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15. Juli 2005

Darum vorwärts, vorwärts Wolfowitz! –

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 17:45

Über den Mangel der Jugend keine neuen Lieder zu haben (und noch viel mehr).

Von Tanja Krienen

Es hat keinen Sinn mehr, Lieder zu machen,
Statt die Verantwortlich niederzumachen.
Es hat keinen Sinn mehr, Worte zu wählen,
Die Zeiten sind vorbei.

Es hat keinen Sinn mehr, Lacher zu sammeln,
Statt ein paar tatkräftige Macher zu sammeln.
Es hat keinen Sinn mehr, Reime zu schmieden,
Die Zeiten sind vorbei.

„Vorletztes Lied“, Georg Kreisler, 1972

Nicht, dass sie nicht Töne von sich geben, oh doch - lange und kurze, meist aber hohe und schrille. Die Rede ist von der deutschen Jugend, die zu einer Generation gehört, die als erste ohne Lieder aufwächst, konkreter: Ohne durch Musik unterlegte Texte, also ohne Melodien und ohne die dazu gehörende Widerspiegelung des Alltags.

Nun könnte der Einwand kommen, dies stimme nicht, noch gestern habe man zwei junge Mädchen mitten auf der Straße „singen“ hören und in der vorletzten Woche wäre ein Jüngling mit Ghetto-Blaster, zugegeben, unverständliche Laute von sich gebend, durch den Stadtpark gewankt. Jaja, eben. Musik - populäre jedenfalls - bewegt sich im Rahmen zwischen infernalischem Soul-Gestöhne und bestenfalls stotterndem Rhythmus-Gedröhne und nur dann, wenn es irgendeinen Grund gibt, in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, man könne genau das, was auch die Vorbilder nicht können, nämlich singen, produziert man sich und die Fiktion, das alles gut wird, wenn man nur will und die willfährige Menge aus Trotteln besteht, die nichts wollen, außer: die lange Weile durch die kurze Weile zumindest soweit zu ersetzen, bis ihnen ihr Dasein unersetzbar erscheint.

Der Trend zum völlig textlosen Hämmern, Techno-Beat genannt, ist inzwischen jedoch wieder out, wahrscheinlich nur, weil die Preise für synthetische Drogen so immens stiegen und ohne Drogen, das weiß ja jeder 14jährige, war das einfach nicht länger zu ertragen.

Es bedurfte Unmengen an suggestiver Beschallungskriminalität, ehe die vollends in ihrem Geschmacksempfinden verwirrte Masse kapitulierte und z.B. für einen Xavier Naidoo weich gekocht ward. Es musste schon eine gänzlich narkotisierte Öffentlichkeit hergerichtet werden, damit sie begann, „Superstars“ aus der Retorte auszugucken, die ihnen ein Medienkartell von „Kultur“funktionären, Quoten-Fetischisten, abgehalfterten Musiker-Imitatoren und taxierenden Profiteuren vorsetzte, auf dass sie zu wählen hatten zwischen Murksern und Matschern, Tonschleimlingen und Klangteppich-Verkäufern, Kitschköpfen und Trashern, inkarnierten Leidensgestalten Christis und Bulimie-Animateuren.

Die Jugend mag das. Wenn einer unter ihnen ist, der sich der Berauschung verweigert, so holt ihn der Verführungsteufel der Opposition, dessen Alternativen Dark Wave oder Hardcore-Punk heißen, und die sich zum Leben so verhalten, wie ein Formel 1-Gefährt zum Rasenmäher - asynchron. Mythen und sektenartige „Wahrheiten“ beherrschen diese Milieus, die als lebensfeindliche, selbstzerstörerische und esoterische Nebelwelten neben der Realität existieren, und/oder als „Generation X-Projekt“ frühzeitig ins Nirwana führen. Auch die Masse der Sciene-Fiction-Fans, die ihren Synthie-Klangweltenidealen anhängt, lebt unfroh im Cyberspace irreversibler Stupidität, hoffend, die Welt der materie -, raum –, und geschlechtslosen Zustände werde kommen, bevor man die 50. Startreck-Staffel abdrehte, obwohl: abgedreht sind sie genug.

