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3. Oktober 2014

Bully und Busch

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 15:07

Bully und Busch – Warum ich über eine neue alte Platte besonders froh bin

Im deutschen Schlagerbereich gibt es viele Kuriositäten und Anekdoten, eine wenig bekannte will ich kurz schildern. Zwar ist es offensichtlich, dass Schlagersänger der Spezies Rockmusiker oder „Gangster-Heroen mit Mikro“ intellektuell weit überlegen sind und es gab eine Zeit, da Schlager und Kabarett fast dasselbe war, doch die Symbiose zwischen Politik und Schlager wie in diesem Fall, ist einzigartig.

Selbst in Aufsätzen, die den Schlagersänger Bully Buhlan als „singende Luftbrücke“ apostrophieren, ist nicht die Rede davon, auf welchem Label seine ersten Aufnahmen, ja selbst das kultige Lied vom Kötschenbroda-Express (deutsche Version von Chattanooga Choo Choo) veröffentlicht wurde, nämlich: beim kommunistischen Sänger und Schauspieler Ernst Busch. Der gründete noch in der Emigration bereits während des (Ersten) Spanischen Bürgerkrieges die Marke „Lied der Zeit“, die dann ab 1946 als „Eterna“ und AMIGA“ in der Ostzone und der DDR produziert ward, ehe Busch von der Ulbricht-Administration enteignet und der Verlag in VEB Deutsche Schallplatte umbenannt wurde.

Ernst Busch setzte in seinem Verlag zunächst durch, dass mit den Unterhaltungsplatten auch ein Teil seiner politischen Lieder mitabgenommen werden mussten, weil die ostdeutsche Bevölkerung, wie später noch deutlicher zu sehen war, nur auf allerbelangloseste Lieder ansprach und bei Brecht oder Busch die Lauscher abschaltete. Bully Buhlans Lieder hatten jedoch sogar partiell eine vorzeigbare Qualität, mit der er dann auch zu einem der bekanntesten Nachkriegssänger in ganz Deutschland aufstieg.

Der Fakt aber, dass der kommunistische Busch, der grandiose Sänger und Schauspieler, nach dem auch heute noch völlig zurecht die bekannteste deutsche Schauspielschule (wonach sonst, nach Witta Pohl oder Joachim Fuchsberger?) benannt ist, einen Großteil der SBZ und DDR-Unterhaltungsmusik verlegte, ist fast vergessen. Jedenfalls habe ich mich riesig gefreut nun eine der klassischen Schellackplatten zu erhalten, auf der ein Song von Bully Buhlan zu hören ist, der „Kaloriensong“. Auf der Rückseite, man muss ich das einmal vorstellen, erschien in der Sowjetisch Besetzten Zone 1948 „Alexanders Ragtime Band“!!!!!!!!

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3 Kommentare »

  1. Maria und Joseph waren keine Flüchtlinge. Die philosophischen Stärken und Schwächen der Arbeiterbewegung zeigten sich oft in ihren Liedern. Dabei versuchten sie umzudeuten, um anzueignen. Ein schönes Beispiel, darboten von der schönsten und intelligentesten Stimme des Erdballs Ernst Buschs, sehen wir im “Alt-Neuen Weihnachtslied”, welches im Gegensatz zum dumpfen Gerede der Scheinguten mit keiner Nuance behauptet, Maria und Joseph seien Flüchtlinge gewesen, sondern lediglich Leute, die “kein Geld für ein weißes Bett und ein Zimmer” hatten. In diesem Sinne: Dank an Louis Fürnberg für die Klarstellung!

    Ein Kindlein kam im Stall zur Welt,
    der Vater Joseph hatte kein Geld
    für ein weißes Bett und ein Zimmer.
    Im Stroh, da lag die Mutter Marie
    und wie sie auch vor Schmerzen schrie,
    es hörte nur das stumpfe Vieh
    ihr Klagen und ihr Gewimmer.

    Der Joseph schaute zum Stalltor hinaus,
    doch ach, die drei Könige blieben aus
    mit Gold und Weihrauch und Myrrhe.
    Maria hielt ihr Kind im Arm,
    ihr Leib mußt sein der Ofen warm.
    Und statt der Milch, daß Gott erbarm,
    war nur der Rost im Geschirre.

