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11. September 2005

Kafka lebt

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 11:08

Zur Einführung des Schmierenstückes, tauchen wir in eine kafkaeske Geschichte ein, in der surreale Handlungsabläufe und eine groteske Logik, Menschen zu fürchterlichen und schematisch handelnden, in einer Welt des Jenseits werden lässt. Doch es scheint nur so, als wäre dies alles eine Fiktion. Es geschah diesseits und: immer wieder!

Der vorliegende, schöpferisch veränderte Kafkatext, setzt sich aus sechs verschiedenen Erzählungen zusammen, Fragmentarisches fügt sich zusammen, aus: Die Abweisung, Der Schlag ans Hoftor, Fürsprecher, Der Steuermann, Der Bau und Der Geier; Veränderungen oder Zusätze erfahren ihre Ausformung durch eben diese Schrift. Nicht wundern, wenn das alles sehr bekannt vorkommt, es hat sich nämlich, und das ist eine unumstößliche Gewissheit, die selbst das Ohr der Tumben erreicht, seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte nichts geändert.

Die Abweisung

Die Gemeinde liegt nicht etwa an der Grenze, bei weitem nicht, zur Grenze ist es noch so weit, daß vielleicht noch niemand aus der Gemeinde dort gewesen ist. Zehn solche Gemeinden, nebeneinander gelegt, und von oben noch zehn solche Gemeinden hineingezwängt, ergeben noch keine dieser riesigen und engen Städte.

Und nun ist es merkwürdig, und darüber wundere ich mich immer wieder von neuem, wie sich die Bürger in der Gemeinde ruhig fügen. Ein bärtiger Oberst also beherrscht die Stadt. Ich glaube, er hat noch niemandem ein Dokument vorgezeigt, das ihn dazu berechtigt. Einige Soldaten überwachen alles. Am auffallendsten ist an ihnen das Gebiß, das förmlich allzusehr ihren Mund füllt, und ein gewisses unruhig zuckendes Blitzen ihrer kleinen schmalen Augen. Durch dieses sind sie der Schrecken der Kinder. Es kommt dann freilich auch noch anderes hinzu. Die Soldaten sprechen einen ganz unverständlichen Dialekt, können sich an den der anderen kaum gewöhnen und sind in einem bösen Sinn unerträglich.

Der Schlag ans Hoftor

Es war Sommer, ein heißer Tag. Ich kam auf dem Nachhauseweg mit meinem Bruder an einem Hoftor vorüber. Ich weiß nicht, schlug er aus Mutwillen ans Tor oder aus Zerstreutheit oder drohte er nur mit der Faust und schlug gar nicht. Hundert Schritte weiter begann die Stadt. Wir kannten sie nicht, aber gleich kamen Leute hervor und winkten uns, warnend, erschrocken, gebückt vor Schrecken. Die Hofbesitzer werden uns verklagen, gleich werde die Untersuchung beginnen. Ich war sehr ruhig und beruhigte meinen Bruder. Er hatte den Schlag wahrscheinlich gar nicht getan, und hätte er ihn getan, so wird deswegen nirgends auf der Welt ein Beweis geführt. Ich suchte das den Leuten zu erklären. Später sagten sie, nicht nur mein Bruder, auch ich als Schwester werde angeklagt. Ich nickte lächelnd. Doch wirklich, bald sahen wir Reiter ins weit offene Hoftor einreiten. Ich drängte meinen Bruder fort. Ich sagte, er solle sich umkleiden. Endlich folgte er und machte sich auf den langen Weg nach Hause. Schon waren die Reiter bei mir, noch von den Pferden herab fragten sie nach meinem Bruder. Er ist augenblicklich nicht hier.

Die Antwort wurde fast gleichgültig aufgenommen; wichtig schien vor allem, daß sie mich gefunden hatten. Es waren hauptsächlich zwei, der Oberst, und sein stiller Gehilfe, der Aßmann genannt wurde: Ich wurde aufgefordert in die Bauernstube einzutreten. Als ich die Schwelle der Stube überschritten hatte, sagte der Oberst: „Diese Frau tut mir leid!“

Es war über allem Zweifel, daß er damit nicht meinen gegenwärtigen Zustand meinte, sondern das, was mit mir geschehen würde. Die Stube sah einer Gefängniszelle ähnlicher als einer Bauernstube. Große Steinfliesen, dunkle, ganz kahle Wand, irgendwo eingemauert ein eiserner Ring, in der Mitte etwas, das halb Pritsche, halb Operationstisch war.

Fürsprecher

Ich war sehr unsicher, ob ich Fürsprecher hatte, ich konnte nichts Genaues darüber erfahren, alle Gesichter waren abweisend. Ich konnte nicht einmal erfahren, ob wir in einem Gerichtsgebäude waren. Über alle Einzelheiten hinweg erinnerte ich mich an ein Dröhnen, das unaufhörlich aus der Ferne zu hören war, man konnte nicht sagen aus welcher Richtung es kam. Sollte man annehmen, daß es hierbei ungerecht oder leichtfertig vorgehe, wäre ja kein Leben möglich. Man muß zum Gericht Zutrauen haben. Hier ist es dringend nötig Fürsprecher zu haben. Die Ankläger, diese schlauen Füchse, diese unsichtbaren Mäuschen, schlüpfen durch die kleinsten Lücken. Ich bin nicht am richtigen Ort. Ich müßte an einem Ort sein, wo vielerlei Menschen zusammenkommen, aus allen Ständen, aus allen Berufen, verschiedensten Alters, ich müßte die Möglichkeit haben, die Tauglichen, die Freundlichen, die, welche einen Blick für mich haben, vorsichtig auszuwählen aus einer Menge.

