wäre zu schlicht gedacht. Und doch hat sie ihn mehrfach in seinem Haus in Pankow besucht, ihn, der ihr die „Ballade von der Hanna Cash“ in einer privaten Einspielung auf ein Tonband eingesungen hatte. Sie traf ihn Jahre zuvor zum ersten Mal mit ihrem Mann, dem Konkret-Herausgeber Klaus Rainer Röhl, der vor Busch auf den Knien rutschend comicalartig portraitiert wird, in der Garderobe des Berliner Ensembles. Ist das alles genau so geschehen? Die Grundfakten sicher und ebenso sicher sind manche Dialoge als Fiktion zu betrachten, einiges als Phantasie, so, wie der bei Buschs Beerdigung in den Bäumen sitzende Wolf Biermann („Er >Busch ist gemeint, Anm. TK< entgeht meiner Liebe nicht!“), der übrigens gleich zweimal auftaucht, zuvor nämlich in Buschs Abschiedsvorstellung des Galileo Galilei 1961, wo er schräg hinter Erich Honecker, Markus Wolf und anderen mit Eva Hagen im Publikum platziert ward.

Worum dreht es sich eigentlich im neuen Buch über Ernst Busch? Wie wir ja wissen, ist das Einfache oft schwierig zu machen, weil das aber selbst mit dem Kommunismus nicht so leicht war, braucht auch ein Comic Tricks. Für was? Na, um das Leben von Busch zu erzählen. Und das geht so: Der Maler Ronald Paris soll um das Jahr 1970 Busch portraitieren. In einer Ausstellung erblickt das Bild dann das Licht der Welt, besser: das grelle Licht der schrillen Welt erblickt ES und ruft sogleich alle auf den Plan: eine protestierende Teil-Öffentlichkeit, die schockierte Partei und nicht zuletzt Busch selbst. Tatsächlich ist das Bild missraten, von der Form und Inhalt gleichermaßen. Es will den Held vom Sockel holen, tötet ihn aber dabei, meint: es zeigt einen extrem angeschlagenen, in seinem Feierabendstuhl mehr hängenden als sitzenden, schwer gebrechlichen alten Mann, der selbst mit seinen Händen nicht so recht weiß wohin und dessen entgleisende Gesichtszüge die eines Trinkers aufweisen. Vom Auge, aus einer tiefen Verschüttung wirr blickend, ganz zu schweigen. Dabei wusste doch jeder um das schwere Schicksal des Sängers, der sich seine taube Gesichtshälfte als Häftling der Nazis durch alliiertes Bombardement - quasi unter friendly Fire - einfing. Der Staat kauft das Bild wohl auf – es bleibt bis heute verschwunden. War da verkehrt oder „stalinistisch“? Wer darüber richten will, schmeiße die erste Bombe. Jedenfalls; um diese Grundgeschichte herum wird Buschs Leben erzählt, immer schwarz-weiß, während diese misslungene Portrait-Angelegenheit in farbigen Bildern erstellt ist. Das ist keine böse Absicht, sondern nur ein Kniff. Die einzelnen Lebensepisoden werden dann chronologisch von Freunde und Weggefährten Buschs erzählt so zum Beispiel von Eva Busch, Hanns Eisler, Gustav Gründgens, Pete Seeger, Ulrike Meinhof u.a..

Buschs Haltung wird sichtbar als die eines kluges, kämpferischen Arbeiters, der nicht über Identität reden musste, sondern verkörperte: lapidarer Umgangston, forsch, direkt, schroff, ohne Sentiments, weil nun einmal ganz norddeutsch (und westfälisch) gesagt werden muss, was gesagt werden muss. Und diese Haltung ruft beim Lesen manchmal lautes Lachen hervor, wenn man den Busch dabei in allerlei Situationen bebildert sieht – und ihm in seiner Haltung im Geiste beipflichtet. Diese Hände-In-Den-Taschen-Mentalität, dieses „Ach-Leckt-Mich-Doch-ALLE-Kreuzweise“. ´türlich kann das auch ätzend sein, anstrengend, wer will schon einen ewigen humorlosen Grantler um sich? Oder einen extrem verbissen arbeitenden Kollegen? War er das wirklich? Hat sein Verhalten zur Folge, dass man sich gut mit ihm stellen will, um nichts abzubekommen? Bleibt man ihm irgendwann fern, weil es nicht zu ertragen ist? Er selbst jedenfalls machte keinen Unterschied zwischen den Adressaten, „konnte selber nicht freundlich sein“, aber wem sag ich es? Selbst wenn er eine Prise Kinski täglich zu sich genommen hätte: Er muss aber doch wohl auch empathisch gewesen sein, wie sonst hätte Gründgens ihn, er aber auch Gründgens retten, resp. helfen können/wollen?

Das Buch trägt den Titel „Der letzte Prolet“. Ob es passt? Schließlich war Busch vor allem Künstler und…ja, auch sechs Jahre „Prolet“, vor allem hinsichtlich des familiären Backgrounds (Vater war Maurer). Fragen einer lesenden Arbeiterin: Ist der Begriff “Prolet” eher eine psychologisch, soziologische oder eine ökonomische Kategorie? Müssen wir den “Prolet” nicht vom “Lumpenproletarier”, resp. ungelernten Arbeiter bzw. Arbeiterin trennen? Der “klassenbewusste Prolet” zeichnete sich früher auch durch den Erwerb von Bildung über das erworbene Schulwissen aus. Wo und wie ist das heute möglich? Auch ich bin oft sehr direkt, gehe selten einem Streit aus dem Weg, kann ziemlich “böse” werden, “pöbele” auch gelegentlich zurück und habe vor allem einen Maurer als Vater! Darf ich mich wohl allerletzte Proletin nennen und gibt es nicht immer noch andere, neue? Fragen über Fragen. Die sie stellen, verdienen Antwort. Jochen Voit, der Autor, meinte dazu: „Dass die Antwort auf Deine Frage zum Titel nur eine ganzheitliche sein kann, die das Schillernde und Schimpfliche, das Soziologische und Ideologische mitdenkt, wird sich Dir beim Betrachten und Lesen hoffentlich erschließen…“ Na klar. War ja auch nur rhetorisch….

Jochen Voit, bekannt schon u.a. durch seine Busch-Biographie „Er rührte an den Schlaf der Welt“, legt hier ein stimmiges Portrait vor, kongenial illustriert durch Sophia Hirsch. Im Avant-Verlag auf großdimensionierten 250 Seiten erschienen, kostet es angemessene 26 Euro – und ist diese auch wert! Das Buch liest sich flott, aber es kann auf Grund der zwangsläufig etwas springenden Handlung bestimmt nicht schaden, wenn man sich in der Historie und mit Buschs Leben auskennt.

Zuletzt: Kurioserweise wurde das Buch von der „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ gefördert. Das macht nix und tut nicht weh. Niemandem. Auch weil: Mythen darin erzählt, belebt, eingerissen und wieder errichtet werden. Gut so, schließlich brauchen „wir“ doch alle unsere Bezüge, unsere Dreiviertelwahrheiten, Anekdoten und objektiv-subjektive Fakten. Und wie freue ich mich schon auf die gewiss kommende Zeit, da eine „Rätestiftung zur Aufarbeitung der Corona-Diktatur“ 30 Jahre und mehr Geschichten erzählen darf.*

Veröffentlicht im Mitteilungsblatt der Ernst Busch-Gesellschaft  1/2022

*Der letzte Satz wurde nicht gedruckt.

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