    Ach Joseph, lieber Joseph mein,
    wie leid ist mir ums Kindelein.
    Ach Joseph, was soll werden.
    Fragst du nach Arbeit, sie lassen dich steh’n,
    ach Joseph, wir müssen betteln gehn.
    Ach Joseph, ist denn kein Ende zu sehn
    von diesem Jammer auf Erden.

    Und wie sie saßen im kalten Stall
    und klagten, hörten sie auf einmal
    im Hof ein fröhlich Singen.
    Die Tür ging auf, im Laternenschein
    traten viel junge Hirten herein,
    den Eltern und dem Kindelein
    ein frohe Botschaft zu bringen.

    Wir kommen aus einem schönen Land,
    da haben die Menschen die Not verbannt,
    als sie sich selber erlösten.
    Dort wachsen die Kinder auf im Licht
    und Hunger und Elend gibt es dort nicht,
    weil’s keinem an Dach und Brot gebricht,
    die Kleinsten wurden die Größten.

    Ach, führt uns dorthin, sprach Joseph darauf,
    da ging ein Stern am Himmel auf
    in einem roten Lichte.
    Das ist der Stern von Kraft und Mut,
    der Herzen stählt und Wunder tut.
    Und kennt ihr ihn, dann lest ihr gut
    die biblische Geschichte.

    Text: Louis Fürnberg https://www.youtube.com/watch?v=j3dr1lYDQAI

    Kommentar von Campo-News — 25. Dezember 2015 @ 14:03

  2. https://www.youtube.com/watch?v=18np74jBbY0

    Kommentar von Campo-News — 21. Dezember 2016 @ 15:00

  3. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-70833872.html
    2 Kommentare
    Kommentare
    Wolfgang Schaad
    Wolfgang Schaad A pro pos Werner Finck: “Auch die Bretter, die mancher vor dem Kopf trägt, können die Welt bedeuten”……….
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    Tanja Krienen
    Tanja Krienen Wer lachen kann, dort wo er hätte heulen können, bekommt wieder Lust am Leben.
    Werner Finck (1902-78), dt. Kabarettist u. Schriftsteller
    Gefällt mir · Antworten · 1 · 7 Min
    Tanja Krienen
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    Florian Himmler
    Florian Himmler Ach, der Erich Mühsam. Hat sich 1919 in Bayern an einem kommunistischen Putsch beteiligt, um eine totalitäre Sowjetrepublik zu erschaffen. Die demokratische SPD hat er zutiefst verachtet, denn der Mühsam war der Meinung, die Gesellschaft müsse radikal umgebaut werden, mit Revolution ganz oder gar nicht, und OHNE Rücksicht auf menschliche Verluste oder irgendwelche Bedenken. 1934 wurde er im KZ von einer bösartigen Bande ermordet, die ganz ähnlich dachte!
    Gefällt mir · Antworten · 9 Min
    Tanja Krienen
    Tanja Krienen Ja, natürlich war er ein Linker und wie die Linke so ist: sie besitzt ein interessantes Instrumentarium, handelt immer taktisch, heraus kommt oft nichts Gutes. Aber die Lieder! DIESE LIEDER! “Wir lernten in die Schlacht zu gehn” - https://www.youtube.com

    http://erinnerungsort.de/sitemap/ernst-busch-in-der-presse/

    Als im Osten „Busch-Musik“ erklang

    Im deutschen Schlagerbereich gibt es viele Kuriositäten und Anekdoten, eine wenig bekannte will ich kurz schildern. Zwar ist es offensichtlich, dass Schlagersänger der Spezies Rockmusiker oder „Gangsta-Heroen mit Mikro“ intellektuell weit überlegen sind und es gab sogar eine Zeit, da Schlager und Kabarett beinahe identisch waren, doch die Symbiose zwischen Politik und Schlager, wie in diesem Fall, ist einzigartig.

