Campo de Criptana




27. Juli 2006

Also sprach Friedrich Nietzsche

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 09:08

Leben und Werk, vierter und letzter Teil

Von Tanja Krienen

Teil 1

Teil 2

Teil 3

:

Gewitter

L. G. rezitiert.

Der Antichrist

Solange der Priester noch
als eine höhere Art Mensch gilt,
dieser Verneiner, Verleumder,
Vergifter des Lebens von Beruf,
gibt es keine Antwort auf die Frage:
was ist Wahrheit?

Man hat bereits die Wahrheit
auf den Kopf gestellt,
wenn der bewußte Advokat
des Nichts und der Verneinung
als Vertreter der Wahrheit gilt.

Diesem Theologen-Instinkte
mache ich den Krieg:
Wer Theologen-Blut im Leibe hat,
steht von vornherein zu allen Dingen
schief und unehrlich.

Was ein Theologe als wahr empfindet,
das muß falsch sein:
man hat daran beinahe
ein Kriterium der Wahrheit.
Soweit der Theologen-Einfluss reicht,
ist das Wert-Urteil auf den Kopf gestellt,
sind die Begriffe „wahr“ und ,,falsch“
notwendig umgekehrt:
was dem Leben am schädlichsten ist,
das heißt hier ,,wahr“,
was es hebt, steigert, bejaht,
das heißt ,,falsch“.

Und damit ich keinen Zweifel darüber lasse,
was ich verachte: der Mensch von heute ist es –
ich ersticke an seinem unreinen Atem.

Gegen das Vergangene bin ich,
gleich allen Erkennenden,
von einer großen Toleranz.
Aber mein Gefühl schlägt um,
sobald ich in unsre Zeit eintrete.

Unsre Zeit ist wissend…
Was ehemals bloß krank war,
heute ward es unanständig –
es ist unanständig,
heute Christ zu sein.

Das Wort Christentum ist schon ein Mißverständnis –
im Grunde gab es nur einen Christen,
und der starb am Kreuz.
Was von diesem Augenblick an
,,Evangelium“ heißt,
war bereits der Gegensatz dessen,
was er gelebt hat:
eine schlimme Botschaft.

Die Praktik ist es,
welche er der Menschheit hinterließ:
sein Verhalten vor den Richter,
vor den Häschern,
vor den Anklägern
und aller Art
Verleumdung und Hohn –
sein Verhalten am Kreuz.

Er widersteht nicht,
er verteidigt nicht sein Recht,
er tut keinen Schritt,
der das äußerste von ihm abwehrt…

Und er bittet, er leidet,
er liebt mit denen,
die ihm Böses tun.

Was folgt daraus?
Daß man gut tut,
Handschuhe anzuziehn,
wenn man das neue Testament liest.

Ich habe vergebens im Neuen Testament
auch nur nach einem sympathischen Zug ausgespäht.
Alles ist Feigheit, alles ist Selbstbetrug.
Vergiftung, Verleumdung,
Verneinung des Lebens,
Verachtung des Leibes,
Herabwürdigung und
Selbstschändung des Menschen
durch den Begriff Sünde.

Es bleibt dem Kritiker
des Christentums nicht erspart,
das Christentum verächtlich zu machen.
Hiermit bin ich am Schluß
und spreche mein Urteil.
Ich verurteile das Christentum,
ich erhebe Anklage
gegen die christliche Kirche.

Ich heiße das Christentum
den einen großen Fluch,
den einen großen Instinkt der Rache –
ich heiße es den einen
unsterblichen Schandfleck
der Menschheit.

Man rechnet die Zeit
nach dem dies Verhängnis anhob –
nach dem ersten Tag
des Christentums! –
Warum nicht lieber
nach seinem letzten?
Nach heute? –

Umwertung aller Werte!

Auszug „Ecce Homo“

Ecce Homo

Das Glück meines Daseins,
seine Einzigartigkeit vielleicht,
liegt in seinem Verhängnis:
ich bin, um es in
Rätselform auszudrücken,
als mein Vater bereits gestorben,
als meine Mutter lebe ich noch
und werde alt.

Ich bin meiner Art nach kriegerisch.
Angreifen gehört zu meinen Instinkten.
Feind sein können,
Feind sein –
das setzt eine starke Natur voraus.
Sie braucht Widerstände,
folglich sucht sie Widerstand.

Wir, die wir in der Sumpfluft
der fünfziger Jahre
Kinder gewesen sind,
sind mit Notwendigkeit Pessimisten
für den Begriff ,,deutsch“.

