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10. Juli 2005

Friedrich Nietzsche: Röckener - und Weimarer Bilderbogen, Teil I

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 18:16

Biographisches von Friedrich Nietzsche (1844-1900)

Text: Friedrich Nietzsche, Fotos: Tanja Krienen

Zum 2. Teil

Das Nietzscheprogramm


Goethe und Schiller-Denkmal in Weimar


Nietzsche als Teenager

Ich wurde in Röcken bei Lützen
den 15. Oktober 1844 geboren
und empfing in der heiligen Taufe
den Namen: Friedrich Wilhelm.
Das Dorf Röcken liegt eine
halbe Stunde von Lützen,
dicht an der Landstraße .
Wohl jeder Wanderer, der an
ihm vorbei seine Straße zieht,
wirft ihm einen freundlichen Blick zu.
Denn es liegt gar lieblich da…

Rings wird es von Weidengebüsch
und vereinzelten Pappeln und
Ulmen umschlossen…
Wohl kann ich mich noch erinnern,
wie ich einstmals mit dem lieben Vater
von Lützen nach Röcken ging
und wie in der Mitte des Weges
die Glocken mit erhebenen Tönen
das Osterfest einläuteten.
Dieser Klang tönt so oft in mir wieder
und Wehmut trägt mich sodann nach
dem fernen, teuren Vaterhaus hin.

Aber wenn kein Bild meiner Seele entweicht,
am wenigsten werde ich wohl das traute
Pfarrgebäude vergessen. Mehrere Stufen
führten hinauf ins Parterre. Noch kann ich
mich des Studierzimmers in der obersten
Etage erinnern. Hinter dem Haus breitete
sich der Obst- und Grasgarten aus.
Ein Teil desselben pflegte auch im Frühjahr
unter Wasser zu stehen und gewöhnlich
war dann auch der Keller angefüllt.
Vor der Wohnung erstreckte sich der Hof
mit Scheune und Stallgebäude und
geleitet zu dem Blumengarten. In den
Lauben und Sitzen verweilte ich fast immer.

Ich bin als Pflanze
neben dem Gottesacker,
als Mensch in einem Pfarrhaus geboren.
Rings um herum liegen die Bauernhöfe
und –gärten in trauter Stille.
Eintracht und Friede
waltet über jede Hütte
und wilde Erregungen
blieben von ihnen fern.
Überhaupt entfernen sich
die Bewohner selten von dem Dorfe,
höchstens an Jahrmärkten.

,,Freiheit, Gleichheit, Brudersinn“ ertönte es in
allen Landen, der niedrige wie angesehene Mann
ergriff das Schwert teils für, teils gegen den König.
Der Revolutionskampf in Paris findet in den
meisten Städten Preußens Nachahmung.
Und selbst bei schneller Unterdrückung
blieb doch lange der Wunsch des Volkes
,,eine deutsche Republik“. Nach Röcken drangen
diese Erhebungen nicht; wohl aber kann ich mich
noch erinnern, wie Wagen mit jubelnden Scharen
und wehenden Fahnen auf der Landstraße
hinfuhren. Während dieser verhängnisvollen Zeit
bekam ich noch ein Brüderchen…Joseph genannt.

Den 2. August (1849) wurde die irdische
Hülle meines teuren Vaters dem Schoß der
Erde anvertraut. Ich war zum vaterlosen
Waisenkind, meine liebe Mutter zur Witwe geworden.
Um ein Uhr mittag begann die Feierlichkeit
unter vollem Glockengeläute. Oh, nie wird sich
der dumpfe Klang derselben aus meinem Ohr
verlieren, nie werde ich die düster rauschende
Melodie des Liedes ,,Jesus meine Zuversicht“ vergessen!
Durch die Hallen der Kirche brauste Orgelton.
Dann wurde der Sarg hinabgelassen, die dumpfen
Worte des Geistlichen erschallten und entrückt
war er, der teure Vater, allen uns Leidtragenden.
Eine gläubige Seele verlor die Erde,
eine schauende empfing der Himmel.

In der damaligen Zeit träumte mir einst, ich hörte
in der Kirche Orgelton wie beim Begräbnis.
Da erhob sich plötzlich ein Grab und mein Vater
im Sterbekleid entsteigt demselben. Er eilt in die
Kirche und kommt in kurzem mit einem kleinen
Kinde im Arm wieder. Der Grabhügel öffnet sich,
er steigt hinein und die Decke sinkt wieder auf
die Öffnung. Sogleich schweigt der rauschende
Orgelschwall und ich erwache. Den Tag nach
dieser Nacht wird plötzlich Josephchen unwohl,
bekommt Krämpfe und stirbt in wenig Stunden.
Unser Schmerz war ungeheuer. Mein Traum war
vollständig in Erfüllung gegangen. Die kleine Leiche
wurde noch in die Arme des Vaters gelegt.

