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14. Juli 2005

Friedrich Nietzsche: Röckener - und Weimarer Bilderbogen Teil II

Abgelegt unter: Allgemein — Campo-News @ 07:07

Biographisches von Friedrich Nietzsche: Das Ende.

Hier geht es zum ersten Teil

Gabriele Reuter – 1895: Die bleichen, wundervoll geformten Hände
lagen wie bei einer in Stein gehauenen alten Grabfigur gekreuzt
über die Brust. Ich stand zitternd unter der Gewalt des Blickes…
die Pupillen verschwanden halb unter den Liedern, und rollten
blicklos angstvoll unter den gesenkten Wimpern hin und her.
Ernst Horneffer – August 1899: Jeder muss sich glücklich schätzen,
der Nietzsche als Kranken gesehen hat…Ich stand still,
von Ehrfurcht gebannt… Die Nase war sehr fein und vornehm
geschnitten. Dieselbe Vornehmheit kam besonders auf dem
Todtenbette zur Geltung. Das volle Haar war ganz schwarz
und seidenweich wie Frauenhaar. Die ganze Sensibilität,
das Feminine seines Wesens glaubte man in diesen seidigen
Haaren finden zu müssen…Am gewaltigsten aber, am schönsten
war er auf dem Todtenbette. Da erschien er in Wahrheit wie ein
todter Gott. Heinrich Köselitz – 14. Oktober 1899 Nietzsche ruht, in ein
weißes Flanelhemd gehüllt, oben den ganzen Tag auf einem Diwan….
Als ich ihm auf dem Klavier vorspielte, schienen wie aus der Tiefe
seines verschwommenen Gedächtnisses aufzuleuchten: er klatschte
ganz matt und fast unhörbar in seine Christushände.


Friedrich Nietzsche und seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche („In diesem Haus wohnen lauter gute Menschen. Ich habe viele schöne Sachen geschrieben. Mehr Licht. Summarisch tot. Ich bin tot, weil ich dumm bin.“)

Elisabeth Förster Nietzsche: ..dann aber, mit einem Male,
schüttelte er den Kopf, schloß freiwillig die Augen und starb.
Harry Graf Kessler – 28. August 1900
Nach einer Stunde schneller Fahrt in Röcken
angekommen. Das Grab ist unmittelbar an der
Kirchmauer ausgegraben…das Licht spielte durch
die Pflaumenbäume an die Kirchmauer und bis
in die helle Gruft hinein….Nachher trat ein jeder
an die Gruft und warf mit einem Spruch aus dem
Zarathustra drei handvoll Erde hinein.
Eintrag im Kirchenbuch:
In Röcken geboren am 15. Oktober 1844
als Sohn des damaligen Pfarrers Nietzsche,
und sonach evangelisch, nach seinen
philosophischen Werken aber antichristlich.


Das Grab


Nietzschelesung zum 100. Todestag: Tanja Krienen und Lukas Gubler: Bereits im September 1883 schrieb die in Bern erscheinende Zeitung “Der Bund“: “Jene Dynamitvorräthe, die beim Bau der Gotthardbahn verwendet wurden, führten die schwarze, auf Todesgefahr deutende Warnungsflagge. Ganz in diesem Sinne sprechen wir von den neuen Buch des Philosophen Nietzsche als von einem gefährlichen Buche. Wir legen in diese Bezeichnung keine Spur von Tadel gegen den Autor und sein Werk, so wenig als jene schwarze Flagge jenen Sprengstoff tadeln sollte.”

Kurt Tucholsky schrieb 1932, also ein Jahr vor der Machtübernahme der Nazis:

„Was hat das Nietzsche-Archiv mit Nietzsche getrieben? Das Archiv und seine Leute sind Schuld daran, daß die Weltmeinung Nietzsche für einen Kriegsanstifter gehalten hat. Dieses Archiv ist ein Unglück. Frau Förster-Nietzsche hat aus ihrem Bruder mit Gewalt das machen wollen, was sie an ihm begriff – und viel war das nicht. Sie gibt auch zu Teile des Werkes vernichtet zu haben. Einige Analphabeten der Nazis, die wohl deshalb unter die hitlerischen Schriftsteller aufgenommen worden sind, weil sie einmal einem politischen Gegner mit dem Telefonbuch auf den Kopf gehauen haben, nehmen Nietzsche heute in Anspruch!

