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18. Dezember 2013

Mit dem Zug durch die Service-Wüste

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 10:02

Eine ganz unglaubliche Geschichte von Jürgen Oscar Brauerhoch

Ein Freund, der geschäftlich oft unterwegs ist, hat mir kürzlich eine ganz unglaubliche Geschichte erzählt. Er sei in aller Herrgottsfrühe in München abgefahren, um an frühen Nachmittag endlich in Berlin zu sein (was noch immer, zwanzig Jahre nach der „Wende“ sieben ICE-Stunden dauert) und habe dann ziemlich Seltsames erlebt, schon in der Tram zum Hauptbahnhof: der Fahrer habe ihm angeboten, ein Stück von seiner Butterbrez’n abzubeißen, was er aber, da zu dieser Zeit sein Magen noch geschlossen sei, ablehnen musste.

 

Am Zug angekommen, wo ihm, da er im Reisecenter seine Laufunlust erwähnt hatte, im allerersten Wagen ein Fenster-platz reserviert worden sei, habe ihn die nicht mehr ganz junge, aber „gut gebaute“ (wie er es nannte) Zugbegleiterin in die Arme genommen und nach turkmenisch-usbekischer Sitte rechts und links auf die Wange geküsst, untergehakt und sanft zu seinem Platz geleitet, nicht ohne ihm einen guten Morgen wie eine gute Fahrt ge-wünscht zu haben. Verblüfft ob dieses ungewöhnlich liebevollen Empfangs sei er geradezu baff erstaunt gewesen, auf dem Tisch vor seinem Sitz bereits eine Tasse dampfend frischen Kaffees vorzufinden.

 

Die Zugbegleiterin, wegen dieser sensationellen Liebenswürdigkeit zur Rede gestellt, erklärte ihm in einem irgendwie erotischen Deutsch (sie war, wie sich später heraus-stellte, aus der Ukraine), daß die deutsche Bahn AG in dieser Woche eine „Verwöhn-offensive“ durchführe und diese Begrüßung ein Teil des Aktionsprogrammes sei. Einerseits gerührt, andererseits verstört habe er dann nicht – wie üblich – seine Zeitung aufgeschlagen, zumal sein Gegenüber seine Thermosflasche geradezu aggressiv auf den Tisch zwischen ihnen gestellt und leider auch geöffnet habe, wo er doch den Geruch von Pfefferminze seit seinen Verhandlungen in Casablanca nicht mehr ertragen konnte.

 

So sei er, allmählich doch hungrig, an der verführerisch lächelnden Zugbegleiterin vorbei, in den Speisewagen gegangen und habe ein Frühstück „Boulevard“ bestellt.  Eine Mitropanerin habe ihm erklärt: „Mir ham keene Ware gekrischt, aber wenn se bisschen warten, in Augsburg soll’n  frische Bredchen an Bord kommen“.

Das unverkennbar sächsische Idiom sei ihm insofern eine Beruhigung gewesen, als er wusste, dass dieser Volksstamm als höflich und hilfsbereit gilt. Und tatsächlich sei dann sein Frühstück noch vor Nürnberg auf dem Tisch gewesen.

 

      Inzwischen hatte sich die Welt hinterm Zugfenster verwandelt; aus Feldern und einzelnen strukturarmen Ortschaften war tiefer Wald geworden. Während er sich erinnerte, dass er durch diesen dichten Thüringer Wald als Bub bereits mit seinem Vater gewandert war, sei ihm plötzlich bewusst geworden, dass der Pfefferminzmann ausgestiegen und sein Gegenüber jetzt die freundlich lächelnde Zugbegleiterin war.

 

Sie hatte geduldig gewartet, bis seine verklärten Züge einer realen Sicht der Dinge gewichen waren und sprach: „Darf ich Sie im Hinblick auf das Mittagessen gastronomisch beraten?“

    Er habe ihr nach dem ersten Erstaunen über diese weitgehende Fürsorge zu verstehen gegeben, dass er einer „Food consultant“, wie sie selbst sich nannte, derzeit nicht bedürfe, aber gerne ein paar Auskünfte über die Gegend hätte, durch die sie gerade fahren.

