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31. Mai 2005

Angela Merkel kommt: Deutschland wird immer privilegierter.

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 08:53

Die Union bestimmte gestern ihren Kanzlerkandidaten, der diesmal eine Kandidatin ist.

Sie sah richtig aus, sogar gut, als sie gestern ihre erste Rede nach der Kandidatur-Kürung hielt: Frisch frisiert, anders als sonst, und sogar mit lachenden Augen. Da es diese Äußerlichkeiten sind, die hier zuerst erwähnt werden, zeigt, worum der Unions-Wähler am meisten bangt. Ansonsten müssen wir noch warten, denn Inhaltliches werden wir erst mit der Vorstellung des Unionsprogramms Mitte Juli erfahren.

Was bisher an die Öffentlichkeit kommt, klingt prinzipiell nicht anders als das, was wir sieben Jahre lang hörten: Mehrwertsteuererhöhung, Gentest-Verbot, Türkeistreit undsoweiterundsofort. Der sonst so angenehm berechenbare Michael Glos redete im Spektrum seiner Gelassenheit so eifrig über die für ihn feststehende Tatsache, die Franzosen hätten die EU-Verfassung auch wegen der möglichen Aufnahme der Türkei in die Gemeinschaft abgelehnt (sehr mutig, vor allem, wenn man darüber schweigt, dass Spanien “mal eben so” jüngst fast eine Millionen bisher illegale Personen per Federstrich zu EU-Bürgern machte), dass man meinen könnte, die Welt sei von einem direkt auf sie zustürzenden, riesenhaften Kometen bedroht. Nun mag man in der Tat Versäumnisse „in Brüssel“ feststellen, doch wenn die Öko-SA Attack zum „Non“ auf den Straßen tanzt (beziehungsweise das ausführt, was sie tanzen nennt), dann scheint dort mit partiell richtigen Argumenten das Falsche geschehen zu sein. Bedenklich aber etwas, woran Glos nicht dachte: Sind es nicht die moslemischen Einwanderer mit dem Doppelpass, die beinahe geschlossen mit „Nein“ stimmten? Haben damit nicht zum ersten Male Menschen, die mit der europäischen Idee – im Gegensatz zur weitgehend kemalitisch geprägten Türkei – nichts anzufangen wissen, mitunter gar auf Destruktion aus sind, die Geschicke Europas vehement beeinflusst? Eine neue Qualität? Davon redet Glos nicht. Doch fügt er sinngemäß, doch süffisant an, es wäre sogar noch vorstellbar, ausgerechnet am 3. Oktober die Beitrittverhandlungen mit der Türkei aufzunehmen. Nun, wenn Deutschland an einem 3. Oktober so richtig zeigen will, in welchem Fahrwasser der lecke Kahn unter Schröder fährt, dann wären wohl Beitrittsverhandlungen mit der Mongolei das, was man dem Land wünschen möchte. Frau Merkel, übernehmen Sie!

Möglich also, dass die Gesamtgemengelage sich nur unwesentlich verschiebt, vielleicht sogar beschert sie uns ein schwarz-grünes Bündnis. Die deutsche Politik hat bisher noch alles geschafft, was sie sich nicht vorgenommen hat. „Zufallsprinzip“ raunt da die böse Stimme des politisch interessierten Mathematikers.

Frau Merkel will nun dem Volke dienen. Das hört sich gut an. „Mehr Gerechtigkeit“, brüllt das Volk, „mehr Freibier, mehr Volksmusik im Fernsehen, mehr Drogen, mehr Kindergeld, mehr Wohlfahrt, mehr Geiz ist geil.“ Wer dem Volk dienen will, braucht flinke Beine, denn wo immer das Volk eine Begehrlichkeit ausmacht, wird es sie volkstümlich formuliert einbringen. Gibt es eine Partei, die sich darüber definiert, dass sie dem Volk sagt, was sie von ihm hält?

Leicht umgeschrieben, so scheint es, gilt also der folgende Text, der vor ca. einem Jahr entstand, vorläufig endgültig - bis auf Weiteres, nämlich als Beschreibung des gewöhnlichen deutschen Zustandes:

Privilegiert

Frau Merkel hatte ´ne gute Idee
Die war so gut, die tat niemandem weh
Sie wollte mal reisen, wohin war ihr gleich
Und hät´es geregnet, wär´ sie schnell zum Scheich
Doch das war ihr zu weit, man kann es verstehn
(Die Füße nichts taugen, um lange zu gehn.)
Der Osten ist kalt, der Putin ein Russ´
So flog sie geschwind an den Bospurus
Im Gepäck, die geheimnisvolle Kraft:
Eine „privilegierte Partnerschaft“.
Sie sprach sehr sehr viel, schlürfte manchmal auch Tee
Still hörte man zu, dachte meistens: Oh weh!
Dann flog sie nach Haus und den Türken war klar:
In Deutschland ist nichts, wie es früher mal war.