Der Steuermann

Und plötzlich kamen viele Menschen heran und ich rief: ,,Leute! Kommt schnell!“ Langsam kamen sie, schwankende, müde Gestalten. „Sehr ihr dieses Verbrechen?“ Sie nickten, aber Blicke hatten sie nur für den Oberst und die grünen Soldaten, im Halbkreis standen sie herum und als er befehlend sagte: „Stört uns nicht!“ sammelten sie sich, nickten mir zu und zogen ab. Was ist das für ein Volk! Denken sie auch oder schlurfen sie nur sinnlos über die Erde?

Der Bau

Die Soldaten packten mich und warfen mich in ein Loch. Von außen ist eigentlich nur ein großes Loch sichtbar, dieses führt aber nirgends hin, schon nach wenigen Schritten stößt man auf natürliches festes Gestein. Es gibt viele, die kräftiger sind als ich und meiner Gegner gibt es unzählige, es könnte geschehen, daß ich vor einem Feinde fliehe und dem anderen in die Fänge laufe. Und es sind nicht nur die äußeren Feinde, es gibt auch solche im Inneren der Erde. Sie kommen, man hört das Kratzen ihrer Krallen knapp unter sich in der Erde, die ihr Element ist, und schon ist man verloren. Regelmäßig schrecke ich aus tiefem Schlaf und lausche, lausche in die Stille. Ich grabe, einen Versuchsgraben. Ich krieche in den Graben, decke ihn hinter mir zu. Ich habe ein Zickzackwerk von Gängen angelegt. Sonderbar, ein Geräusch. Was ist denn? Ein leichtes Zischen, - die Unruhe zittert in mir seit Stunden. Allzusehr klopf das eigene Blut im Ohr. Es wird stärker, es kommt näher, ich aber schlängle mich durch das Labyrinth. Es bleibt die Annahme der Existenz eines großen Tieres.

Ich kann mir das Zischen nur so erklären, daß das Hauptwerkzeug des Tieres nicht seine Krallen sind, sondern seine Schnauze, sein Rüssel. Tag und Nacht gräbt es. Es wird entscheidend sein, ob und was das Tier von mir weis. Ich grabe wie von Sinnen, stoße plötzlich ins Freie, krieche heraus und renne. Ich blieb stehen und sah mich um.

Der Geier

Da kam es kreischend heran. - Es war ein Geier. Er hackte in meine Füße. Schuhe und Strümpfe hatte er schon aufgerissen, nun hackte er die Füße selbst. Immer schlug er zu, flog dann unruhig mehrmals um mich und setzte dann die Arbeit fort. Es kam ein Herr vorüber, sah ein Weilchen zu und fragte dann, warum ich den Geier dulde. ,,Ich bin wehrlos“, sagte ich, ,,er kam und fing zu hacken an, ein solches Tier hat große Kräfte, auch wollte er mir schon ins Gesicht springen, da opfere ich lieber die Füße. Nun sind sie schon fast zerrissen.“ „Daß sie sich so quälen lassen“ , sagte der Herr, „ein Schuß und der Geier ist erledigt. Ich muß nur nach Hause gehn und mein Gewehr holen. Können Sie noch eine halbe Stunde warten?“ ,,Daß weis ich nicht“, sagte ich und stand starr vor Schmerz, dann sagte ich: ,,Bitte, versuchen Sie es.“ „Gut“, sagte der Herr“, ich werde mich beeilen.“ Der Geier hatte während des Gespräches ruhig zugehört und die Blicke zwischen mir und dem Herrn wandern lassen. Jetzt sah ich, daß er alles verstanden hatte, er flog auf, weit beugte er sich zurück, um genug Schwung zu bekommen und stieß dann wie ein Speerwerfer den Schnabel durch meinen Mund tief in mich. Zurückfallend fühlte ich mich befreit, wie er in meinem alle Tiefe füllenden, alle Ufer überfließenden Blut unrettbar ertrank.


Ecce Homo (Schaustellung Christi vor dem Volk), Hieronymus Bosch (1450-1516)

1 Kommentar »

  1. Die nur halbseitige Erzählung von Franz Kafka, “Der Steuermann”, endet mit einer entsetzlichen Feststellung, die sich in Frageform an den Leser wendet: “Was ist das für ein Volk! Denken sie auch oder schlurfen sie nur sinnlos über die Erde?” Wie ist es sonst zu erklären, dass der personifizierte Auswuchs der EU-Bürokratie, die Inkarnation der Schröpfung des Steuerzahlers, der Zinsdieb und Geldvernichter, das programmatische Elend auf zwei Beinen, der Apparatschik und Politkommissar Schulz, innerhalb einer Woche 6 %, in rund zehn Tagen 8% zulegte? Die Deutschen befinden sich mehrheitlich auf dem Niveau von Viertklässlern. Müsste ich das nicht alles ertragen und träfe es nicht zuletzt auch mich, würde ich mich laut lachend abwenden. Doch das kann ich nicht. Ich bin erstarrt, denn: alles ist sinnlos. Wie schrieb Kafka: “Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich daß schon viel später war als ich geglaubt hatte, ich mußte mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: ‚Von mir willst Du den Weg erfahren?‘ ‚Ja‘ sagte ich ‚da ich ihn selbst nicht finden kann‘ ‚Gibs auf, gibs auf‘ sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.“ http://www.focus.de/politik/videos/mit-martin-schulz-spd-schafft-historischen-umfragesprung-rot-rot-gruen-in-reichweite_id_6599178.html

    Kommentar von Campo-News — 5. Februar 2017 @ 12:15

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