„Kein Problem, mein Herr“, sagte die Zugberaterin, „da schicke ich ihnen unseren round-up-consultant vorbei, der kennt sich aus.“

    Dieser „round-up-consultant“, was man schlecht und recht mit „Rundumberater“ hätte übersetzen können, sei dann ein so unansehnlicher, mittelblond-sommer-sprossiger Jüngling gewesen, daß er schon bedauerte, sich nicht doch lieber von der appetitlicheren Zugbeleiterin über das Mittagessen habe aufklären lassen. Aber nun sei der „Roundie“, wie er ihn für sich nannte, erwatungsvoll ihm gegenüber gesessen und hatte sein Laptop bereits aufgeklappt. Um ihn wieder loszuwerden, hatte er die etwas dümmliche Frage gestellt: „Wo sind wir denn hier?“

Der, wie es schien, Azubi habe sich aber nichts anmerken lassen und professionell gelassen etwas in seinen Computer getippt und ihm dann mitgeteilt: „Wir befinden uns kurz vor Probstzella, die Endstation aller Züge seinerzeit in der Deutschen Demokratischen Republik. Hier befand sich die unüberwindbare „Staatsgrenze West“, die in der so genannten „freien Welt“, anfangs „Eiserner Vorhang“, später „Todesstreifen“ genannt wurde. Soll ich Ihnen den Text ausdrucken lassen?“

 

    Zum Glück sei dann seine Zugbegleiterin hüftschwenkend vorbeigekommen und habe ihn erneut nach seinen Essenswünschen befragt, so dass er den beflissenen Informatiker mit: „Danke, nicht nötig“ hatte loswerden können. Die Zugbegleiterin, dessen Platz eingenommen, hatte ihm die Speisekarte mitgebracht. Früher, meinte sie, habe es im Osten viel deftigere Gerichte gegeben, zum Glück habe wenigstens die „Solanka“ den Umsturz, zumindest bei der Mitropa, überlebt. „Und der Rotkäppchensekt!“, ergänzte er und sie waren sich einig, aber sie meinte, daß die guten alten DDR-Marken nicht mehr das seien, was sie einmal waren, seit sie von Westkonzernen übernommen (sie sagte „kassiert“) worden waren.

 

    Bei leicht schunkelnder Fahrt durch das Saaletal sei ihm dann das alte Volkslied

„An der Saale hellem Strande,

stehen Burgen stolz und kühn,

ihre Mauern sind verfallen

und der Wind pfeift durch die Hallen,

Wolken ziehen drüber hin…“

durch den Kopf gegangen. Er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit die schöne Melodie wie den originellen Text seiner ihm angetrauten Musikpädagogin für den Elementarunterricht zu empfehlen.

 

    Inzwischen rollte der Zug durch die unendliche Pampa zwischen Leipzig und Bitterfeld. Die Zugbegleiterin hatte sich anderen Fahrgästen zugewandt. Etwas hungrig geworden, habe er dann doch beschlossen, dem Speisewagen einen Besuch abzustatten.

    Die Spezialkarte habe ihn dann in größtes Erstaunen versetzt. Unter der Überschrift „Welches Glückserlebnis erwarten Sie von Ihrem Mittagsmahl?“ seien nicht wie üblich die erfahrungsgemäß einfältigen Gerichte aufgelistet gewesen, sondern die Wirkung, die irgendeine, bahn- oder auch nicht bahneigene psychologische Beratungsstelle versprechen zu müssen glaubte… so zum Beispiel unter der Frage: „Haben Sie die nouvelle cuisine satt und würden jetzt am liebsten Ihre ältesten Klamotten zum Holzhacken vor der Stalltüre anziehen …“ (so genau wußte er es nicht mehr, aber so ähnlich!)  sei gestanden: „Westfälische Knochensülze mit Bratkartoffeln“. Und unter dem Aufhänger: „Wären Sie jetzt lieber der große Verführer sich zierender, aber innerlich wilder Spanierinnen statt im ICE dahinzudämmern der Toast Mozart!“

Der Kellner, gefragt, was denn das kleine Rindersteak auf Champignon mit Verfüh-rung á la espagnola zu tun habe, hätte recht schnippisch erwidert: „Aber mein Herr, kennen Sie denn die große Mozart-Oper nicht, den Don Giovanni? In diesem Moment sei, wie er zugibt, mein Freund sprachlos gewesen und habe etwas kleinlaut das ebenfalls verbal hübsch garnierte Geschnetzelte bestellt.