Denn wir Deutschen sind schon privilegiert
Auch wenn mancher nicht weiß, wie`s geschrieben wird
Auch wenn mancher nicht weiß, wie man sich dann fühlt
Auch wenn mancher bald glaubt, er wird weggespült
Auch wenn mancher schon brav vom Weihnachtsmann träumt:
Wir leben im Zustand, den jeder versäumt!

Herr Trittin ist ein Mann, der weiß wie mans macht
Mal so schnell wie der Blitz, wenn’s nötig ganz sacht
Ist er doch der einzige bartlose Mann
Bei dem jeder doch glaubt, der Bart wär` noch dran!
Sein Fahrrad ist alt – doch er fährt gern Rad
Nicht weil es Spaß macht - weil Mao es tat!
Er radelte viel zur K-Gruppen-Zeit
Doch irgendwann hatte er es doch leid
Das ständige Treten in die Pedalen
Doch jetzt tritt er nie ab, nicht mal nach Wahlen
Die Sprache, der Stil: Engagierte Verknappung
Das Zauberwort „privilegierte Verpackung“!
Er mochte sie nicht, die blitzblanke Dose
Stand viel zu rund im Regal, war zu lose
Pfand ist wichtig, bringt Geld in die Tasche
Niemand sage, Trittin sei ´ne Flasche
Da hilft kein Protest, auch kein Sitt-In –
Er ist halt der Beste, der Herr Trittin!“

Denn wir Deutschen sind schon privilegiert
Auch wenn mancher nicht weiß, wie`s geschrieben wird
Auch wenn mancher nicht weiß, wie man sich dann fühlt
Auch wenn mancher bald glaubt, er wird weggespült
Auch wenn mancher schon brav vom Weihnachtsmann träumt:
Wir leben im Zustand, den jeder versäumt!

Wir haben Kultur und den Goethe im Schrank
Meiden Philosophie - von der wird man krank
Gucken den Dschungel - jetzt auch ohne das Buch
Haben nie Musikantenstadl genug
Der Superstar muss nimmer mehr sprechen könn´
Es reicht, dass er gut kreischen wird könn´
Wir sind jetzt allesamt Papst sogar
Unsere Welt! – sie wär´ wunderbar
Das ganze Volk ist ein tolles Kollektiv
Der Kanzler ist Leiter des ganzen Archivs
Das Arbeitsamt ein geil-cooles Haus

Schaut innen, wie Engelen-Käfer draußen, aus
Deutschland ist Klasse - allererste Sahne
Mit Glatzen und der…schönen roten Fahne
Man nennt uns noch immer gern: Der Germane
Wer richtig zuhört, hört nur noch: Der Ahne
Vergangenes geht, doch Deutschland, das steht
Das zittert und bebt, doch wenn etwas lebt,
Dann wird’s maltraitiert, rasiert, ausradiert
Abgeschmiert, lädiert, personifiziert
Wird diszipliniert, jetzt gar plastiniert
Polarisiert und auch fotographiert
Solang´ drangsaliert bis sich gar nichts mehr rührt
Zuletzt wird dann alles schnell ab und geführt.

Denn wir Deutschen sind schon privilegiert
Auch wenn mancher nicht weiß, wie`s geschrieben wird
Auch wenn mancher nicht weiß, wie man sich dann fühlt
Auch wenn mancher bald glaubt, er wird weggespült
Auch wenn mancher schon brav vom Weihnachtsmann träumt:
Wir leben im Zustand, den jeder versäumt!

Tanja Krienen

3 Kommentare »

  1. “Ich wüsste nicht, mit welchen Inhalten Frau Merkel zu verbinden wäre”

    Kommentar von Campo-News — 14. Mai 2010 @ 12:16

  2. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/dosenpfandes-bilanz-nach-zwoelf-jahren-ist-durchwachsen-a-1022713.html

    Kommentar von Campo-News — 19. März 2015 @ 11:09

  3. http://www.achgut.com/artikel/die_dekonstruktion_der_bundesrepublik_hat_begonnen

    Kommentar von Campo-News — 25. Februar 2017 @ 07:47

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