Was ich Wagner nie vergeben habe?
Daß er reichsdeutsch wurde…
Soweit Deutschland reicht,
verdirbt es die Kultur.-

Was war geschen?
Der Wagnerianer war Herr
über Wagner geworden! –
eine haarsträubende Gesellschaft.
Keine Mißgeburt fehlte darunter,
nicht einmal der Antisemit.

Zuletzt sollte man,
zur Belehrung der Nachwelt,
einen echten Bayreuther ausstopfen,
besser noch in Spiritus setzen, -
mit der Unterschrift:
so sah der Geist aus,
auf den hin man
das Reich gründete.

Warum ich Schicksal bin

Ich kenne mein Los.

Es wird sich mit meinem Namen
die Erinnerung an etwas
Ungeheures anknüpfen –
an eine Krisis,
wie es keine auf Erden gab.

Ich bin kein Mensch,
ich bin Dynamit.

Ich will keine Gläubigen.
Ich habe eine schreckliche Angst davor,
daß man mich eines Tages heilig spricht.

Ich will kein Heiliger sein,
lieber noch ein Hanswurst.

Der Begriff Politik
ist gänzlich in einen
Geisterkrieg übergegangen,
alle Machtgebilde
der alten Gesellschaft
sind in die Luft gesprengt –
sie ruhen allesamt
auf der Lüge:
es wird Kriege geben,
wie sie noch keine
auf der Erden gegeben hat.
Erst von mir an
gibt es auf Erden große Politik.-

Ich bin bei weitem
der furchtbarste Mensch,
den es bisher gegeben hat;
dies schließt nicht aus,
daß ich der wohltätigste sein werde.

Hat man mich verstanden? –

Dionysos gegen den Gekreuzigten…

TK fährt fort.

Im Spätherbst des Jahres 1888
steigerte sich in Nietzsche das Gefühl,
im Falle einer Veröffentlichung
seiner letzten Werke, von der Staatsmacht
bedroht zu werden; zudem schrieb und
redigierte er unaufhörlich, nahm Beruhigungsmittel,
- wahrscheinlich auch mehr, und befand sich überdies
seit seiner Ankunft in Turin, in psychiatrischer Behandlung.

Nicht immer, so scheint es im Nachhinein,
hatte er in diesen Tagen noch die Kontrolle über sich.

An seinen treuen Ex-Schüler, Verehrer und Mitarbeiter,
den Musiker Heinrich Köselitz, dem er den Künstlernamen
Peter Gast gab, schrieb er am 26. November 1888:
LG liest.

,,Ich mache so viele
dumme Possen mit mir selber
und habe solche
Privat-Hanswurst-Einfälle,
daß ich mitunter
eine halbe Stunde
auf offener Straße grinse.

Ich habe vier Tage lang
die Möglichkeit verloren,
einen gesetzten Ernst
in mein Gesicht zu bringen,-

Ich denke,
mit einem solchen Zustand
ist man reif zum Welt-Erlöser.“

T.K. liest

Hatte Nietzsche schon
nach dem ,,Antichrist“
den Beginn einer neuen
Zeitrechnung reklamiert,
so notierte er nun
im Dezember 1888:

LG übernimmt.

“Alles ist fertig!

Ich treibe eigentlich nur Possenreißerei,
um über eine unerträgliche Spannung
und Verletzbarkeit
Herr zu bleiben.“

Wieder T.K.

Friedrich Nietzsche begann nun seine Briefe
mit mystifizierenden Pseudonymen zu unterzeichnen.

,,Es grüßt Sie der Phoenix“,
unterzeichnete er einen Brief an Köselitz.

,,Das Unthier“, lautet der Abschluß eines weiteren Briefes.

Die Weihnachtskrise 1888 war die letzte seines Lebens
und mündete ins Dunkele.

Seinem alten Freund aus Basler Tagen,
dem Theologieprofessor Franz Overbeck,
schrieb er erregt am 27. Dezember 1888:

Wieder LG.

„Ich habe nicht eher die Hände frei,
bevor ich nicht den jungen Kaiser,
samt Zubehör, in den Händen habe.“

TK kurz :

Als letzte Aufzeichnung fand sich in Nietzsches Notizbuch,
der Entwurf für eine politische Denkschrift.

L.G. liest wieder.

Ich bringe den Krieg.

Nicht den Krieg
zwischen Volk und Volk.