 

    Inzwischen hatte ein Herr ihm gegenüber Platz genommen, der ihn irgendwie an das neue Testament oder Martin Luther oder beides erinnerte und tatsächlich hastig seine Sülze verzehrt, weil er, wie er bemerkte, „natürlich“ in Wittenberg aussteigen müsse. Er wünschte dem ganzen Speisewagen „Guten Appetit im Namen der Evangelischen Kirche und der Lutherstadt Wittenberg“, aber das „Amen“ sei bereits in der Lautsprecherdurchsage untergegangen, worauf der Wagen verdunkelt worden und auf einer Riesenleinwand das Brandenburger Tor erschienen sei. Eine nicht lokalisierbare weibliche Stimme habe dann gefragt, ob sie die werten Reisenden etwas näher mit dem Ziel ihrer Reise, der endlich wieder gesamtdeutschen Hauptstadt Berlin bekannt machen dürfe, aber offensichtlich keine Antwort erwartet. Es kamen dann die hochgebeamten,  bahnhofsnahen Sehenswürdigkeiten in Text und Bild wie der koreanische Zigarettenschwarzmarkt am Ostbahnhof, die Türkenkneipen in Kreuzberg, die Schwulen- und Lesbencafes am Prenzlauer Berg, aber auch der Reichstag oder das teure Lafayette in der Friedrichsstraße.

 

Am Schluß gab es für alle Gäste eine Sonderausgabe der Berliner Morgenpost, obwohl es bereits Nachmittag war und der Zug sich an vielen Fabrikschornsteinen vorbei der Endstation näherte.

„Teufel auch …“, sagte mein Freund, selbst dort habe ihn noch eine Überraschung erwartet. Nichts ahnend ausgestiegen, sei ein Sandwichgirl am Bahnsteig entlang gehüpft, das vor ihrem nur knapp beklei-deten Busen eine Tafel hin und herge-

schwenkt habe mit dem Text: „Herr Dr. Modrow wird an der Kutsche erwartet“.

Verrückt, oder? Das war ja ich!“

„Ein neuer Service der Bahn“, begrüßte ihn das Girli und begleitete ihn beschwingt zum Ausgang, wo tatsächlich ein mit Berliner Bären und bunten Fähnchen geschmückter Zweispanner stand.

„Ist das nicht alles unglaublich?“

Ich musste ihm beipflichten. „Leider war es nur ein Traum“, sagte er.

2 Kommentare »

  1. I bin Beamter – des is ka Schand
    S gibt vül Beamte bei uns im Land
    I bin ka Dokter, bin kein Genie
    Und trotzdem mach ich a Karriere –
    Ja und wissens a wie?

    Ich bin im Amt noch kane fünfazwanzig Johre
    Ka Protektionskind und von niedriger Geburt
    I kann net Englich, net Französisch – Deutsch schon goanet
    Aber wen am Oasch lecken, das kann i guat!

    I orbeit niemals mit mein Hirn, a net mitn Heazn
    I bin net fleißig, nicht gebildet, bin net gscheit
    Krank bin ich, vestopft, verschnupft – beim Pudern hab i Schmeazn
    Aber wem am Oasch lecken, des macht mir Freid!

    In mein ersten Joahr warn’s immer so zwei, drei Oasch pro Wochen
    Jetzt acht am Tag, an Regentagen zehn
    Meist is ja so, ich kumm nur außekrochen
    Und seh den nächsten Oasch schon offen vor mir stehn!

    Bei uns im Amt gibts so Leit, die müssen jahrelang studieren
    Der eine versucht sich’s jeden Tag scheißfreundlich, einer ist bös
    Mir ist es Wurscht, ich halt auch nix vom Intrigieren –
    I komm mitn Oaschlecken in medias res!

    Die Jugend hat halt heute für sowas goar kan Sinn.
    Bevor’s an Oasch nur anschaun, studiern’s erst Medizin
    Vü zu ehrgeizig sans olle, vü zu forsch
    Wolln gleich den Kissinger oder sonst an hochen Oasch!

