Benedikt Nietzsche
Von der Verwesung, verstopften Ohren und anderen Weltendingen
Von Tanja Krienen
Benedikt Nietzsche
Wir zerbrechen uns gewöhnlich nur über Dinge den Kopf, die uns wirklich interessieren. Oftmals mögen wir den Gegenstand unserer Betrachtung zunächst nicht, stehen im gar feindlich gegenüber, entdecken aber bei näherem Hinsehen plötzlich ein überraschendes Element darin, das uns zu einem anderen Urteil kommen lässt. Was wir glauben, annehmen oder meinen, entpuppt sich dann bei intensiverer Beschäftigung aber nur als reiner Glaube, Annahme oder Meinung – nicht jedoch als Wissen, Fakt oder Beleg.
Wer besonders intensiv glaubt, hat triftige und tiefe Gründe. Mitunter auch Abgründe. Als Gläubiger braucht er auch den Gegensatz, denn was wäre seine Position, wenn diese nicht einen Pol hätte? Die Beschäftigung mit den Extremen jedoch, bringt nicht selten das eigene Bild ins Wanken. Das ist der Punkt, wo der Gläubige abfällt und zum Ungläubigen, Andersdenkenden, Verräter, Überläufer oder Konvertit wird.
Friedrich Nietzsche war so einer. Pfarrersohn und Theologie-Student, brach er mit allem was ihm buchstäblich heilig war und verkündete in seinem „Antichrist“: „Gott ist tot“. Doch es ist etwas komplizierter, denn, Nietzsche, es selbst nicht fassend könnend das Gott nicht existiert, triumphiert nicht, sondern erschrickt. Jedoch erscheinen ihm die Fakten, die sich aus den zunehmenden wissenschaftlichen Erkenntnissen ergeben, unumkehrbar.
Er lässt einen Erkennenden, außer sich, rasend, wie folgt auftreten: „Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: Ich suche Gott! Ich suche Gott! Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht am Tage Laternen angezündet werden? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet.”
Dass die Möglichkeit Gottes Tod beklagen zu müssen, eine reale ist, ahnt auch Papst Benedikt. Er versucht zu retten, was eigentlich nicht zu retten ist. Doch ist es interessant, dass er dies mit ähnlichen Metaphern beschwört, wie es Nietzsche tat. Die Sinne werden angesprochen. Waren es bei Nietzsche der Geruch und das Sehen, sind es beim Papst das Hören und Sprechen – der expressive verbale Ausdruck ähnelt sich sehr.
So sagte Papst Benedikt, geborener Joseph Ratzinger, bei seinem Besuch im „Freistaat Bayern“: “Es gibt nicht nur die physische Gehörlosigkeit…es gibt eine Schwerhörigkeit Gott gegenüber, an der wir gerade in dieser Zeit leiden. Wir können ihn einfach nicht mehr hören – zu viele andere Frequenzen haben wir im Ohr. Mit der Schwerhörigkeit oder gar Taubheit Gott gegenüber verliert sich natürlich auch unsere Fähigkeit, mit ihm und zu ihm zu sprechen.…”
Gleichzeitig scheint der bei seinem Besuch gelöst wirkende, aus innerlicher Ruhe Fröhlichkeit ausstrahlende, singend redende, aber stets mit intellektueller Schärfe vortragende Benedikt, zweifelnd und wenig standhaft. Wie wäre sonst sein Bedauern nach der kalkulierten moslemischen Empörung über ein halbes tausend Jahre altes Zitat zu erklären? Geht er, bzw. seine Kirche, mit widersprechenden und äußerst radikalen Gegnern behutsamer um, als mit „Gotteslästerern“, Un – und Andersgläubigen oder Atheisten? Es scheint fast so.
Und doch - siehe oben - macht dies die Angelegenheit spannender, bedarf es doch des Widerspruchs, der polarisierenden Positionen und des Streites, damit „die Sache“ interessant bleibt. Nur Widersprüche bringen Neues hervor, schärfen den Geist und schaffen „große Kunst“. In diesem Sinne ist dem Papst viel Erfolg und ein starkes Rückgrat zu wünschen.
Da gibt noch jemanden in Spanien der sagt
Kommentar von Campo-News — 4. Oktober 2006 @ 15:38
Und nun in der Print-Version

Kommentar von Campo-News — 4. Oktober 2006 @ 17:04