<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><!-- generator="wordpress/2.3.3" -->
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	>
<channel>
	<title>Kommentare zu: Lutz GÃ¶rner: &#8220;Der Satz `Das Sein, bestimmt das Bewusstsein` gilt weiter&#8221;</title>
	<link>http://www.campodecriptana.de/blog/2007/02/27/679.html</link>
	<description>Der neue Blog ist unter http://campodecriptanablog.apps-1and1.net erreichbar</description>
	<pubDate>Fri, 17 Apr 2026 20:25:00 +0000</pubDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.3.3</generator>
		<item>
		<title>Von: Campo-News</title>
		<link>http://www.campodecriptana.de/blog/2007/02/27/679.html#comment-39576</link>
		<dc:creator>Campo-News</dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Feb 2007 16:59:35 +0000</pubDate>
		<guid>http://www.campodecriptana.de/blog/2007/02/27/679.html#comment-39576</guid>
		<description>Ist es eine Provokation, wenn ich jetzt, antipodisch fast, erneut das Reizwort einblende: Postmodernismus â€“ ist das die Situation nach dem radikalen Aufbruch der Moderne, die ja Nietzsche entscheidend mit in Szene setzte, die ErschÃ¶pfung nach den Schlachten des Modernismus, die kaltgestellte Leere, die metaphysische Nullrunde, bevor es in ganz andere Richtungen weitergehen wird? LÃ¤sst sich da Ã¼berhaupt ein Zusammenhang herstellen? Immerhin, dieses postmoderne Denken sagt nicht nein, sagt aber auch nicht ja, es sagt: meinetwegen, wenn schon keine normativen Verbindlichkeiten, dann eben nicht, dann ist eben alles mÃ¶glich. Nur zu tief sollte es nicht sein, dieses oberflÃ¤chige Dahindenken und schon gar nicht leidend. Woran auch sollte man leiden, wenn ohnehin alles relativ ist. Ich meine, da hat sich etwas gedreht in der Achse des Nihilismus â€“ vom Leiden zur Langeweile, von der Tiefe zur FlÃ¤chigkeit â€“ das sollte man feststellen, ohne Fundamentalkritik, eben heute im Posthistoire, eben demokratisch, eben pluralistisch und entsprechend cool gestimmt, also lÃ¤ssig mit schwebender Distanz. 

Nur zweierlei fÃ¤llt mir schwer: zu sagen einmal, was die postmodernen Diskurse uns gebracht haben an brauchbarer Erkenntnis, ich meine im anthropologischen Sinne; und zum andern, Abschied zu nehmen von fundamentalen Weisheiten (nicht Wahrheiten) der Poesie und der Philosophie Ã¼ber zweitausend Jahre hin. Weisheit im Sinne von Lebenserfahrung, also Kenntnis und Wissen von groÃŸen ZusammenhÃ¤ngen des Lebens, Vernunft und Urteilskraft betreffend, was die Griechen sophia nannten und was im Mittelalter wisheit hieÃŸ. Der Philosoph Nicolai Hartmann, Zeitgenosse Gottfried Benns, nannte das: â€ždie ethische Geistigkeit, nÃ¤mlich die das ganze Leben beherrschende Stellung des Ethos Ã¼berhaupt als geistigen Grundfaktor des Menschentumsâ€œ (Hauptwerk: Ethik) Das hatte philosophische Geltung von der Antike bis in unser Jahrhundert, und zu solchem Denken gehÃ¶rte primÃ¤r auch die Aporetik letzter Erkennbarkeiten, gerade mit Blick auf die Grundformen des Seins, also Leben, Existenz, Bewusstsein, Geist, Freiheit â€“ alles das bleibt letztlich rÃ¤tselhaft und unerkennbar. Wo also stehen wir? Poetische Aporie, das wÃ¤re das Stichwort der kÃ¼nstlerischen Moderne, wollte man es auf einen philosophischen Nenner bringen. Die RÃ¤tselhaftigkeit menschlichen Seins findet Ausdruck in den labyrinthischen Strukturen der Kunstwerke. Welche Namen stÃ¼nden dafÃ¼r reprÃ¤sentativer als die von Franz Kafka und Jorge Luis Borges? Die Dichtung Gottfried Benns lebt von der BeschwÃ¶rung der Dunkelheiten des Daseins, das macht ihre poetische Faszination aus, und die funktioniert nur im antithetischen Widerspiel des Artistischen, das hatte Benn von Nietzsche gelernt. Nichts â€“ und darÃ¼ber Glasur.

Gerade mit Blick auf Nietzsches Leiden behaupte ich, es ist ein Unterschied von Relativismus zu Relativismus, von Perspektivismus zu Perspektivismus, von der Verbindlichkeit zur Unverbindlichkeit. Nietzsche selbst nannte das die intellektuelle Redlichkeit. Ich meine, die ist in einem entscheidenden MaÃŸe abhanden gekommen in diesem ebenso ramponierten wie korrumpierten Jahrhundert. Ob von links oder von rechts, die Anpassungsmechanismen haben das Ã¤sthetische Ethos ruiniert. Aha, wird man sagen, daraus spricht das altbackene Bewusstsein anthropologischer Beharrlichkeit, der Mann ist nicht postmodern. Dagegen kann ich nur sagen: meinetwegen, denn wenn alles geht und alles mÃ¶glich ist, dann auch dies, nÃ¤mlich festzuhalten an bestimmten Deutungen, die der Mensch von sich selbst und seiner Ortlosigkeit im Weltall entworfen hat. Unbestreitbar etwa hat seit der Antike die tragische Deutung â€“ in einem sehr realistischen Sinne â€“ die Grundbefindlichkeit des Menschen kÃ¼nstlerisch zum Ausdruck gebracht. Denken wir nur an das Syndrom der Melancholie, das die anthropologische Selbstdeutung der Neuzeit auffallend bestimmt, in der Malerei, in der Philosophie, in der Musik, in der Literatur. Kulturmorphologisch ein schier endloses Thema, die Dunkelheit als visuelle Metapher des Undarstellbaren, denken wir nur an die Geschichte der PortrÃ¤tkunst von Rembrandt bis Arnulf Rainer, an die europÃ¤ische Lyrik, kulminierend im franzÃ¶sischen Symbolismus, an die ErzÃ¤hlkunst von E.T.A. Hoffmann Ã¼ber Poe, Dostojewski, Kafka bis hin zu Thomas Bernhard, auf der BÃ¼hne dargestellt seit Shakespeare quer durch die Tradition des Trauerspiels in Europa, Ã¼berall Wahnsinn und Tod, der Mensch als Bestie und als Opfer, bis zur totalen Anthropologie des Kaputtseins, etwa bei Beckett â€“ fÃ¼r Optimismus bleibt in diesem Spektrum wenig Platz. Mir leuchtet einfach nicht ein, dass wir es heute so Knall auf Fall mit einem neuen Menschen zu tun haben.

Im Ã¼brigen hat mir kein postmodernes Buch bisher Erleuchtung gebracht hinsichtlich der Verantwortung heutigen Denkens im Kreislauf der Relativismen. Auch wenn Lyotard schon frÃ¼h als Titel seiner initiierenden Schrift setzte: Das postmoderne Wissen, so die deutsche Ãœbersetzung, im Original La condition postmoderne, bin ich nach Durchgang dieses und anderer BÃ¼cher von dem Wissen nicht erleuchtet worden, was das ist, der postmoderne Zustand. Aber vielleicht ist gerade das ein Signum des Begriffs. Also, ich kann nicht sagen, weil ich es nicht weiÃŸ, was Nietzsche und Benn mit dem schillernden Denken von heute zu tun haben, nur eines weiÃŸ ich, dass der eine den Perspektivismus denkerisch-radikal eingesetzt und der andere den perspektivischen Relativismus als Stilmittel poetisch konsequent praktiziert hat, gerade in seiner spÃ¤ten Prosa, so spricht der PtolemÃ¤er, so spricht der Radardenker, aber ist solches Denken darum postmodern? Bescheidener wÃ¼rde ich sagen, Benns spÃ¤te Prosa ist unerhÃ¶rt modern, gerade im Hinblick auf die angesprochenen GrundphÃ¤nomene Perspektivismus und Relativismus, die in der deutschen Dichtung bis dahin keinen adÃ¤quaten Ausdruck gefunden hatten.

NatÃ¼rlich sind die antiaufklÃ¤rerischen Tendenzen bei Nietzsche und bei Benn den AufklÃ¤rern immer verdÃ¤chtig gewesen, und unverdÃ¤chtig ist es gerade nicht, wenn jetzt die Postmodernen mit Nietzsche spielen. Dass beide nicht gesellschaftskritisch in die heute geforderte Transparenz und Konvergenz der Tatsachen-Diskurse einzubringen sind, versteht sich von selbst, ebenso ihre WiderstÃ¤ndigkeit gegenÃ¼ber der VersÃ¶hnung der Sprachspiele im gesamtkulturellen Konzert, denn gerade solche VersÃ¶hnung gilt als postmodern, Ã¼berhaupt hielten die beiden wenig oder gar nichts vom demokratischen Zusammenspiel pluraler Perspektiven. Kenner der Szene betonen, dass der Postmodernismus weitgehend ein Ã¤sthetischer Modernismus geblieben oder doch tief verankert ist in der Ã¤sthetischen Moderne. Das zielt auf den generellen Negations-Aspekt, und es trifft ja in der Tat zu auf Praxis und Theorie der KÃ¼nste, auf den Abschied vom Ideal der Einheit und des Sinnganzen, Abschied von der Einheit des geschlossenen Werks, Abschied von der Einheit des individuellen Ichs, was alles ja Adorno schon postulierte und Wittgenstein denkerisch expliziert hatte als ZertrÃ¼mmerung fundamentalistischer LetztbegrÃ¼ndungen und utopistischer LetztlÃ¶sungen.

Gerade auf diesem Feld trat Nietzsche als der geniale Initiator einer radikalen Skepsis hervor, und Gottfried Benn folgte ihm als Protagonist der poetischen WirklichkeitszertrÃ¼mmerung und Illusionszersetzung par excellence. Die Einheit einer fingierten Sinn-TotalitÃ¤t in Analogie zur Sinn-TotalitÃ¤t eines von Gott geschaffenen Kosmos war fÃ¼r beide Geschichte geworden. Nicht aber die Sehnsucht, jenem Prinzip nachzuspÃ¼ren, das hinter den universalen Illusionen sich verbirgt, dem gÃ¶ttlichen Prinzip, das zwar eine Erfindung des Menschen ist, aber in seiner uralten Herkunft und in seiner geschichtlichen Entfaltung als ein Prinzip der Unausrottbarkeit sich erwiesen hat. Die Frage also ist gerichtet auf ein Letztes, das sich nicht mehr hinterfragen lÃ¤sst, Nietzsche nannte es das Leben, Benn beschwor es als Geist. Ist das vielleicht der Unterschied zu heute, wie ja der Unterschied feststeht zwischen Leiden und Nonchalance? 

Der Sinn der Sinnsuche war auch Benn schon verloren gegangen, ganz sicher in einem betrÃ¤chtlichen Schritt Ã¼ber Nietzsche hinaus, aber immer noch zÃ¼ndete der Abschiedsschmerz in Versen von damals betÃ¶render VerfÃ¼hrung. Dagegen und daneben schlug dann wieder radikal die frÃ¼he Lyrik zu, vernichtete, was noch einmal sich vorwagte ohne Deckung, lieÃŸ es auch wieder gelten, lieÃŸ es aufkommen zu einer letzten BlÃ¼te. In dieser Weise antinomisch arbeitete schon Nietzsche, gerade der Zarathustra zeigt das in seiner widersprÃ¼chlichen Struktur. Darum auch wurde das Werk missbraucht, konnte geplÃ¼ndert werden in jener ebenso schwÃ¤rmerischen wie schwachkÃ¶pfigen Rezeption des Jahrhundertanfangs, Nietzsches gefeierter Vitalismus, Nietzsche der Lebensphilosoph, Nietzsche der Fortschrittsprophet fÃ¼r Reformideologie und Jugendbewegtheit, das war das Ergebnis am Anfang, und am Ende des Missbrauchs folgte dann der ZÃ¼chtungs- und Rassenwahn mit Raubtierideologie, Blonder Bestie, Sklaven- und Herrenmoral.

Wir kÃ¶nnen nur hoffen, dass nicht eine neue PlÃ¼nderungswelle Ã¼ber Nietzsche kommt, Ã¶kologisch-ideologisch etwa: â€žIch beschwÃ¶re euch, meine BrÃ¼der, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von Ã¼berirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.â€œ Ich gebe ja zu, dass ein solches Zitat nebenbei noch dazu verfÃ¼hrt, das HoffnungsgeschÃ¤ft heutiger Gurus zu ruinieren. Man kann eben Nietzsche zu allem heranziehen und dienstbar machen, das zeigen die Mystagogen von gestern und von heute, denn im Augenblick gedeihen sie wieder, gerade im Ausland herrscht Nietzsche-Konjunktur. Schlimm wÃ¤re es, Nietzsches universale Lebens-Perspektive dem Irrationalismus-BedÃ¼rfnis von heute in den Rachen zu werfen. Die Regression ins Esoterische, Okkultistische, in die variantesten Psychedelic-TrÃ¤ume, die Magic- und Mystery-Tour der siebziger Jahre, der Okkultismus-Boom der frÃ¼hen achtziger und der Transpersonalisten-Kult von heute, alles das sind gefÃ¤hrliche Signale. Sie sind Ã¶ffentlich in dem MaÃŸe, dass 1983 schon DER SPIEGEL daraus einen Titelbericht machte.  

AufklÃ¤rung als Dogma ist immer schon befeindet worden. Von den Romantikern bis zu den Expressionisten setzte man ihr ein tieferes Bild vom Menschen entgegen, als notwendiges Korrektiv; Traum und Vision wurden um so kÃ¤mpferischer verteidigt, je hÃ¤rter der Materialismus zuschlug. Nur sollte man diesen ebenso poetischen wie philosophischen Bewegungen nicht nachsagen, sie seien irrationalistisch. In diesem pejorativen Sinne urteilt man an der Sache vorbei, es geht um die verlorene Dimension, deren Verlust immer erneut eingeklagt werden muss. Gerade das war Nietzsches zentraler Ansatz: die Umwertung aller Werte ohne Dimensionsverlust. Die Transferierung von Transzendenz in Immanenz unter demselben Energiegesetz, die Erhaltung der Spannung, der Hochspannung, im Durchlauf durch den Nihilismus, die Ãœbertragung von Verbindlichkeit vom Jenseits auf das Diesseits, darum das Wort: bleibt der Erde treu.

Das also ist metaphysisch gedacht, denn es fordert zugleich Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer. Das andere Ufer, das ist der neue Mensch, der die Transformation geleistet hat ohne Spannungsverlust. â€žEs ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner hÃ¶chsten Hoffnung pflanze.â€œ â€“ â€žEure Liebe zum Leben sei Liebe zu eurer hÃ¶chsten Hoffnung: und eure hÃ¶chste Hoffnung sei der hÃ¶chste Gedanke des Lebens!â€œ Nietzsche selbst spricht vom ja-sagenden Pathos dieses Buches im Zusammenhang des Gedankens von der ewigen Wiederkunft des Gleichen, wie ein Blitz habe ihn die Erkenntnis getroffen, diese totale Umwertung von Ewigkeit in Zeit. Was frÃ¼her der Ewigkeit in toto Ã¼bertragen wurde, wird jetzt punktuell und unersetzbar, damit im Tiefsten verbindlich. Im Augenblick verdichtet sich die Zeit, die Vergangenheit und die Zukunft. Nietzsche nennt das die hÃ¶chste Formel der Bejahung, die Ã¼berhaupt erreicht werden kann. Die Welt ist ewig, die Zeit ist ewig, alles hat sich schon immer ereignet und wird sich immer wieder ereignen. â€žSo diesen Augenblick, er war schon einmal da und viele Male und wird ebenso wiederkehren.â€œ Das Leben ist eine Sanduhr, immer wieder wird sie umgedreht werden und immer wieder wird sie auslaufen. 

Der Augenblick wurde zur metaphysischen Formel des neuzeitlichen Menschen, seit die Ewigkeit umschlug in Zeit. â€žWas man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurÃ¼ck.â€œ So Schiller in dem Gedicht Resignation â€“ was er noch betrauerte, jetzt hat es eine Wende erfahren. Kein Wunder, dass im Zeitalter der AufklÃ¤rung das Bewusstsein reifte fÃ¼r diese Fundamentalerfahrung. Die Gunst des Augenblicks. Titel eines Gedichts, Schiller bringt die Erkenntnis damit auf eine Formel. â€žUnd der mÃ¤chtigste von allen Herrschern ist der Augenblick.â€œ Allerdings, man setzte immer noch auf HÃ¶heres, auf ein Ideal, das gleichsam Ã¼ber dem Augenblick waltet, das zeigt ja der Faust; der Pakt mit dem Teufel am Anfang und die letzten Worte des uralten Faust, es geht um den Augenblick, der ebenso trÃ¼gerisch wie vergÃ¤nglich das Leben bestimmt. Aber im zweiten Teil dieses bewegenden Dramas vom neuzeitlichen Menschen steht auch das prophetische Wort: â€žDasein ist Pflicht, und wÃ¤râ€˜s ein Augenblick.â€œ Es geht um den Sinn der Erde, dieses Zarathustra-Wort hÃ¤tte Goethe unbedenklich unterschrieben.

Ich schlieÃŸe den Zirkelschlag, den ich um Nietzsche, in der gebotenen KÃ¼rze, gezogen habe. Noch ein Wort zu Benn, den diese Gedanken erstaunlich unberÃ¼hrt gelassen haben, er dachte eben nicht als Philosoph, er stilisierte als KÃ¼nstler. Und das in voller Ãœbereinstimmung mit Nietzsche, immer wieder spricht er vom Ideal der Vollkommenheit, und das ist fÃ¼r ihn die Makellosigkeit des kÃ¼nstlerischen Stils, die Verachtung des nur GefÃ¼hlten, des Dumpfen, Amorphen; Stil, sagt er, ist die Wendung gegen Innenleben, guten Willen. Das Gegenteil von Kunst sei nicht Natur, sondern gut gemeint. Eine spÃ¶ttische, leichte, flÃ¼chtige, gÃ¶ttlich unbehelligte, gÃ¶ttlich kÃ¼nstliche Kunst, das forderte schon Nietzsche, den Schein anzubeten, an Formen, an TÃ¶ne, an Worte, an den ganzen Olymp des Scheins zu glauben. Begeistert stimmte Benn ihm zu, steigerte noch diese Metaphorik aus Helligkeit, Wurf und Glanz, so feierte er durch Jahrzehnte den OberflÃ¤chenstil, diese neue, nach auÃŸen gelagerte Welt. Tragschwingen, leicht gehÃ¤mmert, Schwebendes unter Azur. Die Ã¤uÃŸerste Verbindlichkeit dieser Ã„sthetik ist zugleich ihr Wertmesser, diese Kunst, sagt Benn, ist das Ergebnis der Transferierung von Substanz in Form, eine anthropologische ErlÃ¶sung im Formalen. Alle Menschen der Tiefe, hat Nietzsche gesagt, schÃ¤tzen als das beste an den Dingen, dass sie eine OberflÃ¤che haben. Und bei Benn wiederum lesen wir das Wort vom VerstrÃ¶men der letzten arthaften Substanz in die Gestaltung. Das alles ist doch nur zu deuten im Sinne einer Verlagerung, nicht im Sinne eines Verlustes. Gott ist Form. In diesem Zusammenhang deklariert Benn das PhÃ¤nomen der Artistik mit erstaunlicher Offenheit als tief, religiÃ¶s und sakramental. Die stilistische Makellosigkeit und Reinheit dÃ¼rfe nicht geringer sein als das inhaltliche Denken frÃ¼herer Epochen, selbst bis zu den Graden vor dem Schierlingsbecher und vor dem Kreuz.

Radikaler lieÃŸ sich die Position nicht bestimmen, Benn scheute keinen Vergleich. Und vor dieser Folie erst entfaltet sein artistisches Spiel Glanz und Tiefe einer letzten Ã¤sthetischen Wahrheit. Einer Wahrheit, die anders nicht mehr zu vermitteln ist. In der Brillanz der perspektivischen Brechungen, in diesem Einerseits-andererseits, sowohl als auch, in den Antinomien und Ambivalenzen leuchtet der Lebenssinn noch einmal auf, das ist der MÃ¶glichkeitssinn, der Montagesinn, der sich zurÃ¼ckfÃ¼hren lÃ¤sst, immer noch, in den geheimnisvollen Produktionskern des Subjektes. Der KÃ¼nstler ist der einzige, der mit den Dingen fertig wird, der Ã¼ber sie entscheidet, und ich mÃ¶chte diesem Benn-Wort hinzufÃ¼gen, das ist so, weil nur der KÃ¼nstler perspektivisch entscheidet, spielerisch, frei schwebend, ohne NÃ¶tigung von auÃŸen. Nur er verfÃ¼gt Ã¼ber die Freiheit, die ihn freisetzt vom Zwang der Alltagsmechanismen. Im KÃ¼nstler bewahrt sich als Instanz der unverzichtbare Wertmesser im universalen Deutungsspiel. Dieser Anspruch ist ja keineswegs verloren gegangen, bis heute nicht. Die kÃ¼nstlerische Form einigt das Unvereinbare, spielt dialektisch, aber diese Dialektik fÃ¼hrt nicht zur Synthese, sie fÃ¼hrt nur vor, nÃ¤mlich das Spiel der Antinomien. Benn steigert diese Haltung mit den Jahren zu einem routiniert gehandhabten Lustprinzip. 

Dieser ambivalente Perspektivismus relativiert alles, gerade auch sich selbst. So im Roman des PhÃ¤notyp, so im PtolemÃ¤er, hier wird nicht Ã¤uÃŸeres Leben erfunden, sondern inneres zum Ausgleich gebracht. Bei allem Dualismus ist das Elend aufgehoben in der Perspektive dessen, der sie vertritt. Der Mann im Lotosland, Spezialist fÃ¼r Kosmetik und SchÃ¶nheitspflege, dieser verschwiegene Mann, der mehr zuhÃ¶rt als spricht, der die Balancen liebt, der in Gelassenheit lebt, sein SchÃ¶nheitsinstitut sei nicht errichtet auf Golgatha, lautet die Botschaft, es schwebt gleichsam auf dem Olymp des Scheins. â€žNach meiner Theorie mÃ¼ssen Sie VerblÃ¼ffendes machen, bei dem sie am SchluÃŸ selber lachen. (Das nenne ich eine schlechte Weisheit, bei der es nicht ein GelÃ¤chter gab, Nietzsche.) Sie mÃ¼ssen alles selber wieder aufheben: dann schwebt es.â€œ Das Ã¤sthetische Spiel trÃ¤gt sich selbst, es birgt in seiner TragfÃ¤higkeit den Wahrheitsanspruch des Kunstwerks und des Lebens. Der perspektivische Relativismus stÃ¶ÃŸt hier an die Grenze avantgardistischer Mitteilung Ã¼ber den Zustand des Menschen, Ã¼ber sein BewuÃŸtsein, seine Anschauung von Welt. Eine geschlossene Weltanschauung stand frÃ¼her hinter dem geschlossenen Kunstwerk. Hinter der Offenheit artistisch montierter Kunst steht nichts mehr, das sich in ein festes Bild bringen lieÃŸe. Das neue BewuÃŸtsein schuf sich neue Ausdrucksformen: die Zersplitterung der Einzelteile, die collagierte Montage, das Zitat als Aufruf des Gewesenen und MÃ¶glichkeit des ZukÃ¼nftigen, das trÃ¤gt in seinen bildhaften ZÃ¼gen die Male der Existenzmitteilung mit dem gleichen Ernst wie es die Werke vergangener Zeiten taten. Das Spiel ist scheinbar nur ein Spiel, unter der OberflÃ¤che, sagt Benn, verbergen sich genÃ¼gend Dunkelheiten, um auch den Tiefsinnigsten zu befriedigen. Im Dunkel leben, im Dunkel tun, was wir kÃ¶nnen. Aber mit der gebotenen Distanz, auf dem Niveau heutiger Erkenntnis vom Zustand des Menschen und den Grenzen seiner ErkenntnisfÃ¤higkeit. Keineswegs sei das Pessimismus, die Perspektiven heranzufÃ¼hren an den Rand des Dunkels und Haltung zu bewahren, auch vor diesem Dunkel, sagt einer der drei alten MÃ¤nner. Und der andere: Steigern Sie Ihre Augenblicke, das Ganze ist nicht mehr zu retten.

