Campo de Criptana




27. Juli 2005

Fragen Sie Frau Krienen (und: Dehmlich gelaufen)

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 19:20

Sprechstunde Nr. 6


TK: Dr. Deisler! Hallooooo, wo stecken Sie denn?


TK: Nana, wird schon schlimm sein, das glaube ich, aber haben Sie Mut und holen Sie ihn herein - aber machen Sie den obligatorischen Waffen und Hygiene-Scheck. Los, wir haben wenig Zeit!

Aha! Ein Aktivist der neuen SED und anderer Ungereimtheiten! Tach!

Sascha Maulfaul: (nickt)

TK: Und nun? Die Rubrik hier heißt „Fragen Sie Frau Krienen“. Was gibt es zu fragen? Schau, Dr. Deisler hat sich schon so erschrocken, als er dich sah – jetzt kannst du das nur mit einer sehr sehr guten Frage wieder gut machen!

SM: Mir kommt das so vor, als würden Sie sehr antikommunistisch sein. Sie waren doch früher auch mal links.

TK: Nun, es ist nicht der Leuchtturm, der sich vom Wasser weg oder hin bewegt, wenn Ebbe und Flut wirken…

SM: Elitäres Gefasel! Haben Sie kein Mitleid mit den Armen?

TK: Ei gewiss, siehe her Der große Minderheiten-Report - nur: ich kenne keinen wirklich Armen. Das ALGII ist doch eine prima Sache, die jedoch keine endgültige Lösung darstellt, denn ein Arbeitsloser kostet im Monat durchschnittlich mehr als 1600 Euro. Ein ALG II Empfänger erhält insgesamt immer noch ein Leistungspaket, das rund 1000 Euro umfasst.

SM: Sie sind zynisch, wie wollen Sie mit 345 Euro im Monat auskommen?

TK: Das soll doch aber nur vorübergehend sein – bei einer sozialistischen und wettbewerbshemmenden Regierung bleibt das womöglich ein Dauerzustand für Millionen. Aber: Weißt Du noch, Sascha Radikalinski, dass rot-grün bis zur Wahl 1998 immer ein allgemeines Bürgergeld forderte, welches man seinerzeit bei 1300 bis 1400 Mark ansetzte? Wir liegen heute deutlich darüber und 345 Euro X 1,98 DM sind immerhin schon 683 DM! Zudem: Du rauchst! Du kiffst wahrscheinlich. Du hast ein Handy – ja herrje, weißt du was Armut früher bedeutete, als man sich wenigstens noch rasierte? Und weißt du, was „sparen“ bedeutet? Schon mal gehört?

SM: Zynisch, Frau Krienen, einfach nur zynisch.

TK: Keineswegs, nur lasse ich die Verbreitung von Sozialkitsch nicht zu und habe etwas dagegen, wenn wirkliches Leid und wirkliche Armut instrumentalisiert wird, und so für eine dirigistische Ungerechtigkeits-Republik geworben wird, die nämlich ungerecht ist, weil sie die Schaffenden und stärker eigenverantwortlich Lebenden bestrafen will, und zudem noch ganz andere ideologische Optionen in der Hinterhand, im Hinterhalt, hat.

Auf deinem Plakat fehlt noch ein „national“ vor sozialistisch und irgendeine Schimpferei im NPD-Stil, die den Rauswurf von „Fremdarbeitern“ fordert. Und statt deiner Diffamierung ausländischer Staatsmänner, die für die Demokratie und den materiellen Wohlstand mehr getan haben als jedes deiner kommunistischen Vorbilder, solltest du schon konsequent „Gegen Wall-Street und die jüdische und anglo - amerikanische Vormachtstellung“ auf dein löchriges und schmutziges Pappding schreiben, damit man weiß, wie nah ihr denen steht, die ihr vorgebt zu bekämpfen. Doch weiß man bei euch ja nie, ob sich die Hand, die man euch besser nicht reichte, umgehend zum strammen Gruß mit ausgestrecktem Arm öffnen, oder als geballt erhobene Faust schließen wird.

SM: Bah! Ihre Polemik gegen Gregor neulich fand ich widerlich!

TK: „Gregor“? Kennt ihr euch? Widerlich? Zusammenfassende Fakten sind widerlich? Jaja, für euch Hammer und Sichel-tshirt-Träger, für euch Ewiggestrige, vielleicht. Und: „Gregor“ muss das wegstecken, der hat soviel weggesteckt. Im Übrigen kommentiere ich eure Führer so, wie es mir passt und vor allem: In der Sache. Hier, hast du noch meine Polemik, die ich vor zwei Jahren schrieb, als ein anderer eurer Klassiker-Riege endlich die Kurve kratzte. Und jetzt raus hier. Halt! Dein Plakat bleibt hier. Das wird im Winter verheizt und hilft den kuscheligen Kamin warm zu halten. Dr. Deisler, nehmen Sie ihm das schmuddelige Teil ab und werfen Sie ihn hinaus.

