Wendungen
Unterirdische Klopfzeichen Teil IV
Von Tanja Krienen
Hier die sind die ersten Teile der „Unterirdischen Klopfzeichen“:
Das Sonnengeflecht
Parallelgesellschaften
Der Mord
Ihm schwanden die Sinne. Er starb. Er hatte gesündigt.
Der Gerichtmediziner ließ den Schädel los – ein Tuch wurde über das Gesicht gedeckt.
„Gehen wir, den Rest machen wir zu Hause“, sagte der Untersuchende Desenburg leicht gequält lächelnd zu seinem jungen Kollegen, der zum ersten Mal bei der Begutachtung eines derartigen Falles mitgefahren war. „Sie werden sich an diese Bilder gewöhnen müssen”, fuhr er fort, “aber das war ja noch harmlos.“
Sie stiegen ins Auto ein.
„Was meinen Sie mit „harmlos“, fragte der junge Mann, „mehr als tot geht doch nicht.“ Er lachte gequält.
„Ha, meinen Sie?!“ Er sah ihn fast belustigt von der Seite an, so als habe er Spaß daran, mehr zu wissen und dieses Wissen auszuplaudern.
„Wussten Sie, dass etwa jede 150. Frau und etwa jeder 70. Mann sich in diesem Land umbringen bzw. umbringen werden?
„Nein, wieso bringen sich denn mehr Männer als Frauen um.“
„Sie sind einfach erfolgreicher dabei!“ Desenberg lachte zynisch. „Ein Suizid ist aber auch grundsätzlich bei allen Menschen möglich. Am häufigsten in Krisensituationen und bei psychischen Störungen verschiedener Art. Es ist deshalb meist kein Ausdruck einer freien Wahlmöglichkeit sondern einer Einengung der Sichtweise in einer Art Tunnelblick. Dabei wird nur noch die augenblickliche Not oder die Störung des Befindens gesehen. Andere Möglichkeiten, die das Leben bietet, sind aus dem Blickfeld verschwunden. Die meisten erhängen oder ertränken sich, oder springen aus großer Höhe, vor ein Auto oder vor einen Zug. Fast täglich wirft sich irgendwo in Deutschland ein Mensch vor den Zug. Während seiner Laufbahn muss jeder Lokführer damit rechnen, mindestens einen Menschen tödlich zu überfahren. Es gab einen Lokführer der in einem Jahr drei Menschen überrollte. Er hatte zwar nicht die geringste Schuld. Nach dem dritten Fall weigerte er sich auf die Lok zu setzen, - jetzt sitzt er an einem Schreibtisch in der Personalverwaltung. So eine zerschmetterte Leiche hat schon manchen Lokführer aufgeben lassen. Warten Sies ab, Sie werden so etwas auch noch sehen.“
Der junge Beamte schluckte etwas, blieb aber gelassen: „Innerlich habe ich mich schon auf einiges eingestellt, aber in so einem Fall denke ich nur, derjenige, der so etwas macht, verdient nicht mal mein Mitleid. Warum muss er andere Menschen mit seinem Freitod auch noch belasten? Ich denke über solche Leute: Gut, dass sie weg sind.“
„Ein bisschen hart, aber man kann das so sehen“, Desenberg nickte und steckte sich eine Zigarette an, „Besser ist es, niemanden dabei zu nerven und möglichst klug zu handeln, wie z.B. ein Kranführer aus Hamburg. Nachdem er sein Haus in die Luft gesprengt hatte, lief er in ein nahes Gartenhäuschen, trank eine Flasche Pflanzengift, legte sich eine Drahtschlinge um den Hals, und schoß sich dann, als sich die Schlaufe zuzog, zur Sicherheit auch noch eine Kugel durch den Kopf.“
„Nein…“
„Doch! So was gibt’s. In Amerika übergoss sich mal jemand mit Benzin und anzündelte. Doch die Schmerzen waren so gewaltig, dass er in den nächsten Teich lief, um die über seinen Körper züngelnden Flammen zu löschen. Bei dem Versuch ertrank er. Oder ein Fall aus Tschechien. Weil sie sich von ihrem Gatten betrogen fühlte, stürzte sich in Prag eine Frau aus dem Fenster ihrer Wohnung im dritten Stock. Doch statt auf dem harten Asphalt landete die Selbstmörderin auf ihren treulosen Gatten, der zufällig unter dem Fenster herging. Die Springerin überlebte, ihr Mann starb. Oder was macht man wenn jemand, wie in Ohio in der Notaufnahme eines Krankenhauses erscheint und sich mit den Worten erscheint «Haben Sie keine Angst, ich werde Ihnen nichts tun», einer Krankenschwester einen Umschlag in die Hand drückt und sich dann erschießt? In dem Umschlag fand sich eine Notiz zur Organspende und Anweisungen zu seiner Beerdigung. Oder: Ein Mann aus Sydney beging Selbstmord, indem er sich in der Tiefkühltruhe seiner getrennt lebenden Frau einschloß. Für die 130 Kilogramm schwere Dame befestigte er zum Abschied noch einen Zettel an der Truhe: ‘Stopf das doch auch noch in dich rein, du fette Sau!` Tja, und wir müssen uns so was manchmal besehen, heute haben wir deshalb viel Glück gehabt.“
„Na dann.“
„Doch, ehrlich. Ein sauberer, ganz ruhiger und privat gehaltener Selbstmord, nur mit sich, der Flasche und Schnaps – das ist doch was. Ah, halten wir kurz an, ich wollte meiner Frau noch etwas mitbringen.“