Was Benn von Nietzsche unterscheidet, ist sein Finalaspekt, die These vom Untergang des QuartÃ¤r, das sollte man festhalten. Es bleibt der Perspektivismus, metaphysisch wie artistisch grundiert, das ist die Umwertung der anthropologischen Grundsituation. Und mit ihrem Wahrheitsanspruch, so relativ er ist, hat sie genÃ¼gend Zukunft in sich, um jeder leichtfertigen Destruktion, jeder Abbruchstimmung zu widerstehen. Es gibt das Fazit der Perspektiven, und es gibt die daraus resultierende Konsequenz. Die Mythen sind endgÃ¼ltig verbraucht, am grÃ¼ndlichsten der SchÃ¶pfungsmythos vom Sinn des Einzelnen und des Ganzen. Das einerseits â€“ und andererseits das kÃ¼nstlerische Postulat. â€žDer Mensch muÃŸ neu zusammengesetzt werden aus Redensarten, SprichwÃ¶rtern, sinnlosen BezÃ¼gen, aus Spitzfindigkeiten, breit basiert â€“: Ein Mensch in AnfÃ¼hrungsstrichen. Seine Darstellung wird in Schwung gehalten durch formale Tricks, Wiederholungen von Worten und Motiven â€“ EinfÃ¤lle werden eingeschlagen wie NÃ¤gel und daran Suiten aufgehÃ¤ngt.â€œ 

   So spricht der Eremit des Doppellebens. Das alles hat ja die experimentelle Literatur weitergefÃ¼hrt, bis heute, das also war avantgardistisch, in der Prognose wie in der DurchfÃ¼hrung. Und das betrifft gerade jene verlorenen, heute verlogenen ZusammenhÃ¤nge, die man immer noch so gerne konstruiert und konsumiert, im Leben wie in der Kunst. Wer lebt schon in Symbiose mit den Abenteuern progressiver Kunst. Die Bestsellerindustrie floriert nach wie vor, lebt von den psychosozialen Mustern der TeppichknÃ¼pfer. Der Mensch braucht das wohl, dringender offenbar als das EingestÃ¤ndnis des Relativismus. Er lebt von der verschleiernden Sehnsucht nach Geborgenheit und kleinem GlÃ¼ck. Die Serien im Fernsehen bestÃ¤tigen nur diesen unausrottbaren Trieb auf unterster Betriebsebene. 

Dagegen also die perspektivisch aufreiÃŸende Kunst, der Mensch in AnfÃ¼hrungsstrichen, die artifizielle Provokation. Weil er es lebte, weil er es dachte, weil er es fÃ¼hlte, konnte Benn schreiben, was so zwingend sich relativiert. Weil er spielerisch das Leben sah, gab er ihm jene WÃ¼rde zurÃ¼ck, die am Ende ein verlogener Ontologismus getilgt hatte. Die WÃ¼rde der Wahrheit, die WÃ¼rde des Faktischen, die SchÃ¶nheit einer bedingungslosen Offenheit. Diese Haltung teilte er mit Nietzsche, die Haltung einer ebenso bedingungslosen wie fundamentalen Tapferkeit. Existentiell ist ein Lieblingswort von Benn, und es ist nicht zuviel gesagt, dass in der Zone des Existentiellen der Perspektivismus seine metaphysische Verankerung gefunden hat. Die totale Relativierung, das spielerische Einerseits â€“ Andererseits, das ist eben nicht die totale SÃ¤kularisation. Der PhÃ¤notyp spielt mit der Ambivalenz, aber der Stundengott durchzieht das Werk mit der Botschaft vom primÃ¤r gebauten Satz, von der Verwandlungszone der Kunst, mit dem Auftrag, das Nebeneinander der Dinge zu ertragen. â€“  â€žJegliches Spiel ist nutzlos, aber auch der Ruhm und die SchÃ¶nheit, alle Spiele der GÃ¶tter sind es und je nutzloser um so gÃ¶ttlicher â€“: glauben Sie das? â€“ Aller Glanz, den wir in unserer Seele tragen, kommt von Dingen, die wir erschaffen haben.â€œ

   Solche SÃ¤tze stehen im Roman des PhÃ¤notyp, geschrieben in der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte, 1944 in einer Kaserne Ã¶stlich der Oder, wÃ¤hrend die Russen nÃ¤her rÃ¼ckten. Alles ist brÃ¼chig geworden, aber aus dem Zusammenbruch gerade erhebt sich die MÃ¶glichkeit neuer Weltdeutung. Wohin das Auge schweift, MÃ¶glichkeiten, Motive, Anspielungen, Perspektiven, â€“ so beschwÃ¶rt es der PhÃ¤notyp. â€žEtwas Unstillbares ist dabei, etwas, das das Herz zerreiÃŸt. Neue ferne Wogen, kaum erkennbare Verwandlungen, SpÃ¤theiten â€“ und unerfÃ¼llbar alles.â€œ â€“ â€žDas unmittelbare Erleben tritt zurÃ¼ck. Es brennen die Bilder, ihr unerschÃ¶pflicher beschirmter Traum. Sie entfÃ¼hren.â€œ Sehr viel Poesie bergen diese SÃ¤tze, aber das nur einerseits, andererseits gibt es das Wort vom prismatischen Infantilismus als Antwort auf triviale TiefgrÃ¼ndigkeit, die Absage an alle Hinterweltler, deren Positionen die modernen KÃ¼nstler lange schon gerÃ¤umt haben. â€žSie tapezieren mit sich selbst und nichts kann sie erlÃ¶sen.â€œ Gemeint sind die progressiven KÃ¼nstler. Ihr Inneres mÃ¼ssen sie verleugnen, dÃ¼pieren, Farcen mit ihm treiben, das sei die Voraussetzung fÃ¼r Poesie. So in Altern als Problem fÃ¼r KÃ¼nstler. Die Ã¤uÃŸere KausalitÃ¤t schafft nichts heran, nur die inneren Perspektiven erÃ¶ffnen die Welt, alles steht zur VerfÃ¼gung, wer mit Radar arbeitet, hat die Struktur auf dem Bildschirm. â€žDas sind Perspektiven!â€œ Freut sich der Radardenker. â€žIch habe mich sehr genau beobachtet, ich bin mir so nebensÃ¤chlich, dass ich das kann.â€œ

Jahrzehnte vor dem Ausbruch postmodernen Experimentierens verstrÃ¶mt noch einmal der Glanz der Seele, kann und darf aufleuchten, weil er experimentell facettiert in Erscheinung tritt. Was sich als Inhalt nicht mehr vorstellen lÃ¤sst, erscheint gereinigt als purer Ausdruck. RÃ¼ckgebunden aber ist diese Sehnsucht nach Glanz und ErlÃ¶sung immer noch im personalen Zentrum metaphysischer Erfahrung, die letztlich eine religiÃ¶se ist. Das hat sich geÃ¤ndert, und gerade diese Ã„nderung trÃ¤gt das Signum der Postmoderne. Mit ihrem Experimentieren wolle heute die Kunst etwas hervorbringen, â€žworin es nicht mehr darauf ankommt, ob ein Subjekt sein Leiden objektiviert und als Sinn erkenntâ€œ â€“ das war die Einsicht Lyotards von 1979 (Philosophie und Malerei im Zeitalter ihres Experimentierens). Das mag auch heute noch gelten, gilt dann aber schon lange, insofern der Abschied vom Subjekt und seinem Leiden schon den dadaistischen Manifesten eingeschrieben war. Die daraus resultierende Tradition des Experimentellen war immer subjektfeindlich eingestellt, die Wiener Gruppe wie die Konkreten. Die Unterscheidung also muss getroffen werden im Innern des Begriffs: Das Experimentieren mit existentiellen Erlebnisformen ist etwas anderes als das pure Jonglieren mit Sprache. Der Relativismus liegt beiden Spielformen zu Grunde, offenbar kommt es darauf an, was relativiert wird und von welchem Standort aus.

Dem Text liegt ein Vortrag zu Grunde, der an der Washington State University in Seattle gehalten wurde. Erstdruck in: Il cacciatore di silenzi. Studi dedicati a Ferruccio Masini. Roma 1998. SpÃ¤ter in: Bruno Hillebrand: Was denn ist Kunst? Essays zur Dichtung im Zeitalter des Individualismus. GÃ¶ttingen 2001.

Der Autor war bis 2002 Ordinarius fÃ¼r Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der UniversitÃ¤t Mainz.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Ist es eine Provokation, wenn ich jetzt, antipodisch fast, erneut das Reizwort einblende: Postmodernismus â€“ ist das die Situation nach dem radikalen Aufbruch der Moderne, die ja Nietzsche entscheidend mit in Szene setzte, die ErschÃ¶pfung nach den Schlachten des Modernismus, die kaltgestellte Leere, die metaphysische Nullrunde, bevor es in ganz andere Richtungen weitergehen wird? LÃ¤sst sich da Ã¼berhaupt ein Zusammenhang herstellen? Immerhin, dieses postmoderne Denken sagt nicht nein, sagt aber auch nicht ja, es sagt: meinetwegen, wenn schon keine normativen Verbindlichkeiten, dann eben nicht, dann ist eben alles mÃ¶glich. Nur zu tief sollte es nicht sein, dieses oberflÃ¤chige Dahindenken und schon gar nicht leidend. Woran auch sollte man leiden, wenn ohnehin alles relativ ist. Ich meine, da hat sich etwas gedreht in der Achse des Nihilismus â€“ vom Leiden zur Langeweile, von der Tiefe zur FlÃ¤chigkeit â€“ das sollte man feststellen, ohne Fundamentalkritik, eben heute im Posthistoire, eben demokratisch, eben pluralistisch und entsprechend cool gestimmt, also lÃ¤ssig mit schwebender Distanz. </p>
<p>Nur zweierlei fÃ¤llt mir schwer: zu sagen einmal, was die postmodernen Diskurse uns gebracht haben an brauchbarer Erkenntnis, ich meine im anthropologischen Sinne; und zum andern, Abschied zu nehmen von fundamentalen Weisheiten (nicht Wahrheiten) der Poesie und der Philosophie Ã¼ber zweitausend Jahre hin. Weisheit im Sinne von Lebenserfahrung, also Kenntnis und Wissen von groÃŸen ZusammenhÃ¤ngen des Lebens, Vernunft und Urteilskraft betreffend, was die Griechen sophia nannten und was im Mittelalter wisheit hieÃŸ. Der Philosoph Nicolai Hartmann, Zeitgenosse Gottfried Benns, nannte das: â€ždie ethische Geistigkeit, nÃ¤mlich die das ganze Leben beherrschende Stellung des Ethos Ã¼berhaupt als geistigen Grundfaktor des Menschentumsâ€œ (Hauptwerk: Ethik) Das hatte philosophische Geltung von der Antike bis in unser Jahrhundert, und zu solchem Denken gehÃ¶rte primÃ¤r auch die Aporetik letzter Erkennbarkeiten, gerade mit Blick auf die Grundformen des Seins, also Leben, Existenz, Bewusstsein, Geist, Freiheit â€“ alles das bleibt letztlich rÃ¤tselhaft und unerkennbar. Wo also stehen wir? Poetische Aporie, das wÃ¤re das Stichwort der kÃ¼nstlerischen Moderne, wollte man es auf einen philosophischen Nenner bringen. Die RÃ¤tselhaftigkeit menschlichen Seins findet Ausdruck in den labyrinthischen Strukturen der Kunstwerke. Welche Namen stÃ¼nden dafÃ¼r reprÃ¤sentativer als die von Franz Kafka und Jorge Luis Borges? Die Dichtung Gottfried Benns lebt von der BeschwÃ¶rung der Dunkelheiten des Daseins, das macht ihre poetische Faszination aus, und die funktioniert nur im antithetischen Widerspiel des Artistischen, das hatte Benn von Nietzsche gelernt. Nichts â€“ und darÃ¼ber Glasur.</p>
<p>Gerade mit Blick auf Nietzsches Leiden behaupte ich, es ist ein Unterschied von Relativismus zu Relativismus, von Perspektivismus zu Perspektivismus, von der Verbindlichkeit zur Unverbindlichkeit. Nietzsche selbst nannte das die intellektuelle Redlichkeit. Ich meine, die ist in einem entscheidenden MaÃŸe abhanden gekommen in diesem ebenso ramponierten wie korrumpierten Jahrhundert. Ob von links oder von rechts, die Anpassungsmechanismen haben das Ã¤sthetische Ethos ruiniert. Aha, wird man sagen, daraus spricht das altbackene Bewusstsein anthropologischer Beharrlichkeit, der Mann ist nicht postmodern. Dagegen kann ich nur sagen: meinetwegen, denn wenn alles geht und alles mÃ¶glich ist, dann auch dies, nÃ¤mlich festzuhalten an bestimmten Deutungen, die der Mensch von sich selbst und seiner Ortlosigkeit im Weltall entworfen hat. Unbestreitbar etwa hat seit der Antike die tragische Deutung â€“ in einem sehr realistischen Sinne â€“ die Grundbefindlichkeit des Menschen kÃ¼nstlerisch zum Ausdruck gebracht. Denken wir nur an das Syndrom der Melancholie, das die anthropologische Selbstdeutung der Neuzeit auffallend bestimmt, in der Malerei, in der Philosophie, in der Musik, in der Literatur. Kulturmorphologisch ein schier endloses Thema, die Dunkelheit als visuelle Metapher des Undarstellbaren, denken wir nur an die Geschichte der PortrÃ¤tkunst von Rembrandt bis Arnulf Rainer, an die europÃ¤ische Lyrik, kulminierend im franzÃ¶sischen Symbolismus, an die ErzÃ¤hlkunst von E.T.A. Hoffmann Ã¼ber Poe, Dostojewski, Kafka bis hin zu Thomas Bernhard, auf der BÃ¼hne dargestellt seit Shakespeare quer durch die Tradition des Trauerspiels in Europa, Ã¼berall Wahnsinn und Tod, der Mensch als Bestie und als Opfer, bis zur totalen Anthropologie des Kaputtseins, etwa bei Beckett â€“ fÃ¼r Optimismus bleibt in diesem Spektrum wenig Platz. Mir leuchtet einfach nicht ein, dass wir es heute so Knall auf Fall mit einem neuen Menschen zu tun haben.</p>
<p>Im Ã¼brigen hat mir kein postmodernes Buch bisher Erleuchtung gebracht hinsichtlich der Verantwortung heutigen Denkens im Kreislauf der Relativismen. Auch wenn Lyotard schon frÃ¼h als Titel seiner initiierenden Schrift setzte: Das postmoderne Wissen, so die deutsche Ãœbersetzung, im Original La condition postmoderne, bin ich nach Durchgang dieses und anderer BÃ¼cher von dem Wissen nicht erleuchtet worden, was das ist, der postmoderne Zustand. Aber vielleicht ist gerade das ein Signum des Begriffs. Also, ich kann nicht sagen, weil ich es nicht weiÃŸ, was Nietzsche und Benn mit dem schillernden Denken von heute zu tun haben, nur eines weiÃŸ ich, dass der eine den Perspektivismus denkerisch-radikal eingesetzt und der andere den perspektivischen Relativismus als Stilmittel poetisch konsequent praktiziert hat, gerade in seiner spÃ¤ten Prosa, so spricht der PtolemÃ¤er, so spricht der Radardenker, aber ist solches Denken darum postmodern? Bescheidener wÃ¼rde ich sagen, Benns spÃ¤te Prosa ist unerhÃ¶rt modern, gerade im Hinblick auf die angesprochenen GrundphÃ¤nomene Perspektivismus und Relativismus, die in der deutschen Dichtung bis dahin keinen adÃ¤quaten Ausdruck gefunden hatten.</p>
<p>NatÃ¼rlich sind die antiaufklÃ¤rerischen Tendenzen bei Nietzsche und bei Benn den AufklÃ¤rern immer verdÃ¤chtig gewesen, und unverdÃ¤chtig ist es gerade nicht, wenn jetzt die Postmodernen mit Nietzsche spielen. Dass beide nicht gesellschaftskritisch in die heute geforderte Transparenz und Konvergenz der Tatsachen-Diskurse einzubringen sind, versteht sich von selbst, ebenso ihre WiderstÃ¤ndigkeit gegenÃ¼ber der VersÃ¶hnung der Sprachspiele im gesamtkulturellen Konzert, denn gerade solche VersÃ¶hnung gilt als postmodern, Ã¼berhaupt hielten die beiden wenig oder gar nichts vom demokratischen Zusammenspiel pluraler Perspektiven. Kenner der Szene betonen, dass der Postmodernismus weitgehend ein Ã¤sthetischer Modernismus geblieben oder doch tief verankert ist in der Ã¤sthetischen Moderne. Das zielt auf den generellen Negations-Aspekt, und es trifft ja in der Tat zu auf Praxis und Theorie der KÃ¼nste, auf den Abschied vom Ideal der Einheit und des Sinnganzen, Abschied von der Einheit des geschlossenen Werks, Abschied von der Einheit des individuellen Ichs, was alles ja Adorno schon postulierte und Wittgenstein denkerisch expliziert hatte als ZertrÃ¼mmerung fundamentalistischer LetztbegrÃ¼ndungen und utopistischer LetztlÃ¶sungen.</p>
<p>Gerade auf diesem Feld trat Nietzsche als der geniale Initiator einer radikalen Skepsis hervor, und Gottfried Benn folgte ihm als Protagonist der poetischen WirklichkeitszertrÃ¼mmerung und Illusionszersetzung par excellence. Die Einheit einer fingierten Sinn-TotalitÃ¤t in Analogie zur Sinn-TotalitÃ¤t eines von Gott geschaffenen Kosmos war fÃ¼r beide Geschichte geworden. Nicht aber die Sehnsucht, jenem Prinzip nachzuspÃ¼ren, das hinter den universalen Illusionen sich verbirgt, dem gÃ¶ttlichen Prinzip, das zwar eine Erfindung des Menschen ist, aber in seiner uralten Herkunft und in seiner geschichtlichen Entfaltung als ein Prinzip der Unausrottbarkeit sich erwiesen hat. Die Frage also ist gerichtet auf ein Letztes, das sich nicht mehr hinterfragen lÃ¤sst, Nietzsche nannte es das Leben, Benn beschwor es als Geist. Ist das vielleicht der Unterschied zu heute, wie ja der Unterschied feststeht zwischen Leiden und Nonchalance? </p>
<p>Der Sinn der Sinnsuche war auch Benn schon verloren gegangen, ganz sicher in einem betrÃ¤chtlichen Schritt Ã¼ber Nietzsche hinaus, aber immer noch zÃ¼ndete der Abschiedsschmerz in Versen von damals betÃ¶render VerfÃ¼hrung. Dagegen und daneben schlug dann wieder radikal die frÃ¼he Lyrik zu, vernichtete, was noch einmal sich vorwagte ohne Deckung, lieÃŸ es auch wieder gelten, lieÃŸ es aufkommen zu einer letzten BlÃ¼te. In dieser Weise antinomisch arbeitete schon Nietzsche, gerade der Zarathustra zeigt das in seiner widersprÃ¼chlichen Struktur. Darum auch wurde das Werk missbraucht, konnte geplÃ¼ndert werden in jener ebenso schwÃ¤rmerischen wie schwachkÃ¶pfigen Rezeption des Jahrhundertanfangs, Nietzsches gefeierter Vitalismus, Nietzsche der Lebensphilosoph, Nietzsche der Fortschrittsprophet fÃ¼r Reformideologie und Jugendbewegtheit, das war das Ergebnis am Anfang, und am Ende des Missbrauchs folgte dann der ZÃ¼chtungs- und Rassenwahn mit Raubtierideologie, Blonder Bestie, Sklaven- und Herrenmoral.</p>
<p>Wir kÃ¶nnen nur hoffen, dass nicht eine neue PlÃ¼nderungswelle Ã¼ber Nietzsche kommt, Ã¶kologisch-ideologisch etwa: â€žIch beschwÃ¶re euch, meine BrÃ¼der, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von Ã¼berirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.â€œ Ich gebe ja zu, dass ein solches Zitat nebenbei noch dazu verfÃ¼hrt, das HoffnungsgeschÃ¤ft heutiger Gurus zu ruinieren. Man kann eben Nietzsche zu allem heranziehen und dienstbar machen, das zeigen die Mystagogen von gestern und von heute, denn im Augenblick gedeihen sie wieder, gerade im Ausland herrscht Nietzsche-Konjunktur. Schlimm wÃ¤re es, Nietzsches universale Lebens-Perspektive dem Irrationalismus-BedÃ¼rfnis von heute in den Rachen zu werfen. Die Regression ins Esoterische, Okkultistische, in die variantesten Psychedelic-TrÃ¤ume, die Magic- und Mystery-Tour der siebziger Jahre, der Okkultismus-Boom der frÃ¼hen achtziger und der Transpersonalisten-Kult von heute, alles das sind gefÃ¤hrliche Signale. Sie sind Ã¶ffentlich in dem MaÃŸe, dass 1983 schon DER SPIEGEL daraus einen Titelbericht machte.  </p>
<p>AufklÃ¤rung als Dogma ist immer schon befeindet worden. Von den Romantikern bis zu den Expressionisten setzte man ihr ein tieferes Bild vom Menschen entgegen, als notwendiges Korrektiv; Traum und Vision wurden um so kÃ¤mpferischer verteidigt, je hÃ¤rter der Materialismus zuschlug. Nur sollte man diesen ebenso poetischen wie philosophischen Bewegungen nicht nachsagen, sie seien irrationalistisch. In diesem pejorativen Sinne urteilt man an der Sache vorbei, es geht um die verlorene Dimension, deren Verlust immer erneut eingeklagt werden muss. Gerade das war Nietzsches zentraler Ansatz: die Umwertung aller Werte ohne Dimensionsverlust. Die Transferierung von Transzendenz in Immanenz unter demselben Energiegesetz, die Erhaltung der Spannung, der Hochspannung, im Durchlauf durch den Nihilismus, die Ãœbertragung von Verbindlichkeit vom Jenseits auf das Diesseits, darum das Wort: bleibt der Erde treu.</p>
<p>Das also ist metaphysisch gedacht, denn es fordert zugleich Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer. Das andere Ufer, das ist der neue Mensch, der die Transformation geleistet hat ohne Spannungsverlust. â€žEs ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner hÃ¶chsten Hoffnung pflanze.â€œ â€“ â€žEure Liebe zum Leben sei Liebe zu eurer hÃ¶chsten Hoffnung: und eure hÃ¶chste Hoffnung sei der hÃ¶chste Gedanke des Lebens!â€œ Nietzsche selbst spricht vom ja-sagenden Pathos dieses Buches im Zusammenhang des Gedankens von der ewigen Wiederkunft des Gleichen, wie ein Blitz habe ihn die Erkenntnis getroffen, diese totale Umwertung von Ewigkeit in Zeit. Was frÃ¼her der Ewigkeit in toto Ã¼bertragen wurde, wird jetzt punktuell und unersetzbar, damit im Tiefsten verbindlich. Im Augenblick verdichtet sich die Zeit, die Vergangenheit und die Zukunft. Nietzsche nennt das die hÃ¶chste Formel der Bejahung, die Ã¼berhaupt erreicht werden kann. Die Welt ist ewig, die Zeit ist ewig, alles hat sich schon immer ereignet und wird sich immer wieder ereignen. â€žSo diesen Augenblick, er war schon einmal da und viele Male und wird ebenso wiederkehren.â€œ Das Leben ist eine Sanduhr, immer wieder wird sie umgedreht werden und immer wieder wird sie auslaufen. </p>
<p>Der Augenblick wurde zur metaphysischen Formel des neuzeitlichen Menschen, seit die Ewigkeit umschlug in Zeit. â€žWas man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurÃ¼ck.â€œ So Schiller in dem Gedicht Resignation â€“ was er noch betrauerte, jetzt hat es eine Wende erfahren. Kein Wunder, dass im Zeitalter der AufklÃ¤rung das Bewusstsein reifte fÃ¼r diese Fundamentalerfahrung. Die Gunst des Augenblicks. Titel eines Gedichts, Schiller bringt die Erkenntnis damit auf eine Formel. â€žUnd der mÃ¤chtigste von allen Herrschern ist der Augenblick.â€œ Allerdings, man setzte immer noch auf HÃ¶heres, auf ein Ideal, das gleichsam Ã¼ber dem Augenblick waltet, das zeigt ja der Faust; der Pakt mit dem Teufel am Anfang und die letzten Worte des uralten Faust, es geht um den Augenblick, der ebenso trÃ¼gerisch wie vergÃ¤nglich das Leben bestimmt. Aber im zweiten Teil dieses bewegenden Dramas vom neuzeitlichen Menschen steht auch das prophetische Wort: â€žDasein ist Pflicht, und wÃ¤râ€˜s ein Augenblick.â€œ Es geht um den Sinn der Erde, dieses Zarathustra-Wort hÃ¤tte Goethe unbedenklich unterschrieben.</p>
<p>Ich schlieÃŸe den Zirkelschlag, den ich um Nietzsche, in der gebotenen KÃ¼rze, gezogen habe. Noch ein Wort zu Benn, den diese Gedanken erstaunlich unberÃ¼hrt gelassen haben, er dachte eben nicht als Philosoph, er stilisierte als KÃ¼nstler. Und das in voller Ãœbereinstimmung mit Nietzsche, immer wieder spricht er vom Ideal der Vollkommenheit, und das ist fÃ¼r ihn die Makellosigkeit des kÃ¼nstlerischen Stils, die Verachtung des nur GefÃ¼hlten, des Dumpfen, Amorphen; Stil, sagt er, ist die Wendung gegen Innenleben, guten Willen. Das Gegenteil von Kunst sei nicht Natur, sondern gut gemeint. Eine spÃ¶ttische, leichte, flÃ¼chtige, gÃ¶ttlich unbehelligte, gÃ¶ttlich kÃ¼nstliche Kunst, das forderte schon Nietzsche, den Schein anzubeten, an Formen, an TÃ¶ne, an Worte, an den ganzen Olymp des Scheins zu glauben. Begeistert stimmte Benn ihm zu, steigerte noch diese Metaphorik aus Helligkeit, Wurf und Glanz, so feierte er durch Jahrzehnte den OberflÃ¤chenstil, diese neue, nach auÃŸen gelagerte Welt. Tragschwingen, leicht gehÃ¤mmert, Schwebendes unter Azur. Die Ã¤uÃŸerste Verbindlichkeit dieser Ã„sthetik ist zugleich ihr Wertmesser, diese Kunst, sagt Benn, ist das Ergebnis der Transferierung von Substanz in Form, eine anthropologische ErlÃ¶sung im Formalen. Alle Menschen der Tiefe, hat Nietzsche gesagt, schÃ¤tzen als das beste an den Dingen, dass sie eine OberflÃ¤che haben. Und bei Benn wiederum lesen wir das Wort vom VerstrÃ¶men der letzten arthaften Substanz in die Gestaltung. Das alles ist doch nur zu deuten im Sinne einer Verlagerung, nicht im Sinne eines Verlustes. Gott ist Form. In diesem Zusammenhang deklariert Benn das PhÃ¤nomen der Artistik mit erstaunlicher Offenheit als tief, religiÃ¶s und sakramental. Die stilistische Makellosigkeit und Reinheit dÃ¼rfe nicht geringer sein als das inhaltliche Denken frÃ¼herer Epochen, selbst bis zu den Graden vor dem Schierlingsbecher und vor dem Kreuz.</p>
<p>Radikaler lieÃŸ sich die Position nicht bestimmen, Benn scheute keinen Vergleich. Und vor dieser Folie erst entfaltet sein artistisches Spiel Glanz und Tiefe einer letzten Ã¤sthetischen Wahrheit. Einer Wahrheit, die anders nicht mehr zu vermitteln ist. In der Brillanz der perspektivischen Brechungen, in diesem Einerseits-andererseits, sowohl als auch, in den Antinomien und Ambivalenzen leuchtet der Lebenssinn noch einmal auf, das ist der MÃ¶glichkeitssinn, der Montagesinn, der sich zurÃ¼ckfÃ¼hren lÃ¤sst, immer noch, in den geheimnisvollen Produktionskern des Subjektes. Der KÃ¼nstler ist der einzige, der mit den Dingen fertig wird, der Ã¼ber sie entscheidet, und ich mÃ¶chte diesem Benn-Wort hinzufÃ¼gen, das ist so, weil nur der KÃ¼nstler perspektivisch entscheidet, spielerisch, frei schwebend, ohne NÃ¶tigung von auÃŸen. Nur er verfÃ¼gt Ã¼ber die Freiheit, die ihn freisetzt vom Zwang der Alltagsmechanismen. Im KÃ¼nstler bewahrt sich als Instanz der unverzichtbare Wertmesser im universalen Deutungsspiel. Dieser Anspruch ist ja keineswegs verloren gegangen, bis heute nicht. Die kÃ¼nstlerische Form einigt das Unvereinbare, spielt dialektisch, aber diese Dialektik fÃ¼hrt nicht zur Synthese, sie fÃ¼hrt nur vor, nÃ¤mlich das Spiel der Antinomien. Benn steigert diese Haltung mit den Jahren zu einem routiniert gehandhabten Lustprinzip. </p>
<p>Dieser ambivalente Perspektivismus relativiert alles, gerade auch sich selbst. So im Roman des PhÃ¤notyp, so im PtolemÃ¤er, hier wird nicht Ã¤uÃŸeres Leben erfunden, sondern inneres zum Ausgleich gebracht. Bei allem Dualismus ist das Elend aufgehoben in der Perspektive dessen, der sie vertritt. Der Mann im Lotosland, Spezialist fÃ¼r Kosmetik und SchÃ¶nheitspflege, dieser verschwiegene Mann, der mehr zuhÃ¶rt als spricht, der die Balancen liebt, der in Gelassenheit lebt, sein SchÃ¶nheitsinstitut sei nicht errichtet auf Golgatha, lautet die Botschaft, es schwebt gleichsam auf dem Olymp des Scheins. â€žNach meiner Theorie mÃ¼ssen Sie VerblÃ¼ffendes machen, bei dem sie am SchluÃŸ selber lachen. (Das nenne ich eine schlechte Weisheit, bei der es nicht ein GelÃ¤chter gab, Nietzsche.) Sie mÃ¼ssen alles selber wieder aufheben: dann schwebt es.â€œ Das Ã¤sthetische Spiel trÃ¤gt sich selbst, es birgt in seiner TragfÃ¤higkeit den Wahrheitsanspruch des Kunstwerks und des Lebens. Der perspektivische Relativismus stÃ¶ÃŸt hier an die Grenze avantgardistischer Mitteilung Ã¼ber den Zustand des Menschen, Ã¼ber sein BewuÃŸtsein, seine Anschauung von Welt. Eine geschlossene Weltanschauung stand frÃ¼her hinter dem geschlossenen Kunstwerk. Hinter der Offenheit artistisch montierter Kunst steht nichts mehr, das sich in ein festes Bild bringen lieÃŸe. Das neue BewuÃŸtsein schuf sich neue Ausdrucksformen: die Zersplitterung der Einzelteile, die collagierte Montage, das Zitat als Aufruf des Gewesenen und MÃ¶glichkeit des ZukÃ¼nftigen, das trÃ¤gt in seinen bildhaften ZÃ¼gen die Male der Existenzmitteilung mit dem gleichen Ernst wie es die Werke vergangener Zeiten taten. Das Spiel ist scheinbar nur ein Spiel, unter der OberflÃ¤che, sagt Benn, verbergen sich genÃ¼gend Dunkelheiten, um auch den Tiefsinnigsten zu befriedigen. Im Dunkel leben, im Dunkel tun, was wir kÃ¶nnen. Aber mit der gebotenen Distanz, auf dem Niveau heutiger Erkenntnis vom Zustand des Menschen und den Grenzen seiner ErkenntnisfÃ¤higkeit. Keineswegs sei das Pessimismus, die Perspektiven heranzufÃ¼hren an den Rand des Dunkels und Haltung zu bewahren, auch vor diesem Dunkel, sagt einer der drei alten MÃ¤nner. Und der andere: Steigern Sie Ihre Augenblicke, das Ganze ist nicht mehr zu retten.</p>
<p>Was Benn von Nietzsche unterscheidet, ist sein Finalaspekt, die These vom Untergang des QuartÃ¤r, das sollte man festhalten. Es bleibt der Perspektivismus, metaphysisch wie artistisch grundiert, das ist die Umwertung der anthropologischen Grundsituation. Und mit ihrem Wahrheitsanspruch, so relativ er ist, hat sie genÃ¼gend Zukunft in sich, um jeder leichtfertigen Destruktion, jeder Abbruchstimmung zu widerstehen. Es gibt das Fazit der Perspektiven, und es gibt die daraus resultierende Konsequenz. Die Mythen sind endgÃ¼ltig verbraucht, am grÃ¼ndlichsten der SchÃ¶pfungsmythos vom Sinn des Einzelnen und des Ganzen. Das einerseits â€“ und andererseits das kÃ¼nstlerische Postulat. â€žDer Mensch muÃŸ neu zusammengesetzt werden aus Redensarten, SprichwÃ¶rtern, sinnlosen BezÃ¼gen, aus Spitzfindigkeiten, breit basiert â€“: Ein Mensch in AnfÃ¼hrungsstrichen. Seine Darstellung wird in Schwung gehalten durch formale Tricks, Wiederholungen von Worten und Motiven â€“ EinfÃ¤lle werden eingeschlagen wie NÃ¤gel und daran Suiten aufgehÃ¤ngt.â€œ </p>
<p>   So spricht der Eremit des Doppellebens. Das alles hat ja die experimentelle Literatur weitergefÃ¼hrt, bis heute, das also war avantgardistisch, in der Prognose wie in der DurchfÃ¼hrung. Und das betrifft gerade jene verlorenen, heute verlogenen ZusammenhÃ¤nge, die man immer noch so gerne konstruiert und konsumiert, im Leben wie in der Kunst. Wer lebt schon in Symbiose mit den Abenteuern progressiver Kunst. Die Bestsellerindustrie floriert nach wie vor, lebt von den psychosozialen Mustern der TeppichknÃ¼pfer. Der Mensch braucht das wohl, dringender offenbar als das EingestÃ¤ndnis des Relativismus. Er lebt von der verschleiernden Sehnsucht nach Geborgenheit und kleinem GlÃ¼ck. Die Serien im Fernsehen bestÃ¤tigen nur diesen unausrottbaren Trieb auf unterster Betriebsebene. </p>
<p>Dagegen also die perspektivisch aufreiÃŸende Kunst, der Mensch in AnfÃ¼hrungsstrichen, die artifizielle Provokation. Weil er es lebte, weil er es dachte, weil er es fÃ¼hlte, konnte Benn schreiben, was so zwingend sich relativiert. Weil er spielerisch das Leben sah, gab er ihm jene WÃ¼rde zurÃ¼ck, die am Ende ein verlogener Ontologismus getilgt hatte. Die WÃ¼rde der Wahrheit, die WÃ¼rde des Faktischen, die SchÃ¶nheit einer bedingungslosen Offenheit. Diese Haltung teilte er mit Nietzsche, die Haltung einer ebenso bedingungslosen wie fundamentalen Tapferkeit. Existentiell ist ein Lieblingswort von Benn, und es ist nicht zuviel gesagt, dass in der Zone des Existentiellen der Perspektivismus seine metaphysische Verankerung gefunden hat. Die totale Relativierung, das spielerische Einerseits â€“ Andererseits, das ist eben nicht die totale SÃ¤kularisation. Der PhÃ¤notyp spielt mit der Ambivalenz, aber der Stundengott durchzieht das Werk mit der Botschaft vom primÃ¤r gebauten Satz, von der Verwandlungszone der Kunst, mit dem Auftrag, das Nebeneinander der Dinge zu ertragen. â€“  â€žJegliches Spiel ist nutzlos, aber auch der Ruhm und die SchÃ¶nheit, alle Spiele der GÃ¶tter sind es und je nutzloser um so gÃ¶ttlicher â€“: glauben Sie das? â€“ Aller Glanz, den wir in unserer Seele tragen, kommt von Dingen, die wir erschaffen haben.â€œ</p>
<p>   Solche SÃ¤tze stehen im Roman des PhÃ¤notyp, geschrieben in der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte, 1944 in einer Kaserne Ã¶stlich der Oder, wÃ¤hrend die Russen nÃ¤her rÃ¼ckten. Alles ist brÃ¼chig geworden, aber aus dem Zusammenbruch gerade erhebt sich die MÃ¶glichkeit neuer Weltdeutung. Wohin das Auge schweift, MÃ¶glichkeiten, Motive, Anspielungen, Perspektiven, â€“ so beschwÃ¶rt es der PhÃ¤notyp. â€žEtwas Unstillbares ist dabei, etwas, das das Herz zerreiÃŸt. Neue ferne Wogen, kaum erkennbare Verwandlungen, SpÃ¤theiten â€“ und unerfÃ¼llbar alles.â€œ â€“ â€žDas unmittelbare Erleben tritt zurÃ¼ck. Es brennen die Bilder, ihr unerschÃ¶pflicher beschirmter Traum. Sie entfÃ¼hren.â€œ Sehr viel Poesie bergen diese SÃ¤tze, aber das nur einerseits, andererseits gibt es das Wort vom prismatischen Infantilismus als Antwort auf triviale TiefgrÃ¼ndigkeit, die Absage an alle Hinterweltler, deren Positionen die modernen KÃ¼nstler lange schon gerÃ¤umt haben. â€žSie tapezieren mit sich selbst und nichts kann sie erlÃ¶sen.â€œ Gemeint sind die progressiven KÃ¼nstler. Ihr Inneres mÃ¼ssen sie verleugnen, dÃ¼pieren, Farcen mit ihm treiben, das sei die Voraussetzung fÃ¼r Poesie. So in Altern als Problem fÃ¼r KÃ¼nstler. Die Ã¤uÃŸere KausalitÃ¤t schafft nichts heran, nur die inneren Perspektiven erÃ¶ffnen die Welt, alles steht zur VerfÃ¼gung, wer mit Radar arbeitet, hat die Struktur auf dem Bildschirm. â€žDas sind Perspektiven!â€œ Freut sich der Radardenker. â€žIch habe mich sehr genau beobachtet, ich bin mir so nebensÃ¤chlich, dass ich das kann.â€œ</p>
<p>Jahrzehnte vor dem Ausbruch postmodernen Experimentierens verstrÃ¶mt noch einmal der Glanz der Seele, kann und darf aufleuchten, weil er experimentell facettiert in Erscheinung tritt. Was sich als Inhalt nicht mehr vorstellen lÃ¤sst, erscheint gereinigt als purer Ausdruck. RÃ¼ckgebunden aber ist diese Sehnsucht nach Glanz und ErlÃ¶sung immer noch im personalen Zentrum metaphysischer Erfahrung, die letztlich eine religiÃ¶se ist. Das hat sich geÃ¤ndert, und gerade diese Ã„nderung trÃ¤gt das Signum der Postmoderne. Mit ihrem Experimentieren wolle heute die Kunst etwas hervorbringen, â€žworin es nicht mehr darauf ankommt, ob ein Subjekt sein Leiden objektiviert und als Sinn erkenntâ€œ â€“ das war die Einsicht Lyotards von 1979 (Philosophie und Malerei im Zeitalter ihres Experimentierens). Das mag auch heute noch gelten, gilt dann aber schon lange, insofern der Abschied vom Subjekt und seinem Leiden schon den dadaistischen Manifesten eingeschrieben war. Die daraus resultierende Tradition des Experimentellen war immer subjektfeindlich eingestellt, die Wiener Gruppe wie die Konkreten. Die Unterscheidung also muss getroffen werden im Innern des Begriffs: Das Experimentieren mit existentiellen Erlebnisformen ist etwas anderes als das pure Jonglieren mit Sprache. Der Relativismus liegt beiden Spielformen zu Grunde, offenbar kommt es darauf an, was relativiert wird und von welchem Standort aus.</p>
<p>Dem Text liegt ein Vortrag zu Grunde, der an der Washington State University in Seattle gehalten wurde. Erstdruck in: Il cacciatore di silenzi. Studi dedicati a Ferruccio Masini. Roma 1998. SpÃ¤ter in: Bruno Hillebrand: Was denn ist Kunst? Essays zur Dichtung im Zeitalter des Individualismus. GÃ¶ttingen 2001.</p>
<p>Der Autor war bis 2002 Ordinarius fÃ¼r Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der UniversitÃ¤t Mainz.</p>
]]></content:encoded>
	</item>
	<item>
		<title>Von: Campo-News</title>
		<link>http://www.campodecriptana.de/blog/2007/02/27/679.html#comment-39575</link>
		<dc:creator>Campo-News</dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Feb 2007 16:41:59 +0000</pubDate>
		<guid>http://www.campodecriptana.de/blog/2007/02/27/679.html#comment-39575</guid>
		<description>Was du nicht alles glaubst, geschÃ¤tzter Erik! Hier die beiden Teile (auch in zwei getrennten Einstellungen) von "Nietzsche, Benn und die Postmoderne" des Mainzer Literatur-Professors Bruno Hillebrand, aus den Campo-Nummern 2 und 3.
&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;img width="599" height="723" alt="hillebrand.jpg" id="image681" src="http://www.campodecriptana.de/blog/wp-content/uploads/2007/02/hillebrand.jpg" /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class="MsoPlainText"&gt;&lt;span style="font-size: 11pt; color: black"&gt; &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;span style="font-size: 11pt"&gt; &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
Nietzsche, Benn und die Postmoderne

