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27. Juli 2014

Fernando Pessoa: Traurig in Lissabon

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 14:14

„In seinem Stall, aus dem er auf die Schlachtbank kommt, krähte der Hahn Hymnen auf die Freiheit, weil man ihm zwei Sitzstangen gegeben hat.“ FP (140)*

Was außerhalb seiner Heimatstadt Lissabon geschah, interessierte den Handelskorrespondenten Fernando Pessoa nicht besonders. Reisen hielt für unnötig („Die Vorstellung zu reisen erfüllt mich mit Ekel“), da man die Welt mit Phantasie und Träumen viel besser empfinden könne. Doch wie er die Welt in Lissabon widerspiegelte, hielt er minutiös vor allem zwischen 1930 und seinem Todesjahr 1935 in „Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“ fest. Er, der gelegentlich auch einzelne Beiträge in Literaturzeitschriften veröffentlichte, blieb der breiten Masse zu seinen Lebzeiten weitgehend unbekannt und starb im Alter von nur 47 Jahren an Leberzirrhose. Die extreme Vereinsamung und sein Rückzug in den letzten Jahren, geschilderte er auf tausenden Seiten die erst in den 80er Jahren ausgewertet wurden, sind zugleich ein erschütterndes Dokument der intellektuellen Schärfe, aber auch ein anrührendes Beispiel für einen Intellektuellen, der sich im profanen Leben einer für ihn mechanisch ablaufenden Welt zurechtfinden musste – und scheiterte.

Nie hätte er jemanden mehr für sein Scheitern verantwortlich gemacht, als sich selbst. Das Leben war seines Erachtens so wie es ist, es lief nach einem unergründliche Schema ab, in dem sich die Menschen nicht wirklich nahe kamen und nicht wirklich Interesse aneinander hatten, so auch er nicht wirklich am Leben anderer Anteil nahm und sich deshalb mit der Schilderung der Istzustände begnügte. Die aber hatten es in sich, vor allem die Selbstreflektionen. Warum es jedoch so war wie es war und warum es ihm so erging, wie es ihm erging, vermochte er nicht zu beantworten. Eine Selbstverweigerung. Er lebte in seinen Träumen, bis hin zur Penetranz. Undialektisch, fatalistisch. Handeln lehnte er ab, eine aktive Einmischung entfiel, er hasst den Tatmenschen geradezu („Tatmenschen sind die unfreiwilligen Sklaven der Verstandesmenschen.“) Seine Arbeit war die des Chronisten in eigener Sache, radikal, emotional und nüchtern zugleich.

Manchmal möchte man das Buch weglegen, nie mehr anrühren, wegschließen, verfluchen. Dann schrieb er vielleicht grad: „So manch verblassender Sonnenaufgang ist mich schmerzlicher als der Tod eines Kindes.“ Oder: „Stiehlt jemand aus Hunger ein Brot, ist dies unentschuldbar. Stiehlt aber ein Künstler zehntausend Escudos um zwei Jahre ungestört leben zu können, ist dies entschuldbar…“

Fernando Pessoa war aber kein großer Schimpfer, nur selten ein Menschenbeschimpfer, kein zugespitzt niedermachender Niedermacher, kein Karl Kraus, kein Emil Cioran, auch kein Neo-Nietzsche, so nicht mal einer, der im Geiste Schopenhauers unterwegs war, denn: „Ich klage nicht über die Welt. Ich protestiere nicht im Namen des Universums….Ich bin kein Pessimist, ich bin traurig.“ Und so lebt er sowohl in der Gefühlswelt, als auch in jener des Verstandes. Wohltuend: nirgendwo verliert er ein Wort über Blumen, Kochen oder Basteln.

Er sieht, riecht, schaut und schreibt. Das ist seine Welt. Wie er dies macht, rührt an, lässt mitfühlen und soweit man ein Auge hat um zu verstehen, auch mitleiden. Ein paar Zitate:

„Da…habe ich beschlossen, alles Handeln auf ein Minimum zu reduzieren, mich so weit wie möglich außer Reichweite von Menschen und Geschehnissen zu halten, mich in der Entsagung zu vervollkommnen und Verzicht bis zum Äußersten zu üben. So sehr ängstigt und quält es mich zu leben…Ja, ich empfinde das Leben als apokalyptisch und verheerend…Ich bin beständig in der Defensive. Ich leide am Leben und an den anderen…Selbst die Sonne entmutigt und betrübt mich….In meinem Leben gibt es nur feuchte Keller und lichtlose Katakomben…Ich empfinde mich am Ende einer alten, dominanten Zivilisation…In allem bin ich gescheitert…Nur in der toten Luft geschlossener Zimmer atme ich die Normalität des Lebens…Im Grunde ist mein einziges Vergnügen das Analysieren meines Schmerzes…Nomade und müde unter dem kalten Mitleid der Sterne.“ (Apokalyptische Empfinden)

Über Heinrich Heine: „Als Jude und folglich universaler Geist hat er die universale Natur der Menschheit klar durchschaut.“ (405)

„Ich habe so wenig vom Leben erbeten, und selbst dieses wenige hat mir das Leben versagt…Traurig schreibe ich in meinem stillen Zimmer, allein, wie ich es immer sein werde.“ (6)

„- nicht sie sind die Ursache für den geistigen Ekel, der mich angesichts der Schäbigkeit des Alltagslebens so häufig befällt. Die Menschen, die mich gewöhnlich umgeben, die Seelen, die mich durch tagtägliches Zusammensein und Gespräche kennen, ohne mich zu kennen, sie verursachen jenen Speichelkloß physischen Ekels in meinem geistigen Hals.“ (36)

 „ Ich stelle fest, daß ich mich, sooft ich auch heiter und zufrieden bin, doch immer traurig fühle.“ (41)

 „Die Einsamkeit zerstört mich, die Geselligkeit bedrückt mich.“ (48)

 „Mit ironischer Traurigkeit erinnerte ich mich einer Arbeiterdemonstration…Es war ein geballter, ungezügelter Zusammenschluß von erhitzten Dummköpfen, die an meiner abseits stehenden Teilnahmslosigkeit vorüberzogen und dies und jenes brüllten. Plötzlich verspürte ich Ekel…Die wirklich Leidenden rotten sich nicht zusammen, bilden keine Gemeinschaft. Wer leidet, leidet allein.“ (165)

 „Ich bin mich leid, objektiv und subjektiv.“ (204)

 „Ich leide nicht einmal. Meine Verachtung für alles ist so groß, daß ich mich selbst verachte und daß ich, da ich fremdes Leid verachte, auch das meine verachte und so, mit meiner Verachtung, mein eigenes Leid mit Füßen trete.“ (292)

 „Verwandeln wir unser Scheitern in einen Sieg, in etwas Positives, Erhabenes, mit Säulen, Würde und unserer geistigen Zustimmung.“ (307)

 „Die meisten Menschen, wenn nicht alle, leben ein armseliges Leben, armselig in all seiner Fröhlichkeit, armselig in fast all seinem Leid….“

 „Ich weiß, ich vermag Achtung zu erregen, nicht aber Zuneigung.“ (429)

 „Kunst ist Einsamkeit.“

 „Ruhig bin ich nur, wo ich schon gewesen bin.“ (481)

*Nummer des jeweiligen Fragments

https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/gesundepsyche/wissen-einsamkeit-ist-das-neue-rauchen_id_8837855.html

 

 

 

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