Die reale Welt findet nicht statt und wenn von der realen Welt die Rede ist, heißt das nicht, sie dürfe nicht im den Mitteln der Kunst verfremdet werden, doch wie soll Kunst werden, wenn nicht einmal eine Vorstellung davon besteht, was das ist? Oder noch schlimmer: Wenn die eigenen Instinkte, die zur Produktion mit den Emotionen korrelieren müssen, einer systematischen Abtötung durch das Leben zum Opfer fielen, sodass die „Apparatur Mensch“ als Vorrichtung zur Reflektion der Außenwelt, zum stumpfen, animalischen Gerät herabgesunken, zu einem Schöpfungsprozess außerstande gesetzt, nicht mehr vorhanden erscheint.

Werdet simpel !

Karl Kraus sprach in seiner „Dritte(n) Walpurgisnacht“ von der Herrschaft der Simplizität, als einem der hervorstechenden Merkmale der Naziherrschaft: „Denn was hier geschah, ist wahrlich nach einem Plan geschehen, die Menschheit unter Beibehaltung einer Apparatur, die Schuld an ihrer Entartung trägt, auf den Zustand vor dem Sündenfall zurückzubringen und das Leben des Staats, der Wirtschaft, der kulturellen Übung auf die einfachste Formel: die der Vernichtung; und in das Wunder dieser Simplizität weiß sich der Zweifler einbezogen, der auch einmal ausspannen möchte….Das eben ist ja das große Wunder, dass der Schöpfer des neuen Deutschlands…die bezwingende Gewalt besitzt, selbst die kompliziertesten Mitmenschen wieder zur volkshaften Schlichtheit zu formen….Rings nichts als Stupor, Gebanntsein von dem betörenden Zauber der Idee, keine zu haben.“


Die Welt hat einen doppelten Boden. Sie verbirgt oder zeigt nur, was der Herr des Zauberkastens möchte, der jedoch nicht als metaphysische Gestalt auf der Wolkenwatte sitzt oder einen bunten Hut trägt, sondern letztendlich mit roten Roben bekleidet sein zuckersüßes Maß zur herrschenden Meinung erklärt. Aufzulösen wäre der Widerspruch, dass es Bereiche gibt, in denen eine derbe, verletzende Sprache geduldet wird, während anderenorts Beckmesser persönlich das Wort zu führen scheint. Dies wird möglich, da bestimmte Zonen der kulturellen Äußerungen in ein Narrenparadies verschoben wurden, und jeder weiß, dass es nicht ernst gemeint ist. Selten gewordene Ausnahmen belegen die Regel.

So sind denn angebrochen, die großen Zeiten, da Worte wieder auf die Waage gelegt werden, die schon längst nicht mehr dazu dient, den Wert des Goldes zu bestimmen. Vieles erinnert an Wolf Biermanns Erlebnisse in der DDR, wo nur eine unklare Formulierung in einem Lied zum Auftrittsverbot und mehr reichen konnte. Unter diesen Umständen erscheint die Abstinenz Jugendlicher, zeitkritische Lieder und Texte nicht mehr selber herstellen zu wollen, beinahe begreiflich.

Es gab ja ein paar Ansätze, die einige Rapper oder neue Soft-Rockbands in die Welt setzten, ehe sie sich wieder selbstverloren im eigenen Szenedorf verirrten. Kalkulierte Haltungen, machten hier noch immer alles zunichte, ehe die politische Kunst begann. Die Direktive, nicht zu grübeln, nicht zu hinterfragen, gar die verpönte Melancholie zu postulieren, daran hat sich seit dem Verdikt von Cosima Wagner, geb. Liszt, über Schopenhauers Befindlichkeiten nichts geändert. Wagners künstlerisches Ende, als er von Schopenhauer nach dessen Tod abrückte, dürfte bekannt sein.

Doch nicht nur die dunkle Seite der Erkenntnis ist verdächtig, mehr noch ist es diejenige, welche den Pessimismus durch Ironie zu überwinden sucht, und zum bittersüßen, heiteren Zustand gelangt. Sofern dieser sich sogar die Freiheit erlaubt, diese unverantwortliche Haltung mit Politik zu verquicken, gerät der Verunsicherte, der sich genasführt fühlt, oder sich so fühlen möchte, in einen Handlungsnotstand.