Die deutschen Idealisten, allen voran Hegel, deuteten die Welt im Rahmen ihrer Systeme. Noch heute vermitteln uns diese Systeme die Anstrengung metaphysischer Absicherung. Letztlich grÃ¼ndeten diese hoch getÃ¼rmten DenkgebÃ¤ude in einem Glauben, in dem philosophischen Glauben, das Unendliche sei â€“ mittels dialektischer Operationen â€“ ins Wort zu bringen. Diese Phase absoluter Weltdeutung im Sinne idealistischer Setzung wurde abgelÃ¶st durch die ebenso apodiktisch auftretende Gegensetzung des Materialismus. Damit hatte die Tradition des Platonisch-Christlichen philosophisch ein Ende gefunden, sie kulminierte noch einmal in der Anschauung von Welt kraft einer zugeordneten Idee. Zu erinnern ist noch die Tatsache, dass schon zur Zeit seiner hÃ¶chsten Entfaltung dem deutschen Idealismus verdÃ¤chtigte Absturzsymptome entgegenstanden. Der Nihilismus war schon im 18. Jahrhundert die komplementÃ¤re Erlebnisform zum Idealismus, die philosophischen HÃ¶henflieger allerdings registrieren das nicht, den Absturz erfuhren als erste die Literaten. Der dogmatisch gezimmerte Ideenhimmel trug sie nicht mehr, Gott und das Absolute hatten sich aufgelÃ¶st in ein schauriges Nichts. Die anonym verÃ¶ffentlichten Nachtwachen des Bonaventura sind 1804 ein einzigartiges Dokument. Das Syndrom des Sinn vernichtenden Nihilismus ist die unmittelbare Folge eines hypertroph sich behauptenden Idealismus.

Dies als RÃ¼ckblick von Nietzsches Standort aus, denn er war es ja, der revolutionÃ¤r umdachte im Sinne einer Umwertung aller Werte, und das betraf gerade jene oberste Wertregion, die seit zwei Jahrtausenden die abendlÃ¤ndische Weltdeutung garantiert hatte. Nietzsche stellte fest: Die Welt hat keinen Sinn hinter sich, es gibt unzÃ¤hlige Sinne. FÃ¼r diese umstÃ¼rzende Erkenntnis setzte er den Begriff des Perspektivismus. Es gibt keine festgelegten MaÃŸstÃ¤be, metaphysisch lÃ¤sst sich ohnehin nichts vermessen, es gibt kein verbindlich zu definierendes Sein, damit auch keinen ontologisch greifbaren Sinn, Ã¼berhaupt nichts Ruhendes, UnumstÃ¶ÃŸliches. Statik gibt es weder im Kosmos noch in der Natur noch im menschlichen Orientierungsraum, schon die WÃ¶rter sind suspekt geworden: Orientierung, Harmonie, Sein, Ordnung. Metaphysisch deutbare, sprachlich zu fixierende Tatsachen und Gesetze gibt es nicht, so Nietzsche mit unnachgiebiger Apodiktik, es gibt nur Interpretationen. Zu beachten ist der Plural, der sich ins Unendliche ausdehnen lÃ¤sst. Es gibt keine alleinseligmachende Interpretation, so steht es in einem Brief. Diese Einsicht Nietzsches hat unser Weltbild so grÃ¼ndlich verÃ¤ndert, wie Einstein es verÃ¤nderte, metaphysisch wie kosmisch rÃ¼ckte der RelativitÃ¤tsbegriff in die oberste Wertzone von Weltorientierung. Das alte statische Weltmodell wurde abgelÃ¶st durch ein dynamisches, alles kreist jetzt um alles. Das neue Denken also ist ein kreisfÃ¶rmiges Denken, in dem es keinen festen Standort mehr gibt, Subjekt und Objekt wechseln je nach Perspektive, das VerhÃ¤ltnis von auslegendem Subjekt und ausgelegtem Objekt ist relativ und offen nach allen Seiten.

Geschlagen mit der nÃ¶tigen UrteilstrÃ¼bung kÃ¶nnte man sagen, der Postmodernismus war damals schon ausgebrochen, also vor hundert Jahren. Mit dem Schlachtruf des Pluralismus: alles ist relativ, damit offen nach allen Seiten, alles ist mÃ¶glich, anything goes. War Nietzsche demnach der erste Postmodernist? Es gibt Leute, die das behaupten, vermutlich gehÃ¶rt auch solcher Unsinn zum postmodernen Diskurs. Es ist eben alles mÃ¶glich, wenn nichts feststeht, aber widersinnig ist es, schon vom Begriff her, denn die Moderne wird hier einfach Ã¼bersprungen, zu deren GrÃ¼ndungsvÃ¤tern ja gerade Nietzsche zu zÃ¤hlen ist. Nein, so sprunghaft leichtfertig kann man nicht umgehen mit einem Denken, das nach dem Tode Gottes dem Menschen die Ã¤uÃŸerste Verantwortung von Weltdeutung und Welteinrichtung zuschreibt. Etwas im Menschen stellt die Frage, muss sie stellen: Was hat einen Wert und wie ist dieses Werten zu begrÃ¼nden? Nietzsches Glaube ist ausgerichtet auf einen solchen zentralen Wertmesser, er spricht vom Gesetz der Perspektive und dieses Gesetz ist ein vom Menschen gesetztes in metaphysischer Dimension. Der KÃ¼nstler ist der Setzende, die Kunst wird damit zur obersten Instanz der Weltdeutung, gemeint ist nicht die Kunst der Kunstwerke allein. Es gibt ein verborgenes Zentrum im Menschen, das ist zustÃ¤ndig fÃ¼r den stÃ¤ndig zu erneuernden Prozess metaphysischer Deutung. NatÃ¼rlich ist das alles immanent gemeint, das versteht sich von selbst.

Es sind unsere Gesetze und GesetzmÃ¤ÃŸigkeiten, die wir in die Welt hineinlegen, sagt Nietzsche, nur eine dichterisch-logische Macht in uns errichtet die Perspektiven zu allen Dingen, und so erhalten wir uns am Leben. Die Umformung der Welt, um es in ihr aushalten zu kÃ¶nnen â€“ ist das Treibende. Hier ist der Treibsatz des Ganzen auf eine Formel gebracht. Das ist ein Prozess, der nicht geradlinig verlÃ¤uft, eben nicht logisch, der poetisch gesteuert ist, immer aufs innigste verbunden mit TÃ¤uschung und Irrtum: â€ždenn alles Leben ruht auf Schein, Kunst, TÃ¤uschung, Optik, Notwendigkeit des Perspektivischen und des Irrtums.â€œ Damit stehen wir vor dem Kardinalproblem von Nietzsches Denken, dem VerhÃ¤ltnis von Leben und Kunst. Hier ist keineswegs alles mÃ¶glich, Wertmesser ist immer das Leben, ihm ist die KÃ¼nstlerethik verpflichtet, das Leben fordert seine Steigerung in die je eigene MÃ¶glichkeitsform. Von der Wollust des Schaffenden spricht Nietzsche, Gradmesser ist das Leben mit seinem Anspruch auf Gestaltung, und das heiÃŸt Umgestaltung, der KÃ¼nstler erfÃ¤hrt diesen Zustand aufs Ã¤uÃŸerste: â€žLust am Gestalten und Umgestalten â€“ eine Urlust!â€œ Der Perspektivismus steht demnach im Dienste eines schÃ¶pferischen Geistes, der die Notwendigkeit zum Formen und Umformen nicht spirituell abgehoben erfÃ¤hrt, der vielmehr physiologisch eingebunden in Erscheinung tritt, organisch, ganzheitlich bis zu den HÃ¶hen Ã¤uÃŸerster Steigerung.

