Zunächst eine Buchvorstellung, zuletzt ein kurzer Musik-Tipp
„Nach und nach habe ich mich daran gewöhnt, den öffentlichen Raum als feindliches, mit absurden und demütigenden Verboten übersätes Territorium zu betrachten, das ich so schnell wie möglich durchquere, um von einem Privatdomizil ins andere Privatdomizil zu gelangen; ein Territorium, auf dem ich jedenfalls überhaupt nicht willkommen bin, wo es keinen Platz für mich gibt, wo mich nichts Interessantes oder Angenehmes erwartet….Praktisch bedeutet das, dass ich mir ein Loch zum Sterben suchen kann, einen versteckten Winkel auf dem Land, wo ich mich in der Abgeschiedenheit bis zum Ende meinen kleinen Lastern hingebe.“
„Aber ich muss Ihnen sagen, dass Sie mir gefallen, und dass ich mir die von mir bewunderten Schriftsteller gerne genauso vorstelle: mit der Waffe in der Hand leben und sterben…müsste ich jetzt auf die Kriegskunst zu sprechen kommen. Das heißt auf das Schlachtfeld, das die literarische oder philosophische Bühne genauso genommen eigentlich ist. Oder auf den permanent bewaffneten Zustand, der das Leben eines Schriftstellers ist…“
„Wir beide haben beharrlich den Genuss der Verworfenheit, der Demütigung und der Lächerlichkeit gesucht; und man übertreibt wohl nicht, wenn man sagt, dass es uns vorzüglich gelungen ist.
Michel Houellebecq
Volksfeinde, Dumont, 319 Seiten, 22,95 Euro
„Volksfeinde“: Ein Briefwechsel zwischen Houellebecq und Levy
Selbstverständlich hat das Ganze etwas von einer Inszenierung. Selbstverständlich spürt man auch sofort, dass hier ein Dialog herbeigeredet werden sollte. Innerhalb der Buchdeckel wird darüber nicht aufgeklärt. Es bedarf schon der Recherche, um zu erfahren, dass der Plot des Buches von der Verlegerin Teresa Cremisi stammt, die dann Teilchen in die französische Öffentlichkeit tröpfelt ließ, um peu à peu Spannung zu erzeugen. Das ging auf, das ging gut. Das ergab sogar einen überaus lesenswerten Dialog zweier individualistischer Archetypen, die völlig verschieden und doch auf eine seltsame Weise ähnlich erscheinen. Zwei intellektuelle „Volksfeinde“ halt, scheinbar unzugänglich, nonkonformistisch und „unkorrekt“.
Über Michel Houellebecq konnte man an dieser Stelle und auch schon früher im CAMPO, immer wieder Wohlwollendes lesen. Er charakterisiert sich in „Voksfeinde“ so: „Nihilist, Reaktionär, Zyniker, Rassist und verabscheuungswürdiger Frauenfeind: Es wäre für mich viel der Ehre, wenn man mich der wenig appetitlichen Familie der rechten Anarchisten zuordnen würde.“ Levy kokettiert ähnlich stark: „Alles liegt auf dem Tisch. Ihre Mittelmäßigkeit. Meine Nichtigkeit.. Ihre Eitelkeit und die meine. Meine Verderbtheit und die Ihre…Aber warum ich? Warum soll ich mich eigentlich dieser Übung in Selbstverleumdung unterziehen. Warum sollte ich mir eigentlich Ihren Hang zur wütenden, lärmenden, demütigenden Selbstzerstörung zu Eigen machen?“
Er macht es dann aber doch, oder doch nicht, denn Levy hangelt sich an den abzuarbeitenden Punkten (jüdische Herkunft, politische Einstellung, Sicht auf den Kulturbetrieb) zwar sehr persönlich, aber doch mit einem Schuss Optimismus entlang, der mehr analytisch erscheint, als die emotionalere und negativere Sicht Houellebecqs. Oder ist es doch andersherum? Zeigt sich nicht Houellebecq als einer, der zwar von den Ereignissen berührt, aber doch nicht gerührt ist, der also eine kalte Sicht auf die Welt mit Lakonie beantwortet, die ihn als Nietzscheaner in die Nähe des Anti-Moralismus rückt, während Levy das Einmischen und die Stellungsnahme fordert. Die aber liefert dann überraschenderweise ausgerechnet Houellebecq ab, als er z.B. Levy negative Sicht auf das heutige Russland, einer präzisen Ist-Zustandsbeschreibung entgegen hält.