Ich bringe den Krieg
quer durch alle
absurden Zufälle von
Volk, Stand, Rasse,
Beruf, Erziehung, Bildung.

Als der, der ich sein muß,
kein Mensch, ein Schicksal,
will ich ein Ende machen
mit diesen verbrecherischen Idioten,
die mehr als ein Jahrhundert
das große Wort geführt haben.

Heute, wo eine schändliche
Partei obenauf ist,
wo eine christliche Bande
die fluchwürdige Drachensaat
des Nationalismus zwischen die Völker sät,
haben wir die Verlogenheit und Unschuld in der Lüge
vor ein welthistorisches Gericht zu bringen.

Ihr Werkzeug, Fürst Bismarck,
hat nie eine Handbreit über die Dynastie
Hohenzollern hinausgedacht.

Ich werde nie zugeben,
daß eine Canaille von Hohenzollern
jemandem befehlen kann,
Verbrechen zu begehen.

Es gibt kein Recht auf Gehorsam,
wenn der Befehlende ein Hohenzollern ist.

Das Reich selbst ist eine Lüge.

Könnten wir der Kriege entraten,
um so besser.

Indem ich dich vernichte, Hohenzollern,
vernichte ich die Lüge.

TK macht weiter.

Zwischen dem 3. und 7. Januar 1889
erfolgte der geistige Zusammenbruch
Friedrich Nietzsches.
In diesen Tagen verschickte er
mehrere Wahnzettel und Briefe.
An Köselitz schrieb er:

L.G. liest weiter.

Singe mir ein neues Lied:
die Welt ist verklärt
und alle Himmel freuen sich.
Der Gekreuzigte.

T.K. kurz.

An Meta von Salis am 3. Januar:

L.G. übernimmt.

Die Welt ist verklärt,
denn Gott ist auf der Erde.

Sehen Sie nicht,
wie alle Himmel sich freuen?

Ich habe eben Besitz ergriffen
von meinem Reich,
werfe den Papst ins Gefängnis
und lasse Wilhelm,
Bismarck und Stoecker erschießen.

T.K. liest.

An seinen väterlichen Freund Jacob Burckhardt,
Geschichtsprofessor in Basel,
sandte er zwei Briefe, - in einem hieß es:

L.G. liest.

Lieber Herr Professor!
Zuletzt wäre ich sehr viel lieber
Basler Professor als Gott;
aber ich habe es nicht gewagt,
meinen Privat-Egoismus
so weit zu treiben,
um seinetwegen die Schaffung
der Welt zu unterlassen.

In diesem Herbst war ich,
so gering gekleidet als möglich,
zwei Mal bei meinem Begräbnis zugegen.

Ich gehe überall hin,
schlage hier und da Jemandem
auf die Schulter und sage:
Sind wir zufrieden?
Ich bin Gott,
ich habe diese Karikatur gemacht.

Ich habe Kaiphas in Ketten legen lassen;
auch bin ich voriges Jahr von deutschen Ärzten
auf eine sehr langwierige Weise gekreuzigt worden.

Wilhelm, Bismarck und alle Antisemiten abgeschafft.

Von Zeit zu Zeit wird gezaubert.
Der Antichrist/Friedrich Nietzsche

T.K. spricht.

Die von ihm noch immer sehr
verehrte Cosima Wagner erhielt drei Briefe:

L.G. liest.

An die Prinzeß Ariadne, meine Geliebte!
Es ist ein Vorurteil, das ich ein Mensch bin.
Aber ich habe schon oft unter den Menschen gelebt.

Ich bin unter Indern Buddha,
in Griechenland Dionysos gewesen.
Alexander und Cesär sind meine Inkarnationen.
Zuletzt war ich noch Voltaire und Napoleon,
vielleicht auch Richard Wagner.

Diesmal komme ich aber als siegreicher Dionysos,
der die Erde zu einem Festtag machen will.

Nicht das ich viel Zeit hätte;
die Himmel freuen sich das ich da bin.

Ich habe auch am Kreuze gehangen.

Dies Breve an die Menschheit sollst Du herausgeben
von Bayreuth aus. Mit der Aufschrift
,,Die frohe Botschaft“.

T.K. liest.

Es wird auch berichtet,
Nietzsche habe am Turiner Droschkenstand,
ein Pferd von seinem Kutscher mißhandelt geglaubt,
und wäre dem Tier schluchzend und weinend
um den Hals gefallen.