    2014 war es, als ich mich über einen Neuzugang in meiner Schallplattensammlung besonders freute. War der Gipfel bis dahin „Busch auf Kreisler“, will sagen, ein Fragment von Ernst Busch (aus „Der Heilige Krieg) auf einer Georg Kreisler-Platte (dem Musical „Lola Blau“), so hier nun: „Bully und Busch“! – eine 78er Schellackplatte mit Bully Buhlan, herausgegeben von Ernst Busch auf dem AMIGA-Label.

    Im deutschen Schlagerbereich gibt es viele Kuriositäten und Anekdoten, eine wenig bekannte will ich kurz schildern. Zwar ist es offensichtlich, dass Schlagersänger jener Spezies Rockmusiker oder auch den Gangstas mit Mikro, intellektuell weit überlegen sind und es gab sogar eine Zeit, da Schlager und Kabarett fast dasselbe war, doch die Symbiose zwischen Politik und Schlager wie in diesem Fall, ist einzigartig.

    Selbst in Aufsätzen, die den Schlagersänger Bully Buhlan als „singende Luftbrücke“ apostrophieren, ist nicht die Rede davon, auf welchem Label seine ersten Aufnahmen, ja selbst das kultige Lied vom Kötschenbroda-Express (deutsche Version von Chattanooga Choo Choo) veröffentlicht wurde, nämlich: beim kommunistischen Sänger und Schauspieler Ernst Busch. Der gründete bereits schon in der Emigration während des Spanischen Bürgerkrieges die Marke „Lied der Zeit“, die dann ab 1946 als „Eterna“ und AMIGA“ in der „Ostzone“ und dann in der DDR produziert ward, ehe Buschs Plattenvertrieb unter nicht gänzlich geklärten Umständen, in die VEB Deutsche Schallplatte überführt/umbenannt wurde.

    Ernst Busch setzte in seinem Verlag zunächst durch, dass mit den Unterhaltungsplatten auch ein Teil seiner politischen Lieder mitabgenommen werden mussten, weil die ostdeutsche Bevölkerung, wie später noch deutlicher wurde, nur auf allerbelangloseste Lieder ansprach und bei Brecht oder Busch abschaltete. Bully Buhlans Lieder hatten jedoch von Beginn an eine partiell eine vorzeigbare Qualität, mit der er dann auch zu einem der bekanntesten Nachkriegssänger in ganz Deutschland aufstieg. Jochen Voit schildert in seiner 2010 erschienenen Ernst Busch-Biographie „Er rührte an den Schlaf der Welt“, die Tragik, die jedoch mit der Verrammschung mancher Schellack-Produktion zu dieser Zeit verbunden war.

    Der Fakt aber, dass der kommunistische Busch, der grandiose Sänger und Schauspieler, nach dem auch heute noch völlig zurecht die bekannteste deutsche Schauspielschule (wonach sonst, nach Katja Riemann oder Til Schweiger?) benannt ist, einen Großteil der SBZ und DDR-Unterhaltungsmusik verlegte, ist fast vergessen.

    Jedenfalls war meine Begeisterung so groß wie lange nicht mehr, eine klassische Schellackplatte zu erhalten, auf der ein Song von Bully Buhlan, produziert von Ernst Busch, zu hören ist, nämlich der „Kaloriensong“. So klug managte der Busch seine Firma, so pragmatisch war seine Kulturpolitik. Es war kein Zufall. Brachten ihm die „amerikanischen Anklänge“ später sogar im Formalismusstreit Probleme ein, so sollte das Faible für jazzige Elemente – bis hin zum Umgang mit der Eislerschen Kakophonie – nicht verwundern. Bereits Theo Mackeben hatte in der Urfassung der „Dreigroschenoper“ heftig gejazzt. Adornos Bonmot „ewig stampft die Jazzmaschine“, hätte Busch mit seiner Art weggelächelt (und vielleicht mit „Das sagt er, weil er so schnell aus der Puste kommt“ kommentiert). Der Kreis aber schloss sich nun: Auf der Rückseite der Bully Buhlan-Platte, man muss ich das einmal vorstellen, erschien in der Sowjetisch Besetzten Zone 1948 Kurt Henkels „Alexanders Ragtime Band“!!! So schrieb der freie Geist Busch (seine) Kultur-Geschichte. Wer sonst, hätte das alles wagen können?

