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5. August 2005

Fußball ist unser Leben

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 08:08

Von Tanja Krienen

Heute beginnt die neue Saison, mit ihr das CAMPO-Kicktippspiel Kicktippspiel
und deshalb gibt es nun einen illustrierten Text dazu.

Der Vermutung, in einem gesunden Körper müsse auch zwangsläufig auch ein gesunder Geist stecken, oder, ins Gegenteil verkehrt, wo ein ungesunder Körper zu erblicken sei, wäre der Geist krank, entgegnete man im deutschen Fußball immer mit der Antithese der praktischen Anschauung, sprich: Schon 1939 nämlich wussten die Verantwortlichen bei Borussia Dortmund in ihrer Festschrift wie die elf Kameraden - die zu diesem Zeitpunkt eher Volksgenossen waren - beschaffen sein mussten: „Im Dritten Reich gilt nicht nur das Wissen, sondern auch die Kraft, und höchstes Ideal ist uns der Menschentyp der Zukunft, in dem strahlender Geist sich findet im herrlichen Körper.”

Doch wie findet der gute Geist den gesunden Körper? Steht er eines Tages vor der Außenhülle – nehmen wir mal an - Kevin Kuranyis und sagt: „Da bin ich!“ - ? und wird Kuranyi dann antworten: „Sei mir willkommen, oh lieber Geist, mein Geist! Höchst erfreut deines erzückenden Anblickes, werde ich von nun an mit dir sein und du mit mir, auf das wir teilen wollen allen Schmerz, alle Freude, auch die, die ich einmal im Jahr empfinde, wenn ich das Tor, ach, das dumme, profane Tor, treffe.“ - ?

Der Chef und die alten Kameraden

Nun braucht es wohl ab und zu und überall einen, der dem Klassenlehrer die Tasche trägt, ihn als übermenschlichen „Chef“ anhimmelt; und weil der Fritz Walter (seit 1940 im der deutschen Elf) diese Rolle so vorzüglich personifizierte, durfte er nicht nur die Tasche, sondern manchmal auch den „Chef“ (seit 1936 Trainer der Nationalmannschaft) höchstpersönlich auf den Schultern tragen, mindestens aber, und stets, im Herzen. Die anderen zehn Kameraden hatten zu parieren – wieso nicht, schließlich hatten sie das beim „Kommiss“ oder in der HJ ja auch glänzend und ohne Widerspruch getan.


Originalkarte aus dem Jahre 1954, Archiv Tanja Krienen

Sindelar. Wer war schon Sindelar? „Das soll ein Fußballer sein?”, hatte Herberger in den 30er Jahren verächtlich bemerkt. Ja, wer war Sindelar?

Matthias Sindelar - der papierene Tänzer

Er war ein Kind aus Favoriten
und hieß Matthias Sindelar.
Er stand auf grünem Platz inmitten,
weil er ein Mittelstürmer war

Er spielte Fußball, und er wußte
vom Leben außerdem nicht viel.
Er lebte, weil er leben mußte
vom Fußballspiel fürs Fußballspiel.

Er spielte Fußball wie kein zweiter,
er stak voll Witz und Phantasie.
Er spielte lässig, leicht und heiter,
er spielte stets, er kämpfte nie.

Er warf den blonden Schopf zur Seite,
ließ seinen Herrgott gütig sein,
und stürmte durch die grüne Weite
und manchmal bis ins Tor hinein.

Es jubelte die Hohe Warte,
der Prater und das Stadion,
wenn er den Gegner lächelnd narrte
und zog ihm flinken Laufs davon.

Bis eines Tages ein andrer Gegner
ihm jählings in die Quere trat,
ein fremd und furchtbar überlegener,
vor dem’s nicht Regel gab noch Rat

Von einem einzigen harten Tritte
fand sich der Spieler Sindelar
verstoßen aus des Planes Mitte
weil das die neue Ordnung war.

Ein Weilchen stand er noch daneben,
bevor er abging und nachhaus.
Im Fußballspiel, ganz wie im Leben,
war’s mit der Wiener Schule aus.

Er war gewohnt zu kombinieren,
und kombinierte manchen Tag.
Sein Überblick ließ ihn erspüren,
daß seine Chance im Gashahn lag.

Das Tor, durch das er dann geschritten,
lag stumm und dunkel ganz und gar.
Er war ein Kind aus Favoriten
und hieß Matthias Sindelar.