Während Nietzsche sich auch für die Außenwelt
immer auffälliger benahm, trafen seine Briefe in Basel ein.
Jacob Burckhardt, zu diesem Zeitpunkt 71 Jahre alt,
bat den knapp zwanzig Jahre jüngeren
Franz Overbeck um Hilfe.

Dieser machte sich auf den Weg nach Turin
und traf dort, am 8. Januar 1889,
nach einer 18 - stündigen Zugfahrt ein.
Er fand Friedrich Nietzsche in einem beinahe
unbeschreiblichen Zustand vor.

Dämmerung und Nacht

T.K. liest.

Overbeck schilderte die Situation so:

,,Mit dem fürchterlichen Moment, wo ich Nietzsche wiedersah,
in ganz einziger Weise ein fürchterlicher Moment,
erblicke ich Nietzsche in einer Sophaecke
kauernd und lesend – entsetzlich verfallen aussehend,
er stürzt sich auf mich, umarmt mich heftig,
mich erkennend und bricht in einen Tränenstrom aus
und sinkt dann in Zuckungen aufs Sopha zurück.

Nietzsche begann vom großen Empfang zu reden,
der für den Abend vorbereitet sei.
Damit war er im Kreise der Wahnvorstellungen,
aus dem er dann nie wieder hinausgetreten ist.

Es kam vor, daß er in lauten Gesängen
und Rasereien am Klavier sich maßlos steigernd,
Fetzen aus der Gedankenwelt hervorstieß
und dabei auch in kurzen mit einem
unbeschreiblich gedämpften Tone vorgebrachten Sätzen,
unsäglich schauerliche Dinge über sich als den Nachfolger
des toten Gottes vernehmen ließ, das ganze auf dem Klavier
gleichsam interpunktierend, doch, im ganzen
überwogen die Äußerungen des Berufs,
den er sich selbst zuschreibt, der Possenreißer
der neuen Ewigkeit zu sein, und er war außerstande,
selbst die Entzückungen seiner Fröhlichkeit
anders als in den trivialsten Ausdrücken
oder durch skurriles Tanzen und Springen wiederzugeben.“

Am 9. Januar 1889 traten Overbeck, Nietzsche
und ein unbekannter Helfer, die Fahrt nach Basel an.

In der damals so genannten Irrenanstalt,
stellte man als Krankheitsursache „Progressive Paralyse“ fest.

Auf Druck der inzwischen eingetroffenen Mutter Nietzsches,
wurde er eine Woche später in eine Anstalt nach Jena transportiert.
Das Krankenjournal in Jena beschrieb seine Ankunft so:

Zur Abteilung folgt der Kranke unter vielen höflichen Verbeugungen.
In majestätischem Schritt zur Decke blickend betritt er sein Zimmer
und dankt für den ,,großartigen Empfang“. Er weis nicht wo er ist.

Während des Sprechens grimassiert er fast unausgesetzt.
Er bezeichnet sich selbst als Herzog von Cumberland,
bald als Kaiser und behauptet:
Zuletzt bin ich Friedrich Wilhelm der Vierte gewesen.
Meine Frau Cosima Wagner hat mich hierher gebracht.
Franziska Nietzsche gelang es, die Ärzte zur Entlassung
ihres Sohnes zu bewegen.

Nach vierzehn Monaten verliess Friedrich Nietzsche Jena
und zog mit seiner Mutter nach Naumburg.
Hier unternahmen Mutter und Sohn täglich ausgedehnte Spaziergänge
und Nietzsche spielte sogar ab uns an auf dem Klavier.
Insgesamt aber verschlechterte sich sein Befinden zusehends.

Sein Freund aus frühesten Schultagen, Gersdorff,
urteilte im Februar 1891 in einem Brief an Overbeck:

,,Es scheint nun, als ob der Wahnsinn zum Blödsinn
umzuschlagen Miene macht.“

Auch Köselitz berichtete resignierend :

„Er spricht nur ganz wenig,eine Unterhaltung
ist mit ihm kaum mehr zu führen.
Ein Lächeln, ein Kopfschütteln,-
das ist so ziemlich alles, was sich ihm abgewinnen läßt.
Im vorigen Jahr hörte ich ihn noch
am Klavier spielen: in diesem Jahr war alles dahin.

Er hat gar kein rhytmisches Gefühl mehr,
alles ist verworren und falsch!

Sein Aussehen ist strahlend gesund,
sein Gang lebhaft, wie früher.“
Die größte Erregung zeigt er beim Lesen:
das Blut steigt ihm da zu Kopf und seine Rede wird
zu Gebell und Gepolter. Vom Verständnis dessen,
was er liest, ist keine Rede mehr.