Die auÃŸerordentliche Faszination, die von Nietzsche ausging seit der Jahrhundertwende, hat an IntensitÃ¤t nicht nachgelassen, sie hatte Brechungen, EinbrÃ¼che, denken wir nur an den politischen Missbrauch, an die perverse Ideologie des Faschismus, an den spÃ¤teren Boykott, das Totschweigen ab den 60er Jahren, diesen blinden Widerstand, ebenso martialisch wie materialistisch vertreten von Seiten der Marxisten, aber dem Werk und seinen brillanten Ideen hat das nicht geschadet. Seit einigen Jahren ist das Interesse wieder erwacht, verwegen in Frankreich, gediegener in Deutschland, editorisch in Italien. Dieses neue Interesse an Nietzsche hÃ¤ngt ganz sicher zusammen mit der nachlassenden Dominanz der Gesellschaftswissenschaften, das einerseits, wir haben seit einiger Zeit ganz einfach die Lust verloren an rein praxisorientierter Theorie im Ãœberangebot, an dogmatischer Utopie, an geschichtsphilosophischen Spekulationen, die immer noch den Hegelschen Messianismus transportieren oder transportierten, denn vermutlich ist es vorbei mit diesem missionarischen Glauben. Andererseits zeichnet sich am heutigen Geisteshorizont jener bedenkliche Irrationalismus ab, der auf allen Gebieten der Kultur durchbricht wie der Spargel bei feuchtwarmer Witterung. Die Weltverbesserer sterben ja nicht aus, sie wechseln nur die Kleidung. Und wo es um Kleidung geht, geht es auch um Mode. Wobei die Mode wiederum Ausdruck ist des so genannten Zeitgeistes, man trÃ¤gt eben Postmodernismus zur Schau, seit der Modernismus offenbar in die Jahre kam und an AttraktivitÃ¤t verloren hat. NatÃ¼rlich sind das alles unausgewiesene Vokabeln, denn was ist schon der Zeitgeist? Und was den Postmodernismus betrifft, es wÃ¤re schon ein full time job, alle ihn betreffenden Kongresse und Symposien zu besuchen, die Publikationen zu verfolgen, wenn auch nur diagonal, um am Ende mit dem Wissen beglÃ¼ckt zu sein: anything goes.

Mit einem Wort, wir sind der AufklÃ¤rung mÃ¼de, wir haben den Materialismus, als Denkmodell zumindest, eben in historisch-dialektischer AusfÃ¼hrung, hinter uns gebracht, wir sind nicht mehr futuristisch fixiert, die Geschichte unserer Erwartungen hat uns schon Ã¼berholt, wir haben die Metaphysik verloren, die Ontologie, damit die Wahrheit weder die Kunst noch die Philosophie haben es mit Referenzen und FinalitÃ¤ten ontologischer Art zu tun, zu HÃ¼lsen wurden die Begriffe Einheit, TotalitÃ¤t, das Ganze â€“ vom Sein Ã¼berhaupt zu schweigen. Der riesige Prozess des Sinnverlustes, wie Jean Baudrillard es ausgedrÃ¼ckt hat, ist Ã¼ber uns hinweggespÃ¼lt, oder in der Deutung Jean-FranÃ§ois Lyotards: Alles, was einmal feststand, hat sich aufgelÃ¶st in pure Energetik. Kunst und Philosophie sind nur noch Energieumwandlungen, die nicht mehr auf ein GedÃ¤chtnis, ein Subjekt, eine IdentitÃ¤t zurÃ¼ckgefÃ¼hrt werden kÃ¶nnen. Also zu Ende ist es mit den Utopien der Einheit, der VersÃ¶hnung, der universellen Harmonie. Statt dessen ist ein universaler Spieltrieb ausgebrochen â€“ jenseits von Trauer um das Verlorene.  Alles, was je die Geschichte hervorgebracht hat, kann jetzt zitiert werden, eklektisch, ohne den Anspruch des Eklektizismus, historisch ohne den Ernst, man muss schon sagen, den Bierernst des Historismus. Neuer Realismus, neuer Subjektivismus, neuer Expressionismus, neue bis neueste SensibilitÃ¤t in Literatur und Malerei â€“ also, anything goes. Alles ist mÃ¶glich, selbst das UnmÃ¶gliche. Und das, wie gesagt, spielerisch nach Art der Skateboarder oder Inlineskater mit dem Walkman im Ohr. Wenn Adorno noch postulierte: â€žDie Male der ZerrÃ¼ttung sind das Echtheitssignal von Moderneâ€œ, dann setzt die Postmoderne augenzwinkernd Ã¼ber den Zaun aus Tragik und Zerfall, setzt sich ab in Richtung frÃ¶hliche Wissenschaft, der Abschied vom Prinzipiellen ist geschafft.

Mit Blick auf Nietzsche kÃ¶nnte das heiÃŸen, wir haben den Nihilismus Ã¼berwunden und uns eingerichtet in einem fidelen Relativismus. Alles steht uns jetzt zur VerfÃ¼gung, die Geschichte wurde zum Baukasten unseres artistischen Spieltriebs, in der Literatur, in der Malerei, in der Musik, in der Architektur ohnehin. Die VersatzstÃ¼cke der Kultur werden in beliebigem Einsatz neu arrangiert, montiert, collagiert mit dem Ziel effektvoller Wirkung. Efficiency als Parameter der Ã„sthetik. Das ist neu. Diese oberflÃ¤chige, scheinhafte, austauschbare Dekonstruktion von Bedeutung und Tiefe, dieser Widerstand gegen jede Einheit in Form von fingierter Sinn-TotalitÃ¤t, das alles, kÃ¶nnte man meinen, lÃ¤sst sich mÃ¼helos zurÃ¼ckfÃ¼hren auf Nietzsches Ã„sthetik, auf deren Hauptwerkzeug, nÃ¤mlich die Negation, die ja der Orgelpunkt der Moderne ist, das Nein zum Kunstwerk als konstruiertem Sinnzusammenhang, das Ja zur Ã¤sthetischen Integration des Abgespaltenen, Diffusen, die Hereinnahme des Nicht-Integrierten, Subjektfernen, scheinbar Sinnlosen, die Montage des Heterogenen und nicht des Homogenen als Material.

Aber, mÃ¼helos lÃ¤sst sich das alles nicht auf Nietzsche zurÃ¼ckfÃ¼hren, obwohl er, wie kaum ein anderer Denker, die Moderne beeinflusst hat, den Futurismus wie den Expressionismus wie den Dadaismus. Hatte nicht Nietzsche als erster den neuen Ausdrucksstil propagiert und praktiziert, jenen Perspektivismus, der losgebunden von jeder transzendenten Norm sich erfÃ¼llt in der Form, in der OberflÃ¤che, im Olymp des Scheins? â€žDaÃŸ der KÃ¼nstler den Schein hÃ¶her schÃ¤tzt als die RealitÃ¤tâ€œ das war sein Credo; von der Sehnsucht zum Schein spricht er fast religiÃ¶s, vom ErlÃ¶stwerden durch den Schein â€“ Ausdruck, Form, OberflÃ¤che und Schein, diese Stichworte haben sie begeistert aufgegriffen, die Dichter der ersten JahrhunderthÃ¤lfte, ich nenne von den deutschen nur Heinrich und Thomas Mann, Robert Musil und als Kronzeuge bis in die 50er Jahre Gottfried Benn, vehement folgten sie Nietzsches Botschaft einer epochalen Ã¤sthetischen Befreiung.

Benn in seiner Nietzsche-Rede von 1950 â€“ Nietzsche nach fÃ¼nfzig Jahren â€“ fasst die entscheidenden Punkte noch einmal zusammen, und er verweist damit schon auf jene Entwicklung, die letztlich vom Modernismus zum Postmodernismus gefÃ¼hrt hat. Wahrhaftig heiÃŸe er den, der in gÃ¶tterlose WÃ¼sten geht und sein verehrendes Herz zerbrochen hat. An dieses Nietzsche-Wort aus dem Zarathustra knÃ¼pft Benn an. â€žDies Herz hatte alles zerbrochen, was ihm begegnete: Philosophie, Philologie, Theologie, Biologie, KausalitÃ¤t, Politik, Erotik, Wahrheit, SchlÃ¼sseziehn, Sein, IdentitÃ¤t â€“ alles hatte es zerrissen, die Inhalte zerstÃ¶rt, die Substanzen vernichtet, sich selbst verwundet und verstÃ¼mmelt zu dem einen Ziel: die BruchflÃ¤chen funkeln zu lassen auf jede Gefahr und ohne RÃ¼cksicht auf die Ergebnisse â€“ das war sein Weg.â€œ

Ein Weg des Leidens, eine Passion, und diesem Leid standen sie noch nahe, die eben genannten Dichter und mit ihnen viele andere ihrer Altersgenossen â€“ das unterscheidet sie fundamental, Ã¤sthetisch wie existentiell, von den nachfolgenden Generationen. Es war das Leiden an der UnerlÃ¶stheit des Geistes, das die erste JahrhunderthÃ¤lfte mit Nietzsche verband. Aber es war auch die Lust der Befreiung, und Benn trifft diesen historischen Prozess im Kern. In seiner Nietzsche-Rede von 1950: â€žDie Inhalte ohne Sinn, aber sein inneres Wesen mit Worten zu zerreiÃŸen, der Drang, sich auszudrÃ¼cken, zu formulieren, zu blenden, zu funkeln â€“ das war seine Existenz. Der Weg vom Inhalt zum Ausdruck, das VerlÃ¶schen der Substanz zugunsten der Expression, das war elementar.â€œ

Nein, mÃ¼helos lÃ¤sst sich das nicht verschmelzen, ob man nun Nietzsche liest oder den Apologeten Benn, die Verbindungslinien zu unserer Situation heute sind nicht nahtlos zu ziehen. Ich sage das mit aller Entschiedenheit: Da ist etwas auf der Strecke geblieben, das sich noch gar nicht ermessen lÃ¤sst. Keineswegs ist das bindungslose Spiel mit allem und mit nichts die Botschaft Nietzsches, weder die neue UnÃ¼bersichtlichkeit noch die neue Unverbindlichkeit hatte er auf seine Fahne geschrieben. Ganz im Gegenteil, sein denkerischer Perspektivismus, er selbst zentriert ja in diesem Begriff seine philosophische Weltsicht, dieser Perspektivismus ist rÃ¼ckgebunden im Kraftzentrum dessen, der die Welt sieht, deutet, interpretiert. Das Subjekt als Erlebniszentrum hat in Nietzsches Sicht keineswegs abgedankt, ganz im Gegenteil, es erfÃ¤hrt eine Aufwertung wie nie zuvor, selbst Goethes PersÃ¶nlichkeitsbegriff wird hier noch einmal Ã¼berhÃ¶ht im Sinne metaphysischer Autonomie. Nach dem Zusammenbruch der Religionen und Metaphysiken, nach der AuflÃ¶sung aller dogmatischen und moralischen Bindungen gibt es fÃ¼r Nietzsche nur noch die individuelle perspektivische EinschÃ¤tzung der Dinge und der Welt. Es gibt nur den Einzelnen und seine Art zu sehen. Daher die exorbitante EinschÃ¤tzung der Kunst und des KÃ¼nstlers, bis hin zu Benns apodiktischem Wort, der KÃ¼nstler sei der einzige, der mit den Dingen fertig wird, der Ã¼ber sie entscheidet. Die Welt hat keinen Sinn hinter sich, sondern unzÃ¤hlige Sinne. Es gibt keine verbindlichen MaÃŸstÃ¤be mehr, kein festgeschriebenes Sein, Ã¼berhaupt nichts Ruhendes und UnumstÃ¶ÃŸliches. Das war Nietzsches kosmische Entdeckung. Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen, auch das ein Wort von ihm.

Wenn wir nun fragen, was interpretiert denn hier, welches Organ, welche Instanz, dann ist es nicht die kleine Vernunft, wie Nietzsche sagt, also nicht der Verstand, es ist die groÃŸe Vernunft, der Leib, die TotalitÃ¤t des Psychosomatischen ist es, was die Welt deutet. Nietzsche hat damit den Weg gewiesen, der heute erst in seiner philosophischen Stringenz â€“ aber auch auf den abenteuerlichen Wegen der neuroevolutionÃ¤ren Psychokybernetik â€“ begangen wird. Seine epochalen Verdienste der Umwertung aller Werte sind hier zu finden, viel mehr noch als auf dem Gebiet der Moralkritik. Letztlich ist es der Widerstand gegen das cartesianische VerstÃ¤ndnis von Erkennen und Denken, der hier entwickelt wird zu jener innovatorischen Ã„sthetik einer Physiologie der Kunst, deren Entdeckung und Ausformulierung Nietzsches Verdienst ist. Die groÃŸe Vernunft, diese letzte Instanz argumentiert nicht reflexiv, sie stellt sich dar als GebÃ¤rde, bleibt im Bereich der Darstellung, die bildhaften Charakter hat, ist inkarniert in der Anschauung des KÃ¼nstlers. Das meint die delphische Aussage, dass nur als Ã¤sthetisches PhÃ¤nomen das Dasein der Welt gerechtfertigt  ist, das Wort von der Ã¤sthetischen Rechtfertigung des Daseins Ã¼berhaupt. Worum es geht, ist der absolute Anspruch, der mit der Kunst verbunden wird, aber nicht mehr im Sinne einer statischen Metaphysik des Geistes, woran die Romantiker ja noch glaubten, vielmehr im Sinne jener metaphysischen TÃ¤tigkeit im Sinne organisch-dynamischer Entwicklung, die formend zutage bringt, was im Innersten seines Wesens Weltgesetz ist.

Wir stehen hier vor der evolutionÃ¤ren Grundkomponente des Lebens, vor diesem geheimnisvollen Steuerungsprinzip, das heute die Naturwissenschaften mehr noch beschÃ¤ftigt als die Geisteswissenschaften. Das ist die Artisten-Metaphysik, von der Nietzsche so oft spricht, das Artistenevangelium, wie er sagt, und das ist in letzter Konsequenz immanent und physiologisch gedacht: Die Kunst als die eigentliche Aufgabe des Lebens, die Kunst als dessen metaphysische TÃ¤tigkeit. Kulturhistorisch ist die affirmative Funktion der Kunst gerichtet gegen jede Form von Daseins-Pessimismus. Nietzsche urteilt in diesem Sinne ebenso global wie historisch universal. â€žDie Kunst als die einzig Ã¼berlegene Gegenkraft gegen allen Willen zur Verneinung des Lebens, als das Antichristliche, Antibuddhistische, Antinihilistische par excellence.â€œ Es gibt keine pessimistische Kunst. Die Kunst bejaht. Das sind die spÃ¤ten, unabweisbaren Statements in dieser Sache: â€žDas Wesentliche an der Kunst bleibt ihre Daseins-Vollendung, ihr Hervorbringen der Vollkommenheit und FÃ¼lle, Kunst ist wesentlich Bejahung,  Segnung, VergÃ¶ttlichung des Daseins.â€œ â€“ Widerspruch ausgeschlossen, ebenso jede Relativierung. Nietzsches RelativitÃ¤tsmetaphysik duldet keine Aufweichung. â€žDie Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die groÃŸe ErmÃ¶glicherin des Lebens, die groÃŸe VerfÃ¼hrerin zum Leben, das groÃŸe Stimulans des Lebens.â€œ Das bedeutet, gÃ¶ttlicher als die Wahrheit ist die Kunst, das bleibt sein letztes Wort, dass die Kunst mehr wert ist als die Wahrheit.

Wenn wir hier anhalten, um zu bedenken, dass es nicht nur um die Kunst der Kunstwerke geht, auch nicht um das PhÃ¤nomen des Herstellungsprozesses, der Produktion von Kunst also, dass es vielmehr um das Leben geht, das Leben in seiner TotalitÃ¤t als Faktum, das jede Deutung, die von auÃŸen kommt, von sich weist, das Leben, das sich selbst deutet, wenn wir das bedenken, dann allerdings haben wir wieder Grund unter den FÃ¼ÃŸen. Bei aller Relativierung und bei allem Perspektivismus ist es das Grundgesetz des Lebens im Sinne von Erdichtung und Zurechtmachung einer Welt, bei der wir selbst in unseren innersten BedÃ¼rfnissen uns bejahen. Es gibt eine perspektivisch setzende Instanz im Menschen â€“ das ist die Botschaft, die herausspringt aus jeder Unverbindlichkeit. Diese Instanz ist ausgerÃ¼stet mit einer Richtlinienkompetenz von geradezu magischer, mystischer QualitÃ¤t. Nietzsche nennt sie den Willen zur Macht, eine kryptische Formel, missbraucht und zerdeutet von Anfang an. Ich schiebe das Wort zur Seite, wie ich den Tod Gottes in Kombination mit dem Nihilismus-Syndrom auch nur erwÃ¤hne, um den Rahmen abzustecken. Die Umformung der Welt, um es in ihr aushalten zu kÃ¶nnen â€“ ist das Treibende. Das ist die Botschaft vom Perspektivismus. Sie wollen wir im Auge behalten bei der Frage, was Nietzsche uns heute zu sagen hat. Nicht, was er uns noch zu sagen hat, ich glaube, daÃŸ wir noch gar nicht wissen, was das ist.

Es geht um Erneuerung, nicht um Trauermusik, gerade auch, wenn es um den Tod Gottes geht. Oder um den Nihilismus als Folge des zusammengebrochenen Idealismus. In beiden FÃ¤llen wurde in frÃ¼heren Zeiten etwas erfunden und gesetzt vom Menschen, das in seiner hypertrophen ExklusivitÃ¤t nicht zu halten war. Von Platon bis zum deutschen Idealismus, dem Idealismus der Romantik, entwickelte sich, getragen vom Christentum, die WertsphÃ¤re des Unendlichen, die SphÃ¤re des Absoluten, das Reich Gottes, die Welt des Geistes und des Seins. Der Zusammenbruch endete nur in der lakonischen Feststellung: Gott ist tot. Die Glaubenskrise war seit langem schon virulent. Die Romantiker haben den Nihilismus entdeckt, also die Idealisten selbst. Und diese Entdeckung war epochal als Ereignis. Der Nihilismus als diagnostiziertes PhÃ¤nomen ist ja an sich schon Aufbruch zu neuen Horizonten. Dass solche Grenzmarkierungen an QualitÃ¤t hinter dem verlorenen Horizont des Absoluten nicht zurÃ¼ckstehen dÃ¼rfen, das ist Nietzsches Grundpostulat. Der Zarathustra macht das ja deutlich wie kein anderes Buch. Der Ãœbermensch ist in diesem Zusammenhang auch nur eine dubiose Formel, man sollte sich nicht daran stoÃŸen. Auch dann nicht, wenn es heiÃŸt, der Ãœbermensch sei der Sinn der Erde. Nietzsches ZÃ¼chtungsideen sind genÃ¼gend kritisiert worden, gerade auch von Benn, der allerdings zu Recht sagt, was kann Nietzsche dafÃ¼r, dass die Politiker nachtrÃ¤glich bei ihm ihr Bild bestellten? Er meinte die Nazis.

Es ist absurd, Nietzsche zu unterstellen, er habe den Ãœbermenschen zÃ¼chten wollen im Sinne jenes Herrenmenschen, der dann in den KÃ¶pfen der Faschisten spukte und sich niedertrat mit den Stiefeln infamster BrutalitÃ¤t. Nietzsche war auch kein Darwinist, nicht im Sinne eines AnhÃ¤ngers und Anwenders dieser revolutionÃ¤ren Naturforschung. Die aufmerksame LektÃ¼re des SpÃ¤twerks in der neuen, gÃ¼ltigen Edition zeigt, wie sublim Nietzsches VerhÃ¤ltnis zu Darwin war. Es ist von Grund auf ambivalent bestimmt. Aber eines steht fest, immer mit Blick auf die widersprÃ¼chlichen Aphorismen: die Evolutionsforschung, der Entwicklungsgedanke, dieser revolutionÃ¤re Ansatz der Naturwissenschaft hat ihn tief bewegt. Nicht der Kampf ums Dasein, das sei eine Ausnahme, auch nicht die soziologischen Lehren, die man aus dem Darwinismus zog, selbst dem Selektionsprinzip stand er skeptisch gegenÃ¼ber. Darwin Ã¼berschÃ¤tze die Ã¤uÃŸeren UmstÃ¤nde, heiÃŸt es in einem Nachlassfragment von 1886/87: â€žDas Wesentliche am Lebensprozess ist gerade die ungeheuere gestaltende, von Innen her formschaffende Gewalt, welche die Ã¤uÃŸeren UmstÃ¤nde ausnÃ¼tzt, ausbeutet.â€œ Auf den Innenaspekt der Evolution also kommt es Nietzsche an, und die heutige Forschung, soweit sie Ã¼ber den Rand ihrer Spezialgebiete hinausschaut, widerspricht dem ja keineswegs. NatÃ¼rlich ohne RÃ¼ckfall in die alten Denkmuster finaler Determination, auch dÃ¼rfte jeder Rest von Teleologie aus dem Weg gerÃ¤umt sein, spÃ¤testens seit Nietzsche, dessen intuitiver Einblick in das Systemganze des Lebens dem Geheimnis neue FreirÃ¤ume erÃ¶ffnet hat.

Absurd ist es auch, Nietzsche zu unterstellen, er sei ein Fortschritts-Optimist. Weder dachte er in historischen Kategorien von Fortschritt noch in evolutionÃ¤ren, schon gar nicht in utilitaristischen, und ebenso wenig glaubte er anthropologisch an die positive Auslese der Deszendenztheorie im Sinne elitÃ¤rer Hochentwicklung. Meine Consequenzen â€“ so lautet die Ãœberschrift seines Fazits vom FrÃ¼hjahr 1888: â€žMeine  Gesamtansicht. â€“ Erster Satz: der Mensch als Gattung ist nicht im Fortschritt. HÃ¶here Typen werden wohl erreicht, aber sie halten sich nicht. Das Niveau der Gattung wird  nicht  gehoben. â€“ Zweiter Satz: der Mensch als Gattung stellt keinen Fortschritt im Vergleich zu irgend einem anderen Tier dar. Die gesamte Tier- und Pflanzenwelt entwickelt sich nicht vom Niederen zum HÃ¶heren ... Sondern Alles zugleich, und Ã¼bereinander und durcheinander und gegeneinander.â€œ Und nun folgt das entscheidende EingestÃ¤ndnis der Ohnmacht des Geistes im blinden Auswahlverfahren der Natur. Nietzsche fÃ¤hrt fort: â€žDie reichsten und complexesten Formen â€“ denn mehr besagt das Wort hÃ¶herer Typus nicht â€“ gehen leichter zu Grunde: nur die niedrigsten halten eine scheinbare UnvergÃ¤nglichkeit fest. Erstere werden selten erreicht und halten sich mit Not oben: letztere haben eine comprimittierende [sic] Fruchtbarkeit fÃ¼r sich. â€“ Auch in der Menschheit gehen unter wechselnder Gunst und Ungunst die hÃ¶heren Typen, die GlÃ¼cksfÃ¤lle der Entwicklung, am leichtesten zu Grunde ... Das liegt an keinem besonderen VerhÃ¤ngnis und â€ºbÃ¶sen Willenâ€¹ der Natur, sondern einfach am Begriff hÃ¶herer Typus: der hÃ¶here Typus stellt eine unvergleichlich grÃ¶ÃŸere ComplexitÃ¤t, â€“ eine grÃ¶ÃŸere Summe coordinierter Elemente dar: damit wird auch die Disgregation unvergleichlich wahrscheinlicher. â€“ Das Genie ist die sublimste Maschine, die es gibt, â€“ folglich die zerbrechlichste.â€œ

Das also drei Jahre nach Fertigstellung des Zarathustra (1883-85). Man sollte dieses Buch nicht lesen, ohne die zitierten Aphorismen im Hinterkopf zu haben. Einmal, um dessen Frechheiten zu goutieren: â€žIhr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe hinab, weil ich erhoben bin.â€œ Zum anderen, um dessen metaphysischen Appell freizulegen, die Affirmation, die BeschwÃ¶rung neuer Sinnsetzung im Zeitalter des Zusammenbruchs aller Sinn-Horizonte. Ich gebe zu, der Zarathustra ist literarisch, ich meine vom Stil her, ein schwer verdaubares Buch, das hat ja schon Thomas Mann so empfunden, aber wenn man es liest mit RÃ¶ntgenblick, dann stÃ¶ÃŸt man auf die Goldadern unter all dem MetapherngerÃ¶ll, dann erÃ¶ffnet sich jene Dimension, die eine metaphysische ist ohne RÃ¼ckgriff auf Transzendenz. Eine Dimension eben, die gegrÃ¼ndet ist in immanenter Affirmation. Keineswegs leichtfertig in der Findung und Erfindung des Ja-Sagens, vielmehr erlitten in tiefster Existenznot, so steht es im Ecce homo: â€žDergleichen ist nie gedichtet, nie gefÃ¼hlt, nie  gelitten  worden: so leidet ein Gott, ein Dionysos.â€œ Ob das schon im Wahnsinn gesprochen ist oder nicht, spielt keine Rolle, es hieÃŸe, dem Wahnsinn die Wahrheit absprechen, wenn man so urteilt, wichtig ist hier, zu sehen, dass gerade aus solchem Leiden der neue Sinn hervorspringt: â€žer ist jasagend bis zur Rechtfertigung, bis zur ErlÃ¶sung auch alles Vergangenen.â€œ

-----------------------------------

Ist es eine Provokation, wenn ich jetzt, antipodisch fast, erneut das Reizwort einblende: Postmodernismus â€“ ist das die Situation nach dem radikalen Aufbruch der Moderne, die ja Nietzsche entscheidend mit in Szene setzte, die ErschÃ¶pfung nach den Schlachten des Modernismus, die kaltgestellte Leere, die metaphysische Nullrunde, bevor es in ganz andere Richtungen weitergehen wird? LÃ¤sst sich da Ã¼berhaupt ein Zusammenhang herstellen? Immerhin, dieses postmoderne Denken sagt nicht nein, sagt aber auch nicht ja, es sagt: meinetwegen, wenn schon keine normativen Verbindlichkeiten, dann eben nicht, dann ist eben alles mÃ¶glich. Nur zu tief sollte es nicht sein, dieses oberflÃ¤chige Dahindenken und schon gar nicht leidend. Woran auch sollte man leiden, wenn ohnehin alles relativ ist. Ich meine, da hat sich etwas gedreht in der Achse des Nihilismus â€“ vom Leiden zur Langeweile, von der Tiefe zur FlÃ¤chigkeit â€“ das sollte man feststellen, ohne Fundamentalkritik, eben heute im Posthistoire, eben demokratisch, eben pluralistisch und entsprechend cool gestimmt, also lÃ¤ssig mit schwebender Distanz.

