Das Sonnengeflecht
Unterirdische Klopfzeichen
Von Tanja Krienen
„Glaubst Du das wirklich? Glaubst Du wirklich, das Leben wäre so etwas wie ein Traum, eine Schein-Realität, neben der Wirklichkeit? Oder existiert diese für Dich überhaupt nicht?“
Martin wischte sich aufgeregt den Schweiß von der Stirn. Er hatte sich in Rage geredet. Da lag sie, wie immer mit gespielter Nonchalance und schaute ihn nicht mal an! Obwohl sie sich jetzt schon mehr als drei Jahre lang kannten, wusste er nicht genau, ob es Stumpfheit oder Arroganz war, die sie zu diesen Allüren trieb. Sie bekam jedenfalls „diese Anfälle“, wie er es formulierte, in immer kürzeren Abständen. Aber ihre Art, wie sie die Augen beinahe schloss, so mit gesenktem Blick nach innen regungslos verharrte und seine Worte von sich abtropfen ließ, machte ihn stets wütender, als es der jeweilige Streit eigentlich von der Sache her beinhaltete. Doch dieses Mal – das spürte er deutlich – steckte mehr dahinter als ein Machtkampf, mehr, als das Ringen um die Wahrheit, oder was meistens in solchen Situationen dafür gehalten wird. Er ahnte, je länger das Gespräch dauerte, würde sie heute möglicherweise ganz bewusst den Bruch mit ihm suchen; doch das war im fast egal, nicht länger, so dachte er, würde er Bereitschaft zeigen, ihren unbegründeten Willen, der kein Wille war, sondern lediglich die postulierte Meinung zum Zwecke seiner Herausforderung, weiter erdulden.
Wer war er denn? Von niemandem sonst ließ er sich sonst so ungestraft provozieren, nicht in der Firma, in der mittlerweile als eloquentes Organisationstalent in der Chefetage angekommen war, noch in der Fußball-Oberligamannschaft, wo er im Alter von 32 Jahren die Position des unumstrittene Leitwolfes ausfüllte, immer noch auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit als guter Amateurspieler, - nein, nirgendwo hätte er sich dieses Verhalten gefallen lassen, überall wäre er derartig unsachgemäßen Äußerungen, intelligent parlierend, äußerlich cool, innerlich seine Anspannung produktiv in treffende Worte umsetzend, begegnet, und wäre dem Kontrahent in die Parade gefahren; aber angesichts dieser menschlichen Mauer, an der Argumente scheiterten, wie der Ton am Ohr eines Gehörlosen, da verlor er die Contenance, wurde laut, persönlich und unangenehm.
Was hatte sie getan? In typischer Manier war sie einfach eine Woche verschwunden, zunächst zu einem esoterisch-astrologischen Wochenende mit dem Programm
1. Bauchtanz mit Henriette
2. Die Sterne und ihre Bedeutung für die Tarot-Karten, mit Franz
3. „Die Farben Deiner Aura“, Jens-Uwe fotographiert
4. Rohköstler berichten, mit Doris und Wilfried
5. Energieaufbau durch Synchronmassagen, mit Friederun und Marco
6. Lebensberatung auf astrologischer Basis mit Hans-Joachim
und anschließend verschwand sie für einige Tage zum Shoppen nach London. Dort gab sie rund 6 000 Euro aus, weil, wie sie sagte, durch das Wochenende ein starker Druck im Sonnengeflecht entstanden wäre, den sie nur mittels „frei verfügbaren monetären Elementen“ und ihrer “zielgerichteten Umsetzung ins Stoffliche“ hätte abbauen können. Das Stoffliche jedoch, verlöre ohnehin jede Wichtigkeit, vergliche man es mit der Last, die zum Erhalt des ökonomischen Gegenwertes notwendig gewesen wäre und also hebe sich der Widerspruch positiv auf, auch wenn sie selbst keinen größeren Nutzen darin sehen könnte. Er, Martin, solle deshalb nicht glauben, der Sinn seiner Tätigkeit müsse stets einer nachvollziehbaren Ordnung erfolgen, sondern wäre vielmehr dualistisch und austauschbar, ja eigentlich nur von abstrakter Bedeutung.