Auch der Publizist und Kritiker Karl Kraus verteidigte Nietzsche, in der “Dritten Walpurgisnacht“, geschrieben 1933, gegen den Vorwurf des Antisemitismus. Kraus schrieb:

„War schon die Einführung Hitlers in die Gedankenwelt Wagners ein Mißgriff, so ist es vielleicht eine noch größere Fahrlässigkeit, daß man ihn auf die geistige Verwandtschaft mit Nietzsche aufmerksam gemacht hat, ja geradezu ein faux pas, ihn im Weimarer Kreise neben der Nietzsche-Büste zu photografieren. Ein Autor der sagte: Ich mag sie nicht die Antisemiten. Und: man sollte mit keinem Menschen umgehen, der an dem verlogenen Rassenschwindel Anteil hat. Und: Pfui über die, welche sich jetzt zudringlich der Masse als ihre Heilande anbieten. So spricht die Büste auf dem Photo.“

Nietsches Schwester Elisabeth (gestorben 1935), begrüßt Hitler vor dem Nietzsche-Archiv in Weimar.


Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar, bis 1945 KZ, dann Einrichtung des sogenannten “Speziallagers Nr. 2″ der sowjetischen Militäradministration.

Nachtrag

Neulich am Nietzsche-Grab (Bericht einer unbedarften Tochter) -
Unna, im Sommer 2000, dem Jahr unseres Herrn Friedrich Nietzsche

DAS hier muss ich euch unbedingt erzählen!

Ja, ein seltsames Gefühl beschlich mich schon; angstvoll fuhr ich mit meinem Paps über die Grenze bei Eisenach. Das Radio suchte sich wie von Geisterhand MDR-Radio Thüringen aus, - ich zitterte! Doch irgendwann erreichten wir unser Ziel Röcken. Das liegt in der Nähe von Leipzig und man kann die Leute tatsächlich noch verstehen.

In dem Dorf Röcken jedenfalls, wurde vor langer Zeit der Philosoph Friedrich Nietzsche geboren. Das soll ein ganz armer kranker Mann gewesen sein, mit vielen Kopfschmerzen von der Syphilis, wie Paps meinte, und zum Schluss hat er ein Pferd umarmt und ist dann wahnsinnig geworden. Und jetzt das Allerkrasseste: Am 25. August ist er 100 Jahre volltot! Das ist sicher schön für ihn, weil er immer traurig war, aber gefährlich leben wollte oder so ähnlich. Dabei wanderte er eigentlich nur sehr viel, dachte nach und schrieb. Er war wohl auch nicht so sehr christlich.

Außerdem hatte der arme Herr Nietzsche eine böse Schwester, Elisabeth hieß die. Als sie Kinder waren, sollen sie miteinander richtig rumgeknuddelt haben, doch als er später krank war, hat sie oft Tinte über seine Arbeiten geschüttet, wenn ihr was nicht passte, so dass es keiner mehr lesen konnte. Sie war nämlich ein Nazi!

Und stellt Euch vor: Gerade kuck ich wo man ihn verbuddelt hat, da gings auch schon richtig ab.

Am Grab
(Jamben für die äußersten Planetenbahnen)

Nie dringt ein Laut aus dieser Erden
Unheimlich dunklen tiefen derben.
Sie lässt nur ahnen wie die Zeit
Es treibt, in der Unendlichkeit.

Des Ortes schwerelose Leere,
Durch schweigend Sinnen noch vermehre,
So rieche, - nein! - so spür ich hier
Ein lebend - giftig Elixier.

Ach! – diese Luft! – der Grabesduft
Die liebe wohl vertraute Gruft,
Lässt mich hier tanzen, singen, springen,
Vollendetes zu Werke bringen.