Nur zweierlei fÃ¤llt mir schwer: zu sagen einmal, was die postmodernen Diskurse uns gebracht haben an brauchbarer Erkenntnis, ich meine im anthropologischen Sinne; und zum andern, Abschied zu nehmen von fundamentalen Weisheiten (nicht Wahrheiten) der Poesie und der Philosophie Ã¼ber zweitausend Jahre hin. Weisheit im Sinne von Lebenserfahrung, also Kenntnis und Wissen von groÃŸen ZusammenhÃ¤ngen des Lebens, Vernunft und Urteilskraft betreffend, was die Griechen sophia nannten und was im Mittelalter wisheit hieÃŸ. Der Philosoph Nicolai Hartmann, Zeitgenosse Gottfried Benns, nannte das: â€ždie ethische Geistigkeit, nÃ¤mlich die das ganze Leben beherrschende Stellung des Ethos Ã¼berhaupt als geistigen Grundfaktor des Menschentumsâ€œ (Hauptwerk: Ethik) Das hatte philosophische Geltung von der Antike bis in unser Jahrhundert, und zu solchem Denken gehÃ¶rte primÃ¤r auch die Aporetik letzter Erkennbarkeiten, gerade mit Blick auf die Grundformen des Seins, also Leben, Existenz, Bewusstsein, Geist, Freiheit â€“ alles das bleibt letztlich rÃ¤tselhaft und unerkennbar. Wo also stehen wir? Poetische Aporie, das wÃ¤re das Stichwort der kÃ¼nstlerischen Moderne, wollte man es auf einen philosophischen Nenner bringen. Die RÃ¤tselhaftigkeit menschlichen Seins findet Ausdruck in den labyrinthischen Strukturen der Kunstwerke. Welche Namen stÃ¼nden dafÃ¼r reprÃ¤sentativer als die von Franz Kafka und Jorge Luis Borges? Die Dichtung Gottfried Benns lebt von der BeschwÃ¶rung der Dunkelheiten des Daseins, das macht ihre poetische Faszination aus, und die funktioniert nur im antithetischen Widerspiel des Artistischen, das hatte Benn von Nietzsche gelernt. Nichts â€“ und darÃ¼ber Glasur.

Gerade mit Blick auf Nietzsches Leiden behaupte ich, es ist ein Unterschied von Relativismus zu Relativismus, von Perspektivismus zu Perspektivismus, von der Verbindlichkeit zur Unverbindlichkeit. Nietzsche selbst nannte das die intellektuelle Redlichkeit. Ich meine, die ist in einem entscheidenden MaÃŸe abhanden gekommen in diesem ebenso ramponierten wie korrumpierten Jahrhundert. Ob von links oder von rechts, die Anpassungsmechanismen haben das Ã¤sthetische Ethos ruiniert. Aha, wird man sagen, daraus spricht das altbackene Bewusstsein anthropologischer Beharrlichkeit, der Mann ist nicht postmodern. Dagegen kann ich nur sagen: meinetwegen, denn wenn alles geht und alles mÃ¶glich ist, dann auch dies, nÃ¤mlich festzuhalten an bestimmten Deutungen, die der Mensch von sich selbst und seiner Ortlosigkeit im Weltall entworfen hat. Unbestreitbar etwa hat seit der Antike die tragische Deutung â€“ in einem sehr realistischen Sinne â€“ die Grundbefindlichkeit des Menschen kÃ¼nstlerisch zum Ausdruck gebracht. Denken wir nur an das Syndrom der Melancholie, das die anthropologische Selbstdeutung der Neuzeit auffallend bestimmt, in der Malerei, in der Philosophie, in der Musik, in der Literatur. Kulturmorphologisch ein schier endloses Thema, die Dunkelheit als visuelle Metapher des Undarstellbaren, denken wir nur an die Geschichte der PortrÃ¤tkunst von Rembrandt bis Arnulf Rainer, an die europÃ¤ische Lyrik, kulminierend im franzÃ¶sischen Symbolismus, an die ErzÃ¤hlkunst von E.T.A. Hoffmann Ã¼ber Poe, Dostojewski, Kafka bis hin zu Thomas Bernhard, auf der BÃ¼hne dargestellt seit Shakespeare quer durch die Tradition des Trauerspiels in Europa, Ã¼berall Wahnsinn und Tod, der Mensch als Bestie und als Opfer, bis zur totalen Anthropologie des Kaputtseins, etwa bei Beckett â€“ fÃ¼r Optimismus bleibt in diesem Spektrum wenig Platz. Mir leuchtet einfach nicht ein, dass wir es heute so Knall auf Fall mit einem neuen Menschen zu tun haben.

Im Ã¼brigen hat mir kein postmodernes Buch bisher Erleuchtung gebracht hinsichtlich der Verantwortung heutigen Denkens im Kreislauf der Relativismen. Auch wenn Lyotard schon frÃ¼h als Titel seiner initiierenden Schrift setzte: Das postmoderne Wissen, so die deutsche Ãœbersetzung, im Original La condition postmoderne, bin ich nach Durchgang dieses und anderer BÃ¼cher von dem Wissen nicht erleuchtet worden, was das ist, der postmoderne Zustand. Aber vielleicht ist gerade das ein Signum des Begriffs. Also, ich kann nicht sagen, weil ich es nicht weiÃŸ, was Nietzsche und Benn mit dem schillernden Denken von heute zu tun haben, nur eines weiÃŸ ich, dass der eine den Perspektivismus denkerisch-radikal eingesetzt und der andere den perspektivischen Relativismus als Stilmittel poetisch konsequent praktiziert hat, gerade in seiner spÃ¤ten Prosa, so spricht der PtolemÃ¤er, so spricht der Radardenker, aber ist solches Denken darum postmodern? Bescheidener wÃ¼rde ich sagen, Benns spÃ¤te Prosa ist unerhÃ¶rt modern, gerade im Hinblick auf die angesprochenen GrundphÃ¤nomene Perspektivismus und Relativismus, die in der deutschen Dichtung bis dahin keinen adÃ¤quaten Ausdruck gefunden hatten.

NatÃ¼rlich sind die antiaufklÃ¤rerischen Tendenzen bei Nietzsche und bei Benn den AufklÃ¤rern immer verdÃ¤chtig gewesen, und unverdÃ¤chtig ist es gerade nicht, wenn jetzt die Postmodernen mit Nietzsche spielen. Dass beide nicht gesellschaftskritisch in die heute geforderte Transparenz und Konvergenz der Tatsachen-Diskurse einzubringen sind, versteht sich von selbst, ebenso ihre WiderstÃ¤ndigkeit gegenÃ¼ber der VersÃ¶hnung der Sprachspiele im gesamtkulturellen Konzert, denn gerade solche VersÃ¶hnung gilt als postmodern, Ã¼berhaupt hielten die beiden wenig oder gar nichts vom demokratischen Zusammenspiel pluraler Perspektiven. Kenner der Szene betonen, dass der Postmodernismus weitgehend ein Ã¤sthetischer Modernismus geblieben oder doch tief verankert ist in der Ã¤sthetischen Moderne. Das zielt auf den generellen Negations-Aspekt, und es trifft ja in der Tat zu auf Praxis und Theorie der KÃ¼nste, auf den Abschied vom Ideal der Einheit und des Sinnganzen, Abschied von der Einheit des geschlossenen Werks, Abschied von der Einheit des individuellen Ichs, was alles ja Adorno schon postulierte und Wittgenstein denkerisch expliziert hatte als ZertrÃ¼mmerung fundamentalistischer LetztbegrÃ¼ndungen und utopistischer LetztlÃ¶sungen.

Gerade auf diesem Feld trat Nietzsche als der geniale Initiator einer radikalen Skepsis hervor, und Gottfried Benn folgte ihm als Protagonist der poetischen WirklichkeitszertrÃ¼mmerung und Illusionszersetzung par excellence. Die Einheit einer fingierten Sinn-TotalitÃ¤t in Analogie zur Sinn-TotalitÃ¤t eines von Gott geschaffenen Kosmos war fÃ¼r beide Geschichte geworden. Nicht aber die Sehnsucht, jenem Prinzip nachzuspÃ¼ren, das hinter den universalen Illusionen sich verbirgt, dem gÃ¶ttlichen Prinzip, das zwar eine Erfindung des Menschen ist, aber in seiner uralten Herkunft und in seiner geschichtlichen Entfaltung als ein Prinzip der Unausrottbarkeit sich erwiesen hat. Die Frage also ist gerichtet auf ein Letztes, das sich nicht mehr hinterfragen lÃ¤sst, Nietzsche nannte es das Leben, Benn beschwor es als Geist. Ist das vielleicht der Unterschied zu heute, wie ja der Unterschied feststeht zwischen Leiden und Nonchalance?

Der Sinn der Sinnsuche war auch Benn schon verloren gegangen, ganz sicher in einem betrÃ¤chtlichen Schritt Ã¼ber Nietzsche hinaus, aber immer noch zÃ¼ndete der Abschiedsschmerz in Versen von damals betÃ¶render VerfÃ¼hrung. Dagegen und daneben schlug dann wieder radikal die frÃ¼he Lyrik zu, vernichtete, was noch einmal sich vorwagte ohne Deckung, lieÃŸ es auch wieder gelten, lieÃŸ es aufkommen zu einer letzten BlÃ¼te. In dieser Weise antinomisch arbeitete schon Nietzsche, gerade der Zarathustra zeigt das in seiner widersprÃ¼chlichen Struktur. Darum auch wurde das Werk missbraucht, konnte geplÃ¼ndert werden in jener ebenso schwÃ¤rmerischen wie schwachkÃ¶pfigen Rezeption des Jahrhundertanfangs, Nietzsches gefeierter Vitalismus, Nietzsche der Lebensphilosoph, Nietzsche der Fortschrittsprophet fÃ¼r Reformideologie und Jugendbewegtheit, das war das Ergebnis am Anfang, und am Ende des Missbrauchs folgte dann der ZÃ¼chtungs- und Rassenwahn mit Raubtierideologie, Blonder Bestie, Sklaven- und Herrenmoral.

Wir kÃ¶nnen nur hoffen, dass nicht eine neue PlÃ¼nderungswelle Ã¼ber Nietzsche kommt, Ã¶kologisch-ideologisch etwa: â€žIch beschwÃ¶re euch, meine BrÃ¼der, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von Ã¼berirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.â€œ Ich gebe ja zu, dass ein solches Zitat nebenbei noch dazu verfÃ¼hrt, das HoffnungsgeschÃ¤ft heutiger Gurus zu ruinieren. Man kann eben Nietzsche zu allem heranziehen und dienstbar machen, das zeigen die Mystagogen von gestern und von heute, denn im Augenblick gedeihen sie wieder, gerade im Ausland herrscht Nietzsche-Konjunktur. Schlimm wÃ¤re es, Nietzsches universale Lebens-Perspektive dem Irrationalismus-BedÃ¼rfnis von heute in den Rachen zu werfen. Die Regression ins Esoterische, Okkultistische, in die variantesten Psychedelic-TrÃ¤ume, die Magic- und Mystery-Tour der siebziger Jahre, der Okkultismus-Boom der frÃ¼hen achtziger und der Transpersonalisten-Kult von heute, alles das sind gefÃ¤hrliche Signale. Sie sind Ã¶ffentlich in dem MaÃŸe, dass 1983 schon DER SPIEGEL daraus einen Titelbericht machte.

AufklÃ¤rung als Dogma ist immer schon befeindet worden. Von den Romantikern bis zu den Expressionisten setzte man ihr ein tieferes Bild vom Menschen entgegen, als notwendiges Korrektiv; Traum und Vision wurden um so kÃ¤mpferischer verteidigt, je hÃ¤rter der Materialismus zuschlug. Nur sollte man diesen ebenso poetischen wie philosophischen Bewegungen nicht nachsagen, sie seien irrationalistisch. In diesem pejorativen Sinne urteilt man an der Sache vorbei, es geht um die verlorene Dimension, deren Verlust immer erneut eingeklagt werden muss. Gerade das war Nietzsches zentraler Ansatz: die Umwertung aller Werte ohne Dimensionsverlust. Die Transferierung von Transzendenz in Immanenz unter demselben Energiegesetz, die Erhaltung der Spannung, der Hochspannung, im Durchlauf durch den Nihilismus, die Ãœbertragung von Verbindlichkeit vom Jenseits auf das Diesseits, darum das Wort: bleibt der Erde treu.

Das also ist metaphysisch gedacht, denn es fordert zugleich Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer. Das andere Ufer, das ist der neue Mensch, der die Transformation geleistet hat ohne Spannungsverlust. â€žEs ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner hÃ¶chsten Hoffnung pflanze.â€œ â€“ â€žEure Liebe zum Leben sei Liebe zu eurer hÃ¶chsten Hoffnung: und eure hÃ¶chste Hoffnung sei der hÃ¶chste Gedanke des Lebens!â€œ Nietzsche selbst spricht vom ja-sagenden Pathos dieses Buches im Zusammenhang des Gedankens von der ewigen Wiederkunft des Gleichen, wie ein Blitz habe ihn die Erkenntnis getroffen, diese totale Umwertung von Ewigkeit in Zeit. Was frÃ¼her der Ewigkeit in toto Ã¼bertragen wurde, wird jetzt punktuell und unersetzbar, damit im Tiefsten verbindlich. Im Augenblick verdichtet sich die Zeit, die Vergangenheit und die Zukunft. Nietzsche nennt das die hÃ¶chste Formel der Bejahung, die Ã¼berhaupt erreicht werden kann. Die Welt ist ewig, die Zeit ist ewig, alles hat sich schon immer ereignet und wird sich immer wieder ereignen. â€žSo diesen Augenblick, er war schon einmal da und viele Male und wird ebenso wiederkehren.â€œ Das Leben ist eine Sanduhr, immer wieder wird sie umgedreht werden und immer wieder wird sie auslaufen.

Der Augenblick wurde zur metaphysischen Formel des neuzeitlichen Menschen, seit die Ewigkeit umschlug in Zeit. â€žWas man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurÃ¼ck.â€œ So Schiller in dem Gedicht Resignation â€“ was er noch betrauerte, jetzt hat es eine Wende erfahren. Kein Wunder, dass im Zeitalter der AufklÃ¤rung das Bewusstsein reifte fÃ¼r diese Fundamentalerfahrung. Die Gunst des Augenblicks. Titel eines Gedichts, Schiller bringt die Erkenntnis damit auf eine Formel. â€žUnd der mÃ¤chtigste von allen Herrschern ist der Augenblick.â€œ Allerdings, man setzte immer noch auf HÃ¶heres, auf ein Ideal, das gleichsam Ã¼ber dem Augenblick waltet, das zeigt ja der Faust; der Pakt mit dem Teufel am Anfang und die letzten Worte des uralten Faust, es geht um den Augenblick, der ebenso trÃ¼gerisch wie vergÃ¤nglich das Leben bestimmt. Aber im zweiten Teil dieses bewegenden Dramas vom neuzeitlichen Menschen steht auch das prophetische Wort: â€žDasein ist Pflicht, und wÃ¤râ€˜s ein Augenblick.â€œ Es geht um den Sinn der Erde, dieses Zarathustra-Wort hÃ¤tte Goethe unbedenklich unterschrieben.

Ich schlieÃŸe den Zirkelschlag, den ich um Nietzsche, in der gebotenen KÃ¼rze, gezogen habe. Noch ein Wort zu Benn, den diese Gedanken erstaunlich unberÃ¼hrt gelassen haben, er dachte eben nicht als Philosoph, er stilisierte als KÃ¼nstler. Und das in voller Ãœbereinstimmung mit Nietzsche, immer wieder spricht er vom Ideal der Vollkommenheit, und das ist fÃ¼r ihn die Makellosigkeit des kÃ¼nstlerischen Stils, die Verachtung des nur GefÃ¼hlten, des Dumpfen, Amorphen; Stil, sagt er, ist die Wendung gegen Innenleben, guten Willen. Das Gegenteil von Kunst sei nicht Natur, sondern gut gemeint. Eine spÃ¶ttische, leichte, flÃ¼chtige, gÃ¶ttlich unbehelligte, gÃ¶ttlich kÃ¼nstliche Kunst, das forderte schon Nietzsche, den Schein anzubeten, an Formen, an TÃ¶ne, an Worte, an den ganzen Olymp des Scheins zu glauben. Begeistert stimmte Benn ihm zu, steigerte noch diese Metaphorik aus Helligkeit, Wurf und Glanz, so feierte er durch Jahrzehnte den OberflÃ¤chenstil, diese neue, nach auÃŸen gelagerte Welt. Tragschwingen, leicht gehÃ¤mmert, Schwebendes unter Azur. Die Ã¤uÃŸerste Verbindlichkeit dieser Ã„sthetik ist zugleich ihr Wertmesser, diese Kunst, sagt Benn, ist das Ergebnis der Transferierung von Substanz in Form, eine anthropologische ErlÃ¶sung im Formalen. Alle Menschen der Tiefe, hat Nietzsche gesagt, schÃ¤tzen als das beste an den Dingen, dass sie eine OberflÃ¤che haben. Und bei Benn wiederum lesen wir das Wort vom VerstrÃ¶men der letzten arthaften Substanz in die Gestaltung. Das alles ist doch nur zu deuten im Sinne einer Verlagerung, nicht im Sinne eines Verlustes. Gott ist Form. In diesem Zusammenhang deklariert Benn das PhÃ¤nomen der Artistik mit erstaunlicher Offenheit als tief, religiÃ¶s und sakramental. Die stilistische Makellosigkeit und Reinheit dÃ¼rfe nicht geringer sein als das inhaltliche Denken frÃ¼herer Epochen, selbst bis zu den Graden vor dem Schierlingsbecher und vor dem Kreuz.

Radikaler lieÃŸ sich die Position nicht bestimmen, Benn scheute keinen Vergleich. Und vor dieser Folie erst entfaltet sein artistisches Spiel Glanz und Tiefe einer letzten Ã¤sthetischen Wahrheit. Einer Wahrheit, die anders nicht mehr zu vermitteln ist. In der Brillanz der perspektivischen Brechungen, in diesem Einerseits-andererseits, sowohl als auch, in den Antinomien und Ambivalenzen leuchtet der Lebenssinn noch einmal auf, das ist der MÃ¶glichkeitssinn, der Montagesinn, der sich zurÃ¼ckfÃ¼hren lÃ¤sst, immer noch, in den geheimnisvollen Produktionskern des Subjektes. Der KÃ¼nstler ist der einzige, der mit den Dingen fertig wird, der Ã¼ber sie entscheidet, und ich mÃ¶chte diesem Benn-Wort hinzufÃ¼gen, das ist so, weil nur der KÃ¼nstler perspektivisch entscheidet, spielerisch, frei schwebend, ohne NÃ¶tigung von auÃŸen. Nur er verfÃ¼gt Ã¼ber die Freiheit, die ihn freisetzt vom Zwang der Alltagsmechanismen. Im KÃ¼nstler bewahrt sich als Instanz der unverzichtbare Wertmesser im universalen Deutungsspiel. Dieser Anspruch ist ja keineswegs verloren gegangen, bis heute nicht. Die kÃ¼nstlerische Form einigt das Unvereinbare, spielt dialektisch, aber diese Dialektik fÃ¼hrt nicht zur Synthese, sie fÃ¼hrt nur vor, nÃ¤mlich das Spiel der Antinomien. Benn steigert diese Haltung mit den Jahren zu einem routiniert gehandhabten Lustprinzip.

Dieser ambivalente Perspektivismus relativiert alles, gerade auch sich selbst. So im Roman des PhÃ¤notyp, so im PtolemÃ¤er, hier wird nicht Ã¤uÃŸeres Leben erfunden, sondern inneres zum Ausgleich gebracht. Bei allem Dualismus ist das Elend aufgehoben in der Perspektive dessen, der sie vertritt. Der Mann im Lotosland, Spezialist fÃ¼r Kosmetik und SchÃ¶nheitspflege, dieser verschwiegene Mann, der mehr zuhÃ¶rt als spricht, der die Balancen liebt, der in Gelassenheit lebt, sein SchÃ¶nheitsinstitut sei nicht errichtet auf Golgatha, lautet die Botschaft, es schwebt gleichsam auf dem Olymp des Scheins. â€žNach meiner Theorie mÃ¼ssen Sie VerblÃ¼ffendes machen, bei dem sie am SchluÃŸ selber lachen. (Das nenne ich eine schlechte Weisheit, bei der es nicht ein GelÃ¤chter gab, Nietzsche.) Sie mÃ¼ssen alles selber wieder aufheben: dann schwebt es.â€œ Das Ã¤sthetische Spiel trÃ¤gt sich selbst, es birgt in seiner TragfÃ¤higkeit den Wahrheitsanspruch des Kunstwerks und des Lebens. Der perspektivische Relativismus stÃ¶ÃŸt hier an die Grenze avantgardistischer Mitteilung Ã¼ber den Zustand des Menschen, Ã¼ber sein BewuÃŸtsein, seine Anschauung von Welt. Eine geschlossene Weltanschauung stand frÃ¼her hinter dem geschlossenen Kunstwerk. Hinter der Offenheit artistisch montierter Kunst steht nichts mehr, das sich in ein festes Bild bringen lieÃŸe. Das neue BewuÃŸtsein schuf sich neue Ausdrucksformen: die Zersplitterung der Einzelteile, die collagierte Montage, das Zitat als Aufruf des Gewesenen und MÃ¶glichkeit des ZukÃ¼nftigen, das trÃ¤gt in seinen bildhaften ZÃ¼gen die Male der Existenzmitteilung mit dem gleichen Ernst wie es die Werke vergangener Zeiten taten. Das Spiel ist scheinbar nur ein Spiel, unter der OberflÃ¤che, sagt Benn, verbergen sich genÃ¼gend Dunkelheiten, um auch den Tiefsinnigsten zu befriedigen. Im Dunkel leben, im Dunkel tun, was wir kÃ¶nnen. Aber mit der gebotenen Distanz, auf dem Niveau heutiger Erkenntnis vom Zustand des Menschen und den Grenzen seiner ErkenntnisfÃ¤higkeit. Keineswegs sei das Pessimismus, die Perspektiven heranzufÃ¼hren an den Rand des Dunkels und Haltung zu bewahren, auch vor diesem Dunkel, sagt einer der drei alten MÃ¤nner. Und der andere: Steigern Sie Ihre Augenblicke, das Ganze ist nicht mehr zu retten.

Was Benn von Nietzsche unterscheidet, ist sein Finalaspekt, die These vom Untergang des QuartÃ¤r, das sollte man festhalten. Es bleibt der Perspektivismus, metaphysisch wie artistisch grundiert, das ist die Umwertung der anthropologischen Grundsituation. Und mit ihrem Wahrheitsanspruch, so relativ er ist, hat sie genÃ¼gend Zukunft in sich, um jeder leichtfertigen Destruktion, jeder Abbruchstimmung zu widerstehen. Es gibt das Fazit der Perspektiven, und es gibt die daraus resultierende Konsequenz. Die Mythen sind endgÃ¼ltig verbraucht, am grÃ¼ndlichsten der SchÃ¶pfungsmythos vom Sinn des Einzelnen und des Ganzen. Das einerseits â€“ und andererseits das kÃ¼nstlerische Postulat. â€žDer Mensch muÃŸ neu zusammengesetzt werden aus Redensarten, SprichwÃ¶rtern, sinnlosen BezÃ¼gen, aus Spitzfindigkeiten, breit basiert â€“: Ein Mensch in AnfÃ¼hrungsstrichen. Seine Darstellung wird in Schwung gehalten durch formale Tricks, Wiederholungen von Worten und Motiven â€“ EinfÃ¤lle werden eingeschlagen wie NÃ¤gel und daran Suiten aufgehÃ¤ngt.â€œ

So spricht der Eremit des Doppellebens. Das alles hat ja die experimentelle Literatur weitergefÃ¼hrt, bis heute, das also war avantgardistisch, in der Prognose wie in der DurchfÃ¼hrung. Und das betrifft gerade jene verlorenen, heute verlogenen ZusammenhÃ¤nge, die man immer noch so gerne konstruiert und konsumiert, im Leben wie in der Kunst. Wer lebt schon in Symbiose mit den Abenteuern progressiver Kunst. Die Bestsellerindustrie floriert nach wie vor, lebt von den psychosozialen Mustern der TeppichknÃ¼pfer. Der Mensch braucht das wohl, dringender offenbar als das EingestÃ¤ndnis des Relativismus. Er lebt von der verschleiernden Sehnsucht nach Geborgenheit und kleinem GlÃ¼ck. Die Serien im Fernsehen bestÃ¤tigen nur diesen unausrottbaren Trieb auf unterster Betriebsebene.

