Campo de Criptana




29. März 2008

Entschleunigung

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 16:24


Täglich, täglich, unbeweglich,
Regungslos und nichts im Sinn.
Endlos, endlich, unverständlich,
Mündlich, stündlich, unergründlich,
Unbeweglich wie ich bin.

Hanns Dieter Hüsch

Man schämt sich jetzt schon der Ruhe; das lange Nachsinnen macht beinahe Gewissensbisse. Man denkt mit der Uhr in der Hand, das Auge auf das Börsenblatt gerichtet,- man lebt wie einer, der fortwährend etwas ,,versäumen könnte“. Denn das Leben auf der Jagd nach Gewinn zwingt fortwährend dazu, seinen Geist bis zur Erschöpfung auszugeben. Ja, es könnte bald so weit kommen, daß man einem Hange zum Spazierengehen nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe. Nun! Ehedem war es umgekehrt.

Friedrich Nietzsche, 1881

Sozialhilfeempfänger werden keineswegs schöpferisch aktiv. Viele sehen ihren Lebenssinn darin, Kohlehydrate oder Alkohol in sich hinein zu stopfen, vor dem Fernseher zu sitzen und das Gleiche den eigenen Kindern angedeihen zu lassen. Die wachsen dann verdickt und verdummt auf.

Oswald Metzger, 2007 als Mitglied der Grünen

Entschleunigung

Stante pedes, so könne ich, lautete meine Behauptung in der „Kräftigen Ansprache an den Massenmensch“ - im Gegensatz zur langweiligen, ja ganz und gar sowohl dekadenten, als auch sinn, - nutz,- und bildungslosen Jugend – auf dem Niveau von 1970 leben. Genau betrachtet, fehlen mir, um nicht direkt das Jahr – sagen wir einmal 1888 – auszurufen, lediglich einige wenige technische Errungenschaften, ein bisschen „Fortschritt“. Im Großen und Ganzen ist aber der „Überbau“ einer seit her längst verlosten Welt (spätestens mit dem Jahr 1914, als sie in den permanenten Weltkrieg eintrat), in großen Zügen überflüssig.

Zunehmend, wenngleich vereinzelt, fallen, leider selten aus dem Milieu der „Einzelnen“ (weshalb theoretische Schwächen auf dem Fuß folgen, da sie selber viel zu sehr zu den „Viel-zu-Vielen“, zum Mittelmaß gehören), die Begriffe „Entschleunigung“ und „Einfaches Leben“, und geht doch auffallend oft der Schimpf an die altbekannte Adresse derer „da oben“, fehlen dialektische Schlüsse um zum Wahrhaftigen zu gelangen. Aber was ist das Wahrhaftige? Die Differenzierungen zwischen Sektierertum und Weltoffenheit, „Richtigem“ und „Falschem“, Notwendigem und Luxuriösem, „Schnick-Schnack“ und „Sublimierungs-Aparatur“, Fortschritt und Reaktion, Hast und Rast, bilden Balanceakte mit hohem Diskussionspotenzial.

Ein Charakterzug des Faschismus war immer das Tempo. Fascinierend. Doch Tempo verführt, lässt Gefahr wachsen, wo sie zu umgehen wäre. Jeder Extremsportler (auch manche unter dieser Charakterisierung), verachten den Leib mehr, als jeder begeisterte Kriegsteilnehmer. Die Cowboy und Indianerspiele der Vergangenheit, die Erziehungstüchtigungen des vorletzten Reiches – sie sind nichts gegen die Tötungs- und Abstumpfungsübungen von Teilen der deutschen Jugend an ihren viereckigen Heimtrainern.

Ja, auch Schopenhauer und Nietzsche jagten durch den Grund, über die Felder, schnell hinweg. Wer es unter den Anderen nicht aushält, flieht vorbei. Was liegt ihm schon an der Verkleinerung im Umgang mit dem Massenmensch. „Die Dummen sind meistens boshaft, und zwar aus eben dem Grunde, warum die Hässlichen und Ungestalteten es sind.“ (Arthur Schopenhauer)

Eine Entschleunigung ohne Kapitalismuskritik ist nicht möglich, doch die Bejahung des Prinzips als Grundvoraussetzung zur Freiheit unabdingbar, will das Prinzip nicht – Soziales und Sozialverhalten vorgaukelnd – tendenziell genau das Gegenteil darstellen. Die Arbeiter, die deshalb schon keine Klasse ist, weil sie keine hat, zementiert ohnehin täglich das, was sie zu kritisieren vorgibt. Was also bleibt von den Kern-Verhaltensweisen der beiden oben genannten Begriffe? Mehr Freiheit? Unabhängigkeit? Immerhin. Erst erfolgt die Tat, dann ist man tot.

2 Kommentare »

  1. Es ist doch klar: wer das fördert, befödert, gar lebt, ist verraten, verkauft und uniformiert, ob mit oder ohne Dress. Hier gibt nichts mehr: nicht “E”, noch Motion, nicht Denk, sondern nur noch Schablonen - kein Milimeter ist hier so sicher, wie das Amen in der Kirche, das auch schon vermieden wird. Das ganze Desaster lese man hier

    Kommentar von Campo-News — 23. Oktober 2008 @ 19:08

  2. Prima beschrieben: “Der Flaneur war nicht asozial - er brauchte die Menge, um zu gedeihen - doch er mischte sich nicht ein, genoss stattdessen lieber seine Einsamkeit. Und er hatte alle Zeit der Welt: Manche Flaneure sollen Schildkröten ausgeführt haben. Der Flaneur durchwanderte die Einkaufsarkaden, erlag jedoch nicht den Verführungen des Konsumententums, für ihn war die Arkade vor allem ein Zugang zu einer reichen sinnlichen Erfahrung - und erst dann ein Tempel des Konsums. Sein Ziel war die Beobachtung, das Bad in der Menge, er nahm ihre Laute, ihr Chaos, ihre Vielfalt, ihre Weltoffenheit in sich auf. Gelegentlich erzählte er nach, was er sah - mit Blick auf sich selbst genauso wie auf die Welt um ihn herum - in Form von kurzen Essays für Tageszeitungen.” - http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,814236,00.html

    Kommentar von Campo-News — 9. Februar 2012 @ 18:01

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