Dehmlich gelaufen

Von Tanja Krienen

(Bericht über den “Sonderparteitag” der P”D”S im Somer 2003, im Tempodrom zu Berlin)

Der Mann war sauer. Ja, es ist für den Diether dämlich gelaufen. Da wartete er 1998 vorsichtig das positive Wahlergebnis ab, ehe er der PDS beitrat, empfahl sich und der Partei binnen weniger Monate als unentbehrlich, mogelte das fast fettlosen Corpus Delicti auf den Stellvertreter - Posten und ward sodann ein westlicher Hoffnungsträger mit obligatorisch großer Klappe und Agitpopprop-Luftnummern - welche drollige Lieblosigkeiten mit dem Aktionsradius eines Bierdeckels blieben - und deren famosester Medienevent in der „Aktentaschenaffäre“ des doch garantiert bar an Ideen, Zetteln und Unterlagen vom Hirn bis zur Sohle, die Treppen des Karl-Liebknecht-Hauses herunterstürzenden meck– und vorpommernschen Bartsches gipfelte.

Dehms Scheitern in einer Partei, welche die seinem Schaffen partiell artverwandte DDR-„Rock“musik noch immer nicht als stichhaltigstes Argument gegen den realen Sozialismus begreift, liegt in eben jener aufdringlichen, aber talentfreien, volkspädagogischen Penetranz schwülstigen Kulturknallchargentums, welches mit windig phrasierten Metaphern-Banalitäten stets dem Exkrementhaften näher stand, als die Schmeißfliege frisch ausgebrachter Gülle.

Unser Mann hat sich also schlichtweg verspektakuliert, jedoch, er kann beeindrucken! Wie er so im „Hemd über der Hose-Gestus“ im heißen Kreuzberger Tempodrom da stand („Und dann siehste Letzter biste und dann wankste bleich nach Hause – ganz wie beim Sechstagerennen“), die nassforsche Legenden-Rhetorik fein abgestimmt zum imitierten jugendbewegten Augenaufschlag, da kann ich – im Saal sitzend - nicht leugnen, für einen Moment daran erinnert worden zu sein, wie ein lebendiger Politiker wirkt, müsste man nicht der gezeigten Darstellung das Wort Spielerei zuschreiben und zuvor: falsch.

Dehm sieht sich als Vertreter des letzten aufrechten Restes in der Partei und sein bisheriges, Kampf erfülltes Leben, für die Entrechteten, Missachteten und Verachteten als eine ungebrochene Abfolge von Triumphen - bis zur jetzt erfolgten, „eiskalten Abservierung“ durch den jüngsten „Putsch von rechts“.

Er hat ja Recht – wie er es jahrelang als Organisator an der Seite von Katharina Witt aushielt, das war schon ein Zeichen größter Aufopferungsbereitschaft und eine Leidenszeit ohne bisheriges Muster; und wie musste er sich verhöhnen lassen, weil er weiche Wasser nicht nur aus dem Brechtschen Taoteking-Gedicht einkalkte, sondern dies auch noch eine holländische Gruppe plärren ließ, deren unorganische Töne in Ohrdruf eins aufs Ohr druff, in Dortmund, aber einen Schlag genau dort hin Wert gewesen wären. Vergessen wir auch nicht – wie böse „reaktionäre Zungen“ immer wieder behaupten - seinen heldenhaften Einsatz, den er im Auftrage der Stasi durchgeführt haben soll, nämlich in seiner Funktion als Manager von Wolf Biermann, diesen „so ganz nebenbei“ zu bespitzeln. Er war und ist eben ein toller Typ!


„Lerryn“ alias DD, aus „Liedermacher“ von Thomas Rothschild

Als jugendlicher Schnauz auf der beschaulichen Burg Waldeck gestartet, erfolgte nun das Finish mitten im zerpflückt-zusammengefügten Teil Berlins. Er steht nun mit wenigen Getreuen auf der Seite des Parteienspektrums, dessen Richtung noch erfunden werden muss, obwohl mit Antijudaismus und Ferkelmenschentum, so mancher noch den Anschluss in einem Land finden wird, das den Hauptfeind nicht mehr innerhalb der eigenen Grenzen, sondern an der Ostküste Babylons stehen sieht.

Tanja Krienen

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