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16. November 2007

Weltenwandern

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 11:35

welten.jpg

Vorspruch: Auszug aus „Rote Melodie“, Text: Kurt Tucholsky, Musik: Friedrich Hollaender

In dunkler Nacht,
wenn keiner wacht –:
dann steigen aus dem Graben
der Füselier,
der Musketier,
die keine Ruhe haben.
Das Totenbataillon entschwebt –
Haho! zu dem, der lebt.
Verschwommen, verschwommen
hörst du´s im Windgebraus.
Sie kommen! Sie kommen!
und wehen um sein Haus …
General! General!
Wag es nur nicht noch einmal!
Es schrein die Toten!
Denk an die Roten!
Sieh dich vor! Sieh dich vor!
Hör den unterirdischen Chor!
Wir rücken näher ran – du Knochenmann! –
im Schritt!
Komm mit –!

Weltenwandern

Rasch huschen Schatten übers Land
Auf Feld und Wald und Wänden,
Des Tages Spiel nun zu beenden,
Das still erstarrt und ausgebrannt
Verrinnt im losen Zeitensand.

Mir ist, als bräche heute Nacht
Ganz leis´ herein ein Ende,
Das sich bei mir einfände;
Heimtückisch, bittersüß und sacht
Wie ich es niemals hab erdacht.

Fast scheint, ich sehne es herbei,
Doch sitzt die Angst mir im Genick,
Sie ist das halbe kalte Stück,
Denn Glück hat jeder der dabei
Erlebt was letztlich einerlei.

Wenn jetzt die Menschenlange-Schlange
Die schon zuvor verschwand hinüber,
Find sich auf Zeichen bei mir wieder -
Mit brausend wirrem Todes-Sange -
Spielt sie nun ewig lange.

Hintergrundrauschen tobendes Meer.
Im tiefen Schlaf merkst du es kaum.
Weil Bild um Bild rast durch den Raum.
Sie ziehen die Fäden, ihre Augen sind leer,
Wenn du sie ansprichst: “Du lebst doch nicht mehr!”

Aber wenn du erwachst, fieberdurchnässt
Und lässt ihre Taten bei Lichte passieren,
Dann denkst du, kein Geist kann das kreieren!
Wie sollst du bestehn den Tagesrest
Da dich der Schlaf nicht frei sein lässt?

Denn du kannst dich nicht rühren.
Noch spürst du ihre Blicke,
Den Atem, ihre Schritte,
Siehst sie tuscheln und weit öffnen die Türen.
Sie lassen im Traum, Dich Leibhaftiges spüren

Sie bringen Gefahr, sie entfachen die Glut.
In unendlichen Weiten wähnst du dich allein,
Doch die Weite kann bald auch die Enge sein.
Du stürzt endlos tief, in dir wächst große Wut,
Dann ist einer da, sagt: Komm mit, es wird gut.

Wenn du Feuer fängst, so ist auch das wahr,
Manchmal riechst du die eigene Asche.
Wer bist du jetzt? - die Hand an der Flasche.
Straßenbahn fährst du jetzt schon ein Jahr,
Die Masse grölt: Hier zahlt man bar!

Und plötzlich, du siehst sein Gesicht ganz klar,
In sich gekehrt wie inkognito,
Abwesend, scheu, unwirklich, unfroh -
Dein Freund, der schon gestorben war,
Wir schrieben ein 19hunderstes Jahr.

Du erblickst die Frau, sie ist jünger als du.
An deiner Seite geht sie - den Blick stets gesenkt.
Jemand kommt dazu, weiße Lilien ihr schenkt.
Sie redet sehr viel, aber hört dir nicht zu.
„Das war deine Mutter, sie ist so tot wie du!“

Sagt ein Weib, das unbekannt an Jahren
Jüngst zu mir kam und lächelnd offenbarte,
Was ich nicht zu sagen, nicht zu fragen, wagte;
Mit ihren langen schlohweißen Haaren
Und den jungen Augen, den blitzenden wahren.

„Sie sind schon drüben und du bist noch hier.
Doch du wanderst zwischen den Welten.
Denke nicht, dass sei so selten.
Aber hüte dich, ich sage dir,
Nimm diesen guten Rat von mir:

Wenn sie es schaffen deine Seele zu stehlen,
Dann bist du gestorben für unsere Welt.
Doch niemand weiß, wann das Stichwort fällt.
Drum gebe Acht, damit sie Dir nichts nehmen.
Es hilft Dir dein ständig lebendiges Sehnen.

Und verlierst du den Kampf, so werde nicht traurig,
Der Tod ist – so höre - in Wirklichkeit
Nur die schlimmste der menschlichen Eitelkeit.
Es gibt ihn nicht, er ist gar nicht schaurig.
Drum lache darüber, es ist doch nicht traurig.

Und was dir auf dieser Seite geglückt,
Es ist nicht vernichtet auf der anderen Seite.
Uns trennt doch nur eine Haaresbreite,
Über Schönes ist man grad dort entzückt
Und ein Toter gilt niemals als ganz verrückt.“

So sprach das Weib und blickte verschmitzt.
Ach, wenn sie wüsste, was sie tat,
Denn diese schwere, bittre Saat,
Hat meine Seele verknickt und verblitzt
Und Löcher in mein Herze geschnitzt.

Nun fürchte ich mich vor jeder Nacht,
Wer weiß schon, was da passiert?
Denn bin ich dort mit dem Tode liiert,
So halte ich doch besser Wacht,
Bevor ich versinke im ewigen Schacht.

Und doch, süßlich ist der Gedanke:
Kein Schmerz, keine Plag, kein Streit,
Nur die schwerelose, die sel´ge Ewigkeit.
So fühle ich, wie ich halbschlafend schwanke,
Hoffend, die schwarze Blume den Leib umranke.

So gab ich mich hin, dieser dunklen Sache.
Schnell sah ich sie kommen, sie ergriffen mich.
Im letzten Augenblick, da sah ich dich!
Und du riefst mir laut zu: „Schnell erwache!
Du musst doch leben, denk an die Rache!“

Mit eisernem Willen, mit letzter Kraft,
Durchstieß ich die dicke Nebelwand,
Geführt wie von unsichtbarer Hand.
Ein Lichtstrahl lebendigster Himmelsmacht -
Noch einmal hatte ich es geschafft.

Tanja Krienen

1 Kommentar »

  1. Sehr schön.
    Etwas für Dauer-Pubertierende,
    Irrende.
    Wie mich.

    Kommentar von Campo-News — 24. Juni 2008 @ 08:16

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