Campo de Criptana




26. Dezember 2008

„Krebs und Krake“ oder „Die NPD geht in den Zoo“

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 14:17

Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,
erschreckt sie nicht – sie sind so zart!
Ihr müßt mit Palmen sie umwandeln,
getreulich ihrer Eigenart!
Pfeift euerm Hunde, wenn er sie an kläfft –:
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!

Rosen auf den Weg gestreut, Kurt Tucholsky

Der hessische NPD-Vorsitzende und Frankfurter Stadtabgeordnete Jörg K. schreibt: „Laut „Welt-online“ hat der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer die NPD jüngst als „Krake“ bezeichnet, der nunmehr Paroli geboten werden müsse. Der hier angeschlagene Ton erinnert den geschichtlich Gebildeten in der Tat an Zeiten, in denen Menschen mit Tiernamen tituliert wurden“, wobei der Hesse nicht ausführen möchte, wie viele Parteigenossen gern die Rede höre, in der Goebbels tierkundlerisch wie folgt zu vernehmen war: „Wie der Kartoffelkäfer die Kartoffelfelder zerstört, ja zerstören muß, so zerstört der Jude die Staaten und Völker.“ Der NPDler schließt mit den Worten: „Politiker, die den politischen Gegner ohne klare Beweise der widerlichsten Untaten bezichtigen und obendrein mit Tiernamen titulieren, gehören nicht auf einen Ministerpräsidentenstuhl, sondern hinter Schloß und Riegel.“

Hypertonie & Hysterie

Jörg Krebs heißt der Mann, der sich über die Charakterisierung seiner Partei als „Krake“ so echauffiert, sodass man denken kann, er wird sich demnächst Kreb nennen, um nicht selbst als Tiernamen-Schändung durchs Leben laufen zu müssen. Nun hat der bayerische Ministerpräsident sich schon genügend blamiert und vor allem seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt, in dem er Hypertonie beflügelnd Hysterie ziemlich faktenlos und kalkuliert, zum vorgezogenen politischen Aschermittwoch in den Ring warf, dabei noch eine partielle Solidarisierung mit der NPD provoziert, die sich auf den die Umstände bezieht, dass unzählige falsche Verdächtigungen – bei gleichzeitiger Aktionseinheit mit einem Milieu, das eigene Kolonnen als „Schwarzen Block“ durch die Straßen keilen lässt – nicht nur peinlich, sondern politisch fatal, selbstherrlich und verlogen sind.

Sebnitz, Düsseldorf, Potsdam, Mügeln, Mittweida, Passau – die Namenspalette nachtschwarzer Fakten bei gleichzeitiger Flankierungen von gesponserten Lichterketten als das Ergebnis einer geschmierten Antifa-Szene, die das Ersparte in den Ankauf von Pflastersteinen, Farbbeutel und Gleitcreme umsetzt, ist länger noch als hier benannt und doch nur die Spitze des Eisberges einer grotesken Verschleierung der Wahrheit und der gesellschaftlichen Realität, wie sie seit Ulbrichts-Zeiten nicht mehr auf deutschem Boden stattfand.

Es lässt allerdings tief in das Polemik – und Satireverständnis der NPD blicken, wenn sie über den Ausdruck „Krake“ aufheult, zumal der ja impliziert, man habe es mit einem übergroßen Exemplar zu tun, dessen Arme überall hin reichen. Bei einem NPD-Mitglied auf ca. 50 qkm in Deutschland (zum Vergleich 0,42 qkm für die CSU auf bayrischem Boden) von einer großen und machtvollen nationalen Verschwörung auszugehen, kann nur einer eingetrübten Wahrnehmung entspringen oder: einer bewussten Verdrehung. Wie dem auch sei. Wenn die NPD eine abstrakte Charakterisierung, in der sogar eine unterschwellige Achtungserklärung mitschwingt, als Grund ansieht, jemanden „hinter Schloß und Riegel“ zu wünschen, fragt man sich natürlich, was uns droht, wenn dieses Verständnis von Polemik einmal „nationale Rechtssprechung“ werden sollte. Wohlgemerkt, hier hat keiner „Du hirnbrannter Nazi-Arsch, pass auf, wo du dich im Tageslicht zeigst“ gesagt, sondern allgemein gesprochen und als Tier eines genannt, dessen körperliche Vorzüge vielfach benannt wurden, wenn es galt, ein Individuum zu nennen, das die Fähigkeit hat, überall zu sein. Wie oft benutzte die NPD selbige Bezeichnung für den z.B. Verfassungsschutz?