( Friedrich Torberg, “Auf den Tod eines Fußballspielers”)

Und Alfred Polgar schrieb: „Der brave Sindelar folgte der Stadt, deren Kind und Stolz er war, in den Tod. Er war so verwachsen mit ihr, daß er sterben mußte, als sie starb. Aus Treue zur Heimat - alles spricht dafür - hat er sich umgebracht; denn in der zertretenen, zerbrochenen, zerquälten Stadt leben und Fußballspielen, das hieß, Wien mit einem abscheulichen Gespenst von Wien zu betrügen. (…) Aber kann man so Fußballspielen? Und so leben, wenn ein Leben ohne Fußball keines ist ?”

Die neue Zeit kam und ging, Herberger blieb, selbst, als 1963 die Bundesliga eingeführt wurde. Als sich Herbergers tapfere Elf, die elf Kameraden glorifizierter Harmonie (man höre mal die Ersatzspieler dazu), 1958 in Schweden beweisen mussten, da half weder „Hans Schäfers Bombe“, noch der „Kampf Eckels“, auch nicht die „Torkanone Rahn“, da mussten sie sich „tapfer geschlagen“ geben, weil sie „ein halbes Hundertausend fanatische Zuschauer“ gegen sich hatten, die sich „eine Fußballschlacht“ wünschten und eine „tönende Mauer“ bildeten, sodass die „rollenden Angriffe“ der Deutschen verpuffen, obwohl der Rahn „einen Schwarm von Schweden hinterher schleppte“, die ihn dann jedoch „einkesseln“, „zudecken“ und „an die Kette legen“, dabei „Heja Heja“ schrieen und der Schiedsrichter bei den Fouls der Schweden „nur zwei Augen hat, die ständig anderswo sind“, jedoch die „Wikinger“ sich nach „guter italienischer Schauspieler-Schule“ am Boden wälzen. Doch auch als der „Angriffs-dirigent Fritz Walter“ die Mannschaft gegen die „hungernden Schweden“ zurücklassen muss, „kämpfen sie bis zum Umfallen“ mit „unerhörter Tapferkeit“, gegen die „entfesselten Schweden“, und gehen als „ritterliche Verlierer“ vom Platz. (Sämtlich Originalzitate aus „Dramatische Fußballkämpfe gegen Herberger tapfere Elf – gewidmet Sepp Herberger und seinen tapferen achtzehn Schweden-Spielern“, Fischer-Verlag JUGEND-BÄNDE“!).

Wir und Ich

Legenden, Sprüche, geradezu mystisch verklärte Ereignisse, sind nicht gerade rar im Fußballsport. Selten wurde es konkret politisch - “Was soll man schon erwarten? Der hat früher immer Dynamo Ost-Berlin zum Titel gepfiffen.“ (Otto Rehagel).

Doch als sie noch elf Kameraden waren, schienen sie zumindest hier und da mit individuellen Eigenschaften versehen (Horst Szymaniak: „Wenn ich malochen soll wie´n Schwein, kann ich auch aussehn wie´n Schwein.“; Lothar „Emma“ Emmerich: „Gib mich die Kirsche!”; Klaus Fischer: „Ich lese keine Bücher.“; Erwin Kostedde: “Ich möchte nie mehr arbeiten, sondern nur noch am Tresen stehen und saufen.”; Georg „Katsche“ Schwarzenbeck: “I hab’ oft in’n Spiegel g’schaut, meine lange Nase g’seng, meine Wimmerl im G’sicht. Dann hab’ i mi g’fragt, warum i denn so ein schiacher Hund bin.”); doch nun, da sie nur noch „ein Team“ sein sollen, gibt es keinen Spieler, der sich ein deutliches Wort auf dem Feld getraut.


Horst Szymaniak (”Ein Drittel mehr Geld?” Nee, ich will mindestens ein Viertel.”)

Wie denn auch, ist es doch oberstes Gebot „Wir“ zu sagen, wenn man sich und die Mannschaft meint, da eine Rolle, herausgehoben aus der Zwangsgemeinschaft, nicht sakrosankt ist, sondern sanktioniert wird. Der alte österreichische Kabarettklassiker von Bronner & Wehle „Der Opitz und der Zwirschina“, könnte leicht zum „Der Ballack und der Schweinsteiga“ umgedeutelt werden.

Wo früher noch Szepan und Kuzorra davon sprachen, den Ball „ins Tor gewichst“ zu haben, Grabowski sich 1970 in Mexico freute: „Ab und zu kamen Mädchen an und wollten Autogramme oder mehr. Das alles haben wir sehr genossen”, da sagen Sie heute Sätze wie: „Wer soviel einstecken muß wie ich, weint nicht mehr als andere Männer auch.” (Andreas Möller) oder „Da krieg’ ich so den Ball und das ist ja immer mein Problem.” (Gerald Asamoah).


