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14. April 2005

Feinstaub und Grobzeug

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 13:29

„Rettet unsere Städte“, schrie sie den schnell vorübereilenden Passanten schrill in die Ohren, „Auschwitz ist überall. Rettet unsere Städte!“ Ihre Stimme war hörbar heiser.

„Hast du mal ´ne Zigarette?“ fragte sie die langhaarige Kreatur unbestimmten Geschlechtes drei Meter neben sich. „Mit oder ohne?“, es grinste. „Ey, bist du beknackt, jetzt is´es doch noch viel zu früh dafür. Gib schon.“ Die Kreatur kramte in der Tasche und fingerte nach und nach eine ölige Fahrradkette, einen Dildo und ein Päckchen Tabak heraus. Ein Exemplar einer halb zerknüllten „taz“-Ausgabe folgte zuletzt. Es drehte seiner Mitstreiterin eine Zigarette und gab sie ihr.

„Feuer?“, fragte sie.
Sie steckten die Köpfe zusammen, der Rauch, der vertraute, stieg auf. Das „Ey-du-fühlst-du-es-auch-so-wie-ich-du-Gefühl“ verband ihre Lungen, ihre Herzen, ihr Hirn. Sie rieben sich aneinander und den Rauch ins Ohr, in die Poren. Sie waren eins. So wie damals, als alles begann. Samstagnachmittagsdemo-Sonnen-Wonne. Mädchenzimmer, Peace-Poster, Grönemeyer-Platte, Mutter wartete mit dem Essen. Reagan, der böse Sheriff, räumte ihre Ideale hinweg.

„Auschwitz ist überall. Rettet unsere Städte“, noch einmal schrie sie es laut, so laut sie es vermochte. Die Kreatur packte alles wieder in die Tasche, auch den toten Vogel, den es am Bordstein fand und den es, so hatte es sich überlegt, zu Hause solange streicheln wollte, bis es sicher sei, dass er, der Vogel, wirklich nicht mehr lebte.

„Hab´ kein Bock mehr.“, sagte sie nach einer Weile. Is´ irgendwo irgendwie nix los. Ich hau ab.“
„Ich komm´ mit“, sagte die Kreatur.

Sie packten die übrig gebliebenen Flugblätter und gingen. An der nächsten Straßenecke standen drei Personen vor einem Info-Stand „Für das werdende Leben. Stoppt die Abtreibung!“

„Kuck da - Faschos“, raunte die Kreatur. „Faschos raus!“ schrie sie die verängstigt schauenden Menschen an, „Alles Fascho-Dreck!“ Die Kreatur nickte heftig. Sie gingen weiter.

„Soll ich dich mitnehmen?“, fragte sie. „Oh ja, das wär´ Klasse. Hast du immer noch deine geile Kiste?“ „Claro“, sagte sie, müsste eigentlich längst zum TÜV, aber dat Ding hat keine Chance mehr.“ Sie standen nun vor einem alten bunten Volkswagen, Marke Käfer. „Nix wie rein“, sagte sie, „und ordentlich Gas gegeben, weißte, lange kann ich das hier nicht machen, dann kommen die Bullenschweine.“

Sie ratterten ab.

„Ich sehe was, was du nicht siehst“, lachte der kleine Junge mit dem Burger in der Hand, und versprach einem Mädchen ohne Gummireifen spontan, nie mehr Grönemeyer zu hören.

Tanja Krienen

1 Kommentar »

  1. Nebenbei erfahren wir auch, dass es weniger extreme Wetterlagen gab. Aha! https://www.wlz-online.de/landkreis/schadstoffe-luft-waldeck-frankenberg-fallen-rekordtief-7351440.html

    Kommentar von Campo-News — 2. Februar 2017 @ 11:56

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