Der Landesvorratsong
45 Jahre ist es nun her und was hat sich geändert? Viel, und doch wieder: nichts! Was hat sich schon wirklich seit der Antike geändert? Ach das? Nun gut. Lassen wir das.
Der Landesvorratsong von Dieter Süverkrüp aus dem Jahre 1964
Da steht man an der Maschine,
Da sitzt man zum Beispiel im Büro,
Man denkt an seine Sabine,
Man ist nur verhältnismäßig froh.
Da hat man Ärger zu Hause,
Da schlägt man zum Beispiel auf den Tisch,
Da wünscht man sich eine Pause,
Man fühlt sich wie ein gefangener Fisch.
Und man weiß nicht, daß das das große Glück ist,
Gegen das, was einem noch blüht,
Denn obwohl diese Welt noch weit zurück ist,
Ist sie unerhört manierlich,
Sozusagen sehr possierlich
Gegen das, was einem noch blüht.
Da denkt man an seine Kinder,
Da denkt man zum Beispiel an den Knall,
Da denkt man, es ist gesünder,
Man tut etwas für den schlimmsten Fall.
Da geht man in seinen Keller,
Da schafft man sich einen Vorrat an,
Mehl, Erbsen und Muskateller
Und was man noch sonst gebrauchen kann.
Und da ahnt man, daß das ein schwacher Trost ist,
Gegen das, was einem noch blüht.
Und man fürchtet, daß man schon längst verlost ist,
Und da sagt man sich ergeben:
Jetzt genieße ich das Leben!
Denn wer weiß, was einem noch blüht.
Dann steht man an der Maschine,
Dann sitzt man zum Beispiel im Büro,
Man denkt an seine Sabine,
Man ist nur verhältnismäßig froh,
Eben nur verhältnismäßig froh.
Dazu passt, von derselben LP “Fröhlich ißt du Wiener Schnitzel”, auch dieses Lied von Süverkrüp. Dieser Song erinnert mich auch stets an Nietzsches Gleichnis von der Ewigen Widerkehr. Untermalt ist das Lied mit einer Gitarrenmusik, deren Ryhthmus auch das ewige Ticken der immer weiter laufenden (Lebens)-Uhr beinhaltet.
Ballade von der Kirchturmuhr (1962)
Ich wohne unter einer Kirchturmuhr.
Ich wurde schon als Kind dort selbst geboren.
Und seit ich denke, schlägt die Uhr mir stur
Jedwede Viertelstunde um die Ohren.
Im Stadtteil, der nach toten Seelen riecht,
Da steht mein Bett, ich hör die Glocke schlagen.
Wie grauer Nebel in die Häuser kriecht,
Zieht in mein Herz ein feuchtes Unbehagen.
Ich kenne mich nicht aus in Dynamiten,
Auch weiß ich nicht die Aufgangstür zur Uhr.
Da müßte ich den Küster wieder bitten,
Der schon einmal so herb mit mir verfuhr.
Am dritten Sonntage nach Trinitatis
Vor vierzehn Jahrn, ich weiß es noch wie heut,
Da nahm ich mir die Freiheit Attentatis.
Ich hab es in der Folge oft bereut.
Zwei Kilo Dynamit (für zwölf Mark achtzig),
Zehn Meter Zündschnur, die nicht billig war.
Der Scherzartikeleinzelhändler macht sich
Noch heute guten Lenz – ich zahlte bar!
Zehn Jahre Zuchthaus, die ich schier verschmollte
Das Auge trüb, die müde Seele Blei,
Nur weil der Küster mir nicht glauben wollte,
Daß ich der Mann vom Straßenbauamt sei.
Zu Weihnachten, nach voll verbüßter Strafe,
Entließ man mich, ich wurde wieder frei.
Ich fand ein Herz, bei dem ich nächtens schlafe,
Und ich verdiente leidlich nebenbei.
Dann kam das Kind, wir wurden Eheleute.
Das mußte sein, denn Wohnungen sind rar.
Wir hatten Glück, und ich kann sagen: heute
Ist alles wieder wie es früher war.
Ich wohne unter einer Kirchturmuhr.
Zwei Häuser weiter hat man mich geboren.
Hier werd ich alt, es schlägt die Uhr mir stur
Jedwede Viertelstunde um die Ohren.
Im Stadtteil, der nach toten Seelen riecht,
Da bin ich krank; ich höre auf zu fragen.
Wie grauer Nebel in die Häuser kriecht,
Zieht in mein Herz ein feuchtes Unbehagen.
Kommentar von Campo-News — 8. November 2009 @ 14:23
Und Reinhard Mey wusste Mitte der 60er, ganz beim Fang seiner Carriére noch:
Von heiligen Kriegen
Man rief zum Djihad, zum heiligen Kriege,
Und zog von Medina und Mekka aus
Nach Palästina zur christlichen Wiege
Und auch bis nach Tunis und Spanien hinaus,
Mit Flammen und Schwert und ähnlichen Dingen,
Das Heil des Islam den Menschen zu bringen.
Man hat mit dem Halbmond das Kreuz verdrängt
Und wer das nicht wollte, der wurde gehängt.
Das ließ die Ritter des Kreuzes nicht rasten
Und um das Jahr Tausend, da war es soweit.
Da zog man mit Pferden, mit Waffen und Kasten
Zum Kreuzzug aus, zum heiligen Streit.
Mit Feuer und Schwert, so bringt man nun jenen
Erlösung von Türken und Sarazenen.*
Und wer nicht dem Siege des Kreuzes enteilt,
Der wird mit dem Schwert in zwei Teile geteilt.
Warum kämpft man immer nur gegen die Heiden
Und gegen die andere Religion?
Man kann doch genauso die Ketzer nicht leiden,
Drum führte man Krieg um die Konfession.
Mit Wallenstein, Tilly und römischem Kaiser
Verbrennt man den Protestanten die Häuser,
Und diese erschlugen nun Alt oder Jung,
Nach vorher verabreichtem Schwedentrunk.
Auch heute, da ruft man zu heiligen Kriegen,
Und ist mit Worten und Taten dabei.
Und Allah und Himmel helfen beim Siegen,
Doch sagt mir, wo ein Krieg heilig sei.
* Heute den Anhängern Sarrazins
Kommentar von TK — 11. November 2009 @ 18:12