Campo de Criptana




27. Januar 2010

Richard Huelsenbeck: Da da kommt Dada her: aus Frankenau!

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 12:17


Zu Besuch bei Hildegard Feidel-Mertz

Text und Fotos Tanja Krienen  Hier geht es zum erschienenen Artikel in der Waldeckischen Landeszeitung

 

Und hier geht es zum Film

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„Ich lebte in Amerika, am Central Park West, ich sprach mehr Englisch als Deutsch, ich behandelte meine Patienten vom Morgen bis zum Abend, die Neurotiker, nette, liebe Menschen, von denen ich meinen Unterhalt bezog. Ja, und doch, ich sagte plötzlich: Fahren Sie mich bitte nach Frankenau…Wer hätte gedacht, das Dada als letzte und beste Bestätigung des guten Willens einiger gebildeter Männer aus Frankenau bedurfte, um der Verewigung sicher zu sein.“

„Oft haben mich amerikanische Beamte gefragt: „Was ist Frankenau …?“ Ich habe mich daran gewöhnt, lächelnd die Achseln zu zucken. „Frankenau ist nichts.“ – „Ihre Erfindung, eh“, lächelt der Beamte. Er findet es smart, daß ich mir einen so gutklingenden Geburtsort zugelegt habe.“

 

Richard Huelsenbeck, 1959, der in den USA unter dem Namen Charles R. Hulbeck als Psychoanalytiker lebte (Adlersche Schulrichtung), zitiert nach dem Huelsenbeck-Artikel „Wiedersehen mit Frankenau“, in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 19.9. 1959.

Richard Huelsenbeck: Da da kommt Dada her: aus Frankenau!

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Selbst wenn man sich in der Kunstgeschichte und der in ihr spielenden Personen, Anekdoten, Querverbindungen und Orte ganz gut auskennt, bleiben Überraschungen ab und an nicht aus. So geschah es neulich, als ich durch einen puren Zufall erfuhr, dass einer der Erfinder des Dadaismus, nämlich Richard Huelsenbeck, in Nordhessen, genauer in Frankenau, geboren wurde. In den alten, klassischen Bänden zum Dadaismus, gab es stets nur recht spärliche biographischen Daten, in Huelsenbecks Fall begannen sie meist erst mit den Anfängen des Dadaismus. Aber Spuren von Richard Huelsenbeck in Waldeck-Frankenberg gibt es noch immer - und diese nur 1 ½ Wanderstunden von meiner Eigentumswohnung - Wohnung in Vöhl-Ederbringhausen entfernt. Doch ich ahnte die ganze Zeit nichts davon!

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„In diesem Hause wurde am 23.04.1892 der Schriftsteller, Künstler und Arzt Richard Hülsenbeck geboren. Er war einer der Gründer des Dadaismus, der Aufstandsbewegung von schöpferischen Menschen gegen Vermassung und Mechanisierung in unserer Zeit.“ Nachdem im Jahre 1958 Richard Huelsenbeck seinen Geburtsort zum ersten Mal besuchte, wurde diese Inschrift angebracht, wenngleich weniger durch die Unterstützung der Stadt, als durch das Engagement privater Personen. Vor allem der in Wien geborene Walter Exner (1911 bis 2003, gestorben in Bad Wildungen) ist hier zu nennen, der überdies ein Asien-Museum in Frankenau gründete und wie Huelsenbeck (der als Schiffsarzt viele Länder bereiste) in China weilte. Huelsenbeck sah das Haus damals nach etwa 65 Jahren wieder, wohl zum ersten Mal bewusst. Aus seiner Frankenauer Kinderzeit existiert wohl nur ein Foto, das ihn im Alter von fünf Monaten zeigt. Auf der nächsten Abbildung ist er bereits zwei Jahre alt und ähnelt den berühmten Hülsenbeckschen Kindern, die tatsächlich Vorfahren gewesen sein sollen. Seine Kinder - und Schulzeit verbrachte er übrigens in Bochum und Dortmund. Auf dem Dortmunder Südfriedhof, ganz in der Nähe des Stadions von Borussia Dortmund, liegt er heute begraben.

