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6. September 2013

Botho Strauß; Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit.

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 16:07

Das Buch besteht im Grunde aus aneinander gereihten Gedankensplittern, Aphorismen und Charakterisierungen von unterschiedlichen Erscheinungen. Im Wesentlichen beleuchtet er mit typisch kulturkritischer Tendenz, den modernen Menschen zwischen Medieneinflüssen, dem Gebrauch selbiger und der technischen Entwicklung. Immer wieder reflektiert er die auf diesem Wege erzeugten Verluste und Irritationen.

Jeder politischen Bewertung muss man nicht folgen, auch nicht jeder Beschreibung des Kommunikationsgebrauches, doch insgesamt liegt hier ein fulminantes Werk vor, welches durch Sprache, originäre Gedankengänge und überraschende Wendungen besticht und – wie ein gutes philosophisches Werk – nach einer Weile noch einmal wieder gelesen werden kann, weil es zeitlose Wahr – und Weisheiten enthält.

Ein paar Beispiele:

„Wir haben es umgekehrt zu tun mit fortschreitender Massenintelligenz bei gleichzeitigem Zerfall der Selbstreflexion des Individuum.“

„Dialekte streben aus, gebrochenes Deutsch nimmt zu. Seine Muttersprache allenthalben behelfsmäßig oder falsch gesprochen zu hören, schmerzt nicht nur, es stört oder behindert untergründig die Kompetenz, die wir eigentlich für sie besitzen.“

„Die Rattenplage der Kommunikation erschlägt jeden stillen Gedanken….“

„Zuletzt bleibt der Idiotes immer in Berührung mit seinem Grenzfall, dem Vollidioten. Der nichts mehr besitzt, was er mitteilen – mit andern teilen könnte.“

„Die Kaltschnauzen gilt es zurückzuweisen, sie sind die schlimmsten. Und es gibt sie in vieler Art und Abart. Sie frieren nicht, wenn uns schon die Lippe vereist.“

„Der heitere Idiot in der Welt der Informierten zu sein heißt, ohne eine Regung von Zukunftsunruhe, ohne Angst zu leben.“

„Der religiöse Fanatismus ist nur gut, um der westlichen Welt in den Hintern zu treten. Er selbst ist völlig unakzeptabel.“

„Es gibt neben dem eingebildete Kranken nun auch den eingebildeten Verliebten, den eingebildeten Zornesmutigen, den eingebildete Guten und Gerechten etc.. Sie sind es nicht, sie bilden sich´s nur ein.“

„In den Schulen werden die Kinder vom Lehrstoff zertrümmert. Da niemand mehr weiß, wohin, wozu und woher sie zu bilden wären, werden sie Opfer eines nichts und niemanden formenden Wissens. Sie empfangen Wissensschläge, die verheerender wirken als Ohrfeigen.“

„Die Geste am Ausgang der Neuzeit ist das Handy am Ohr (oder der einsam vor sich Quatschende mit Headset, die getreue Kopie des Idioten).“

„Wie tröstlich ist die Vorstellung, in seiner letzten Stunde in die lebendigste des Lebens zurückversetzt zu werden, sanft zu sinken in die Himmelsdunen des Gewesenen.“

Lichter des Toren, Der Idiot und seine Zeit, Botho Strauß, 175 Seiten, Diederichs, 20 Euro, ISBN 987-3-424-35088-3

2 Kommentare »

  1. Ein Idiot in unserer Zeit - http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-10/deutsche-einheit-feier-hannover

    Kommentar von Campo-News — 4. Oktober 2014 @ 16:56

  2. Sprache - https://www.facebook.com/ZEITmagazin/photos/a.387396646926.176822.327602816926/10152371822756927/?type=3&theater

    http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/lehrerin-gibt-nur-noch-gute-noten-a-1246916.html

    Kommentar von Campo-News — 13. November 2015 @ 16:23

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