Da donnert´s laut, das Grab bricht auf,
Jetzo schnell weg, - ich denk nur: “Lauf!”
Doch schon packt Lisbeth meinen Schopfe,
Dass sie mich auf den Kopfe klopfe.

Dann hält sie inne, steht ganz starr,
Stumpf glänzt das leichengraue Haar.
Nun schweigt das Tier und selbst der Baum –
Angstvolle Wahrheit, - niemals Traum!

Der Schnauzbart und die wachen Augen!
Er ist´s!!! Gehört – ich könnt´s kaum glauben!
Gewandt zur Schwester dröhnt es raus:
“Ha! – Hör! – Dein schmutzig´ Spiel ist aus!

Du schlepptest mir den Pöbel an –
Antisemit und Priester-Mann.
Gabst Hitler meinen Wanderstock:
Her mit dem Hammer und dem Pflock!

Den schlag ich freudig Dir ins Herz –
Ins Schwesterherz, - als Bruderscherz!
So will ich lustig sein mit Dir.
Halt ein, - die Sinne schwinden mir!

Geschwiegen hab ich Hundert Jahr,
Tot lag ich dort; zu lang fürwahr!
Doch! – Rühr dies Kind hier niemals an!
Sieh her! Ich mach ein Zeichen dran!”

Er dreht sich langsam zu mir her;
Die Totenkralle kratzt dann sehr.
Auf meinem Bauch, dem braunen warmen,
Die Schlange prangt, - des Teufels Namen!

“Das Tier zum höchsten Zorne Gottes,
Gebührt dem ersten Weib des Spottes.”
Es schaut mich Friedrich an und lacht:
“Tanja, mein Sternchen, - gutgemacht!”

“Also sowas!”- sprach ich und ging.

Es war Mittag.

Dann hab ich mir mal alles bei Lichte angesehn. Schöne Bescherung! Die Schwanzspitze kann man eigentlich niemandem zeigen. Es ist also insgesamt eine mittlere Katastrophe, wie Ihr Euch leicht denken könnt. Na, wenigstens hat der tapfere Herr Nietzsche seiner Schwester mal die Meinung gesagt! Doch was hatte ich da überhaupt mit zu tun?

Herrjeh! Jetzt muss ich aber wirklich Schluss machen, Mehmet kommt grade rein und will natürlich die Schwanzspitze sehn!

Tschüss! Eure Tanja

Aktuelle Fotos: Tanja Krienen
Abbildungen: Stiftung Weimarer Klassik

4 Kommentare »

  1. Die fatale Doppelbödigkeit des “Umweltschutzes” zeigt sich an den irrsinnigen Plänen des Braunkohlebergbaus, durch den sogar die Grabstätte Nietzsche gefährdet ist. Unfassbar

    Kommentar von Campo-News — 21. Dezember 2007 @ 12:31

  2. Welche eine miese Besprechung http://www.spiegel.de/kultur/kino/woody-allen-magic-in-the-moonlight-mit-emma-stone-und-colin-firth-a-1005293.html

    Kommentar von Campo-News — 19. Oktober 2015 @ 08:39

  3. Nietzsche hat einmal gesagt, der große Mensch sei ohne Furcht vor der Meinung. Der Satz ist aktueller denn je, denn heute wird eine abweichende Meinung schärfer kontrolliert als eine abweichende Handlung. Auf die abweichende Meinung reagieren die Politiker und ihre Mediengetreuen nicht mit Widerspruch, sondern mit Empörung. https://causa.tagesspiegel.de/politik/haben-wir-es-mit-der-politischen-korrektheit-uebertrieben/politische-korrektheit-fuehrt-zur-geistigen-knechtschaft.html

    Kommentar von Campo-News — 14. Januar 2017 @ 16:47

  4. http://www.achgut.com/artikel/wenn_selbstaufloesung_als_erloesung_daher_kommt_2

    Kommentar von Campo-News — 15. Januar 2017 @ 11:29

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