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1977 erwarb Frau Feidel-Mertz das Geburtshaus Huelsenbecks, in dem dessen Vater eine Apotheke betrieb. Frau Hildegard Feidel-Mertz empfängt den Interessenten freundlich und beredt. Derzeit ist sie auf den Gehwagen  angewiesen, die Beine wollen nicht mehr so. Doch im Kopf trägt sie Enzyklopädisches mit sich herum. Die zwei Stunden bei ihr vergehen wie im Flug. 1930 in Frankfurt am Main in einem Arbeiterhaushalt mit KPD-Hintergrund geboren, lehrte sie Jahrzehnte lang als Erziehungswissenschaftlerin (ihr zweiter Prüfer war kein Geringerer als Theodor W. Adorno), zuletzt mit einer Professur in Kassel. Ihr Vater war ein Freund und Genosse des nach dem Kriege zu den Herausgebern der „Frankfurter Rundschau“ gehörenden Arno Rudert. Als ihre Mutter, die aus Frankenau stammt, wieder in ihren alten Wohnort ziehen möchte, ist Feidel-Mertz geradezu elektrisiert, als sie hört, dass das Geburtshaus des „Welt-Künstlers“ Richard Huelsenbeck zum Verkauf steht. So rettete sie das vier Jahre leerstehende Gebäude nicht nur vor dem Abriss, sondern erfüllt auch den Wunsch Huelsenbecks, der sich an dieser Stelle ein Museum hatte vorstellen können.

 

Die viele Bücher über Pädagogik, Arbeiterbewegung und Exilanten produzierende Feidel-Mertz  schmunzelt, als Sie auf die Affinität ihres Namen zur „Merz-Kunst“ des Dada-Verwandten und Huelsenbeck Kontrahenten Kurt Schwitters (Du bist von hinten, wie von vorne: A-N-N-A) angesprochen wird. Ja, Sie sammle alles, was mit den Namen Merz oder Mertz zusammenhänge. Hauptsächlich aber dominieren bei ihr die ernsten Themen. Das Arbeitszimmer quillt über vor Büchern und Schriften der Pädagogen und Psychonalytiker, sowie der politischen Literatur. Sie mag auch den politischen Akteur Huelsenbeck lieber, als den Künstler, gesteht sie! Fast beiläufig erzählt sie, sie sei wohl auch das Kind der einzigen „Mischehe“ aus Frankenau. Einmal habe sie auch Israel besucht, 1966 sei das gewesen, doch damals haben sich schon jene Entwicklungen gezeigt, die sie heute „verabscheut“. Am meisten schätze sie von ihren Fachkollegen Micha Brumlik.

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Richard Huelsenbeck starb 1974, drei Tage vor seinem 82. Geburtstag, in der Schweiz, genauer: im Tessin. Dort hat Hildegard Feidel-Mertz seine Witwe besucht und mit ihr anregende Gespräche - nach ausgedehnten Wanderungen - geführt. Dies habe in einer sehr schönen Umgebung stattgefunden, berichtet Feidel-Mertz, und im Wohnzimmer habe ein echter George Grosz gehangen! Elisabeth Beate Löchelt war Malerin, als sie Richard Huelsenbeck 1924 heiratete. Begleitet wurde die Liaison von einem tragischen Vorfall. So war die spätere Frau Huelsenbeck mit dem jüdischen Journalisten Rudolf Wolff verheiratet, als der sich 1923 mit Morphium - das aus dem Besitz Huelsenbecks stammte und das dieser von seinem Vater erhalten hatte - 30jährig das Leben nahm.

 

Die drei Ausstellungsräume in der Alten Apotheke von Frankenau, hat Hildegard Feidel-Mertz so gestaltet, dass man meinen könnte, in einem dadaistischen Kunstraum zu sein. Soweit vorhanden, sind originale Einrichtungsgegenstände der Apotheke eingegliedert und als Exponatenpräsentation genutzt. Alte Bücher, längst vergriffene Exemplare, Dachbodenfunde und Reproduktionen von historischen Fotos, werden hier liebevoll und mit Detailkenntnis gezeigt. Vor allem aber gibt es auch weithin unbekannte Facetten zu entdecken, z.B. den Reiseschriftsteller Huelsenbeck. Wer sich jedoch in das Werk Huelsenbecks einliest, entdeckt immer, wie scharf seine Beobachtungen eine quer betrachtete Welt abbilden und wie sehr dies seiner Hochbegabung als Psychologe geschuldet ist. Spannend zu lesen, wie er, der doch die „bürgerliche Welt“ - die seinerzeit eine monarchistisch-militaristische war – inhaltlich zerpflücken wollte, aber dennoch die Deutschen, „deutsches Land und deutsche Gewohnheiten“ verteidigte. Auch über seinen Vater ist er des Lobes voll, da dieser ein typischer und gewissenhafter Deutscher“ gewesen sei, der mit „Fleiß, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und was sonst an Tugenden vorhanden ist“, ausgestattet war.