Die Sprach-SA der Gutmenschen

Nun sollte man meinen, zumindest organisierte Linke hätten ein Faible für Provokationen, für Satire und Ironie – doch weit gefehlt. Die guten linken Menschen des 21. Jahrhunderts tragen die Fahnen der Wehrlosigkeit so vor sich her, dass es körperlich schmerzt, wenn man bei ihnen feststellen muss, wie sie auf provokative Wörter, ja besonders auf abweichende Äußerungen des politischen Willens, der weitergeht als Gandhi und Luther King, reagieren. Schon die Verwendung des Wortes „Araber“ bringt den Vorwurf ein, man wäre „rassistisch“ und macht es den Benutzer garantiert zum „Faschisten“, und wer behauptet, es gäbe einen biologischen Unterschied zwischen Mann und Frau, der ist sicher ein „Sexist“. In einem solchen Klima muss die Sprache zwangsläufig auf ein Niveau derselben lauen und phrasenhaften Äußerungen zurückgeführt sein, welche bei den Protagonisten der betreffenden Sympathisanten in eben jenen Parteiverlautbarungen gepflegt werden.

Die Sprache und ihre Produzenten stehen unter massiver Beobachtung - gar vielfältig sind die Kontrollmechanismen, die in den Medien und öffentlichen Räumen als Zensor jede Regung über-wachen. Die Sprach - SA stößt sich ja eigentlich an allem, was das Leben lustiger und schärfer macht. Sie will den Ausdruck nivellieren, die Gefühle abtöten, Widersprüche einebnen und vor allem: gut sein! Und wenn ein Mensch nicht “gut” sein will, weil er über einen Willen verfügt und weiter auf seinen Emotionen, der intellektuellen Schärfe, des sprachlichen Ausdrucks und des libertären Lebens beharrt, dann muss man ihm drohen, ihn ausschließen, einsperren, aussperren, virtuell liquidieren oder auch ganz und gar - und mobben bis zum Ende. Das alles verspricht die Sprach -SA, führt es aus (in vielerlei Gestalt), und wird nicht eher ruhen, bis sie die Menschheit gänzlich infantilisiert, und zu mausgrauen Nichtskönnern und Nichtswollern, stupid und depraviert, blutleer und philisterhaft, zum Fraß ihrer bösen Ambitionen gänzlich weich kochte.

Der politische Bereich, jener, der gefährlich werden könnte, wird bewacht wie der Hades durch den Zerberus – das Schattenreich duldet die Lebendigen nicht. Als Instanz dienen Kommissionen und Betroffenheitsmakler, gegen die jene Verschleierungstaktik, welche die Betreiber des Orakels von Delphi anwandten, wie ein leicht durchschaubares Spiel nur schwach kaschierter Betrügereien erscheint. Doch niemand mehr wagt es, die Botschaften hysterischer Pythias so infrage zu stellen, wie es nötig wäre, - der neue Kult einer Epoche derjenigen, die Nietzsche als Phase der décadence kommen sah, befindet sich längst in einem fortgeschrittenen Stadium.

In einem Beiblatt zu den Kabarett - und Revueproduktionen der 20er und 30er Jahren (Populäre jüdische Künstler) las ich neulich: „Wieso konnten sich in kürzester Zeit so viele Menschen daran betei-ligen oder zusehen, dass „ihre Lieblinge“, nur weil sie Juden waren, schleunigst aus allen Bereichen der Film- und Unterhaltungsindustrien verschwanden?“


Marlene Dietrich mit Friedrich Holländer, dem späteren Schwiegervater Georg Kreislers, am Klavier
Bild: Volker Kühn - Archiv

Nun, ganz einfach: es geht die Leute halt nichts an. Wer jemandem verspricht, was er begehrt, und fordert, er möge vergessen, was ihn beschwert – der wird in der Regel Erfolg haben. So findet das Leben in einer Liedform, welche es in einer Weise reflektiert, die nicht dazu geeignet ist, das Publikum des Musikantenstadls zu befrieden, keinen Ausdruck - nicht zum Spaß, schon gar nicht im Ernst, denn: Hier wirkt, was das Schunkeln erschwert und wenn es besonders gut ist, fühlt sich auch das Fahnenträgertum der „Guten“ nicht angesprochen.