Gerd Müller, auch “Der Bomber” genannt

Statisch, ohne Risikofreude, bieder und betulich, gleichgeschaltet in ihren Äußerungen, so präsentierten sich ,,Deutschlands beste Fußballer“, nicht zum ersten Mal bei einem großen Fußball-Turnier, auch wenn aktuell eine kleine Leistungssteigerung, ein Zwischenhoch, zu verzeichnen ist. Was hatte man ihnen nicht alles beigebracht, geradezu gedrillt wurden sie, man gewöhnte ihnen sogar ab, jeden Satz mit „Na gut…“ zu beginnen. Strategien wurden entworfen. Dabei galt Bayern-Manager Uli Höness stets als Vorbild, soll doch, wie man sagt, sein größter Verdienst darin bestehen, dass er Jürgen Wegmann nach dessen Wechsel von Dortmund nach München, niemals ein Live-Interview gestattete. Welch grandiose Leistung!

Wie wichtig dies auch bei dem bekanntesten der Fußballdampfplauderer gewesen wäre, sieht man an den Äußerungen von Lothar Matthäus. Als dieser in New York ankam verkündete er: „I look not back, I look in front” hinzufügend: „Jeder, der mich kennt und der mich reden gehört hat, weiß genau, dass ich bald Englisch in sechs oder auch schon in vier Wochen so gut spreche und Interviews geben kann, die jeder Deutsche versteht.”

Nun aber agiert die neue Generation der Selbstzweifler, Langsamdenker und Mundhalter. Doch – siehe oben – solange sie laufen, wird ihnen jede Niederlage verziehen, ist ein Unentschieden so gut wie Sieg, ja: es ist ein Sieg! Hauptsache, man hat die Freiheit „Huuuuuuuuuth“ grunzen zu dürfen.

„Mentale Probleme“ sind in. Wenn schon keine Welle der Beigeisterung rollt, dann neuerdings die, der psychologischen Behandlungen. Doch vielleicht gibt es doch noch eine Hoffnung, dann nämlich, wenn sie im Kämmerlein zu üben beginnen. Nicht das Ballhochhalten, Köpfen oder Drumdreinkucken (das geht auch ohne Training), sondern - sie treten einfach vor den Spiegel, holen tief Luft und sagen einmal laut: Ich! Ganz einfach nur: Ich!

„Man darf jetzt nicht alles so schlecht reden, wie es war.” (Fredi Bobic)


Auszug eines Briefes des Kicker-Chefredakteurs an mich, 1983: “Noch nirgends auf ein solches Maß von Intoleranz gestoßen”


Wo man vorbildlichen Fußball spielt


Wo man noch besser spielt: Breitner und Netzer im Trikot der Königlichen (Real Madrid)


TK mit dem Spielgerät, ohne das die Welt eine entschieden schlechtere wäre

3 Kommentare »

  1. Diese interessante Kritik aus dem Blutgrätsche-Forum möchte ich doch niemandem vorenthalten:

    Interessant, speziell der Ausschnitt aus dem Brief des Herrn Heimann weckt bei mir starke Neugier, aber man kennt ja den Namen der Autorin, insofern überrascht das alles irgendwie nicht ;) Der Text selbst ist weniger anspruchsvoll - vor allem im Vergleich mit einigen anderen, zu der sie schon in der Vergangenheit in der Lage gewesen ist. Die Zitate sind größtenteils fußballerische Grundbildung und auch der Jammer über “Ja gut…” nicht taufrisch, insofern stößt man mit einem solchen “Pseudo-Insider” vermutlich hier nicht auf offene Ohren oder begeisterte neue Klicks für die Site. Dennoch eine kurzweilige Zeitreise, einmal lesen reicht in dem Fall aber. Auch wenn ich ja eher ein aristotelisches Menschenbild pflege (trotz viel zu häufiger trauriger gegenteiliger Realität), liest man doch gerne auch mal die materialistische Konkurrenz, vor allem wenn jemand seinen Kopf anscheinend für verschiedene Dinge und völig unterschiedliche Aspekte menschlichen Lebens benutzen kann! “Respekt und Robustheit” sage ich dazu mal ;)

    Kommentar von Campo-News — 5. August 2005 @ 16:20

  2. “Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien!”
    (A. Möller)…

    Kommentar von hegelxx — 5. August 2005 @ 19:30

  3. http://www.rolandtichy.de/kolumnen/herles-faellt-auf/fussball-ist-unser-leben-und-in-der-ard-unser-gehirntod/

    Kommentar von Campo-News — 20. Juni 2016 @ 12:24

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