Dagegen also die perspektivisch aufreiÃŸende Kunst, der Mensch in AnfÃ¼hrungsstrichen, die artifizielle Provokation. Weil er es lebte, weil er es dachte, weil er es fÃ¼hlte, konnte Benn schreiben, was so zwingend sich relativiert. Weil er spielerisch das Leben sah, gab er ihm jene WÃ¼rde zurÃ¼ck, die am Ende ein verlogener Ontologismus getilgt hatte. Die WÃ¼rde der Wahrheit, die WÃ¼rde des Faktischen, die SchÃ¶nheit einer bedingungslosen Offenheit. Diese Haltung teilte er mit Nietzsche, die Haltung einer ebenso bedingungslosen wie fundamentalen Tapferkeit. Existentiell ist ein Lieblingswort von Benn, und es ist nicht zuviel gesagt, dass in der Zone des Existentiellen der Perspektivismus seine metaphysische Verankerung gefunden hat. Die totale Relativierung, das spielerische Einerseits â€“ Andererseits, das ist eben nicht die totale SÃ¤kularisation. Der PhÃ¤notyp spielt mit der Ambivalenz, aber der Stundengott durchzieht das Werk mit der Botschaft vom primÃ¤r gebauten Satz, von der Verwandlungszone der Kunst, mit dem Auftrag, das Nebeneinander der Dinge zu ertragen. â€“  â€žJegliches Spiel ist nutzlos, aber auch der Ruhm und die SchÃ¶nheit, alle Spiele der GÃ¶tter sind es und je nutzloser um so gÃ¶ttlicher â€“: glauben Sie das? â€“ Aller Glanz, den wir in unserer Seele tragen, kommt von Dingen, die wir erschaffen haben.â€œ

Solche SÃ¤tze stehen im Roman des PhÃ¤notyp, geschrieben in der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte, 1944 in einer Kaserne Ã¶stlich der Oder, wÃ¤hrend die Russen nÃ¤her rÃ¼ckten. Alles ist brÃ¼chig geworden, aber aus dem Zusammenbruch gerade erhebt sich die MÃ¶glichkeit neuer Weltdeutung. Wohin das Auge schweift, MÃ¶glichkeiten, Motive, Anspielungen, Perspektiven, â€“ so beschwÃ¶rt es der PhÃ¤notyp. â€žEtwas Unstillbares ist dabei, etwas, das das Herz zerreiÃŸt. Neue ferne Wogen, kaum erkennbare Verwandlungen, SpÃ¤theiten â€“ und unerfÃ¼llbar alles.â€œ â€“ â€žDas unmittelbare Erleben tritt zurÃ¼ck. Es brennen die Bilder, ihr unerschÃ¶pflicher beschirmter Traum. Sie entfÃ¼hren.â€œ Sehr viel Poesie bergen diese SÃ¤tze, aber das nur einerseits, andererseits gibt es das Wort vom prismatischen Infantilismus als Antwort auf triviale TiefgrÃ¼ndigkeit, die Absage an alle Hinterweltler, deren Positionen die modernen KÃ¼nstler lange schon gerÃ¤umt haben. â€žSie tapezieren mit sich selbst und nichts kann sie erlÃ¶sen.â€œ Gemeint sind die progressiven KÃ¼nstler. Ihr Inneres mÃ¼ssen sie verleugnen, dÃ¼pieren, Farcen mit ihm treiben, das sei die Voraussetzung fÃ¼r Poesie. So in Altern als Problem fÃ¼r KÃ¼nstler. Die Ã¤uÃŸere KausalitÃ¤t schafft nichts heran, nur die inneren Perspektiven erÃ¶ffnen die Welt, alles steht zur VerfÃ¼gung, wer mit Radar arbeitet, hat die Struktur auf dem Bildschirm. â€žDas sind Perspektiven!â€œ Freut sich der Radardenker. â€žIch habe mich sehr genau beobachtet, ich bin mir so nebensÃ¤chlich, dass ich das kann.â€œ

Jahrzehnte vor dem Ausbruch postmodernen Experimentierens verstrÃ¶mt noch einmal der Glanz der Seele, kann und darf aufleuchten, weil er experimentell facettiert in Erscheinung tritt. Was sich als Inhalt nicht mehr vorstellen lÃ¤sst, erscheint gereinigt als purer Ausdruck. RÃ¼ckgebunden aber ist diese Sehnsucht nach Glanz und ErlÃ¶sung immer noch im personalen Zentrum metaphysischer Erfahrung, die letztlich eine religiÃ¶se ist. Das hat sich geÃ¤ndert, und gerade diese Ã„nderung trÃ¤gt das Signum der Postmoderne. Mit ihrem Experimentieren wolle heute die Kunst etwas hervorbringen, â€žworin es nicht mehr darauf ankommt, ob ein Subjekt sein Leiden objektiviert und als Sinn erkenntâ€œ â€“ das war die Einsicht Lyotards von 1979 (Philosophie und Malerei im Zeitalter ihres Experimentierens). Das mag auch heute noch gelten, gilt dann aber schon lange, insofern der Abschied vom Subjekt und seinem Leiden schon den dadaistischen Manifesten eingeschrieben war. Die daraus resultierende Tradition des Experimentellen war immer subjektfeindlich eingestellt, die Wiener Gruppe wie die Konkreten. Die Unterscheidung also muss getroffen werden im Innern des Begriffs: Das Experimentieren mit existentiellen Erlebnisformen ist etwas anderes als das pure Jonglieren mit Sprache. Der Relativismus liegt beiden Spielformen zu Grunde, offenbar kommt es darauf an, was relativiert wird und von welchem Standort aus.