Schriftsteller, keine Siff - und Stiftschriller
Stark ist die Schilderung beider Schriftststeller, die sich wohltuend von deutschen Siff – und Stiftschrillern aufgeblähter Nichtigkeiten unterscheiden, wenn sie die eigene Familie, besonders ihre Väter beschreiben. Diese kleinen Einschübe allein, stehen nicht nur für große Literatur, sondern bilden zum Greifen nahe, Menschen in ihrer Zeit ab, die Charakter und Handlung mit großer sensibler Zeichnung, deutlich werden lassen.
Unerwartet und leicht verwundert stellte ich irgendwann fest, wie Levy meinen Nerv häufiger traf, in dem er deutlicher politischer wertete, aber auch in der konkreten Bewertung (Houellebecq hängt z.B. enttäuschenderweise der „Kliamaerwärmungs-These“ an). Da gibt es kein Herausstehlen durch Wegsehen, kein Bagatellisieren durch Relativierungen – da argumentiert jemand in jedem Punkt nachvollziehbar. Nicht immer richtig, nach meinem Dafürhalten, aber „unter dem Strich“ etwas plausibler. Doch was mir gut schmeckt, werden andere bitter finden. Immerhin: es hat einen Geschmack!
Resümieren wir das gesamte Buch und den Sinn dazu, so möchte man dem Leser ein dialektisches Verständnis für die vorgetragenen Für und Wider der beiden kollegial Streitenden wünschen. Deutlich wird, dass sie sich ihrer Rolle als herausragende Personen im Literaturbetrieb, aber auch als Literaten an sich, bewusst sind. Durchdrungen sind die Dialoge auch von einer Melancholie, die jeden befallen muss, wenn er sich vergegenwärtigt, dass der Boden, auf dem dieses Gespräch stattfindet, mehr und mehr von Auflösung begriffen ist, in jener „absoluten Unumkehrbarkeit“ des Verfallsprozesses, von der Houellebecq spricht. Die französische Kultur ist passé, viele Einzelerscheinungen gehören der Vergangenheit an und die Adressaten erscheinen wie jene aussterbende Sorte, die Zukünftige in ihrer konservierten Form – zumindest was ihre unter der Oberfläche vibrierenden Motive angeht - wohl kaum noch erkennen.
Levys Sensibilität wird in vielen Worte deutlich und zeigt, warum hier gleich zwei Verletze miteinander sprachen: „Ich weiß was Verleumdung ist. Und ich weiß auch, was es bedeutet, wenn einem die Meute auf den Fersen ist. Die Pulverisierung der Grenze zwischen privat und öffentlich, die Jagd auf den Menschen hinter dem Schriftsteller, diese Art und Weise, die Hunde auf ihn zu hetzen, damit sie ihm die Maske herunterreißen, um besser an die vielen Geheimnisse heranzukommen – ich habe sie, fürchte ich, ebenfalls erfahren müssen.“ Und Houellebecq schreibt: „Das alles ist schmerzlich, düster, beschwerlich. Aber was kann ich da machen? Die Würfel rollen. Nach offizieller Lesart ist alles bestens, wird alles immer besser, und es gibt nur ein paar nihilistische Neurotiker, die das hartnäckig leugnen…“
Eine Kaufempfehlung sei für die „100 Chansons“ ausgesprochen, in denen wirklich schöne und klassische, geradezu perfekte französische Lieder von Henri Salvador, Georges Brassens, Juliette Greco, Jacques Brel, Yves Montand, Edith Piaf und vielen anderen unvergessenen Künstlern zu hören sind. Einmalig! Unübertreffbar auf diesem Gebiet! Ohne jede Starrheit der Interpreten, die irgendwann in den 70er Jahren einsetzte. Hier ist alles frisch und unverfälscht! Voilá!
Milord
Kommentar von Campo-News — 30. Oktober 2009 @ 11:15