Manches also, hätte der hessische NPD-Mann anführen können, um den bayerischen Ministerpräsidenten zu kritisieren oder um Täter verschiedenster Art in den Knast zu wünschen. Aber so was? „Krake“!? Dann ist also unstatthaft, wenn man Krebs heißt!?

Lange Tradition

Dass Ohnmächtige die Mächtigen mit Spott belegen hat eine lange Tradition. Wie sonst sollte man Kritik üben, wollte man den erwähnten Knast riskieren? Schmähungen stehen bekanntlich auf einem anderen Blatt. Aber die Sensibilisierung von Jörg Krebs ist eine, die den preußischen und kaiserlichen Richtern ähnelt, die zwar wissen, dass die Sachlage eine andere ist, aber zugunsten des Mächtigen entscheidet. Hierbei sei an Frank Wedekinds Lied „Der Zoologe von Berlin“ erinnert. Will also Jörg Krebs ein nationaler Schutzmann Fieselschweif sein?

2. Nachtrag

Aus einer etwa sechs Jahre alten Polemik:

Jedoch, ehedem war alles anders und besonders die politische Linke belegte Taten mit drastischen Aussagen, zu denen sehr häufig Vergleiche aus dem Tierreich bemüht wurden, die heute nahezu verpönt sind. Zu Unrecht. Werfen wir aber doch mal einen Blick auf die unzähligen diesbezüglichen Äußerungen, von denen ich einen Teil zitieren möchte.

Nicht nur, dass George Orwell die ganze Weltgeschichte als „Farm der Tiere“ darstellte, ja selbst die Beatles befanden „Happiness is a warm gun“ und nahmen beispielhaft die (Menschen)-Piggies heraus:

„Everywhere there´s lot of piggies livin piggies lives
You can see them out for dinner with their piggy wives“

Lou Reed war es, der den Amerikanern schon vor 15 Jahren sagte:
„Stick a fork in their ass an turn them over, they´re done.“

Franz Josef Degenhardt hatte auf dem Höhepunkt der Vietnam-Proteste herausgeschrieen:
„Erschlagen wie die Ratten, werden alle Ledernacken.“ Törich, aber darum soll es auch gar nicht gehen.

Nun, Johnny Cash benannte „That beast in me“ – ein Eingeständnis schlafender Instinkte.

Aber nicht selten wurde die Dichter Sprache drastisch, wenn es um eine Brandmarkung des vertierten oder undemokratischen Gegners ging. Da stellte Frank Wedekind fest, er könne „doch nicht von den Schweinen sagen, dass sie Menschen sind.“; bei Tucholsky waren es die Mitglieder der Bürgerklasse, welche „winseln wie die feigen Hunde“, während Brecht meinte, wenn sie „ihre Schweineschnauzen in unseren Sowjetgarten stecken“, werde „der Hammer auf sie niedersausen, sie die Sichel nieder mähn“.

Tucholskys Buch „Deutschland, Deutschland über alles“, enthält eine Montage von John Heartfield, auf dem deutsche Militaristen abgebildet sind, Titel: Tiere sehen dich an!

Der deutsche Liedermacher Lothar Föllmer beschrieb, wie er einen, von aufgebrachten Leuten, gehenkten Menschen, sah:

„Jeder Hilfe ist jetzt sinnlos, dachte ich so bei mir,
Sicher tötete ihn eine Bestie, irgendso ein wildes Tier.
Als ich längst schon gegangen kamen mir doch Zweifel auf…
Dennoch wies ich den Gedanken,
Dass ein Mensch so etwas tut
Weit von mir und in die Schranken
Denn man sagt: der Mensch sei gut.
Später wurd´ ich durch die Zeitung eines Besseren belehrt
Und nun musste ich erkennen, dass mein Verdacht nicht ganz verkehrt,
Dass es Tiere waren die diesen Tat vollbracht,
Doch das es Bestien gibt in Menschenhaut
Das hätt´ ich nicht gedacht

Brecht war es, der in seinem Stück „Freiheit und Democracy“ den Mord beschrieb: „wohlig räkelt sich das Vieh“, er war es auch, der Theresa Carrar in seinem Stück zum Spanischen Bürgerkrieg über die aufständischen Faschisten sagen ließ: „Das ist ein Aussatz und das muss ausgebrannt werden wie ein Aussatz.“; und der Vorsitzende des National Komitee Freies Deutschland, Erich Weinert, empfahl seinen Umgang mit den Franco-Leute: „Mit Gewehren, Bomben und Granaten“, wird das Ungeziefer ausgebrannt“ und „Dem Faschistengesindel keine Gnade, keine Gnade dem Hund der uns verrät.“