Das hatte Martin zunächst die Sprache verschlagen, aber als sie dann davon sprach, das Leben wäre nichts als ein „Läuterungsprozess“, der Mensch ein „Signalstrom“ der Liebe aussenden solle, um „vielleicht erst nach Jahrhunderten“ Reaktionen darauf zu erfahren, da hatte sie ihm zu guter Letzt noch ihren Wahlspruch innerhalb von drei Minuten vier Mal zitiert: „Du wirst nicht fähig sein, dich über deine jetzige Schwingungsebene zu erheben, um dort zu bleiben, solange du deinen Jetztzustand nicht liebst“, und er fragte sich in diesem Moment, ob er in den letzten Jahren tatsächlich bestimmte Realitäten übersehen hatte, denn die Gewissheit, das der Mensch an seiner Seite, abgedriftet war in andere Sphären – dieser Eindruck ließ sich nicht länger leugnen.
„Gabriele“, sagte er zu ihr, er nannte sie nur beim vollständigen Vornamen wenn es ein ernstes Thema zu besprechen galt und ihm „Gabi“ wie eine viel zu kindische Verkürzung für ein wichtiges Gespräch vorkam, „Gabriele, so geht es nicht weiter.“ Anschließend hatte er ihre Verschwendungssucht mit vielen Beispielen belegt und vor allem ihre unangekündigten Ausbrüche kritisiert, die sich oft in längeren Phasen der räumlichen Abwesenheit zeigte und die sie nur sehr selten mit ihm absprach. Letztlich wurde das Gespräch immer heftiger, ehe er auf ihre esoterische Neigungen und zunehmenden Realitätsverlust – wie er es einschätzte – zu sprechen kam und sie sich in einen erstarrungsähnlichen Zustand versetzte, dabei seine Worte, in denen er sie beschwor, die Wirklichkeit anzuerkennen und von ihrer Phantasie zu trennen, kaum noch wahrnahm, im Grunde gar nicht wahrnehmen wollte. So redete er auf einen abwesenden Körper ein.
„Denke was Du willst, mache was Du willst, aber ich kann mit einer Verrückten nicht mehr leben. Ich verstehe deine Motivation nicht, ich halte das alles für Schwachsinn, aber ich kann nicht mit dem Ergebnis dieses Blödsinns nicht weiter existieren. Du kannst nicht verlangen, dass ich ein Weltbild gleichberechtigt akzeptieren soll, dass sich an keinerlei Logik oder Vernunft gebunden fühlt – und sage nicht noch mal, das hätte damit zu tun, dass ich ein Mann wäre. Das ist absoluter Unfug! Du stehst einfach völlig neben jeder zu akzeptierenden Denkungsart. Ich würde eher mit einer Kakerlake einigen können als mit Dir. Schluss!“
Noch immer saß sie mit gesenktem Haupt unbeweglich da, während er sich mit beiden Händen an den Kopf griff, die Arme wieder senkte und dann leiser weiter sprach: „Wir haben uns sehr voneinander entfernt.“ Er war deutlich gefasster und ruhiger, schien sich innerlich während er sprach von ihr gelöst zu haben, „Du lebst nicht mehr in dieser Welt, Gabi, ich meine das gar nicht polemisch oder bösartig – es ist ein unverrückbarer Fakt.“
Endlich regte sie sich wieder, setzte sich gerade hin und stand plötzlich ruckartig auf; sie ergriff ihre Handtasche, ihre Jacke, legte diese über den linken Arm, drehte sich zur Tür und wollte hinaus gehen. Martin packte sie am Arm: „Wo willst Du hin? Sag es mir!“ Mit einem Ruck löste sie sich aus seiner nicht sehr heftigen Umklammerung und verließ die Wohnung, ohne einen Gruß, ohne Erklärung, ohne einen letzten Blick.
Sie lief die Stufen hinab auf die Straße, ging mit festen Schritten vorwärts, versuchte die Straße zu überqueren und wurde prompt durch ein Auto gestoppt, welches sie mitten ins Sonnengeflecht traf. Sie war auf der Stelle tot.