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5. November 2008

Schauspielhaus Kassel: “Frühlings Erwachen” von Frank Wedekind

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 13:09

Die Premiere des Stückes „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind am vergangenen Freitag, den 31. Oktober, im Schauspielhaus Kassel, überzeugte nicht immer und verdient sich nur eine durchschnittliche Bewertung. Hier ein Hinweis auf die folgenden Aufführungen des Stückes.

Wir schreiben das Jahr 1891. Wendla Bergmann ist soeben 14 geworden und kämpft in der Eingangszene mit ihrer Mutter um die Rocklänge. Sie will ihn kürzer, die Mutter – wir ahnen es - nicht. Der 15jährige Moritz Stiefel (ein „sehr gut“ für Peter Elter) dagegen kämpft gegen schlechte Noten und seine beginnende Männlichkeit. Sein Schulkamerad Melchior Gabor klärt ihn auf. Beide philosophieren über die Liebe und das Leben.

Das Drama, das nach Frank Wedekind bewusst heiter gespielt sehen sollte, zeigt die Nöte pubertierender Jugendlicher im Wilhelminischen Reich und – auch das verwundert den Leser sicher nicht – manches stellt sich heute nicht viel anders dar. Mit wenig Requisite auskommend, spielen die Darsteller (Agnes Mann würde gut in einem Brecht-Stück zur Geltung kommen) munter und gekonnt. Manche Regie-Einfälle überzeugen nicht, es geht mitunter zu plakativ zu. Die nasse Schlammorgie im letzten Drittel ist nicht nur für die Schauspieler eine Strapaze.

Hier und da scheint ein feministischer Blickwinkel durchzuschimmern. Ob die Darstellerin der Mutter Bergmann sich unbedingt rote Farbe (Blut) über den Unterleib gießen muss, während sie ihrer Tochter verschämt umständlich die Liebe zu einem Mann erklärt? Die bühnengerechte Onanie und Geschlechtsakte versetzen den Zuschauer ebenfalls in eine Rolle des Betrachters, aus der er so schnell als möglich heraus möchte.

Alles in allem aber klingt die „gute alte Zeit“ plausibel an, taucht man ein in die Welt vor der großen Explosion. Doch auch hier explodiert vieles. Man spürt die neue Zeit, die mit einem beginnenden Selbstbewusstsein zeigt. Die Existenz des Stückes ist schon ein Beweis dafür, dass die Zeit „reif“ ist.

Frank Wedekind schrieb rückblickend, zwanzig Jahre nach dem Erscheinen des Stückes: „Als Modell für den aus dem Grab gestiegenen Moritz Stiefel, die Verkörperung des Todes, wählte ich die Philosophie Nietzsches.“ Das hört die Rezensentin natürlich gern und nickt ob des Bildes zustimmend. Wedekind schrieb auch, er glaube „dass das Stück, wenn die Tragik und Leidenschaftlichkeit betont wird, leicht abstoßend wirken kann.“ Das trifft. Dort, wo es leidenschaftlich zugeht, zeigt die Aufführung Schwächen. Aber man sollte, so die Möglichkeit besteht, das Stück ansehen.

„Spring Awakening“ heißt die Musical-Fassung die im nächsten in Düsseldorf Premiere hat und am Broadway so erfolgreich war, dass sie acht Tony Awards erhielt. Der Inhalt und der Gegenstand sind wohl unkaputtbar. Ob dieser Fakt „unsere Zeit“ adelt?

4 Kommentare »

  1. Bad in Blut und Schlamm

    Kommentar von NRhZ — 12. November 2008 @ 18:49

  2. Wie man auf Deutsch opert - http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/wie_man_auf_deutsch_opert/

    Kommentar von Campo-News — 11. Juni 2011 @ 16:33

  3. Wagner, der es bisweilen nicht anders verdient hat, erfährt eine ähnliche Behandlung - http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/buh_rufe_in_bayreuth

    Kommentar von Campo-News — 28. Juli 2013 @ 16:54

  4. http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/fotokopien_einer_ausstellung

    Kommentar von Campo-News — 6. Februar 2015 @ 08:49

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