Erich Kästner beschrieb sehr schön seine Empfindungen, die er gegenüber einem schikanierenden Ausbilder bei der Armee hatte:

„Er hat mich zum Spaß durch den Sand gehetzt
Und hinterher lauernd gefragt:
Wenn du nun meinen Revolver hätt´s
Brächst du mich um, gleich hier und gleich jetzt?
Da hab´ ich: JA! gesagt
Wer ihn gekannt vergisst ihn nie
Den legt man sich auf Eis
Er war ein Tier er spie und schrie
Und SERGANT WAURICH HIEß DAS VIEH!
Damit es jeder weiß

Einst wurde auch gerne das Lied „Dolchstoßlegende“ in der Linken gehört:

Wo war denn das geile Getier
Das nach dem Stahlbad des Krieges geschrieen
Bei Orgien im sicheren Hauptquartier
Muss niemand vor Kugeln und Giftgasen fliehen

Einst kommt der Tag, die Verbrechen zu sühnen
Dann wird wohl den Mördern das Lachen vergehen
Denn diesmal bekommen sie was sie verdienen
Und wenn sie auch feige, um Gnade flehen
Für dieses Getier keine ehrlichen Flinten
Den Strick und einen Tritt von hinten.“

Und wie hieß es im „Läuselied“ – man habe erst gesiegt, wenn „zerquetscht ist jede Laus“; Majakowski reimte und Hanns Eisler schrieb dazu die Musik:

„Darum vorwärts, vorwärts Bolschewik
Tod den Weißen und der weißen Läusebrut!“

Und Degenhardt raunte:

August der Schäfer hat Wölfe gehört

Wölfe mitten im Mai

Soweit, und zuletzt der ganze Wedekind

Der Zoologe von Berlin

Hört ihr Kinder wie es jüngst ergangen

Einem Zoologen in Berlin!
Plötzlich führt ein Schutzmann ihn gefangen
Vor den Untersuchungsrichter hin.
Dieser tritt ihm kräftig auf die Zehen,
Nimmt ihn hochnotpeinlich ins Gebet
Und empfiehlt ihm, schlankweg zu gestehen,
Daß beleidigt er die Majestät.

Dieser sprach: »Herr Richter, ungeheuer
Ist die Schuld, die man mir unterlegt;
Denn daß eine Kuh ein Wiederkäuer,
Hat noch nirgends Ärgernis erregt.
Soweit ist die Wissenschaft gediehen,
Daß es längst in Kinderbüchern steht.
Wenn Sie das auf Majestät beziehen,
Dann beleidigen Sie die Majestät!

Vor der Majestät, das kann ich schwören,
Hegt ich stets den schuldigsten Respekt;
Ja, es freut mich oft sogar zu hören,
Wenn man den Beleidiger entdeckt;
Denn dann wird die Majestät erst sehen,
Ob sie majestätisch nach Gebühr.
Deshalb ist ein Mops, das bleibt bestehen,
Zweifelsohne doch ein Säugetier.

Ebenso hab vor den Staatsgewalten
Ich mich vorschriftsmäßig stets geduckt,
Auf Kommando oft das Maul gehalten
Und vor Anarchisten ausgespuckt.
Auch wo Spitzel horchen in Vereinen,
Sprach ich immer harmlos wie ein Kind.
Aber deshalb kann ich von den Schweinen
Doch nicht sagen, daß es Menschen sind.

Viel Respekt hab ich vor dir, o Richter,
Unbegrenzten menschlichen Respekt!
Läßt du doch die ärgsten Bösewichter
In Berlin gewöhnlich unentdeckt.
Doch wenn hochzurufen ich mich sehne
Von dem Schwarzwald bis nach Kiautschau,
Bleibt deshalb gestreift nicht die Hyäne?
Nicht ein schönes Federvieh der Pfau?«

Also war das Wort des Zoologen,
Doch dann sprach der hohe Staatsanwalt;
Und nachdem man alles wohl erwogen,
Ward der Mann zu einem Jahr verknallt.
Deshalb vor Zoologie-Studieren
Hüte sich ein jeder, wenn er jung;
Denn es schlummert in den meisten Tieren
Eine Majestätsbeleidigung.

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