Die Zeit, wo wir von unserem geliebten Röcken
scheiden sollten, nahte heran. Am Abend spielte ich noch
mit mehreren Kindern, gedenkend, daß es das
letztemal sei. Die Abendglocke hallte mit
wehmütigem Ton durch die Fluren, mattes Dunkel
verbreitete sich über die Erde, am Himmel
strahlten der Mond und die funkelnden Sterne.
Ich konnte nicht schlafen… Ich hielt es geradezu
für unmöglich, an einem anderen Orte heimisch
zu werden. Von einem Dorf zu scheiden,
wo man Freude und Leid genossen hat, wo die
teuren Gräber des Vaters und des kleinen Bruders
sind,… wie schmerzlich war es!
Ade, ade, teures Vaterhaus!!

Es gibt eine tödliche Beleidigung;…meine veränderte Denkweise sei die Folge unnatürlicher Ausschweifungen, mit Hindeutungen auf Päderastie - ein Pistolenlauf ist mir jetzt eine Quelle relativ angenehmer Gedanken.

Das einzig sichere ist, daß ich am Meer leben muß:…der Norden und alles Nordische hat mir schrecklich zugesetzt. Im Übrigen vertrage ich die Einsamkeit: während jeder Versuch der letzten Jahre, es wieder unter Menschen auszuhalten, mich krank gemacht hat.

…wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf…Eine Entzückung, deren ungeheure Spannung sich mitunter in einen Tränenstrom auslöst…ein vollkommenes Außer-sich-sein…Dies ist meine Erfahrung von Inspiration.

An jedem Morgen verzweifele ich, wie ich den Tag überdaure. Ich schlafe nicht mehr! Heute abend werd ich soviel Opium nehmen, daß ich den Verstand verliere.

Wilhelm, Bismarck und alle Antisemiten abgeschafft. Von Zeit zu Zeit wird gezaubert.
Aus einem Wahnzettel, 3 Januar 1889

Der Tage später: Nietzsche glaubt am Turiner Droschkenstand, ein Pferd von seinem Kutscher mißhandelt, und fällt dem Tier schluchzend und weinend um den Hals.

8 Januar 1889: Overbeck schilderte die Situation so: ,Mit dem fürchterlichen Moment, wo ich Nietzsche wiedersah, in ganz einziger Weise ein fürchterlicher Moment, erblicke ich Nietzsche in einer Sophaecke lauernd und lesend – entsetzlich verfallen aussehend, er stürzt sich auf mich, umarmt mich heftig, mich erkennend und bricht in einen Tränenstrom aus und sinkt dann in Zuckungen aufs Sopha zurück. Nietzsche begann vom großen Empfang zu reden, der für den Abend vorbereitet sei. Damit war er im Kreise der Wahnvorstellungen, aus dem er dann nie wieder hinausgetreten ist. Es kam vor, daß er in lauten Gesängen und Rasereien am Klavier sich maßlos steigernd, Fetzen aus der Gedankenwelt hervorstieß und dabei auch in kurzen mit einem unbeschreiblich gedämpften Tone vorgebrachten Sätzen, unsäglich schauerliche Dinge über sich als den Nachfolger des toten Gottes vernehmen ließ, das ganze auf dem Klavier gleichsam interpunktierend, doch, im ganzen überwogen die Äußerungen des Berufs, den er sich selbst zuschreibt, der Possenreißer der neuen Ewigkeit zu sein, und er war außerstande, selbst die Entzückungen seiner Fröhlichkeit anders als in den trivialsten Ausdrücken oder durch skurriles Tanzen und Springen wiederzugeben.“


Der kranke Nietzsche mit seiner Mutter


„Ich bebe keine Pferde“, Friedrich Nietzsche – 26. September 1892

Harry Graf Kessler - 7. August 1897: Das Haus (Villa Silberblick) liegt oberhalb der Stadt an einem Hügel;…die Aussicht auf Stadt und Land ist hübsch. Innen ist viel Raum; Parterre Archiv und Empfangszimmer, in der ersten Etage die Privatwohnung von Nietzsche und seiner Schwester. Ludwig von Scheffler: Eines Tages kommt mein kleiner Sohn aufgeregt aus der Schule: “Papa, weißt du? Da droben ist ein wahnsinniger Philosoph eingezogen! Ich weise den Knaben zurecht…Die Schwester ist mit dem kranken Bruder nach Weimar gekommen! Ich gehe in den Garten und suche die schönsten Rosen zum Strauße aus. Dann steige ich hinauf, zu der Villa in der Höhe, das Herz voll beweglicher Gedanken, die der Erinnerung an die Jugend gehören. Wie damals am Spahlentorweg öffnet mir eine Dame die Türe! Ich erkenne sofort das Gesicht. Die Schwester führt mich in den Salon…Dann treten wir instinktiv ans Fenster, die Aussicht zu erfassen.

Philo vom Walde: Die ersten Tage nach der Übersiedlung umlagerten die Weimarer förmlich die Villa und krochen zwischen die umliegenden Kornfelder, um nur einen Blick zu erhaschen. Niemand aber sah Zarathustra!

Hier geht es zum zweiten Teil

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