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Und wie begann das Leben Richard Huelsenbecks in Frankenau? Nun, die Mutter war extrem unglücklich und so zog die Familie rasch in das schöne Ruhrgebiet. Im FAZ –Aufsatz „Wiedersehen mit Frankenau“ aus dem Jahr 1959, liest sich das so: „Frankenau war, wie ich aus den Erzählungen hörte, ein armes, gottvergessenes Nest, so arm, so gottvergessen, dass meine Mutter, als sie meiner Geburt im Garten der Apotheke entgegensah, in Tiefsinn verfiel. Die Bauern sagten ihr nach, sie sei nicht richtig im Kopf, sie spinne. Meine Mutter war in der Tat krank, sie saß mit gefalteten Händen auf einer Bank hinter dem Haus (der Apotheke) und starrte auf die Giebel der Ställe, aus denen man hin und wieder den dumpfen Muhlaut des Viehs hörte, das sich hier allein wohlzufühlen schien und offenbar mit seinem Dasein die Szene beherrschte. >Wir flohen<, sagte mein Vater. >Deine Mutter war krank, vor und nach deiner Geburt, sie weinte den ganzen Tag und schrie in der Nacht. Wir holten den Arzt, aber er lebte, wie es schien, auch zu lange unter Ochsen, um noch Verständnis für emotionelle Störungen zu haben. Wir gingen nach Westfalen, ich zurück nach zur Universität. Ich wurde Chemiker und erhielt dann eine Stelle in Dortmund. So ist es gekommen, dass du zwar in Frankenau geboren wurdest, aber deine Jugend in Westfalens verlebtest.<“ Doch Huelsenbeck spricht auch über die landschaftliche Schönheit und schreibt „Frankenau ist auf dem Weg, eine bedeutende Stadt zu werden.“ Das war zwar etwas übertrieben, aber ein schöner, versöhnlicher Schluss.

 

Alles sehr gut nachzuvollziehen. Also: Auf nach Dortmund!

 

Gegen dies Manifest sein heißt Dadaist sein! (Richard Huelsenbeck)

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Nachfragen: mail@tanjakrienen.de (0160/91637954) Terminvereinbarungen zur Besichtigung 06455 8046.

 

Lesetipp: Hildegard Feidel-Mertz: Der junge Huelsenbeck, Anabas-Verlag 1992 (erschienen zum 100. Geburtstag)

 

Nachsatz: Richard Huelsenbeck, Vorgetragen im “Cabaret Voltaire”, im Frühjahr 1916

„Edle und respektierte Bürger Zürichs, Studenten, Handwerker, Arbeiter, Vagabunden, Ziellose aller Länder, vereinigt euch. Im Namen des Cabaret Voltaire und meines Freundes Hugo Ball, dem Gründer und Leiter dieses hochgelehrten Institutes, habe ich heute abend eine Erklärung abzugeben, die Sie erschüttern wird. Ich hoffe, daß Ihnen kein körperliches Unheil widerfahren wird, aber was wir Ihnen jetzt zu sagen haben, wird Sie wie eine Kugel treffen. Wir haben beschlossen, unsere mannigfaltigen Aktivitäten unter dem Namen Dada zusammenzufassen. Wir fanden Dada, wir sind Dada, und wir haben Dada. Dada wurde in einem Lexikon gefunden, es bedeutet nichts. Dies ist das bedeutende Nichts, and dem nichts etwas bedeutet. Wir wollen die Welt mit Nichts ändern, wir wollen die Dichtung und die Malerei mit Nichts ändern und wir wollen den Krieg mit Nichts zu Ende bringen. Wir stehen hier ohne Absicht, wir haben nicht mal die Absicht, Sie zu unterhalten oder zu amüsieren. Obwohl dies alles so ist, wie es ist, indem es nämlich nichts ist, brauchen wir dennoch nicht als Feinde zu enden. Im Augenblick, wo Sie unter Überwindung Ihrer bürgerlichen Widerstände mit uns Dada auf ihre Fahne schreiben, sind wir wieder einig und die besten Freunde. Nehmen Sie bitte Dada von uns als Geschenk an, denn wer es nicht annimmt, ist verloren. Dada ist die beste Medizin und verhilft zu einer glücklichen Ehe. Ihre Kindeskinder werden es Ihnen danken. Ich verabschiede mich nun mit einem Dadagruß und einer Dadaverbeugung. Es lebe Dada. Dada, Dada, Dada.“

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2 Kommentare »

  1. Frau Feidel-Mertz ist tot - http://de.wikipedia.org/wiki/Hildegard_Feidel-Mertz

    Kommentar von Campo-News — 2. Februar 2014 @ 13:33

  2. Was Dada NICHT ist - http://www.achgut.com/artikel/verstehen_sie_spass_-_kunst-terror_heute

    Kommentar von Campo-News — 11. Juli 2016 @ 15:11

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