Er liest die Seitenzahlen, die erste Zeile
und eine Zeile aus der Mitte der Seite,
dann wendet er um und macht es
das ganze Buch hindurch so.“

Mit der endgültigen Rückkehr Elisabeth-Förster-Nietzsches
aus Paraguay im September 1893,
begann eine neue, wie schon angesprochen,
nicht immer glückliche Ära.
Der bisherige Herausgeber der Nietzsche-Schriften, Köselitz,
wurde genötigt, ihr den gesamten schriftlichen Nachlaß zu übergeben.

Die von ihm redigierten Bücher zog sie ein,
ließ anschließend alles einstampfen und ordnete
eine neue Gesamtausgabe aller Schriften an.
Köselitz wurde erst 1899 als Mitarbeiter wieder beschäftigt.

Zu Weihnachten 1893 richtete Elisabeth Förster-Nietzsche
in der leerstehenden Parterre-Wohnung des Hauses,
das erste Archiv-Zimmer ein. Friedrich Nietzsches
allgemeines Befinden verschlechterte sich
währenddessen weiter.

Als Franz Overbeck im November 1895
ihn zum letzten Mal sah, schrieb er entsetzt:

„Er sprach mit mir kein Wort, ja richtete auf mich nur noch
einen gebrochenen, halb feindseligen Blick
und machte mir überhaupt den Eindruck eines todwunden,
edlen Tieres, das sich in den Winkel zurückgezogen,
in dem es nur noch zu verenden denkt.“

Im Dezember 1895 handelte Elisabeth Förster-Nietzsche
ihrer Mutter sämtliche Autorenrechte
und die damit verbundenen Einnahmen ab.

Am 1. August 1896, zog sie mit dem Archiv
nach Weimar um, denn hierhin, so meinte sie,
in die deutsche Klassikerstadt gehöre auch
das Werk ihres Bruders.

Nach dem Tode der Mutter nahm Elisabeth Förster-Nietzsche
ihren Bruder im August 1897 zu sich in die Villa Silberblick
und pflegte ihn in seinen letzten drei Lebensjahren.
Dort verbrachte er dann den Tag in meist apathischem Zustand,
im Lehnstuhl sitzend, und von seiner Schwester
in ein langes weißes Gewand gehüllt.

Der Schriftsteller Karl Böttcher erzählte,
Nietzsche habe manchmal kurze Sätze gesprochen:

LG ein letztes Mal.

In diesem Haus wohnen lauter gute Menschen.
Ich habe viele schöne Sachen geschrieben.
Mehr Licht. Summarisch tot.
Ich bin tot, weil ich dumm bin.

TK zum Letzten.

Gabriele Reuter – 1895: Die bleichen, wundervoll geformten Hände
lagen wie bei einer in Stein gehauenen alten Grabfigur gekreuzt
über die Brust. Ich stand zitternd unter der Gewalt des Blickes…
die Pupillen verschwanden halb unter den Liedern, und rollten
blicklos angstvoll unter den gesenkten Wimpern hin und her.

Ernst Horneffer – August 1899: Jeder muss sich glücklich schätzen,
der Nietzsche als Kranken gesehen hat…Ich stand still,
von Ehrfurcht gebannt… Die Nase war sehr fein und vornehm
geschnitten. Dieselbe Vornehmheit kam besonders auf dem
Todtenbette zur Geltung. Das volle Haar war ganz schwarz
und seidenweich wie Frauenhaar. Die ganze Sensibilität,
das Feminine seines Wesens glaubte man in diesen seidigen
Haaren finden zu müssen…Am gewaltigsten aber, am schönsten
war er auf dem Todtenbette. Da erschien er in Wahrheit wie ein
todter Gott.

Heinrich Köselitz – 14. Oktober 1899 Nietzsche ruht, in ein
weißes Flanelhemd gehüllt, oben den ganzen Tag auf einem Diwan….
Als ich ihm auf dem Klavier vorspielte, schienen wie aus der Tiefe
seines verschwommenen Gedächtnisses aufzuleuchten: er klatschte
ganz matt und fast unhörbar in seine Christushände.

In der Nacht zum 25. August 1900, erlitt Friedrich Nietzsche
einen Schlaganfall und starb kurz vor Mittag desselben Tages.
Drei Tage später begrub man ihn auf dem Familien-Friedhof
in seinem Geburtsort Röcken.

Ende ?

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