Der neue Blog ist unter http://campodecriptanablog.apps-1and1.net erreichbar




8. Februar 2006

Vier Aphorismen und Miniaturen

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 18:02

Von Tanja Krienen

Das Kunstluderchen

Den Fakt, während des Schauspielerns durch keinerlei Wissen über die benötigten handwerklichen Fertigkeiten gehindert zu werden, machte er beim Singen mit seinem untrüglichen Gespür für die störenden Töne wieder wett.

Der Entertainer

Mit fledermausartiger Flinkheit, spitzohrig und zähnig, brausend durch die Nacht, Worte fangend; Chamäleon-artig fix und flink die Maske wechselnd; Sandmäuschenschnell huschend über die Phrasenkörnchen wüstengleicher Medien-Ödnisse; Spinnenbehend Verdauliches einwebend; als schlauer Fuchs, als Lore Lorenzi avanti – so kannten wir ihn. Doch als er eines Morgens erwachte, sah er ein flimmerndes Bild in der Ferne, dort ganz hinten am Horizont - und einen Riesen. Da erschrak er sogleich und verriegelte die Tür. „Aber es ist doch nur eine Fata Morgana“, sagte Herr Tur Tur, und lachte, als er näher gekommen war. Doch der Entertainer hörte ihn nicht, denn er war längst wieder damit beschäftigt, sich einen mutigen Witz auszudenken.

Gottes Tod

Als er starb, er, den sie Gott nannten, ergriff sie, die Familienmitglieder und Nachlassverwalter, eine große Unruhe. Jetzo bemerkten sie erst, dass, so sehr sie auch suchten, nicht einmal eine Geburtsurkunde vorhanden war.

Beim Barte des Propheten

Als Schopenhauer neulich auf der Wolkenbank so hastig mit seinem Pudel Atma einher lief, auf dass er die Richtung gänzlich verlor und im Nebel minutenlang wie blind herum irrte, traf er plötzlich auf eine junge hübsche Frau, die sich schreiend umdrehte und weglief. Weil auch ein Schopenhauer beleidigt ist, wenn er glaubt, jemand habe Angst vor ihm, schaute er schnell in den nächsten Spiegel, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken – er sah so grimmig aus wie immer. Da trat plötzlich ein finsterer Mann auf ihn zu und herrschte ihn an:
„Weißt du nicht wo du bist?“
„Nein, antwortete Schopenhauer wahrheitsgemäß, „doch dünkt es mich ein wenig misanthropisch hier, was meiner Laune fürwahr nicht abhold ist. (Er lächelte den Kerl dabei schelmisch an).
„Du bist hier im Orient-Himmel und hast eine unserer jüngsten Vestalinnen unverschleiert gesehen!“
„Oh!“ entgegnete Schopenhauer, „wenn das so ist, hätte ich besser den Nietzsche mitgebracht, doch der hatte leider mal wieder Kopfschmerzen und war wenig guter Dinge, um mit mir einen…“
„Schweige er! Beim Barte des Propheten! – wagst du dich noch einmal in die Nähe einer unserer Vestalinnen, werden wir dich auf dem Markt verhökern – ausgestopft – hähä!“
Schopenhauer schluckte ein wenig, sagte dann aber, den Rückwärtsgang einlegend: „Der Bart sollte, als halbe Maske, polizeilich verboten sein. Zudem ist er, als Geschlechtsabzeichen mitten im Gesicht, obszön: Daher gefallt er den Weibern“*
Den Messern, die der erboste Kerl nach Schopenhauer warf, wich jener elegant aus. „Fürderhin“, murmelte er jedoch in sich hinein „werde ich aber meine Wege vorsichtiger wählen.“ „Raff raff“, stimmte Atma zu, wedelte mit dem Schwanz und bog mit seinem Herrchen um die nächste Ecke, wie dieses froh, diesmal noch davon gekommen zu sein.

Arthur Schopenhauer, Die Kunst zu beleidigen, Hrsg: F. Volpi, Beck, München 2002



Karikaturen: Michael Keller und F. W. Bernstein

Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare.

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack-URL

Einen Kommentar hinterlassen

You must be logged in to post a comment.

kostenloser Counter

Weblog counter