Dem Text liegt ein Vortrag zu Grunde, der an der Washington State University in Seattle gehalten wurde. Erstdruck in: Il cacciatore di silenzi. Studi dedicati a Ferruccio Masini. Roma 1998. SpÃ¤ter in: Bruno Hillebrand: Was denn ist Kunst? Essays zur Dichtung im Zeitalter des Individualismus. GÃ¶ttingen 2001.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Was du nicht alles glaubst, geschÃ¤tzter Erik! Hier die beiden Teile (auch in zwei getrennten Einstellungen) von &#8220;Nietzsche, Benn und die Postmoderne&#8221; des Mainzer Literatur-Professors Bruno Hillebrand, aus den Campo-Nummern 2 und 3.</p>
<p class="MsoNormal"><img width="599" height="723" alt="hillebrand.jpg" id="image681" src="http://www.campodecriptana.de/blog/wp-content/uploads/2007/02/hillebrand.jpg" /></p>
<p class="MsoPlainText"><span style="font-size: 11pt; color: black"> </span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt"> </span></p>
<p>Nietzsche, Benn und die Postmoderne</p>
<p>Die deutschen Idealisten, allen voran Hegel, deuteten die Welt im Rahmen ihrer Systeme. Noch heute vermitteln uns diese Systeme die Anstrengung metaphysischer Absicherung. Letztlich grÃ¼ndeten diese hoch getÃ¼rmten DenkgebÃ¤ude in einem Glauben, in dem philosophischen Glauben, das Unendliche sei â€“ mittels dialektischer Operationen â€“ ins Wort zu bringen. Diese Phase absoluter Weltdeutung im Sinne idealistischer Setzung wurde abgelÃ¶st durch die ebenso apodiktisch auftretende Gegensetzung des Materialismus. Damit hatte die Tradition des Platonisch-Christlichen philosophisch ein Ende gefunden, sie kulminierte noch einmal in der Anschauung von Welt kraft einer zugeordneten Idee. Zu erinnern ist noch die Tatsache, dass schon zur Zeit seiner hÃ¶chsten Entfaltung dem deutschen Idealismus verdÃ¤chtigte Absturzsymptome entgegenstanden. Der Nihilismus war schon im 18. Jahrhundert die komplementÃ¤re Erlebnisform zum Idealismus, die philosophischen HÃ¶henflieger allerdings registrieren das nicht, den Absturz erfuhren als erste die Literaten. Der dogmatisch gezimmerte Ideenhimmel trug sie nicht mehr, Gott und das Absolute hatten sich aufgelÃ¶st in ein schauriges Nichts. Die anonym verÃ¶ffentlichten Nachtwachen des Bonaventura sind 1804 ein einzigartiges Dokument. Das Syndrom des Sinn vernichtenden Nihilismus ist die unmittelbare Folge eines hypertroph sich behauptenden Idealismus.</p>
<p>Dies als RÃ¼ckblick von Nietzsches Standort aus, denn er war es ja, der revolutionÃ¤r umdachte im Sinne einer Umwertung aller Werte, und das betraf gerade jene oberste Wertregion, die seit zwei Jahrtausenden die abendlÃ¤ndische Weltdeutung garantiert hatte. Nietzsche stellte fest: Die Welt hat keinen Sinn hinter sich, es gibt unzÃ¤hlige Sinne. FÃ¼r diese umstÃ¼rzende Erkenntnis setzte er den Begriff des Perspektivismus. Es gibt keine festgelegten MaÃŸstÃ¤be, metaphysisch lÃ¤sst sich ohnehin nichts vermessen, es gibt kein verbindlich zu definierendes Sein, damit auch keinen ontologisch greifbaren Sinn, Ã¼berhaupt nichts Ruhendes, UnumstÃ¶ÃŸliches. Statik gibt es weder im Kosmos noch in der Natur noch im menschlichen Orientierungsraum, schon die WÃ¶rter sind suspekt geworden: Orientierung, Harmonie, Sein, Ordnung. Metaphysisch deutbare, sprachlich zu fixierende Tatsachen und Gesetze gibt es nicht, so Nietzsche mit unnachgiebiger Apodiktik, es gibt nur Interpretationen. Zu beachten ist der Plural, der sich ins Unendliche ausdehnen lÃ¤sst. Es gibt keine alleinseligmachende Interpretation, so steht es in einem Brief. Diese Einsicht Nietzsches hat unser Weltbild so grÃ¼ndlich verÃ¤ndert, wie Einstein es verÃ¤nderte, metaphysisch wie kosmisch rÃ¼ckte der RelativitÃ¤tsbegriff in die oberste Wertzone von Weltorientierung. Das alte statische Weltmodell wurde abgelÃ¶st durch ein dynamisches, alles kreist jetzt um alles. Das neue Denken also ist ein kreisfÃ¶rmiges Denken, in dem es keinen festen Standort mehr gibt, Subjekt und Objekt wechseln je nach Perspektive, das VerhÃ¤ltnis von auslegendem Subjekt und ausgelegtem Objekt ist relativ und offen nach allen Seiten.</p>
<p>Geschlagen mit der nÃ¶tigen UrteilstrÃ¼bung kÃ¶nnte man sagen, der Postmodernismus war damals schon ausgebrochen, also vor hundert Jahren. Mit dem Schlachtruf des Pluralismus: alles ist relativ, damit offen nach allen Seiten, alles ist mÃ¶glich, anything goes. War Nietzsche demnach der erste Postmodernist? Es gibt Leute, die das behaupten, vermutlich gehÃ¶rt auch solcher Unsinn zum postmodernen Diskurs. Es ist eben alles mÃ¶glich, wenn nichts feststeht, aber widersinnig ist es, schon vom Begriff her, denn die Moderne wird hier einfach Ã¼bersprungen, zu deren GrÃ¼ndungsvÃ¤tern ja gerade Nietzsche zu zÃ¤hlen ist. Nein, so sprunghaft leichtfertig kann man nicht umgehen mit einem Denken, das nach dem Tode Gottes dem Menschen die Ã¤uÃŸerste Verantwortung von Weltdeutung und Welteinrichtung zuschreibt. Etwas im Menschen stellt die Frage, muss sie stellen: Was hat einen Wert und wie ist dieses Werten zu begrÃ¼nden? Nietzsches Glaube ist ausgerichtet auf einen solchen zentralen Wertmesser, er spricht vom Gesetz der Perspektive und dieses Gesetz ist ein vom Menschen gesetztes in metaphysischer Dimension. Der KÃ¼nstler ist der Setzende, die Kunst wird damit zur obersten Instanz der Weltdeutung, gemeint ist nicht die Kunst der Kunstwerke allein. Es gibt ein verborgenes Zentrum im Menschen, das ist zustÃ¤ndig fÃ¼r den stÃ¤ndig zu erneuernden Prozess metaphysischer Deutung. NatÃ¼rlich ist das alles immanent gemeint, das versteht sich von selbst.</p>
<p>Es sind unsere Gesetze und GesetzmÃ¤ÃŸigkeiten, die wir in die Welt hineinlegen, sagt Nietzsche, nur eine dichterisch-logische Macht in uns errichtet die Perspektiven zu allen Dingen, und so erhalten wir uns am Leben. Die Umformung der Welt, um es in ihr aushalten zu kÃ¶nnen â€“ ist das Treibende. Hier ist der Treibsatz des Ganzen auf eine Formel gebracht. Das ist ein Prozess, der nicht geradlinig verlÃ¤uft, eben nicht logisch, der poetisch gesteuert ist, immer aufs innigste verbunden mit TÃ¤uschung und Irrtum: â€ždenn alles Leben ruht auf Schein, Kunst, TÃ¤uschung, Optik, Notwendigkeit des Perspektivischen und des Irrtums.â€œ Damit stehen wir vor dem Kardinalproblem von Nietzsches Denken, dem VerhÃ¤ltnis von Leben und Kunst. Hier ist keineswegs alles mÃ¶glich, Wertmesser ist immer das Leben, ihm ist die KÃ¼nstlerethik verpflichtet, das Leben fordert seine Steigerung in die je eigene MÃ¶glichkeitsform. Von der Wollust des Schaffenden spricht Nietzsche, Gradmesser ist das Leben mit seinem Anspruch auf Gestaltung, und das heiÃŸt Umgestaltung, der KÃ¼nstler erfÃ¤hrt diesen Zustand aufs Ã¤uÃŸerste: â€žLust am Gestalten und Umgestalten â€“ eine Urlust!â€œ Der Perspektivismus steht demnach im Dienste eines schÃ¶pferischen Geistes, der die Notwendigkeit zum Formen und Umformen nicht spirituell abgehoben erfÃ¤hrt, der vielmehr physiologisch eingebunden in Erscheinung tritt, organisch, ganzheitlich bis zu den HÃ¶hen Ã¤uÃŸerster Steigerung.</p>
<p>Die auÃŸerordentliche Faszination, die von Nietzsche ausging seit der Jahrhundertwende, hat an IntensitÃ¤t nicht nachgelassen, sie hatte Brechungen, EinbrÃ¼che, denken wir nur an den politischen Missbrauch, an die perverse Ideologie des Faschismus, an den spÃ¤teren Boykott, das Totschweigen ab den 60er Jahren, diesen blinden Widerstand, ebenso martialisch wie materialistisch vertreten von Seiten der Marxisten, aber dem Werk und seinen brillanten Ideen hat das nicht geschadet. Seit einigen Jahren ist das Interesse wieder erwacht, verwegen in Frankreich, gediegener in Deutschland, editorisch in Italien. Dieses neue Interesse an Nietzsche hÃ¤ngt ganz sicher zusammen mit der nachlassenden Dominanz der Gesellschaftswissenschaften, das einerseits, wir haben seit einiger Zeit ganz einfach die Lust verloren an rein praxisorientierter Theorie im Ãœberangebot, an dogmatischer Utopie, an geschichtsphilosophischen Spekulationen, die immer noch den Hegelschen Messianismus transportieren oder transportierten, denn vermutlich ist es vorbei mit diesem missionarischen Glauben. Andererseits zeichnet sich am heutigen Geisteshorizont jener bedenkliche Irrationalismus ab, der auf allen Gebieten der Kultur durchbricht wie der Spargel bei feuchtwarmer Witterung. Die Weltverbesserer sterben ja nicht aus, sie wechseln nur die Kleidung. Und wo es um Kleidung geht, geht es auch um Mode. Wobei die Mode wiederum Ausdruck ist des so genannten Zeitgeistes, man trÃ¤gt eben Postmodernismus zur Schau, seit der Modernismus offenbar in die Jahre kam und an AttraktivitÃ¤t verloren hat. NatÃ¼rlich sind das alles unausgewiesene Vokabeln, denn was ist schon der Zeitgeist? Und was den Postmodernismus betrifft, es wÃ¤re schon ein full time job, alle ihn betreffenden Kongresse und Symposien zu besuchen, die Publikationen zu verfolgen, wenn auch nur diagonal, um am Ende mit dem Wissen beglÃ¼ckt zu sein: anything goes.</p>
<p>Mit einem Wort, wir sind der AufklÃ¤rung mÃ¼de, wir haben den Materialismus, als Denkmodell zumindest, eben in historisch-dialektischer AusfÃ¼hrung, hinter uns gebracht, wir sind nicht mehr futuristisch fixiert, die Geschichte unserer Erwartungen hat uns schon Ã¼berholt, wir haben die Metaphysik verloren, die Ontologie, damit die Wahrheit weder die Kunst noch die Philosophie haben es mit Referenzen und FinalitÃ¤ten ontologischer Art zu tun, zu HÃ¼lsen wurden die Begriffe Einheit, TotalitÃ¤t, das Ganze â€“ vom Sein Ã¼berhaupt zu schweigen. Der riesige Prozess des Sinnverlustes, wie Jean Baudrillard es ausgedrÃ¼ckt hat, ist Ã¼ber uns hinweggespÃ¼lt, oder in der Deutung Jean-FranÃ§ois Lyotards: Alles, was einmal feststand, hat sich aufgelÃ¶st in pure Energetik. Kunst und Philosophie sind nur noch Energieumwandlungen, die nicht mehr auf ein GedÃ¤chtnis, ein Subjekt, eine IdentitÃ¤t zurÃ¼ckgefÃ¼hrt werden kÃ¶nnen. Also zu Ende ist es mit den Utopien der Einheit, der VersÃ¶hnung, der universellen Harmonie. Statt dessen ist ein universaler Spieltrieb ausgebrochen â€“ jenseits von Trauer um das Verlorene.  Alles, was je die Geschichte hervorgebracht hat, kann jetzt zitiert werden, eklektisch, ohne den Anspruch des Eklektizismus, historisch ohne den Ernst, man muss schon sagen, den Bierernst des Historismus. Neuer Realismus, neuer Subjektivismus, neuer Expressionismus, neue bis neueste SensibilitÃ¤t in Literatur und Malerei â€“ also, anything goes. Alles ist mÃ¶glich, selbst das UnmÃ¶gliche. Und das, wie gesagt, spielerisch nach Art der Skateboarder oder Inlineskater mit dem Walkman im Ohr. Wenn Adorno noch postulierte: â€žDie Male der ZerrÃ¼ttung sind das Echtheitssignal von Moderneâ€œ, dann setzt die Postmoderne augenzwinkernd Ã¼ber den Zaun aus Tragik und Zerfall, setzt sich ab in Richtung frÃ¶hliche Wissenschaft, der Abschied vom Prinzipiellen ist geschafft.</p>
<p>Mit Blick auf Nietzsche kÃ¶nnte das heiÃŸen, wir haben den Nihilismus Ã¼berwunden und uns eingerichtet in einem fidelen Relativismus. Alles steht uns jetzt zur VerfÃ¼gung, die Geschichte wurde zum Baukasten unseres artistischen Spieltriebs, in der Literatur, in der Malerei, in der Musik, in der Architektur ohnehin. Die VersatzstÃ¼cke der Kultur werden in beliebigem Einsatz neu arrangiert, montiert, collagiert mit dem Ziel effektvoller Wirkung. Efficiency als Parameter der Ã„sthetik. Das ist neu. Diese oberflÃ¤chige, scheinhafte, austauschbare Dekonstruktion von Bedeutung und Tiefe, dieser Widerstand gegen jede Einheit in Form von fingierter Sinn-TotalitÃ¤t, das alles, kÃ¶nnte man meinen, lÃ¤sst sich mÃ¼helos zurÃ¼ckfÃ¼hren auf Nietzsches Ã„sthetik, auf deren Hauptwerkzeug, nÃ¤mlich die Negation, die ja der Orgelpunkt der Moderne ist, das Nein zum Kunstwerk als konstruiertem Sinnzusammenhang, das Ja zur Ã¤sthetischen Integration des Abgespaltenen, Diffusen, die Hereinnahme des Nicht-Integrierten, Subjektfernen, scheinbar Sinnlosen, die Montage des Heterogenen und nicht des Homogenen als Material.</p>
<p>Aber, mÃ¼helos lÃ¤sst sich das alles nicht auf Nietzsche zurÃ¼ckfÃ¼hren, obwohl er, wie kaum ein anderer Denker, die Moderne beeinflusst hat, den Futurismus wie den Expressionismus wie den Dadaismus. Hatte nicht Nietzsche als erster den neuen Ausdrucksstil propagiert und praktiziert, jenen Perspektivismus, der losgebunden von jeder transzendenten Norm sich erfÃ¼llt in der Form, in der OberflÃ¤che, im Olymp des Scheins? â€žDaÃŸ der KÃ¼nstler den Schein hÃ¶her schÃ¤tzt als die RealitÃ¤tâ€œ das war sein Credo; von der Sehnsucht zum Schein spricht er fast religiÃ¶s, vom ErlÃ¶stwerden durch den Schein â€“ Ausdruck, Form, OberflÃ¤che und Schein, diese Stichworte haben sie begeistert aufgegriffen, die Dichter der ersten JahrhunderthÃ¤lfte, ich nenne von den deutschen nur Heinrich und Thomas Mann, Robert Musil und als Kronzeuge bis in die 50er Jahre Gottfried Benn, vehement folgten sie Nietzsches Botschaft einer epochalen Ã¤sthetischen Befreiung.</p>
<p>Benn in seiner Nietzsche-Rede von 1950 â€“ Nietzsche nach fÃ¼nfzig Jahren â€“ fasst die entscheidenden Punkte noch einmal zusammen, und er verweist damit schon auf jene Entwicklung, die letztlich vom Modernismus zum Postmodernismus gefÃ¼hrt hat. Wahrhaftig heiÃŸe er den, der in gÃ¶tterlose WÃ¼sten geht und sein verehrendes Herz zerbrochen hat. An dieses Nietzsche-Wort aus dem Zarathustra knÃ¼pft Benn an. â€žDies Herz hatte alles zerbrochen, was ihm begegnete: Philosophie, Philologie, Theologie, Biologie, KausalitÃ¤t, Politik, Erotik, Wahrheit, SchlÃ¼sseziehn, Sein, IdentitÃ¤t â€“ alles hatte es zerrissen, die Inhalte zerstÃ¶rt, die Substanzen vernichtet, sich selbst verwundet und verstÃ¼mmelt zu dem einen Ziel: die BruchflÃ¤chen funkeln zu lassen auf jede Gefahr und ohne RÃ¼cksicht auf die Ergebnisse â€“ das war sein Weg.â€œ</p>
<p>Ein Weg des Leidens, eine Passion, und diesem Leid standen sie noch nahe, die eben genannten Dichter und mit ihnen viele andere ihrer Altersgenossen â€“ das unterscheidet sie fundamental, Ã¤sthetisch wie existentiell, von den nachfolgenden Generationen. Es war das Leiden an der UnerlÃ¶stheit des Geistes, das die erste JahrhunderthÃ¤lfte mit Nietzsche verband. Aber es war auch die Lust der Befreiung, und Benn trifft diesen historischen Prozess im Kern. In seiner Nietzsche-Rede von 1950: â€žDie Inhalte ohne Sinn, aber sein inneres Wesen mit Worten zu zerreiÃŸen, der Drang, sich auszudrÃ¼cken, zu formulieren, zu blenden, zu funkeln â€“ das war seine Existenz. Der Weg vom Inhalt zum Ausdruck, das VerlÃ¶schen der Substanz zugunsten der Expression, das war elementar.â€œ</p>
<p>Nein, mÃ¼helos lÃ¤sst sich das nicht verschmelzen, ob man nun Nietzsche liest oder den Apologeten Benn, die Verbindungslinien zu unserer Situation heute sind nicht nahtlos zu ziehen. Ich sage das mit aller Entschiedenheit: Da ist etwas auf der Strecke geblieben, das sich noch gar nicht ermessen lÃ¤sst. Keineswegs ist das bindungslose Spiel mit allem und mit nichts die Botschaft Nietzsches, weder die neue UnÃ¼bersichtlichkeit noch die neue Unverbindlichkeit hatte er auf seine Fahne geschrieben. Ganz im Gegenteil, sein denkerischer Perspektivismus, er selbst zentriert ja in diesem Begriff seine philosophische Weltsicht, dieser Perspektivismus ist rÃ¼ckgebunden im Kraftzentrum dessen, der die Welt sieht, deutet, interpretiert. Das Subjekt als Erlebniszentrum hat in Nietzsches Sicht keineswegs abgedankt, ganz im Gegenteil, es erfÃ¤hrt eine Aufwertung wie nie zuvor, selbst Goethes PersÃ¶nlichkeitsbegriff wird hier noch einmal Ã¼berhÃ¶ht im Sinne metaphysischer Autonomie. Nach dem Zusammenbruch der Religionen und Metaphysiken, nach der AuflÃ¶sung aller dogmatischen und moralischen Bindungen gibt es fÃ¼r Nietzsche nur noch die individuelle perspektivische EinschÃ¤tzung der Dinge und der Welt. Es gibt nur den Einzelnen und seine Art zu sehen. Daher die exorbitante EinschÃ¤tzung der Kunst und des KÃ¼nstlers, bis hin zu Benns apodiktischem Wort, der KÃ¼nstler sei der einzige, der mit den Dingen fertig wird, der Ã¼ber sie entscheidet. Die Welt hat keinen Sinn hinter sich, sondern unzÃ¤hlige Sinne. Es gibt keine verbindlichen MaÃŸstÃ¤be mehr, kein festgeschriebenes Sein, Ã¼berhaupt nichts Ruhendes und UnumstÃ¶ÃŸliches. Das war Nietzsches kosmische Entdeckung. Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen, auch das ein Wort von ihm.</p>
<p>Wenn wir nun fragen, was interpretiert denn hier, welches Organ, welche Instanz, dann ist es nicht die kleine Vernunft, wie Nietzsche sagt, also nicht der Verstand, es ist die groÃŸe Vernunft, der Leib, die TotalitÃ¤t des Psychosomatischen ist es, was die Welt deutet. Nietzsche hat damit den Weg gewiesen, der heute erst in seiner philosophischen Stringenz â€“ aber auch auf den abenteuerlichen Wegen der neuroevolutionÃ¤ren Psychokybernetik â€“ begangen wird. Seine epochalen Verdienste der Umwertung aller Werte sind hier zu finden, viel mehr noch als auf dem Gebiet der Moralkritik. Letztlich ist es der Widerstand gegen das cartesianische VerstÃ¤ndnis von Erkennen und Denken, der hier entwickelt wird zu jener innovatorischen Ã„sthetik einer Physiologie der Kunst, deren Entdeckung und Ausformulierung Nietzsches Verdienst ist. Die groÃŸe Vernunft, diese letzte Instanz argumentiert nicht reflexiv, sie stellt sich dar als GebÃ¤rde, bleibt im Bereich der Darstellung, die bildhaften Charakter hat, ist inkarniert in der Anschauung des KÃ¼nstlers. Das meint die delphische Aussage, dass nur als Ã¤sthetisches PhÃ¤nomen das Dasein der Welt gerechtfertigt  ist, das Wort von der Ã¤sthetischen Rechtfertigung des Daseins Ã¼berhaupt. Worum es geht, ist der absolute Anspruch, der mit der Kunst verbunden wird, aber nicht mehr im Sinne einer statischen Metaphysik des Geistes, woran die Romantiker ja noch glaubten, vielmehr im Sinne jener metaphysischen TÃ¤tigkeit im Sinne organisch-dynamischer Entwicklung, die formend zutage bringt, was im Innersten seines Wesens Weltgesetz ist.</p>
<p>Wir stehen hier vor der evolutionÃ¤ren Grundkomponente des Lebens, vor diesem geheimnisvollen Steuerungsprinzip, das heute die Naturwissenschaften mehr noch beschÃ¤ftigt als die Geisteswissenschaften. Das ist die Artisten-Metaphysik, von der Nietzsche so oft spricht, das Artistenevangelium, wie er sagt, und das ist in letzter Konsequenz immanent und physiologisch gedacht: Die Kunst als die eigentliche Aufgabe des Lebens, die Kunst als dessen metaphysische TÃ¤tigkeit. Kulturhistorisch ist die affirmative Funktion der Kunst gerichtet gegen jede Form von Daseins-Pessimismus. Nietzsche urteilt in diesem Sinne ebenso global wie historisch universal. â€žDie Kunst als die einzig Ã¼berlegene Gegenkraft gegen allen Willen zur Verneinung des Lebens, als das Antichristliche, Antibuddhistische, Antinihilistische par excellence.â€œ Es gibt keine pessimistische Kunst. Die Kunst bejaht. Das sind die spÃ¤ten, unabweisbaren Statements in dieser Sache: â€žDas Wesentliche an der Kunst bleibt ihre Daseins-Vollendung, ihr Hervorbringen der Vollkommenheit und FÃ¼lle, Kunst ist wesentlich Bejahung,  Segnung, VergÃ¶ttlichung des Daseins.â€œ â€“ Widerspruch ausgeschlossen, ebenso jede Relativierung. Nietzsches RelativitÃ¤tsmetaphysik duldet keine Aufweichung. â€žDie Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die groÃŸe ErmÃ¶glicherin des Lebens, die groÃŸe VerfÃ¼hrerin zum Leben, das groÃŸe Stimulans des Lebens.â€œ Das bedeutet, gÃ¶ttlicher als die Wahrheit ist die Kunst, das bleibt sein letztes Wort, dass die Kunst mehr wert ist als die Wahrheit.</p>
<p>Wenn wir hier anhalten, um zu bedenken, dass es nicht nur um die Kunst der Kunstwerke geht, auch nicht um das PhÃ¤nomen des Herstellungsprozesses, der Produktion von Kunst also, dass es vielmehr um das Leben geht, das Leben in seiner TotalitÃ¤t als Faktum, das jede Deutung, die von auÃŸen kommt, von sich weist, das Leben, das sich selbst deutet, wenn wir das bedenken, dann allerdings haben wir wieder Grund unter den FÃ¼ÃŸen. Bei aller Relativierung und bei allem Perspektivismus ist es das Grundgesetz des Lebens im Sinne von Erdichtung und Zurechtmachung einer Welt, bei der wir selbst in unseren innersten BedÃ¼rfnissen uns bejahen. Es gibt eine perspektivisch setzende Instanz im Menschen â€“ das ist die Botschaft, die herausspringt aus jeder Unverbindlichkeit. Diese Instanz ist ausgerÃ¼stet mit einer Richtlinienkompetenz von geradezu magischer, mystischer QualitÃ¤t. Nietzsche nennt sie den Willen zur Macht, eine kryptische Formel, missbraucht und zerdeutet von Anfang an. Ich schiebe das Wort zur Seite, wie ich den Tod Gottes in Kombination mit dem Nihilismus-Syndrom auch nur erwÃ¤hne, um den Rahmen abzustecken. Die Umformung der Welt, um es in ihr aushalten zu kÃ¶nnen â€“ ist das Treibende. Das ist die Botschaft vom Perspektivismus. Sie wollen wir im Auge behalten bei der Frage, was Nietzsche uns heute zu sagen hat. Nicht, was er uns noch zu sagen hat, ich glaube, daÃŸ wir noch gar nicht wissen, was das ist.</p>
<p>Es geht um Erneuerung, nicht um Trauermusik, gerade auch, wenn es um den Tod Gottes geht. Oder um den Nihilismus als Folge des zusammengebrochenen Idealismus. In beiden FÃ¤llen wurde in frÃ¼heren Zeiten etwas erfunden und gesetzt vom Menschen, das in seiner hypertrophen ExklusivitÃ¤t nicht zu halten war. Von Platon bis zum deutschen Idealismus, dem Idealismus der Romantik, entwickelte sich, getragen vom Christentum, die WertsphÃ¤re des Unendlichen, die SphÃ¤re des Absoluten, das Reich Gottes, die Welt des Geistes und des Seins. Der Zusammenbruch endete nur in der lakonischen Feststellung: Gott ist tot. Die Glaubenskrise war seit langem schon virulent. Die Romantiker haben den Nihilismus entdeckt, also die Idealisten selbst. Und diese Entdeckung war epochal als Ereignis. Der Nihilismus als diagnostiziertes PhÃ¤nomen ist ja an sich schon Aufbruch zu neuen Horizonten. Dass solche Grenzmarkierungen an QualitÃ¤t hinter dem verlorenen Horizont des Absoluten nicht zurÃ¼ckstehen dÃ¼rfen, das ist Nietzsches Grundpostulat. Der Zarathustra macht das ja deutlich wie kein anderes Buch. Der Ãœbermensch ist in diesem Zusammenhang auch nur eine dubiose Formel, man sollte sich nicht daran stoÃŸen. Auch dann nicht, wenn es heiÃŸt, der Ãœbermensch sei der Sinn der Erde. Nietzsches ZÃ¼chtungsideen sind genÃ¼gend kritisiert worden, gerade auch von Benn, der allerdings zu Recht sagt, was kann Nietzsche dafÃ¼r, dass die Politiker nachtrÃ¤glich bei ihm ihr Bild bestellten? Er meinte die Nazis.</p>
<p>Es ist absurd, Nietzsche zu unterstellen, er habe den Ãœbermenschen zÃ¼chten wollen im Sinne jenes Herrenmenschen, der dann in den KÃ¶pfen der Faschisten spukte und sich niedertrat mit den Stiefeln infamster BrutalitÃ¤t. Nietzsche war auch kein Darwinist, nicht im Sinne eines AnhÃ¤ngers und Anwenders dieser revolutionÃ¤ren Naturforschung. Die aufmerksame LektÃ¼re des SpÃ¤twerks in der neuen, gÃ¼ltigen Edition zeigt, wie sublim Nietzsches VerhÃ¤ltnis zu Darwin war. Es ist von Grund auf ambivalent bestimmt. Aber eines steht fest, immer mit Blick auf die widersprÃ¼chlichen Aphorismen: die Evolutionsforschung, der Entwicklungsgedanke, dieser revolutionÃ¤re Ansatz der Naturwissenschaft hat ihn tief bewegt. Nicht der Kampf ums Dasein, das sei eine Ausnahme, auch nicht die soziologischen Lehren, die man aus dem Darwinismus zog, selbst dem Selektionsprinzip stand er skeptisch gegenÃ¼ber. Darwin Ã¼berschÃ¤tze die Ã¤uÃŸeren UmstÃ¤nde, heiÃŸt es in einem Nachlassfragment von 1886/87: â€žDas Wesentliche am Lebensprozess ist gerade die ungeheuere gestaltende, von Innen her formschaffende Gewalt, welche die Ã¤uÃŸeren UmstÃ¤nde ausnÃ¼tzt, ausbeutet.â€œ Auf den Innenaspekt der Evolution also kommt es Nietzsche an, und die heutige Forschung, soweit sie Ã¼ber den Rand ihrer Spezialgebiete hinausschaut, widerspricht dem ja keineswegs. NatÃ¼rlich ohne RÃ¼ckfall in die alten Denkmuster finaler Determination, auch dÃ¼rfte jeder Rest von Teleologie aus dem Weg gerÃ¤umt sein, spÃ¤testens seit Nietzsche, dessen intuitiver Einblick in das Systemganze des Lebens dem Geheimnis neue FreirÃ¤ume erÃ¶ffnet hat.</p>
<p>Absurd ist es auch, Nietzsche zu unterstellen, er sei ein Fortschritts-Optimist. Weder dachte er in historischen Kategorien von Fortschritt noch in evolutionÃ¤ren, schon gar nicht in utilitaristischen, und ebenso wenig glaubte er anthropologisch an die positive Auslese der Deszendenztheorie im Sinne elitÃ¤rer Hochentwicklung. Meine Consequenzen â€“ so lautet die Ãœberschrift seines Fazits vom FrÃ¼hjahr 1888: â€žMeine  Gesamtansicht. â€“ Erster Satz: der Mensch als Gattung ist nicht im Fortschritt. HÃ¶here Typen werden wohl erreicht, aber sie halten sich nicht. Das Niveau der Gattung wird  nicht  gehoben. â€“ Zweiter Satz: der Mensch als Gattung stellt keinen Fortschritt im Vergleich zu irgend einem anderen Tier dar. Die gesamte Tier- und Pflanzenwelt entwickelt sich nicht vom Niederen zum HÃ¶heren &#8230; Sondern Alles zugleich, und Ã¼bereinander und durcheinander und gegeneinander.â€œ Und nun folgt das entscheidende EingestÃ¤ndnis der Ohnmacht des Geistes im blinden Auswahlverfahren der Natur. Nietzsche fÃ¤hrt fort: â€žDie reichsten und complexesten Formen â€“ denn mehr besagt das Wort hÃ¶herer Typus nicht â€“ gehen leichter zu Grunde: nur die niedrigsten halten eine scheinbare UnvergÃ¤nglichkeit fest. Erstere werden selten erreicht und halten sich mit Not oben: letztere haben eine comprimittierende [sic] Fruchtbarkeit fÃ¼r sich. â€“ Auch in der Menschheit gehen unter wechselnder Gunst und Ungunst die hÃ¶heren Typen, die GlÃ¼cksfÃ¤lle der Entwicklung, am leichtesten zu Grunde &#8230; Das liegt an keinem besonderen VerhÃ¤ngnis und â€ºbÃ¶sen Willenâ€¹ der Natur, sondern einfach am Begriff hÃ¶herer Typus: der hÃ¶here Typus stellt eine unvergleichlich grÃ¶ÃŸere ComplexitÃ¤t, â€“ eine grÃ¶ÃŸere Summe coordinierter Elemente dar: damit wird auch die Disgregation unvergleichlich wahrscheinlicher. â€“ Das Genie ist die sublimste Maschine, die es gibt, â€“ folglich die zerbrechlichste.â€œ</p>
<p>Das also drei Jahre nach Fertigstellung des Zarathustra (1883-85). Man sollte dieses Buch nicht lesen, ohne die zitierten Aphorismen im Hinterkopf zu haben. Einmal, um dessen Frechheiten zu goutieren: â€žIhr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe hinab, weil ich erhoben bin.â€œ Zum anderen, um dessen metaphysischen Appell freizulegen, die Affirmation, die BeschwÃ¶rung neuer Sinnsetzung im Zeitalter des Zusammenbruchs aller Sinn-Horizonte. Ich gebe zu, der Zarathustra ist literarisch, ich meine vom Stil her, ein schwer verdaubares Buch, das hat ja schon Thomas Mann so empfunden, aber wenn man es liest mit RÃ¶ntgenblick, dann stÃ¶ÃŸt man auf die Goldadern unter all dem MetapherngerÃ¶ll, dann erÃ¶ffnet sich jene Dimension, die eine metaphysische ist ohne RÃ¼ckgriff auf Transzendenz. Eine Dimension eben, die gegrÃ¼ndet ist in immanenter Affirmation. Keineswegs leichtfertig in der Findung und Erfindung des Ja-Sagens, vielmehr erlitten in tiefster Existenznot, so steht es im Ecce homo: â€žDergleichen ist nie gedichtet, nie gefÃ¼hlt, nie  gelitten  worden: so leidet ein Gott, ein Dionysos.â€œ Ob das schon im Wahnsinn gesprochen ist oder nicht, spielt keine Rolle, es hieÃŸe, dem Wahnsinn die Wahrheit absprechen, wenn man so urteilt, wichtig ist hier, zu sehen, dass gerade aus solchem Leiden der neue Sinn hervorspringt: â€žer ist jasagend bis zur Rechtfertigung, bis zur ErlÃ¶sung auch alles Vergangenen.â€œ</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;</p>