    https://www.youtube.com/watch?v=QabqJKAseDQ

    „Er war wohl zu groß“

    Die Präsentation von Informationsständen mit angeschlossenem Verkauf von Büchern und Tonträgern, bringen reichlich Organisationsprobleme und Arbeit, aber auch Spaß und Erfahrung. Wenn sie auch noch erfolgreich verlaufen, so ist es umso besser. Der Stand der Ernst Busch-Gesellschaft auf dem diesjährigen, dem 20. UZ-Pressefest in Dortmund, fand den (erwarteten) guten Zuspruch und endete mit dem Beinahe-Abverkauf sämtlicher mitgebrachter Posten.

    Neben Vertretern vieler internationaler Parteien, kulinarischen Angeboten und Infoständen zu verschiedenen sozialen und politischen Themen, glänzte das Pressefest mit kulturellen Höhepunkten. Die Liste interessanter Personen war lang: Harmut König (Oktoberklub), Esther Bejarano, Konstantin Wecker, Diether Dehm, Egon Krenz, Rolf Becker, Klaus der Geiger, Kai Degenhardt, Nümmes-Straßenrock, der Botschafter Kubas Diaz und viele andere, unterhielten und/oder regten die 40 000 bis 50 000 Besucher an. Ob alles was zu sehen oder hören war, wirklich „Gegenkultur“ war, muss bezweifelt werden, denn manche Bands standen nicht für eine Kultur der Wahrhaftigkeit, der klaren Gedanken und der edlen Motive. Schön, dass dieses Mal keine Rap, resp. Hip Hop-Bands eingeladen waren und niemand derjenigen, die an unserem Stand über Kultur, Ernst Busch und alte Traditionen diskutierte, vermisste dies. Im Gegenteil. Auch das Niveau von Protestbands a la „Feine Sahne Fischfilet“ wurde von keinem für gut befunden. Böse Traditionalisten!

    Wir hatten im Wortsinn einen guten Stand bei vielen Pressefest-Besuchern und konnten fast alle unserer Mitbringsel während der drei Festtage verkaufen. Die Nachfrage nach manchen Erzeugnissen, z.B. den „Spanien-Liedern“, übertraf bei weitem den Bestand. Auch ein neues Mitglied konnte geworben werden, hinzu kamen viele weitere Menschen, die sich interessiert über die Arbeit der Ernst Busch-Gesellschaft erkundigten und unsere Informationen lasen oder mit nach Hause nahmen.

    Auch Bitten wurden geäußert. Man möge doch die Mitteilungsblätter größer drucken, zumindest die Buchstaben. Oder ob es nicht möglich wäre, einen Sondertarif für „Hartz 4“ -Bezieher einzurichten?! Und warum denn immer alles in Berlin stattfinden würde? Tja…dieses Mal jedenfalls nicht.

    Die jungen Leute hätten Probleme mit Ernst Busch, sagte jemand. Damit muss man nicht leben, entgegnete ich. Junge Menschen wollen durch Erklärungen und Emotionen gleichermaßen an eine andere, nicht am Mainstream orientierte Kultur herangeführt werden. Auch in solch finsteren Zeiten, in denen die eigene Sprache zum exotischen Raum wird. Nachdem wir über seine „Motörhead“-Aufschrift auf der Jacke ins Gespräch kamen („Bullshit“ sei die Meinung der Alten über die Musik der Jungen), kaufte dann doch ein 24jährigen FDJler zwei Ernst Busch CDs! Ein Mann aber zeigte sich besonders erfreut über die Tatsache, dass man „alles geschliffen hat, nur nicht den Namen der Schauspielschule“. Das zeigt, warf ich ein, dass man sich nicht traute: „Er war wohl zu groß.“ Wir freuten uns gemeinsam und sehr diebisch.

