Campo de Criptana




25. Dezember 2009

Von heiligen Kriegen und dem Jingl vom 25. Dezember

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 10:21

 Zwei Weihnachtstexte


Von heiligen Kriegen, 1967, Reinhard Mey (Text: Walther Richter)

Man rief zum Djihad, zum heiligen Kriege,
Und zog von Medina und Mekka aus
Nach Palästina zur christlichen Wiege
Und auch bis nach Tunis und Spanien hinaus,
Mit Flammen und Schwert und ähnlichen Dingen,
Das Heil des Islam den Menschen zu bringen.
Man hat mit dem Halbmond das Kreuz verdrängt
Und wer das nicht wollte, der wurde gehängt.

Das ließ die Ritter des Kreuzes nicht rasten
Und um das Jahr Tausend, da war es soweit.
Da zog man mit Pferden, mit Waffen und Kasten
Zum Kreuzzug aus, zum heiligen Streit.
Mit Feuer und Schwert, so bringt man nun jenen
Erlösung von Türken und Sarazenen.
Und wer nicht dem Siege des Kreuzes enteilt,
Der wird mit dem Schwert in zwei Teile geteilt.

Warum kämpft man immer nur gegen die Heiden
Und gegen die andere Religion?
Man kann doch genauso die Ketzer nicht leiden,
Drum führte man Krieg um die Konfession.
Mit Wallenstein, Tilly und römischem Kaiser
Verbrennt man den Protestanten die Häuser,
Und diese erschlugen nun Alt oder Jung,
Nach vorher verabreichtem Schwedentrunk.

Auch heute, da ruft man zu heiligen Kriegen,
Und ist mit Worten und Taten dabei.
Und Allah und Himmel helfen beim Siegen,
Doch sagt mir, wo ein Krieg heilig sei.

 mey.jpg



Für was bist du gekommen (1966), Georg Kreisler

Genau am 25. Dezember a Jingl ward gebor’n auf unser’m Stern

Drei Kenige erschienen, es zu sehen,

Und hatten es, sobald sie’s sah’n, sehr gern.

Das war’n: Der Moishe König, a Vertreter,

Sein Bruder Jakob, aus der Slovakei,

Und dessen Sohn Emmanuel, a Trompeter,

Und ich war selbtverständlich auch dabei.

 

Die Eltern war’n der alte Josef Pollack,

Und seine Gattin, a geborene Schmock.

Wie alle standen zärtlich um die Wiege,

Am Schillerplatz Tir 11, im dritten Stock.

 

Nun, wir wären dort gestanden viele Wochen,

Doch mir war schon nach drei Minuten fad.

Drum trat ich vor, und hielt a kleine Rede,

Man kann fast sogn, es war a Referat, ich sagte:

 

Oij weij, kleines Wickelkind wos da liegt vor mir in der Wiege,

Ich hab Dich a sehr a wichtige Frage zu fragen, her mich aus:

 

Für wos bist Du gekommen, und machst der Mutter Müh’

Wie stellst Du Dir Dein weit’res Leben vor?

Die Welt Wird Dir nicht frommen, Du bist doch ka Genie,

Genies gibt hechstens alle hundert Johr.

Du wirst doch werden a schlechter Mensch, genau wie Dein Papa,

Wirst sein verfressen und nur auf’s Geld bedacht,

So wie Deine Frau Mama.

 

Also für wos bist Du gekommen, für wos brauchst Du die Welt,

Und wer, Du Untam, hat Dich herbestellt?

Wos wirst Du erreichen? Du wirst sein a Falott,

Wirst Dich zehn Mal vergleichen, und wirst machen bankrott.

Du wirst alle bestehlen, weil Dich jeder betriegt,

Und die Leit wer’n krakeelen, weil die Leit sin verrickt.

 

Erst wird man Dich impfen, dass Du nicht wirst marod,

Und dann auf Dich schimpfen, und Dir winschen den Tod.

Man wird Dich verpriegeln, schoyn als winziges Kind,

Und dann wird man kliegeln, dass wir alle so sind.

 

Also für wos bist Du gekommen, für wos machst Du Station,

Für was soll man den Eltern gratuliern?

Weil Du imstand sein wirst, etwas zu kaufen und dann zu verkaufen, für einen Profit?

Oder weil Deine Hände und Fiess sich vergrössern wer’n,

Aber das Hirn wächst doch nebbich nicht mit.

Oder für was bist Du Armer gekommen in unsere Mitte,

Bitte.

Sicherlich bereust Du diesen Schritt.

 

No, der Vater sprach, was willst Du ihn vermiessen,

Das arme Kind ist jetzt scho mies genug.

Die Mutter sprach: Ich werd’ Dich nicht mehr griessen,

Und wenn, so hoff ich, dass ich mer verschluck’.

Wos brauchst Du meinem Kind wos prophezeien?

Wos weisst Du, was er später einmal ist?

Vielleicht wird er a Anwalt, oder a Doktor,

A Wissenschaftler, oder a Dentist!

Wos sterst Du einer Mutter siesse Träume?

Vielleicht hat er als Kinstler a Talent,

Auch weise kennt er wer’n, wie König Schloime,

Vielleicht wird er sogar a Präsident, ( no,a Vizepräsident)

Er wird vielleicht, wer kann das heut’ schoyn wissen,

A mächtiger und grosser, guter Mann!

 

Da hielt ich ihr so gut es ging den Mund zu,

Und fing noch einmal selbst zu reden an, und sagte:

Oij weij, kleines Wickelkind, was da liegt in der Wiege, 

 Host Du gehert, was Deine Mutter vorgebracht hat?

 Da kann man doch nur wiederholen:

 

Für wos bist Du gekommen, für wos liegst Du jetzt da,

Wer soll Dir diesen Fehler je verzeih’n?

Man hat zwar angenommen, vor Allem die Mama,

Du wirst von andere Leite a Ausnahme sein.

Ma glaubt, Du wirst a Doktor sein, a Kinstler, a Jusrist,

A weiser Mann, wie Salomon, No und, wenn es so ist,

No dann, für wos bist Du gekommen, für wos machst Du Dich breit?

Denn grad, wenn Du wer bist, so tuste mir leid!

 

Wirst Du sein a Professor, der erforscht uns’re Welt,

Wird ma sogn, Du bist weltfremd, also brauchst Du ka Geld,

No und wirst Du a Kinstler, und der Kunst bleiben treu,

Wird ma sogn, ma koyft nix, weil, Du bist noch zu neu.

Oder wirst Du a Weiser, mit an hoh’n Ideal,

Der den Menschen will helfen,

Oij weij, dann wird’s katastrophal!

Denn dann wird ma Dich einsperrn, und Dich schlogn auf’s Haupt,

Weil man einem Propheten prinzipiell gornix glaubt.

Also für wos bist Du gekommen, für wos dieser Besuch,

Am  Fünfundzwanzigsten Zwelften, noch dazu.

Bist Du gekommen, damit Du dasselbe

Wie so viele andere Menschen erfahrst,

Oder damit Du Dir für Deine Kinder,

Die leider ja auch kommen, etwas ersparst,

Glaubst Du, die Leite von heit sind empfänglich für Liebe,

für Wohrheit?

Torheit!

Wärst Du nur geblieben, wo Du warst.

 

aus “Nichtarische Arien”, Cover “Literarisches und Nichtarisches”

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1 Kommentar »

  1. Raus aus der Parallelgesellschaft!

    Kommentar von Campo-News — 15. Februar 2010 @ 07:02

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