<p>Ist es eine Provokation, wenn ich jetzt, antipodisch fast, erneut das Reizwort einblende: Postmodernismus â€“ ist das die Situation nach dem radikalen Aufbruch der Moderne, die ja Nietzsche entscheidend mit in Szene setzte, die ErschÃ¶pfung nach den Schlachten des Modernismus, die kaltgestellte Leere, die metaphysische Nullrunde, bevor es in ganz andere Richtungen weitergehen wird? LÃ¤sst sich da Ã¼berhaupt ein Zusammenhang herstellen? Immerhin, dieses postmoderne Denken sagt nicht nein, sagt aber auch nicht ja, es sagt: meinetwegen, wenn schon keine normativen Verbindlichkeiten, dann eben nicht, dann ist eben alles mÃ¶glich. Nur zu tief sollte es nicht sein, dieses oberflÃ¤chige Dahindenken und schon gar nicht leidend. Woran auch sollte man leiden, wenn ohnehin alles relativ ist. Ich meine, da hat sich etwas gedreht in der Achse des Nihilismus â€“ vom Leiden zur Langeweile, von der Tiefe zur FlÃ¤chigkeit â€“ das sollte man feststellen, ohne Fundamentalkritik, eben heute im Posthistoire, eben demokratisch, eben pluralistisch und entsprechend cool gestimmt, also lÃ¤ssig mit schwebender Distanz.</p>
<p>Nur zweierlei fÃ¤llt mir schwer: zu sagen einmal, was die postmodernen Diskurse uns gebracht haben an brauchbarer Erkenntnis, ich meine im anthropologischen Sinne; und zum andern, Abschied zu nehmen von fundamentalen Weisheiten (nicht Wahrheiten) der Poesie und der Philosophie Ã¼ber zweitausend Jahre hin. Weisheit im Sinne von Lebenserfahrung, also Kenntnis und Wissen von groÃŸen ZusammenhÃ¤ngen des Lebens, Vernunft und Urteilskraft betreffend, was die Griechen sophia nannten und was im Mittelalter wisheit hieÃŸ. Der Philosoph Nicolai Hartmann, Zeitgenosse Gottfried Benns, nannte das: â€ždie ethische Geistigkeit, nÃ¤mlich die das ganze Leben beherrschende Stellung des Ethos Ã¼berhaupt als geistigen Grundfaktor des Menschentumsâ€œ (Hauptwerk: Ethik) Das hatte philosophische Geltung von der Antike bis in unser Jahrhundert, und zu solchem Denken gehÃ¶rte primÃ¤r auch die Aporetik letzter Erkennbarkeiten, gerade mit Blick auf die Grundformen des Seins, also Leben, Existenz, Bewusstsein, Geist, Freiheit â€“ alles das bleibt letztlich rÃ¤tselhaft und unerkennbar. Wo also stehen wir? Poetische Aporie, das wÃ¤re das Stichwort der kÃ¼nstlerischen Moderne, wollte man es auf einen philosophischen Nenner bringen. Die RÃ¤tselhaftigkeit menschlichen Seins findet Ausdruck in den labyrinthischen Strukturen der Kunstwerke. Welche Namen stÃ¼nden dafÃ¼r reprÃ¤sentativer als die von Franz Kafka und Jorge Luis Borges? Die Dichtung Gottfried Benns lebt von der BeschwÃ¶rung der Dunkelheiten des Daseins, das macht ihre poetische Faszination aus, und die funktioniert nur im antithetischen Widerspiel des Artistischen, das hatte Benn von Nietzsche gelernt. Nichts â€“ und darÃ¼ber Glasur.</p>
<p>Gerade mit Blick auf Nietzsches Leiden behaupte ich, es ist ein Unterschied von Relativismus zu Relativismus, von Perspektivismus zu Perspektivismus, von der Verbindlichkeit zur Unverbindlichkeit. Nietzsche selbst nannte das die intellektuelle Redlichkeit. Ich meine, die ist in einem entscheidenden MaÃŸe abhanden gekommen in diesem ebenso ramponierten wie korrumpierten Jahrhundert. Ob von links oder von rechts, die Anpassungsmechanismen haben das Ã¤sthetische Ethos ruiniert. Aha, wird man sagen, daraus spricht das altbackene Bewusstsein anthropologischer Beharrlichkeit, der Mann ist nicht postmodern. Dagegen kann ich nur sagen: meinetwegen, denn wenn alles geht und alles mÃ¶glich ist, dann auch dies, nÃ¤mlich festzuhalten an bestimmten Deutungen, die der Mensch von sich selbst und seiner Ortlosigkeit im Weltall entworfen hat. Unbestreitbar etwa hat seit der Antike die tragische Deutung â€“ in einem sehr realistischen Sinne â€“ die Grundbefindlichkeit des Menschen kÃ¼nstlerisch zum Ausdruck gebracht. Denken wir nur an das Syndrom der Melancholie, das die anthropologische Selbstdeutung der Neuzeit auffallend bestimmt, in der Malerei, in der Philosophie, in der Musik, in der Literatur. Kulturmorphologisch ein schier endloses Thema, die Dunkelheit als visuelle Metapher des Undarstellbaren, denken wir nur an die Geschichte der PortrÃ¤tkunst von Rembrandt bis Arnulf Rainer, an die europÃ¤ische Lyrik, kulminierend im franzÃ¶sischen Symbolismus, an die ErzÃ¤hlkunst von E.T.A. Hoffmann Ã¼ber Poe, Dostojewski, Kafka bis hin zu Thomas Bernhard, auf der BÃ¼hne dargestellt seit Shakespeare quer durch die Tradition des Trauerspiels in Europa, Ã¼berall Wahnsinn und Tod, der Mensch als Bestie und als Opfer, bis zur totalen Anthropologie des Kaputtseins, etwa bei Beckett â€“ fÃ¼r Optimismus bleibt in diesem Spektrum wenig Platz. Mir leuchtet einfach nicht ein, dass wir es heute so Knall auf Fall mit einem neuen Menschen zu tun haben.</p>
<p>Im Ã¼brigen hat mir kein postmodernes Buch bisher Erleuchtung gebracht hinsichtlich der Verantwortung heutigen Denkens im Kreislauf der Relativismen. Auch wenn Lyotard schon frÃ¼h als Titel seiner initiierenden Schrift setzte: Das postmoderne Wissen, so die deutsche Ãœbersetzung, im Original La condition postmoderne, bin ich nach Durchgang dieses und anderer BÃ¼cher von dem Wissen nicht erleuchtet worden, was das ist, der postmoderne Zustand. Aber vielleicht ist gerade das ein Signum des Begriffs. Also, ich kann nicht sagen, weil ich es nicht weiÃŸ, was Nietzsche und Benn mit dem schillernden Denken von heute zu tun haben, nur eines weiÃŸ ich, dass der eine den Perspektivismus denkerisch-radikal eingesetzt und der andere den perspektivischen Relativismus als Stilmittel poetisch konsequent praktiziert hat, gerade in seiner spÃ¤ten Prosa, so spricht der PtolemÃ¤er, so spricht der Radardenker, aber ist solches Denken darum postmodern? Bescheidener wÃ¼rde ich sagen, Benns spÃ¤te Prosa ist unerhÃ¶rt modern, gerade im Hinblick auf die angesprochenen GrundphÃ¤nomene Perspektivismus und Relativismus, die in der deutschen Dichtung bis dahin keinen adÃ¤quaten Ausdruck gefunden hatten.</p>
<p>NatÃ¼rlich sind die antiaufklÃ¤rerischen Tendenzen bei Nietzsche und bei Benn den AufklÃ¤rern immer verdÃ¤chtig gewesen, und unverdÃ¤chtig ist es gerade nicht, wenn jetzt die Postmodernen mit Nietzsche spielen. Dass beide nicht gesellschaftskritisch in die heute geforderte Transparenz und Konvergenz der Tatsachen-Diskurse einzubringen sind, versteht sich von selbst, ebenso ihre WiderstÃ¤ndigkeit gegenÃ¼ber der VersÃ¶hnung der Sprachspiele im gesamtkulturellen Konzert, denn gerade solche VersÃ¶hnung gilt als postmodern, Ã¼berhaupt hielten die beiden wenig oder gar nichts vom demokratischen Zusammenspiel pluraler Perspektiven. Kenner der Szene betonen, dass der Postmodernismus weitgehend ein Ã¤sthetischer Modernismus geblieben oder doch tief verankert ist in der Ã¤sthetischen Moderne. Das zielt auf den generellen Negations-Aspekt, und es trifft ja in der Tat zu auf Praxis und Theorie der KÃ¼nste, auf den Abschied vom Ideal der Einheit und des Sinnganzen, Abschied von der Einheit des geschlossenen Werks, Abschied von der Einheit des individuellen Ichs, was alles ja Adorno schon postulierte und Wittgenstein denkerisch expliziert hatte als ZertrÃ¼mmerung fundamentalistischer LetztbegrÃ¼ndungen und utopistischer LetztlÃ¶sungen.</p>
<p>Gerade auf diesem Feld trat Nietzsche als der geniale Initiator einer radikalen Skepsis hervor, und Gottfried Benn folgte ihm als Protagonist der poetischen WirklichkeitszertrÃ¼mmerung und Illusionszersetzung par excellence. Die Einheit einer fingierten Sinn-TotalitÃ¤t in Analogie zur Sinn-TotalitÃ¤t eines von Gott geschaffenen Kosmos war fÃ¼r beide Geschichte geworden. Nicht aber die Sehnsucht, jenem Prinzip nachzuspÃ¼ren, das hinter den universalen Illusionen sich verbirgt, dem gÃ¶ttlichen Prinzip, das zwar eine Erfindung des Menschen ist, aber in seiner uralten Herkunft und in seiner geschichtlichen Entfaltung als ein Prinzip der Unausrottbarkeit sich erwiesen hat. Die Frage also ist gerichtet auf ein Letztes, das sich nicht mehr hinterfragen lÃ¤sst, Nietzsche nannte es das Leben, Benn beschwor es als Geist. Ist das vielleicht der Unterschied zu heute, wie ja der Unterschied feststeht zwischen Leiden und Nonchalance?</p>
<p>Der Sinn der Sinnsuche war auch Benn schon verloren gegangen, ganz sicher in einem betrÃ¤chtlichen Schritt Ã¼ber Nietzsche hinaus, aber immer noch zÃ¼ndete der Abschiedsschmerz in Versen von damals betÃ¶render VerfÃ¼hrung. Dagegen und daneben schlug dann wieder radikal die frÃ¼he Lyrik zu, vernichtete, was noch einmal sich vorwagte ohne Deckung, lieÃŸ es auch wieder gelten, lieÃŸ es aufkommen zu einer letzten BlÃ¼te. In dieser Weise antinomisch arbeitete schon Nietzsche, gerade der Zarathustra zeigt das in seiner widersprÃ¼chlichen Struktur. Darum auch wurde das Werk missbraucht, konnte geplÃ¼ndert werden in jener ebenso schwÃ¤rmerischen wie schwachkÃ¶pfigen Rezeption des Jahrhundertanfangs, Nietzsches gefeierter Vitalismus, Nietzsche der Lebensphilosoph, Nietzsche der Fortschrittsprophet fÃ¼r Reformideologie und Jugendbewegtheit, das war das Ergebnis am Anfang, und am Ende des Missbrauchs folgte dann der ZÃ¼chtungs- und Rassenwahn mit Raubtierideologie, Blonder Bestie, Sklaven- und Herrenmoral.</p>
<p>Wir kÃ¶nnen nur hoffen, dass nicht eine neue PlÃ¼nderungswelle Ã¼ber Nietzsche kommt, Ã¶kologisch-ideologisch etwa: â€žIch beschwÃ¶re euch, meine BrÃ¼der, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von Ã¼berirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.â€œ Ich gebe ja zu, dass ein solches Zitat nebenbei noch dazu verfÃ¼hrt, das HoffnungsgeschÃ¤ft heutiger Gurus zu ruinieren. Man kann eben Nietzsche zu allem heranziehen und dienstbar machen, das zeigen die Mystagogen von gestern und von heute, denn im Augenblick gedeihen sie wieder, gerade im Ausland herrscht Nietzsche-Konjunktur. Schlimm wÃ¤re es, Nietzsches universale Lebens-Perspektive dem Irrationalismus-BedÃ¼rfnis von heute in den Rachen zu werfen. Die Regression ins Esoterische, Okkultistische, in die variantesten Psychedelic-TrÃ¤ume, die Magic- und Mystery-Tour der siebziger Jahre, der Okkultismus-Boom der frÃ¼hen achtziger und der Transpersonalisten-Kult von heute, alles das sind gefÃ¤hrliche Signale. Sie sind Ã¶ffentlich in dem MaÃŸe, dass 1983 schon DER SPIEGEL daraus einen Titelbericht machte.</p>
<p>AufklÃ¤rung als Dogma ist immer schon befeindet worden. Von den Romantikern bis zu den Expressionisten setzte man ihr ein tieferes Bild vom Menschen entgegen, als notwendiges Korrektiv; Traum und Vision wurden um so kÃ¤mpferischer verteidigt, je hÃ¤rter der Materialismus zuschlug. Nur sollte man diesen ebenso poetischen wie philosophischen Bewegungen nicht nachsagen, sie seien irrationalistisch. In diesem pejorativen Sinne urteilt man an der Sache vorbei, es geht um die verlorene Dimension, deren Verlust immer erneut eingeklagt werden muss. Gerade das war Nietzsches zentraler Ansatz: die Umwertung aller Werte ohne Dimensionsverlust. Die Transferierung von Transzendenz in Immanenz unter demselben Energiegesetz, die Erhaltung der Spannung, der Hochspannung, im Durchlauf durch den Nihilismus, die Ãœbertragung von Verbindlichkeit vom Jenseits auf das Diesseits, darum das Wort: bleibt der Erde treu.</p>
<p>Das also ist metaphysisch gedacht, denn es fordert zugleich Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer. Das andere Ufer, das ist der neue Mensch, der die Transformation geleistet hat ohne Spannungsverlust. â€žEs ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner hÃ¶chsten Hoffnung pflanze.â€œ â€“ â€žEure Liebe zum Leben sei Liebe zu eurer hÃ¶chsten Hoffnung: und eure hÃ¶chste Hoffnung sei der hÃ¶chste Gedanke des Lebens!â€œ Nietzsche selbst spricht vom ja-sagenden Pathos dieses Buches im Zusammenhang des Gedankens von der ewigen Wiederkunft des Gleichen, wie ein Blitz habe ihn die Erkenntnis getroffen, diese totale Umwertung von Ewigkeit in Zeit. Was frÃ¼her der Ewigkeit in toto Ã¼bertragen wurde, wird jetzt punktuell und unersetzbar, damit im Tiefsten verbindlich. Im Augenblick verdichtet sich die Zeit, die Vergangenheit und die Zukunft. Nietzsche nennt das die hÃ¶chste Formel der Bejahung, die Ã¼berhaupt erreicht werden kann. Die Welt ist ewig, die Zeit ist ewig, alles hat sich schon immer ereignet und wird sich immer wieder ereignen. â€žSo diesen Augenblick, er war schon einmal da und viele Male und wird ebenso wiederkehren.â€œ Das Leben ist eine Sanduhr, immer wieder wird sie umgedreht werden und immer wieder wird sie auslaufen.</p>
<p>Der Augenblick wurde zur metaphysischen Formel des neuzeitlichen Menschen, seit die Ewigkeit umschlug in Zeit. â€žWas man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurÃ¼ck.â€œ So Schiller in dem Gedicht Resignation â€“ was er noch betrauerte, jetzt hat es eine Wende erfahren. Kein Wunder, dass im Zeitalter der AufklÃ¤rung das Bewusstsein reifte fÃ¼r diese Fundamentalerfahrung. Die Gunst des Augenblicks. Titel eines Gedichts, Schiller bringt die Erkenntnis damit auf eine Formel. â€žUnd der mÃ¤chtigste von allen Herrschern ist der Augenblick.â€œ Allerdings, man setzte immer noch auf HÃ¶heres, auf ein Ideal, das gleichsam Ã¼ber dem Augenblick waltet, das zeigt ja der Faust; der Pakt mit dem Teufel am Anfang und die letzten Worte des uralten Faust, es geht um den Augenblick, der ebenso trÃ¼gerisch wie vergÃ¤nglich das Leben bestimmt. Aber im zweiten Teil dieses bewegenden Dramas vom neuzeitlichen Menschen steht auch das prophetische Wort: â€žDasein ist Pflicht, und wÃ¤râ€˜s ein Augenblick.â€œ Es geht um den Sinn der Erde, dieses Zarathustra-Wort hÃ¤tte Goethe unbedenklich unterschrieben.</p>
<p>Ich schlieÃŸe den Zirkelschlag, den ich um Nietzsche, in der gebotenen KÃ¼rze, gezogen habe. Noch ein Wort zu Benn, den diese Gedanken erstaunlich unberÃ¼hrt gelassen haben, er dachte eben nicht als Philosoph, er stilisierte als KÃ¼nstler. Und das in voller Ãœbereinstimmung mit Nietzsche, immer wieder spricht er vom Ideal der Vollkommenheit, und das ist fÃ¼r ihn die Makellosigkeit des kÃ¼nstlerischen Stils, die Verachtung des nur GefÃ¼hlten, des Dumpfen, Amorphen; Stil, sagt er, ist die Wendung gegen Innenleben, guten Willen. Das Gegenteil von Kunst sei nicht Natur, sondern gut gemeint. Eine spÃ¶ttische, leichte, flÃ¼chtige, gÃ¶ttlich unbehelligte, gÃ¶ttlich kÃ¼nstliche Kunst, das forderte schon Nietzsche, den Schein anzubeten, an Formen, an TÃ¶ne, an Worte, an den ganzen Olymp des Scheins zu glauben. Begeistert stimmte Benn ihm zu, steigerte noch diese Metaphorik aus Helligkeit, Wurf und Glanz, so feierte er durch Jahrzehnte den OberflÃ¤chenstil, diese neue, nach auÃŸen gelagerte Welt. Tragschwingen, leicht gehÃ¤mmert, Schwebendes unter Azur. Die Ã¤uÃŸerste Verbindlichkeit dieser Ã„sthetik ist zugleich ihr Wertmesser, diese Kunst, sagt Benn, ist das Ergebnis der Transferierung von Substanz in Form, eine anthropologische ErlÃ¶sung im Formalen. Alle Menschen der Tiefe, hat Nietzsche gesagt, schÃ¤tzen als das beste an den Dingen, dass sie eine OberflÃ¤che haben. Und bei Benn wiederum lesen wir das Wort vom VerstrÃ¶men der letzten arthaften Substanz in die Gestaltung. Das alles ist doch nur zu deuten im Sinne einer Verlagerung, nicht im Sinne eines Verlustes. Gott ist Form. In diesem Zusammenhang deklariert Benn das PhÃ¤nomen der Artistik mit erstaunlicher Offenheit als tief, religiÃ¶s und sakramental. Die stilistische Makellosigkeit und Reinheit dÃ¼rfe nicht geringer sein als das inhaltliche Denken frÃ¼herer Epochen, selbst bis zu den Graden vor dem Schierlingsbecher und vor dem Kreuz.</p>
<p>Radikaler lieÃŸ sich die Position nicht bestimmen, Benn scheute keinen Vergleich. Und vor dieser Folie erst entfaltet sein artistisches Spiel Glanz und Tiefe einer letzten Ã¤sthetischen Wahrheit. Einer Wahrheit, die anders nicht mehr zu vermitteln ist. In der Brillanz der perspektivischen Brechungen, in diesem Einerseits-andererseits, sowohl als auch, in den Antinomien und Ambivalenzen leuchtet der Lebenssinn noch einmal auf, das ist der MÃ¶glichkeitssinn, der Montagesinn, der sich zurÃ¼ckfÃ¼hren lÃ¤sst, immer noch, in den geheimnisvollen Produktionskern des Subjektes. Der KÃ¼nstler ist der einzige, der mit den Dingen fertig wird, der Ã¼ber sie entscheidet, und ich mÃ¶chte diesem Benn-Wort hinzufÃ¼gen, das ist so, weil nur der KÃ¼nstler perspektivisch entscheidet, spielerisch, frei schwebend, ohne NÃ¶tigung von auÃŸen. Nur er verfÃ¼gt Ã¼ber die Freiheit, die ihn freisetzt vom Zwang der Alltagsmechanismen. Im KÃ¼nstler bewahrt sich als Instanz der unverzichtbare Wertmesser im universalen Deutungsspiel. Dieser Anspruch ist ja keineswegs verloren gegangen, bis heute nicht. Die kÃ¼nstlerische Form einigt das Unvereinbare, spielt dialektisch, aber diese Dialektik fÃ¼hrt nicht zur Synthese, sie fÃ¼hrt nur vor, nÃ¤mlich das Spiel der Antinomien. Benn steigert diese Haltung mit den Jahren zu einem routiniert gehandhabten Lustprinzip.</p>
<p>Dieser ambivalente Perspektivismus relativiert alles, gerade auch sich selbst. So im Roman des PhÃ¤notyp, so im PtolemÃ¤er, hier wird nicht Ã¤uÃŸeres Leben erfunden, sondern inneres zum Ausgleich gebracht. Bei allem Dualismus ist das Elend aufgehoben in der Perspektive dessen, der sie vertritt. Der Mann im Lotosland, Spezialist fÃ¼r Kosmetik und SchÃ¶nheitspflege, dieser verschwiegene Mann, der mehr zuhÃ¶rt als spricht, der die Balancen liebt, der in Gelassenheit lebt, sein SchÃ¶nheitsinstitut sei nicht errichtet auf Golgatha, lautet die Botschaft, es schwebt gleichsam auf dem Olymp des Scheins. â€žNach meiner Theorie mÃ¼ssen Sie VerblÃ¼ffendes machen, bei dem sie am SchluÃŸ selber lachen. (Das nenne ich eine schlechte Weisheit, bei der es nicht ein GelÃ¤chter gab, Nietzsche.) Sie mÃ¼ssen alles selber wieder aufheben: dann schwebt es.â€œ Das Ã¤sthetische Spiel trÃ¤gt sich selbst, es birgt in seiner TragfÃ¤higkeit den Wahrheitsanspruch des Kunstwerks und des Lebens. Der perspektivische Relativismus stÃ¶ÃŸt hier an die Grenze avantgardistischer Mitteilung Ã¼ber den Zustand des Menschen, Ã¼ber sein BewuÃŸtsein, seine Anschauung von Welt. Eine geschlossene Weltanschauung stand frÃ¼her hinter dem geschlossenen Kunstwerk. Hinter der Offenheit artistisch montierter Kunst steht nichts mehr, das sich in ein festes Bild bringen lieÃŸe. Das neue BewuÃŸtsein schuf sich neue Ausdrucksformen: die Zersplitterung der Einzelteile, die collagierte Montage, das Zitat als Aufruf des Gewesenen und MÃ¶glichkeit des ZukÃ¼nftigen, das trÃ¤gt in seinen bildhaften ZÃ¼gen die Male der Existenzmitteilung mit dem gleichen Ernst wie es die Werke vergangener Zeiten taten. Das Spiel ist scheinbar nur ein Spiel, unter der OberflÃ¤che, sagt Benn, verbergen sich genÃ¼gend Dunkelheiten, um auch den Tiefsinnigsten zu befriedigen. Im Dunkel leben, im Dunkel tun, was wir kÃ¶nnen. Aber mit der gebotenen Distanz, auf dem Niveau heutiger Erkenntnis vom Zustand des Menschen und den Grenzen seiner ErkenntnisfÃ¤higkeit. Keineswegs sei das Pessimismus, die Perspektiven heranzufÃ¼hren an den Rand des Dunkels und Haltung zu bewahren, auch vor diesem Dunkel, sagt einer der drei alten MÃ¤nner. Und der andere: Steigern Sie Ihre Augenblicke, das Ganze ist nicht mehr zu retten.</p>
<p>Was Benn von Nietzsche unterscheidet, ist sein Finalaspekt, die These vom Untergang des QuartÃ¤r, das sollte man festhalten. Es bleibt der Perspektivismus, metaphysisch wie artistisch grundiert, das ist die Umwertung der anthropologischen Grundsituation. Und mit ihrem Wahrheitsanspruch, so relativ er ist, hat sie genÃ¼gend Zukunft in sich, um jeder leichtfertigen Destruktion, jeder Abbruchstimmung zu widerstehen. Es gibt das Fazit der Perspektiven, und es gibt die daraus resultierende Konsequenz. Die Mythen sind endgÃ¼ltig verbraucht, am grÃ¼ndlichsten der SchÃ¶pfungsmythos vom Sinn des Einzelnen und des Ganzen. Das einerseits â€“ und andererseits das kÃ¼nstlerische Postulat. â€žDer Mensch muÃŸ neu zusammengesetzt werden aus Redensarten, SprichwÃ¶rtern, sinnlosen BezÃ¼gen, aus Spitzfindigkeiten, breit basiert â€“: Ein Mensch in AnfÃ¼hrungsstrichen. Seine Darstellung wird in Schwung gehalten durch formale Tricks, Wiederholungen von Worten und Motiven â€“ EinfÃ¤lle werden eingeschlagen wie NÃ¤gel und daran Suiten aufgehÃ¤ngt.â€œ</p>
<p>So spricht der Eremit des Doppellebens. Das alles hat ja die experimentelle Literatur weitergefÃ¼hrt, bis heute, das also war avantgardistisch, in der Prognose wie in der DurchfÃ¼hrung. Und das betrifft gerade jene verlorenen, heute verlogenen ZusammenhÃ¤nge, die man immer noch so gerne konstruiert und konsumiert, im Leben wie in der Kunst. Wer lebt schon in Symbiose mit den Abenteuern progressiver Kunst. Die Bestsellerindustrie floriert nach wie vor, lebt von den psychosozialen Mustern der TeppichknÃ¼pfer. Der Mensch braucht das wohl, dringender offenbar als das EingestÃ¤ndnis des Relativismus. Er lebt von der verschleiernden Sehnsucht nach Geborgenheit und kleinem GlÃ¼ck. Die Serien im Fernsehen bestÃ¤tigen nur diesen unausrottbaren Trieb auf unterster Betriebsebene.</p>
<p>Dagegen also die perspektivisch aufreiÃŸende Kunst, der Mensch in AnfÃ¼hrungsstrichen, die artifizielle Provokation. Weil er es lebte, weil er es dachte, weil er es fÃ¼hlte, konnte Benn schreiben, was so zwingend sich relativiert. Weil er spielerisch das Leben sah, gab er ihm jene WÃ¼rde zurÃ¼ck, die am Ende ein verlogener Ontologismus getilgt hatte. Die WÃ¼rde der Wahrheit, die WÃ¼rde des Faktischen, die SchÃ¶nheit einer bedingungslosen Offenheit. Diese Haltung teilte er mit Nietzsche, die Haltung einer ebenso bedingungslosen wie fundamentalen Tapferkeit. Existentiell ist ein Lieblingswort von Benn, und es ist nicht zuviel gesagt, dass in der Zone des Existentiellen der Perspektivismus seine metaphysische Verankerung gefunden hat. Die totale Relativierung, das spielerische Einerseits â€“ Andererseits, das ist eben nicht die totale SÃ¤kularisation. Der PhÃ¤notyp spielt mit der Ambivalenz, aber der Stundengott durchzieht das Werk mit der Botschaft vom primÃ¤r gebauten Satz, von der Verwandlungszone der Kunst, mit dem Auftrag, das Nebeneinander der Dinge zu ertragen. â€“  â€žJegliches Spiel ist nutzlos, aber auch der Ruhm und die SchÃ¶nheit, alle Spiele der GÃ¶tter sind es und je nutzloser um so gÃ¶ttlicher â€“: glauben Sie das? â€“ Aller Glanz, den wir in unserer Seele tragen, kommt von Dingen, die wir erschaffen haben.â€œ</p>
<p>Solche SÃ¤tze stehen im Roman des PhÃ¤notyp, geschrieben in der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte, 1944 in einer Kaserne Ã¶stlich der Oder, wÃ¤hrend die Russen nÃ¤her rÃ¼ckten. Alles ist brÃ¼chig geworden, aber aus dem Zusammenbruch gerade erhebt sich die MÃ¶glichkeit neuer Weltdeutung. Wohin das Auge schweift, MÃ¶glichkeiten, Motive, Anspielungen, Perspektiven, â€“ so beschwÃ¶rt es der PhÃ¤notyp. â€žEtwas Unstillbares ist dabei, etwas, das das Herz zerreiÃŸt. Neue ferne Wogen, kaum erkennbare Verwandlungen, SpÃ¤theiten â€“ und unerfÃ¼llbar alles.â€œ â€“ â€žDas unmittelbare Erleben tritt zurÃ¼ck. Es brennen die Bilder, ihr unerschÃ¶pflicher beschirmter Traum. Sie entfÃ¼hren.â€œ Sehr viel Poesie bergen diese SÃ¤tze, aber das nur einerseits, andererseits gibt es das Wort vom prismatischen Infantilismus als Antwort auf triviale TiefgrÃ¼ndigkeit, die Absage an alle Hinterweltler, deren Positionen die modernen KÃ¼nstler lange schon gerÃ¤umt haben. â€žSie tapezieren mit sich selbst und nichts kann sie erlÃ¶sen.â€œ Gemeint sind die progressiven KÃ¼nstler. Ihr Inneres mÃ¼ssen sie verleugnen, dÃ¼pieren, Farcen mit ihm treiben, das sei die Voraussetzung fÃ¼r Poesie. So in Altern als Problem fÃ¼r KÃ¼nstler. Die Ã¤uÃŸere KausalitÃ¤t schafft nichts heran, nur die inneren Perspektiven erÃ¶ffnen die Welt, alles steht zur VerfÃ¼gung, wer mit Radar arbeitet, hat die Struktur auf dem Bildschirm. â€žDas sind Perspektiven!â€œ Freut sich der Radardenker. â€žIch habe mich sehr genau beobachtet, ich bin mir so nebensÃ¤chlich, dass ich das kann.â€œ</p>
<p>Jahrzehnte vor dem Ausbruch postmodernen Experimentierens verstrÃ¶mt noch einmal der Glanz der Seele, kann und darf aufleuchten, weil er experimentell facettiert in Erscheinung tritt. Was sich als Inhalt nicht mehr vorstellen lÃ¤sst, erscheint gereinigt als purer Ausdruck. RÃ¼ckgebunden aber ist diese Sehnsucht nach Glanz und ErlÃ¶sung immer noch im personalen Zentrum metaphysischer Erfahrung, die letztlich eine religiÃ¶se ist. Das hat sich geÃ¤ndert, und gerade diese Ã„nderung trÃ¤gt das Signum der Postmoderne. Mit ihrem Experimentieren wolle heute die Kunst etwas hervorbringen, â€žworin es nicht mehr darauf ankommt, ob ein Subjekt sein Leiden objektiviert und als Sinn erkenntâ€œ â€“ das war die Einsicht Lyotards von 1979 (Philosophie und Malerei im Zeitalter ihres Experimentierens). Das mag auch heute noch gelten, gilt dann aber schon lange, insofern der Abschied vom Subjekt und seinem Leiden schon den dadaistischen Manifesten eingeschrieben war. Die daraus resultierende Tradition des Experimentellen war immer subjektfeindlich eingestellt, die Wiener Gruppe wie die Konkreten. Die Unterscheidung also muss getroffen werden im Innern des Begriffs: Das Experimentieren mit existentiellen Erlebnisformen ist etwas anderes als das pure Jonglieren mit Sprache. Der Relativismus liegt beiden Spielformen zu Grunde, offenbar kommt es darauf an, was relativiert wird und von welchem Standort aus.</p>
<p>Dem Text liegt ein Vortrag zu Grunde, der an der Washington State University in Seattle gehalten wurde. Erstdruck in: Il cacciatore di silenzi. Studi dedicati a Ferruccio Masini. Roma 1998. SpÃ¤ter in: Bruno Hillebrand: Was denn ist Kunst? Essays zur Dichtung im Zeitalter des Individualismus. GÃ¶ttingen 2001.</p>
]]></content:encoded>
	</item>
	<item>
		<title>Von: Erik</title>
		<link>http://www.campodecriptana.de/blog/2007/02/27/679.html#comment-39565</link>
		<dc:creator>Erik</dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Feb 2007 10:51:47 +0000</pubDate>
		<guid>http://www.campodecriptana.de/blog/2007/02/27/679.html#comment-39565</guid>
		<description>Ja, ja,

der Benn war ja nur elitÃ¤r.

Was ja wohl der Urgrund war, dass er sich dem Hitler an den Hals geschmissen hat, genauso wie der FÃ¼losof Heidegger.
Beides asymetrisch intelligente BÃ¼rgerliche, keinen Deut gescheiter als die meisten damaligen deutschen BÃ¼rgerlichen:
Nur eltiÃ¤r und strunzdumm.

Erik</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Ja, ja,</p>
<p>der Benn war ja nur elitÃ¤r.</p>
<p>Was ja wohl der Urgrund war, dass er sich dem Hitler an den Hals geschmissen hat, genauso wie der FÃ¼losof Heidegger.<br />
Beides asymetrisch intelligente BÃ¼rgerliche, keinen Deut gescheiter als die meisten damaligen deutschen BÃ¼rgerlichen:<br />
Nur eltiÃ¤r und strunzdumm.</p>
<p>Erik</p>
]]></content:encoded>
	</item>
</channel>
</rss>