Niederlagen werden nicht mehr besungen, Siege tunlichst verschwiegen. Auch das Pathos der Ahnenden, die sich selbst mit jenem über Widersprüche hinweghelfen, fehlt. Majakowski schrieb Hymnen auf die Bolschewiki, doch mordete sich am Ende selbst aus Enttäuschung über jene. Doch heute käme niemand auf die Idee, diesen Widerspruch in Liedform, mit eben jener Haltung zu formulieren. Es ist davon auszugehen, dass selbst die Anspielung in der Überschrift nur selten noch verstanden wird…

11 Kommentare »

  1. Ich schrieb hier, die Jugend habe keine Lieder mehr, seit gestern weiß ich, dass es nicht stimmt.

    Anlässlich meines 11. Hochzeitstages in der Gaststätte sitzend, hörte ich leise ein Lied im Radio, notierte mir eine Zeile und recherchierte.

    Nun, ob es wirklich etwas ganz Großes ist, kann ich noch nicht sagen - etwas Mittelprächtiges wäre schon viel. Und sicher ist es noch nicht ausgereift und zu befürchten ist letztlich ein allzu gutmenschliches Herangehenen (Grölemann soll sein Mentor sein). Aber was Philipp Poisel fabriziert, ist schon ein Hinweis wert. Und wenn ich sagte, ich vermisse Lieder, die etwas Alltägliches beschreiben, dann ist das in etwa soetwas, was hier zu lesen ist (es fehlt noch die Rhythmik und der Sprachwitz) -
    http://fanclub.philipppoiselfanclub.de/index.php/lyrics/37-sonstige-songs/60-herr-reimer

    Kommentar von Campo-News — 7. Februar 2009 @ 12:35

  2. Und noch so eine Sensation, einer pseudolinken, und bisher ziemlich nervenden Band, aber ich schließe mich dem ersten Kommentar im Link an: Der Text ist super!

    Kommentar von Campo-News — 8. Februar 2009 @ 19:19

  3. http://www.publikative.org/2012/04/26/xavier-naidoo-als-soundtrack-der-reichsbewegung/

    Kommentar von Campo-News — 20. August 2014 @ 07:32

  4. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/xavier-naidoo-auf-montagsdemos-ueber-deutschland-und-paedophile-a-987539.html

    Kommentar von Campo-News — 22. August 2014 @ 16:38

  5. http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/deutsche_frauen_deutscher_sang

    Kommentar von Campo-News — 27. November 2014 @ 08:04

  6. http://www.a-koll.com/Juedische_Kuenstler.html

    Kommentar von Campo-News — 23. Januar 2015 @ 07:38

  7. Mehr als ein Ansatz - https://www.youtube.com/watch?v=19RSbxLLUWs

    Kommentar von Campo-News — 8. April 2015 @ 15:55

  8. http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/kommt_ein_protest_zur_falschen_zeit_besteht_er_nur_aus_peinlichkeit

    Kommentar von Campo-News — 18. April 2015 @ 06:47

  9. http://www.achgut.com/artikel/kuenstler_hoert_die_signale

    Kommentar von Campo-News — 5. Juni 2016 @ 10:23

  10. http://www.focus.de/politik/ausland/usa-steve-bannon-chefstratege-des-us-praesidenten_id_6585568.html

    Kommentar von Campo-News — 12. Februar 2017 @ 11:52

  11. „Tatbestandsmerkmale von Volksverhetzung“

    Ihr grüner Parteikollege Volker Beck hat sogar „Tatbestandsmerkmale von Volksverhetzung“ ausgemacht. „Im Kern geht es in dem Lied um die Delegitimierung der parlamentarischen Demokratie.“ Dementiert sich ein System, das Figuren wie Roth und Beck schon bis in den Vorhof der Regierungsmacht gespült hat, nicht von ganz allein? https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2017/zur-jagd-freigegeben/

    Kommentar von Campo-News — 14. Mai 2017 @ 10:53

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