    Tanja Krienen

    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25255

    „Persönlich hat er manchmal anarchistische Tendenzen.“ *
    Warum wir Ernst Busch nicht vergessen dürfen
    Von Tanja Krienen

    Die Präsentation von Informationsständen mit angeschlossenem Verkauf von Büchern und Tonträgern, bringen reichlich Organisationsprobleme und Arbeit, aber auch Spaß und Erfahrung. Wenn sie auch noch erfolgreich verlaufen, so ist es umso besser. Der Stand der Ernst Busch-Gesellschaft auf dem diesjährigen, dem 20. UZ-Pressefest in Dortmund, fand den (erwarteten) guten Zuspruch und endete mit dem Beinahe-Abverkauf sämtlicher mitgebrachter Posten.

    Doch: wer war eigentlich dieser Ernst Busch? Als der 1900 in Kiel geborene Sänger und Schauspieler Ernst Busch im Juni 1980 in Berlin (DDR) starb, war sein Name weitgehend im öffentlichen Leben „seines Landes“ nicht mehr präsent, wurde sein Werk nur von relativ wenigen Interessierten gewürdigt und in Ehren gehalten. „Staatskünstler“ war er ohnehin nie und das Volk tendierte sowieso zur leichten Muse, die sich abkoppelt von ihren Lebensverhältnissen, über die Grenzen hinweg als „Ablenkung vom Alltag“ etablierte. So ist es - mit ein paar kleineren Varianten – bis heute geblieben. Das sollte nachdenklich stimmen und den Namen Ernst Busch wieder häufiger erinnern.

    Nicht, dass man ihn nicht in der DDR kannte. Seine Lieder jedoch wurden früh historisiert, waren mit den fernen und beendeten Kämpfen in Spanien oder gegen die Rechtstendenzen in der Weimar Republik verbunden, maximal noch mit der sich formierenden DDR, doch ihr Originäres und das zeitlos Exemplarische, wurden von je her unterschätzt oder aus kalkulierten politischen Gründen ignoriert. Das galt selbst für die eigenen Genossen. Mal wurde ihm „Proletkult“ vorgeworfen, mal „Formalismus“ – dabei war er nur immer eines: ein Künstler, der sich an den Stoffen seiner Zeit orientierte und dies hart, klar, plakativ, aber auch auf seine Weise emotional umsetzte. Wenn Lieder wenig mit ihm zu tun hatten, so merkte man es seinen Interpretationen auch an (Lieder der Bauernkriege, Weberaufstände), besonders authentisch war er, wenn sich sein eigener Erlebnis-Horizont in Liedern spiegelte. Davon gab es überreichlich.

    Warum also Busch? Weil seine Systematik, seine Herangehensweise, seine künstlerische Umsetzung so klug und so adäquat ist, dass ihre handwerkliche Einzigartigkeit vermittelt und ihr Charakter aufs Neue reflektiert und mit Leben gefüllt werden sollten. Er ist der Maßstab! Er wirkt stilkreierend! Man muss ihm nicht in jedem Detail der politischen Agenda folgen, man darf ihn vielleicht sogar in seltenen Fälle des „Tauberns“ lächelnd beckmessern, man muss auch nicht die wenigen, allzu pathetischen, hymnenartigen Ausreißer vorbildlich herausstellen und man sollte ihm freundlichst das „Plut“ verzeihen, so, wie man auch jedem Dramatiker den zu stark akzentuierten Einfall nachsieht, wenn er doch ein insgesamt stimmiges Werk vorlegte.

    Zu diesem Werk gehört in nicht geringem Umfang die Vertonungen literarischer Klassiker: Brecht; Tucholsky, Kästner, Mühsam, Wedekind, Becher, Fürnberg, aber auch Mehring, Klabund oder Robert Gilbert alias David Weber. Sie sind zeitlos gut, vorbildlich interpretiert, ohne falsche Romantik und Sentiments. Die Verschlimmbesserungen durch moderne Attitüden mancher „Chansonsänger“, zeigen das ganze Dilemma heutiger, effekthaschender Auffassungen. Busch liebte die einfache Struktur, nicht die Pirouette. In den seltenen Fällen, da er selbst die Musik zu bestehenden Texten schrieb, kratzt er an echtem Volksliedhaften im besten Sinne. Mehr noch, er erschloss sogar alte Verse zum neuen Gebrauch, in dem er die sperrigen musikalischen Kunstlied-Vorlagen verwarf und sie in eine gängige Melodie kleidete. Hannes Wader sagte einmal sinngemäß, er habe „Die Ballade von der Hanna Cash“ erst für sich adaptieren können, als er auf die Busch-Komposition des Liedes stieß. Ähnlich gelagert ist der Fall bei der „Legende von der Dirne Evelyn Roe“. Erst Busch machte daraus ein auch singbares Lied mit regionalen Anklängen.

