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31. März 2011

Adel schützt vor Torheit nicht

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 19:49

DER SPIEGEL besitzt neben dem oft wenig vorzeigbaren Tagesgeschäft einen journalistischen Restanspruch, der sich vor allem in seinen Sparten bemerkbar macht. Zwar führt auch hier der Trend nicht zur höchsten Erkenntnis, aber immerhin zeigt sich der Inhalt insoweit positiv, dass er durch einen „routinierten“ Fachbereichs-Journalismus im Jahre 2011 zumindest sowohl den einen, als auch den anderen Gewinn abwerfen kann. Man muss ihn nur richtig lesen. In der aktuellen, zweiten Ausgabe „GESCHICHTE“ (7,50 €), präsentiert das Team aus der Brandstwiete „Die Hohenzollern – eine Dynastie, die Deutschland prägte“ und darin ein Gespräch mit Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen. Dass der Mann 72 Jahre alt ist, soll seine einzige Entschuldigung angesichts der Tatsache gelten, wie hier aus einer Hofberichterstattung ein desaströses Interview wurde, welches wie keines zuvor zeigte, warum Eliten per Geburt nicht per se besser sind als die gewählten - und das schon im Titel brüllt „Ich bin ein Republikaner“.

Wer angesichts des Titels hoffte, der Urenkel des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., würde sich als bewusster und kämpferischer Vertreter eines bürgerlichen Bewusstseins in guter deutscher Tradition zeigen, wird enttäuschend feststellen, dass die ausgestreckte Hand seiner Gattin an das Ohr ihrer deutschen Dogge, der einzige nennenswerte Bezug zur heimischen Zucht darstellt. Der SPIEGEL legt aber schnell vor: „Es wird nicht viele Bürger geben, in deren Wohnzimmer ein Foto steht, das sie als Baby auf dem Arm des letzten Kaisers zeigt.“ Das war eigentlich keine Frage, aber der Angesprochene antwortet seines Standes würdig ebenso missverständlich wie ausweichend: „Meinen Urgroßvater Wilhelm II. habe ich nur als Baby erlebt,“ und lässt offen, ob er ihm auch noch die Flasche gab und ihn wickelte.

Als es den Prinz von Preußen nach dem 2. Weltkrieg von Ostpreußen nach Bremen verschlug, wunderte er sich über die Kommunisten, die seiner Familie nicht wohlgesonnen waren und weiß von nix: „Ich weiß auch nicht, warum sie protestierten.“ Aber der SPD-Bürgermeister Kaisen – der war nett. „Meinen Vater hat er immer im Kuhstall empfangen und ihn „Louis Ferdi“ genannt.“ Gegen soviel Herablassung ist alle Noblesse machtlos. Doch man trauerte den alten Zeiten ohnehin in der Familie nicht hinterher, denn: „Die waren froh, den Krieg überlebt zu haben.“ Na denn. Dass der Adel 1918 abgeschafft, aber die Adelbezeichnung Namensbestandteile wurden, findet der Prinz „für eine sogenannte Revolution schon ziemlich bemerkenswert.“ Es sei „die Weimarer Republik auch sonst sehr großzügig“ gewesen.

„Kaiser Wilhelm II. war ein Unglück“ – phantasierte Moscheebauten von Friedrich II prima!

Wenig großzügig geht der Prinz mit seinem großen Verwandten um. Auf die geschickte Frage und investigative Frage: „Welches Familiemitglied sehen Sie am kritischsten?“ Bekommt man die quasi bestellte Antwort: „Meinen Urgroßvater. Er war ein Unglück – für Deutschland und für unsere Familie.“ Nun ist es raus. Da mag man in einem anderen Bericht zur Emigrationsstätte Wilhelm II. nach „Haus Doorn“ im gleichnamigen Ort, in dem er 1941 auch starb und in einem Mausoleum seine – vielleicht nicht letzte Ruhestätte – fand, schreiben: „Für die große Mehrheit ihrer Landsleute (den Holländern, Anm. TK), habe sich die ursprünglich verbreitete Neigung, in Wilhelm den Hauptschuldigen an der Katastrophe von „14/18“ zu sehen, längst erledigt.“ Nur der Nachfahre weiß das noch nicht, denn: „Wilhelm II. hat 1914 versagt.“

Doch einen anderen lobt Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen in höchsten Tönen, wobei vor allem das Wie und Warum aufhorchen lassen. Die Steilvorlage: „Welche Mitglieder ihrer Familie bewundern Sie“ verwandelt der Historiker (!) treffsicherer als das Staatsoberhaupt der Deutschen im Jahre 2011, aber ebenso bar jeden logischen Denkens ins eigene Netzwerk: „Den großen Kurfürst, Friedrich Wilhelm…Er holte Migranten ins Land, die Hugenotten aus Frankreich und Holländer (!, Anm. TK) aus der Heimat seiner Frau Louise Henriette von Oranien. Friedrich II führte diese Politik weiter und sagte, wenn Türken kämen und wollten das Land peuplieren, würde er ihnen Moscheen bauen. Friedrich der Große ist mein Lieblingsverwandter.“ Einen befreiender Stoßseufzer lässt da einer heraus, der froh ist, sich der großen Bewegung anschließen zu können. Den Zusatz von Friedrich II,. lässt er geflissentlich weg, hieß der doch relativierend: „wan nuhr die Leute, so sie profesieren [(öffentlich) bekennen], erliche Leute seindt.“ Oha!

Daran anzuknüpfen, wird die neue GESCHICHTE-Ausgabe „Die arabische Welt“ angekündet. Die Einstimmung hebt so an: „Im 7. Jahrhundert führte der Prophet Mohammad die Araber auf die Weltbühne, sie wurden zur Großmacht mit reicher Kultur und glänzender Wissenschaft - “

Anmerkung: So Leser Lust auf einen Besuch bei Wilhelm II. im von der deutschen Grenze nicht weit entfernten Doorn haben, möchte man sich doch bitte einmal melden, denn die Autorin des obigen Beitrages plant einmal dorthin zu fahren und auch einen Video-Bericht zu drehen. Post bitte an mail@tanjakrienen.de

Lestipp: Wilhelm II., sein Leben 

Oje, noch so einer -  https://www.focus.de/kultur/buecher/leopold-altenburg-im-focus-online-interview-schauspieler-berliner-und-krankenhausclown-das-ist-der-ururenkel-von-kaiserin-sisi_id_10468073.html

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