Der unwirtliche Bahnhof von Brilon-Wald
(und die Schwestern vom Orden der „Unbeschuhten Karmelittinnen“ der Pius Bruderschaft)
Fotos im Anhang
Auf den Höhen des Sauerlandes pfeift der Wind gern und oft bitterkalt
Doch die kältesten Kälten die klirren dort droben in Brilon-Wald
„Schau da steht“, sagt der trunkene Alte nach dem dritten Liter
„Halb verborgen das Haus der „Unbeschuhten Karmeliter“
Liegt auch dieses nicht weit - zwei Katzensprünge - von hier
Sah noch niemals ein Sterblicher hinter die Tür
Auch Pater Klaus Wodsack warf noch nie einen Blick
In das heiligste Heiligtum des besonderen Frauen-Glück
Jenen Stuben des Häuschen in Brilon-Wald - ganz am Rand
Wohin sich sechs tapfere Frauen selber verbannt
Und mit paar Hundert trippelnden Trippelschritten
Sind am Bahnhof in circa sieben Minitten
Es ist bitterkalt
In Brilon-Wald
Es kann Gottes Wille partout nicht sein -
Dass die Bahnstation, kümmerlich und klein,
Verrottet, zerschlagen, die Scheiben zerpresst
Am Ende der Welt - letzten Endes als Rest,
So seit 100 Jahren zwischen den Stürmen,
Schneewehen, Glatt-Eisen und stählernen Türmen
Ohn´ dass eine menschliche Hand sich hier rührt
Und kein Hammerschlag, nicht mal ein Pinsel geführt
(Auch die Schwestern bleiben total ungerührt
Weil sie niemals ´nen schmutzigen Pinsel berührt) -
So zerfällt, dass die Falken und Krähen klagen: „Oh nee!
Weiß sie was hier passiert, diese Bahn-AG?“
Es bleibt bitterkalt
Dort in Brilon-Wald
Die Bremsen quietschen - der Zug rattert ein
Die Türen öffnen: das kann doch nicht sein!?
Skihüttenstürmer mit viel Flaschen Bier
Grölt wälzt sich und stampft hier als Massen-Tier
Aus Holland sie kommen und dem Revier
(Ihre Lieder sind nicht grad das „Heil´ge Brevier“)
Sie wollen nach Hessen, das ist ihr Zweck
Und haben den Frohsinn mit im Gepäck
Doch weil dieser Bahnhof kein WC nicht kennt
Sind die Wege zum Bahnsteig sehr oft überschwemmt
Denn der Willi, der zweimal in Willingen nächtigt
Amüsiert sich mit Blaster und Bier extrem prächtig
Es ist immer noch äußerst kalt
Hier in Brilon, am dunklen Wald
Wer von Bahnsteig zu Bahnsteig durch die Gänge geht
Inmitten von stinkenden Lachen steht
Keine Putzfrau nie sah die hier aufgeräumt
Einen Frühlingsduft fröhlich und kräftig aufschäumt
Die den beißenden Dreck, den Kloakenduft
Der hier wabert wie in der modernden Gruft
Wegschafft wie den Eisenbahn-Chef Zweitausendneun:
Nein, hier gibt es rein nichts, um sich zu erfreun´
Keine Cola, kein Brot, keine Pommes, kein Kuchen
Den Reisekomfort, den musst du hier suchen.
Schleimhäute zerfetzen, das Hirn brodelt kalt
Und signalisiert: Du bist in Brilon-Wald!
Es wird mehr und mehr bittrer und bleibt bitterkalt
Dort in Brilon, genauer: in Brilon-Wald
Und nun stellt Euch mal vor, es wär Uffzig vor Clock
Eine Schwester karmelittert im langen Rock´-
Und möchte noch rasch nach Olsberg fahren
- Nein, nicht nach dem Ölberg – mit langen Haaren
Doch stets ohne Schuh, denn ihr wisst ja sie ist:
Eine von jenen unbeschuhten Karmelists
Dann betet mal kräftig, dass sie es schafft
(Mit geistiger Hilfe der Pius-Bruderschaft)
Und schwebt über den Wassern in den feuchten Gängen
Wo sich schon die Ratten aneinander zwängen
Erreicht naserümpfend den rettenden Steig
Mein Gott, unbeschuht sein ist wirklich nicht leicht
Nun wird es nur noch finstrer und kälter als kalt
Dort in Brilon am Wald, im eisigen Wald
Deutsche Alltagskultur kann man staunend besehn
Hier wo zufällig diese paar Häuser stehn
Woran sich die Straße schlafmützig schlängelt
Und ab und zu auch ein Raser frech drängelt
Dort steht plötzlich der Bahnhof den niemand beschützt
Und nur ein paar Menschen dann und wann nützt
Aber Wanderer kommst du nach Brilon-Wald
Geh schneller und schneller: mach ja keinen Halt
Such Dir einen anderen Platz für die Rast
Und schreibe der Bahn-AG dass du sie hasst!
Doch verschonet die Schwestern, gedenkt ihnen leise
Der einen auf diese, der auf andere Weise
Schon wird es ein wenig wärmer dort droben in Brilon-Wald
Und es ist nicht mehr gar so garstig, so sehr garstig kalt
Die Autorin ist unter der Mailadresse mail@tanjakrienen.de zu erreichen
Bitte protestieren auch Sie mit einer Mail an die Bahn wegen der Zustände auf und um den Bahnhof Brilon-Wald: reiseportal@bahn.de
Und hier ist der “trunkene Alte” in seinem Element.
Kommentar von Tanja Krienen — 4. Juni 2009 @ 13:39
Frankreich, Sommer 1794. Sechzehn Nonnen aus dem strengen Karmelitinnenorden werden zum Schafott geführt. Während der Hinrichtung singen sie gemeinsam das »Salve Regina«. Ihr Vergehen: Verschwörung gegen die Staatsgewalt. – Es ist eine blutrünstige Begebenheit aus der Schreckenszeit der Französischen Revolution, die Gertrud von le Fort zur Vorlage ihrer Novelle »Die Letzte am Schafott« wählte. Doch im Mittelpunkt steht bei le Fort eine frei erfundene Figur. Blanche ist eine junge Adlige, die von tiefer Lebensangst erfüllt ist. Aus Angst tritt sie ins Kloster ein, aus Angst entflieht sie ihm wieder. Erst bei der Hinrichtung ihrer Schwestern findet sie die Kraft, um ihre Angst zu überwinden: Als die letzte Nonne geköpft wird, singt sie stellvertretend den Choral zu Ende – ein tragischer Triumph, den sie mit dem Leben bezahlt.
Kommentar von Campo-News — 9. Juli 2009 @ 17:47
Ein schöner Text -
“Hätten meine Eltern mich nicht nach einundzwanzig Tagen aus diesem
Ort weggetragen, säße ich jetzt irgendwo in Brilon-Wald nachts auf
dem Dach meines Eigenheims und würde schreien oder mit Steinen
schmeißen.”
Kommentar von Campo-News — 23. August 2009 @ 10:13
Von Brilon nach Korbach.Ein “Einzelschicksal”.
Kommentar von Campo-News — 27. August 2009 @ 06:45
Nur, es war leider fast überall so bis in die 60er Jahre - auch in “öffentlichen Einrichtungen” der Kommunen.
Kommentar von Campo-News — 22. Februar 2010 @ 13:17
Es tut sich was! Oder auch nicht…
Kommentar von Campo-News — 23. Februar 2011 @ 12:27
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/statt_bahn
Kommentar von Campo-News — 22. Mai 2015 @ 06:23