    Die aktuelle Kultur der deutschsprachigen Linken bietet weitgehend einen traurigen Anblick. Wer sich nicht dem Sound der neuen Staatskünstlern Marke „Tote Hosen“ oder hofierten Gangsta-Rap-Adepten hingeben will, muss sich mit Allerweltsplattitüden, Betroffenheits – und Sozialkitschlyrik, direkt aus dem Liz Mohn - Kosmos für die Regenbogen Presse gestählten Hausfrau begnügen. Die Umsetzung aktueller Stoffe in angemessene Formate fehlt fast völlig. Es bleibt auf dem Gebiet der Musik meist beim fragwürdigen Gewummere oder des im Mainstream schwimmenden, gut kanalisierte Scheinprotestest mit gefühligem Massenpop. Metaphorisches und allegorisches Einerlei. Soll man die Jugend dort abholen? Wenn sie sich lässt, gern! In dem man ihren Stil kopiert? Wieso sollte man das?

    Aber es geht: Die jungen Leute hätten Probleme mit Ernst Busch, sagte jemand zu mir am Stand des Pressefestes. Damit muss man nicht leben, entgegnete ich. Junge Menschen wollen durch Erklärungen und Emotionen gleichermaßen an eine andere, nicht am Mainstream orientierte Kultur herangeführt werden. Auch in solch finsteren Zeiten, in denen die eigene Sprache zum exotischen Raum wird. Nachdem wir über seine „Motörhead“-Aufschrift auf der Jacke ins Gespräch kamen („Bullshit“ sei die Meinung der Alten über die Musik der Jungen), kaufte dann doch ein 24jähriger zwei Ernst Busch CDs!

    Ein anderer Mann zeigte sich besonders erfreut über die Tatsache, dass man „alles geschliffen hat, nur nicht den Namen der Schauspielschule“. Das zeigt, warf ich ein, dass man sich nicht traute: „Er war wohl zu groß.“ Wir freuten uns gemeinsam und sehr diebisch. Dass man die größte deutsche Schauspielschule weiterhin nach Ernst Busch benennt (ja bitte: nach wem auch sonst?), ist löblich, aber folgenlos, wenn man sich nicht für seinen Spin, resp. sein Handwerk, das an Brechts Vorgaben orientiert ist, interessiert. Schon richtig, viele Brechtepigonen haben das Theater oder den Film nicht besser gemacht, weil Wollen und Können zweierlei sind und Kopfgeburten ohne Körper unzulänglich bleiben müssen. Heute aber gibt es diese Vorgaben, dieses Ziel überhaupt nicht mehr. Man kann zudem keinen echten Menschen aus dem Volk darstellen, wenn sein Wesen unbekannt ist, sondern nur als Muttis Liebling und von ihren Gnaden, sein Dasein als ein kopistischer Zwischenwirt fristen. Doch nur mit dem Wissen um dieses Handwerk und mit wahrhaftiger Umsetzung, kommen wir ein paar Schritte weiter, lernen vielleicht neu zu laufen, zu stürmen und zu siegen.

    * Walter Ulbricht in einem Brief an die Komintern-Kaderabteilung, am 20. 4. 1940 in Moskau, in Verwechslung der Begriffe „politische Einstellung“ und „Schroffe Handlungsweisen gegen schwach begründete Direktiven und Einmischungen in seine Arbeit“.

    Kommentar von Campo-News — 21. April 2017 @ 15:24

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