    I hab ja angfangt im Büro bei den Kopisten
    Und bin in drei Jahrn zum Sektionschef avanciert –
    In jedem Amt gibt’s heutzutage Spezialisten
    I war auf’s Oaschlecken spezialisiert!

    Hab mich naturgemäß zuerst mit Innenpolitik beschäftigt
    War dann im Außenamt ein sehr begehrter Mann –
    Jetzt werd ich Außenminister, denn ich hab bekräftigt
    Dass ich auf ausländisch oaschlecken kann!

    Und so Gott will, wird ich auch einmal Präsident sein
    Dann bin ich sozusagen die oberste Instanz
    Dann kann ich stolz und voll Vertraun am anderen End sein
    Mit meinem eignen Oasch zum Wohl des Vaterlands!

    Doch bis dahin bleib ich im Osten wie im Westen
    Bei hoch und niedrig, oam und reich von vorn und hint
    In den Gewerkschaften, Betrieben in Palästen –
    Die Hauptsach ist, dass man schon jung damit beginnt!
    Doch bei Politikern, da leckt es sich am besten
    Weil das die größten Oaschlöcher sind! Jawohl!

    Georg Kreisler, 1975

    Kommentar von Campo-News — 8. August 2015 @ 16:15

  2. Eingedeutsche Übersetzung

    I bin Beamter – das ist kein´ Schand´
    Es gibt viel Beamte bei uns im Land
    I bin kein Dokter, bin kein Genie
    Und trotzdem mach ich a Karriere –
    Ja und wissens a wie?

    I bin im Amt noch keine fünfundzwanzig Johre
    Kein Protektionskind und von niedriger Geburt
    I kann net Englisch, net Französisch – Deutsch schon goanet
    Aber wen am Oasch lecken, das kann i guat!

    I orbeit niemals mit mein Hirn, a net mitn Herzen
    I bin net fleißig, nicht gebildet, bin net gscheit
    Krank bin ich, vestopft, verschnupft – beim Pudern hab i Schmerzen
    Aber wem am Oasch lecken, des macht mir Freid!

    In mein ersten Joahr warn’s immer so zwei, drei Oasch pro Wochen
    Jetzt acht am Tag, an Regentagen zehn
    Meist is ja so, ich kumm nur außekrochen
    Und seh den nächsten Oasch schon offen vor mir stehn!

    Bei uns im Amt gibts so Leit, die müssen jahrelang studieren
    Der eine versucht sich’s jeden Tag scheißfreundlich, einer ist bös
    Mir ist es Wurscht, ich halt auch nix vom Intrigieren –
    I komm mitn Oaschlecken in medias res!

    Die Jugend hat halt heute für sowas gar kein Sinn.
    Bevor’s an Oasch nur anschaun, studiern’s erst Medizin
    Viel zu ehrgeizig sans alle, viel zu forsch
    Wolln gleich den Kissinger oder sonst an hochen Oasch!

    I hab ja angfangt im Büro bei den Kopisten
    Und bin in drei Jahrn zum Sektionschef avanciert –
    In jedem Amt gibt’s heutzutage Spezialisten
    I war auf’s Oaschlecken spezialisiert!

    Hab mich naturgemäß zuerst mit Innenpolitik beschäftigt
    War dann im Außenamt ein sehr begehrter Mann –
    Jetzt werd ich Außenminister, denn ich hab bekräftigt
    Dass ich auf ausländisch oaschlecken kann!

    Und so Gott will, wird ich auch einmal Präsident sein
    Dann bin ich sozusagen die oberste Instanz
    Dann kann ich stolz und voll Vertraun am anderen End sein
    Mit meinem eignen Oasch zum Wohl des Vaterlands!

    Doch bis dahin bleib ich im Osten wie im Westen
    Bei hoch und niedrig, oam und reich von vorn und hint
    In den Gewerkschaften, Betrieben in Palästen –
    Die Hauptsach ist, dass man schon jung damit beginnt!
    Doch bei Politikern, da leckt es sich am besten
    Weil das die größten Oaschlöcher sind! Jawohl!

    Georg Kreisler, 1975

    Kommentar von Campo-News — 8. August 2015 @ 16:20

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